Auf Wohnungssuche für Mehlschwalben – Ein Nisthilfe-Projekt in der Johannstadt

eingestellt am 28.11.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Gut verträgliche Nachbarschaft von Schwalben und Menschen Foto: Anja Hilgert

Kunstnester sind von Menschen geschaffene Nester zum Beispiel für Mehlschwalben, um sie zu beheimaten. Mehlschwalbenkunstnest, ist ein Wort, das man sich über die Lippen rinnen lassen kann, um der Bedeutung auf die Spur zu kommen.
Denn obwohl Schwalben die Nähe zu Menschen suchen und sich im städtischen Raum heimisch machen, finden sie in unseren Städten immer seltener die Lebensbedingungen mit den Baumaterialien und den Brutmöglichkeiten, die sie zum Überleben brauchen. Der Bestand der Schwalben ist rückläufig.

Die Kunst des Nestbaus – Nisthilfe für Schwalben

Jedes Jahr klingt der Ruf: „Die Schwalben sind zurück“ wie ein magischer Spruch und ist es auch, denn er macht den Einzug des Frühlings gewiss. Dann beginnen die Schwalben, aus ihrem Winterquartier südlich der Sahara zurückkehrend, bei uns mit dem Nestbau: Aus Ton und Lehm bauen sie ihre rundlichen Höhlen, die auf Vogelflughöhe an Hauswänden haften. Sie betreiben eine regelrechte Kunst des Nestbaus, die allerdings rar geworden ist.

Nun ist also Zeit, im Stadtteil vorzusorgen: Für die Rückkehr und hiesige Beheimatung der Schwalben nach diesem Winter.

Diesem Gedanken folgte Robert Arndt, der in der Johannstadt das Projekt ins Leben gerufen hat, Nistkästen für Mehlschwalben im Stadtteil zur Verfügung zu stellen. Das Anbringen von Nisthilfen kann lokal zu Bestandsverbesserungen bei den Schwalben führen. Um die Idee zum Schutz der Zugvögel bei uns umzusetzen, erhielt er die eindeutige Zustimmung des Johannstädter Stadtteilbeirates und Fördergelder aus dem Stadtteilfonds.

Beratende Unterstützung findet das Johannstädter Förderprojekt bei der Beauftragten für Umweltschutz mit Schwerpunkt Naturschutz und Ökologie des NABU Regionalverband Meißen-Dresden. Marion Lehnert arbeitet seit 23 Jahren professionell in der Vermittlung naturschutzrelevanter Themen und hat sich mit dem Projekt „Artenschutz an Gebäuden“ die Umsetzung von Naturschutz in der Stadt vorgenommen.

Ihre Nester haben die Zugvögel an den Häusern für die Rückkehr  hinterlassen Foto: Anja Hilgert

Ungewusst oder ungewollt – der Vogelbestand wird zurückgedrängt

Durch verstärkte Sanierung und Wärmedämmung von Gebäuden gehen den Tieren ihre Quartiere verloren. Meist ungewusst oder ungewollt wird damit der Bestand vor allem der Schwalben und Mauersegler zurückgedrängt.

Schwalbenarten sind jedoch sehr standorttreu und kehren vorzugsweise jahrelang an dieselben Plätze zurück. Robert Arndt wirbt dafür, dass sich Johannstädter*innen einsetzen, ihr Haus schwalbenfreundlich zu machen. Noch zehn Nistkästen sind im Rahmen des Projektes frei Haus zu vergeben. Und Marion Lehnert stellt in Aussicht: „Wenn Eigentümer*innen die Mehlschwalbenkunstnester anbringen, können wir als NABU Regionalverband ihnen auch die Schwalbenplakette verleihen.“

Die bestellten Nistkästen sind ein Naturschutzprodukt, das denjenigen, die sich am Projekt ‚Nisthilfe in der Johannstadt‘ beteiligen, zur Verfügung gestellt wird, zum mietfreien Wohnen für Schwalben! Laut Hersteller halten die Kästen ein Leben lang. Es gibt Varianten für Höhlen- und für Nischenbrüter: Einmal halboffene Nistkästen, die auch im Gebüsch aufgegangen werden können oder solche mit einer Fluglochgröße von 28mm und 32mm für Arten, die eine freie Einflugmöglichkeit brauchen.

 

Schwalbennisthilfe im Doppelpack: 3,5 kg schwer, Breite 38cm x Höhe 12 cm x Tiefe 15cm  Foto: Susi Jaeschke

Das A und O der guten Befestigung

Die Kästen sind aus Holzbeton und daher reichlich schwer. Das A und O ist also eine gute Befestigung.
Eigentlich wollte Robert Arndt anbieten, bei der Befestigung mitzuhelfen, aber durch Corona sind Wohnungs- bzw. Balkonbesuche nicht möglich. „Wir geben von Weitem viele Infos an die Hand“, sagt seine Frau Susi Jaeschke und erklärt, dass unterstützende Beratung dennoch gut möglich ist: „Einige Leute haben Bilder vorab geschickt, ob ihr Platz, den sie vorgesehen haben, für einen Nistkasten geeignet ist und wenn ja, welcher.“

Marion Lehnert meint, es kann gut und gerne zwei oder drei Jahre dauern, bis die Kästen angenommen werden. Sollte es gar nicht klappen, dann ist ein Platzwechsel angezeigt.

Es gibt einfache Faustregeln…. Mindesthöhe zwei bis drei Meter. Wenn es keinen Vorzugs-Nistplatz gibt, weichen die Vögel unmittelbar auf das nächstliegende Angebot aus. Ganz wichtig: Der Kasten darf auf gar keinen Fall Mittagssonne abbekommen. Sonst kollabiert die Brut in der Hitze und stirbt.

Holzbeton ist eine Materialmischung, die Witterungseinflüssen sowohl bei Kälte aber auch bei Hitze standhält. Zudem ist es pflegeleicht. Bereits kochendes Wasser genügt, um die Kästen zu reinigen. Die Nist-Pat*innen müssten im Oktober die Kästen, die benutzt wurden, reinigen. In der Natur würden die Nester nach zwei bis drei Jahren von alleine abbrechen und herunterfallen. Die Vögel würden an derselben Stelle im Folgejahr neu bauen. Das Gute in der Natur: Mit dem Nest fallen auch die verbliebenen Parasiten herunter. Das muss bei den Kunstnestern der Mensch mit übernehmen. Mit dem Reinigen reduziert man den Parasitendruck auf die Brut im nächsten Jahr.

Die Nisthilfe-Initiative läuft an

Die Anregung zum Anbringen von Schwalbennistkästen stößt im Viertel bereits auf Resonanz: In der WGJ (Wohnungsgenossenschaft Johannstadt eG) wird von einem Außenmitarbeiter nach passenden Stellen an den Häusern geforscht. Hier hat man mit seltenen Vogelarten, die ihr Zuhause bei der Wohnungsgenossenschaft suchen, bereits Erfahrung. An einem Haus in Elbnähe lebt derzeit ein Falke. Der wiederum ist das Ausschlusskriterium, dort auch Schwalben zum Nisten anzuregen, denn der Nachwuchs wäre sogleich ein gefundenes Fressen.

Auch der Abenteuerspielplatz (ASP Johannstadt-Altstadt) auf der Silbermannstraße bekundet Interesse an dem Nisthilfe-Projekt, um insbesondere Kinder miteinzubeziehen bei der Quartiersuche für die Zugvögel des kommenden Frühlings.

Private Hauseigentümer taten sich dagegen noch schwer. Manche scheuen, für die Vögel ein Loch in die Hausfassade zu bohren. Gerade bei Hauseigentümern sind Schwalben als Mitbewohner nicht sonderlich beliebt – wegen des Kots und der Spuren, die er möglicherweise am Gemäuer hinterlässt.

Ich erinnere mich, als ich Kind war, zählten schmale Bretter unter den aneinandergereihten Schwalbennestern zur Optik der Häuser dazu. Das Zusammenwohnen mit den Tieren, die dicht bis an die Häuser herankamen, war, wie mit Haustieren, hier selbstverständlich.
Gegen unliebsame Spuren an der Wand würden Kotbretter auch unter städtischen Nistplätzen gut helfen.

Mehlschwalben  – sie gehören mit ihrem weißen Bauch, den spitz zulaufenden, bläulich schimmernden schwarzen Flügeln und dem typischen gegabelten Schwanz zu den bekannteren Vögeln in der Stadt. Sie beheimaten sich gerne an Aussenwänden von Gebäuden, an Mauervorsprüngen, und unter Giebeln und Balkonen. Ihr schrilles Rufen während waghalsiger Flugmanöver zwischen den Häuserzeilen gehört in der Johannstadt fest zum Sommer dazu.

Zehn Nesthilfe-Kästen sind derzeit noch zu vergeben.

Weitere Informationen

Die Johannstadt als Kulisse im Musik-Video von „Lasse Reinstroem“

eingestellt am 27.11.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Lasse Reinstroem kurz vor Drehbeginn. Foto: Philine Schlick

Die Band Lasse Reinstroem hat mithilfe des Stadtteilfonds ein Video zu ihrem Song „Ferry Of the Common (Wo)Man“ gedreht. Dafür wurde zum Parking Day eine Fahrt von Neustadt nach Johannstadt organisiert. Schwere Klänge, rotierende Reifen und coole Typen würdigen das Fahrrad als Transportmittel. Heute kam das Video heraus.

„Ich war ziemlich nervös“, sagt Christian Brähler von Lasse Reinstroem rückblickend über den Videodreh. Eine zusammengetrommelte Radfahrer-Horde radelte von der Neustadt über die Albertbrücke in die Johannstadt und traf dort zum Parking Day 2020 auf der Hertelstraße ein.

Hymne an den Drahtesel

„Wir hätten locker die dreifache Menge an Leuten zusammen kriegen können“, sagt Christian. Aber wegen Corona habe man Vorsicht walten lassen. Der Stadtteilfonds förderte dem Projekt Film-Ausrüstung, Flyer und den Schnitt des Videos. Der Film ist – ganz altmodisch – auch auf DVD erhältlich. Der Song „Ferry Of The  Common (Wo)Man“ ist eine Hymne an den Drahtesel. Er ist im Album „Rasputiza“ erschienen, das auf Bandcamp zu hören und auf CD und Vinyl zu kaufen ist.

Der nächste Dreh ist geplant

Nach dem Dreh im September sind die Schnitt-Arbeiten jetzt geschafft, die Nervosität hat sich gelegt. Das amerikanische Label Mr. Doom 666 hatte sich bereit erklärt, den Clip am Freitag über seinen Youtube-Kanal zu veröffentlichen. Dort ist eine große Fangemeinde des Stoner- und 70er-Jahre Rock vereint.

„Die haben 200.000 Follower“, sagt Christian. Das erzeuge auf jeden Fall eine Menge Aufmerksamkeit – bis weit über die Grenzen der Johannstadt hinaus.

Der nächste Videodreh ist bereits geplant. „Wir arbeiten gerade an neuen Songs“, sagt Christian Brähler. „Deutschsprachig, in die Richtung Neue Deutsche Welle.“ Diesmal werde aber in einer Telefonzelle an der Königsbrücker Straße in der Neustadt gedreht. „Eine Frau fotografiert sich mit ihrem Telefon selbst und wird von immer skurrileren Passanten abgelenkt“, verrät Christian.

Der Song wirft in zwei Minuten einen kritisch-düsteren Blick auf soziale Medien und die voranschreitende Digitalisierung. „Der ist ziemlich zackig“, sagt Christian. „Und auf jeden Fall kein Mainstream.“

Lasse Reinstroem

  • Lokalmatadore aus Dresden, aktuelles Album: Rasputiza
  • Lasse Reinstroem werden aller Voraussicht nach bei der (virtuellen) Eröffnung des Bönischplatzes dabei sein

Von Bienen lernen: Jan Sarrazin und der Bienengarten der Johannstadt

eingestellt am 24.10.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Bienenhaltung in der Johannstadt mit Mehrwert für den Stadtteil Foto: Anja Hilgert

Die Flugtätigkeit war noch rege an den Einflugschneisen der Bienenkästen in den Internationalen Gärten e.V. der Dresdner Johannstadt, als noch die Spätsommersonne lockte mit langen Strahlen voll Licht und Wärme, die nicht nur Menschen verwöhnen. Wachenden Auges verfolgt der Imker im Johannstädter Bienengarten die Regsamkeit seiner Bienenvölker zum Ende dieses Bienenjahrs.

Goldrute, Amaranth und Sonnenblumen, auch letzte Kornblumen, Horte von bodenkriechender Kapuzinerkresse, Ringelblumen und die Stände von Klee und Pfefferminze wachsen als später Ausdruck sommerlicher Fülle im Gehege der Johannstädter Bienen. Sie bieten in weit geöffneten Kelchen letzte Bestände an Nektar und Blütenstaub preis. Bienen, die mit ihren Fühlern sehr feinstofflich riechen, finden hier noch späte Nahrung, um die Honigvorräte fürs Überwintern ihres Bienenvolkes weiter aufzustocken.

Letzte Sammlertätigkeiten auf der Johannstädter Bienenweide Foto: Anja Hilgert

Vom weiten Weg der Johannstädter Bienen

Bis die Bienen ein sicheres Zuhause in der Johannstadt gefunden haben, sind gut sechs Jahre vergangen. Die Idee zur Bienenhaltung im Johannstädter Stadtteil kam in einer gärtnernden Gruppe im alten Internationalen Gemeinschaftsgarten auf, der sich damals noch auf der Pfotenhauerstraße, innerhalb der Gleisschlaufe der alten Straßenbahnführung befand. Um den vielen Kindern, die dort im Garten mit wirtschafteten, zu erklären, woher die Früchte kommen, die sie ernten, ging die Interessengemeinschaft für Bienen an den Start.

Michael Beleites, Landwirt und namhafter Akteur der Umweltbewegung zu DDR-Zeiten, stiftete im Frühjahr 2014 einen ausgeflogenen Schwarm aus seinen Beständen und wurde damit Bienenvater des ersten Volkes für die Johannstadt. Es erhielt sein Zuhause auf dem Dach des Wohncontainers in den Internationalen Gärten. Beratung folgte über den Kontakt vom Imkerverein, und weil es damals nicht so war wie heute, wo Imkerkurse für Stadtbienenhaltung aufs Jahr ausgebucht sind, musste man sein Wissen erarbeiten und „das so machen, wie man’s empfohlen bekommt und am Anfang einfach nur mitlaufen“, resümiert Jan Sarrazin den damaligen Einsteig in sein heutiges Tätigkeitsfeld. 

Unter dem Rauch aus dem Smoker ziehen sich die Bienen in den Stock zurück, so kann dieser für einen Einblick aufgedeckt werden
Foto: Anja Hilgert

Tierhaltung verlangt Einigkeit

Arbeit brachte das neue Hobby genug. Über Fördermittel der anstiftung finanzierte der Verein eine erste Ausstattung an Kisten, Rahmen und auch Imker-Schutzkleidung. Es war ein „Sprung ins kalte Wasser“, gesteht Jan Sarrazin, „Was aber gut war, sich gegenseitig zu befruchten und gemeinsam an der Sache zu wachsen.“ Nach einem Jahr war deutlich, wie intensiv und beständig die Betreuung an den Tieren dran sein muss, um sie gesund zu erhalten. Eine mehrköpfige Gruppe stellte sich für die Aufgabe nicht als entsprechend handlungsfähig heraus. Zu weit lag man auseinander, zu langwierig wurden Entscheidungsprozesse, zu unterschiedlich war die Verbindlichkeit. „Tierhaltung verlangt Einigkeit“, betont Jan Sarrazin und zeigte sich bereit, für das Projekt auf lange Sicht verantwortlich zu zeichnen. 

Das Bienenjahr geht zu Ende, die Vorräte in den Waben werden verdeckelt
Foto: Anja Hilgert

Bienenumzug und Quarantäne

Als 2016 die Internationalen Gärten e.V. im Zuge der Flächenumnutzung einem Parkhaus weichen mussten, organisierte er den Umzug auch für die Bienen ins neue Quartier des jetzigen Standorts Ecke Holbein/Permoserstraße. Dort allerdings gab es einen Vorbehalt: Die Bienen konnten vorerst nicht fest stationär aufgestellt werden, da im Laufe der Folgejahre, ungewiss wann genau, ein am Grundstück entlangführender Wegebau geplant war. Ungewissheit war kein guter Standortfaktor für rhythmisch lebende Bienen.

Jan Sarrazin wurde nicht müde, für seine Bienen zu sorgen und brachte die sechs Völker am bestehenden Stellplatz eines befreundeten Imkers unter. Auf der Homepage der Internationalen Gärten war für geraume Zeit zu lesen, die Johannstädter Bienen seien vorübergehend umquartiert und kehrten im Sommer wieder zurück in ihr angestammtes Zuhause. Doch noch hat das Warten auf die ersten Johannstädter Bienenvölker kein Ende. Bis heute stehen sie im Übergangsquartier und können nicht weg. Wegen des Ausbruchs der Amerikanischen Faulbrut bei einem der Imker steht die gesamte Stellfläche geschlossen unter Quarantäne. Die Johannstädter Bienen sind wohlauf, aber nicht reisefähig.

Die Königin gibt permanent Hormone ab und versammelt ihr Volk im unverkennbaren Eigengeruch
Foto: Anja Hilgert

Projektschmiede Bienengarten

Die Abwesenheit der Bienen beförderte unterdessen im Plenum der Internationalen Gärten Gedankenspiele und schließlich den Plan, die Bienenhaltung am Fuße der Hochhausbauten der Holbeinstraße auszubauen. Getreu dem allerersten Gedanken entstand der Ansporn, das Imkern in den Internationalen Gärten weiter mit Bildungsarbeit zu verbinden. Für Jan Sarrazins gehört es zum Selbstverständnis, mit seiner Arbeit an den Bienen einen Mehrwert zu schaffen. Also nicht allein für sich und etwa den Honigertrag zu wirtschaften, sondern noch mehr Menschen und vor allem Kindern und Jugendlichen Zugang zu verschaffen zum Wesen der Bienen. Von ihrem Wohlbefinden hängt für den Menschen viel ab, vor allem die Bestäubung von Pflanzen, sowohl des eigenen Nutzanbaus, darunter insbesondere die Obstbäume, aber auch im Allgemeinen. Das Wachsen, Erblühen, Frucht tragen, Fortpflanzen der Pflanzen, für das die Bienen Sorge tragen, ist unsere Lebensgrundlage.

Artenvielfalt und nachhaltige Nutzung der Natur inmitten der Johannstadt
Foto: Anja Hilgert

Es wurde „ein bisschen gesponnen, wie das gut umzusetzen wäre,“ um das Wesen und die Lebensweise der Bienen Interessierten und Besucher*innen näherzubringen.
Nachdem der Fußweg entlang der Längsseite des Grundstücks fertig gebaut war, konnte für den neuen bleibenden Standort Hand und Verstand angelegt werden. Der Aufstellungsort für die Bienen wurde unter Berücksichtigung aller Bedingungen vor Ort so geplant, dass die ausfliegenden Bienen nicht die Bahn passierender Fußgänger oder gärtnernder Vereinsmitglieder kreuzen würden. Jegliche Verletzungsgefahr musste ausgeschlossen werden, vor allem, wenn man daran dachte, Menschen achtsam an die Bienen heranführen zu wollen, um sie ihnen nah zu bringen. Die Angst vor dem Bienenstich ist mächtig und berechtigt, wenn man als Veranstalter die Verantwortung trägt.

Mit Bienen im Gehege

Ein regelrechtes Gehege wurde geplant mit ausreichend hohem Zaun, um den Bienenflug gleich von den Kisten weg nach oben zu steuern. Die umstehenden hohen Bäume der Umgebung gaben der Idee Sinn, denn ihre blütenreichen Kronen sind eine Haupt-Bienenweide!
Es ist längst kein Gerücht mehr, dass Stadtbienen mehr Nahrungsquellen, in reicherer Vielfalt und zu natürlicheren Bedingungen vorfinden als ihre Artgenossinnen auf dem Lande. Bienen besuchen auf Ihrem Sammelflug bevorzugt Blüten der gleichen Pflanzenart. Sie kommunizieren die Fundstelle an ihre Mitbienen im Stock weiter und teilen die ergiebige Futterquelle. Dazu braucht es Tausende gleicher Blüten. Für Jan Sarrazin Bienen zum Beispiel die von Linden. In der Stadt sind vor allem blühende Gehölze Bienenweiden: Bäume, Hecken und Sträucher werden ausgiebig angeflogen und besammelt.

Gut verträgliche Nachbarschaft mit Bienen
Foto: Anja Hilgert

Die Anschaffung aller notwendigen Baumaterialien für den neuen Bienen-Standort ermöglichte ein Projektantrag beim Stadtteilfonds Johannstadt. Jan Sarrazin fand durch Torsten Görg umfassende Beratung und die nötige konsequente Unterstützung bis zur Umsetzung seines pädagogischen Kerngedankens.
Unter Einsatz von „richtig viel ehrenamtlicher Arbeit“, entstand für die Öffentlichkeit gut sichtbar, unmittelbar am vorbeilaufenden Fußweg ein Areal, von dem Sarrazin hofft, dass es „hoffentlich jeden Tag zur Verschönerung der Johannstadt beiträgt.“ Eine Einzäunung in Wabenform gewährt den Passanten des Fußweges Schutz vor den Bienen und zugleich Einblick in die Bienenhaltung. Auch Kindergruppen, die aus den umliegenden Kitas jahreszeitliche Streifzüge durch den Garten unternehmen, kommen nicht in unmittelbaren Kontakt mit den fliegenden Bienen, die sich dennoch beobachten lassen.

Illustrierte Schautafeln am Bienengehege leisten erste kreative Vermittlungsarbeit
Foto: Anja Hilgert

Schautafeln aus dem Kinder-Bienen-Bilder-Buch 

In einem Kinder-Bienenbuch des polnischen Autors Piotr Socha fand Sarrazin schließlich die entscheidende Anregung zur Umsetzung der angedachten Schautafeln am Bienenzaun. Das Bienenbuch von Piotr Socha, auf polnisch erschienen, in 15 Sprachen übersetzt, illustriert auf einfache, kindgerecht anschauliche und klare Weise alles, was Bienenhaltung betrifft. Jan Sarrazin ist noch immer erstaunt und tief dankbar, dass der Verlag tatsächlich die Erlaubnis erteilte, 4 Bildseiten für die Zwecke von Schautafeln für die Johannstadt zu verwenden. Er scheute die Mühen nicht, die das hochformatige Scannen und hochwertige Fabrizieren der Tafeln mit sich brachte. Auf seinem vielbepackten Fahrrad schwang er durchs Viertel, um den Bienen-Standort professionell, nachhaltig und langlebig auszustatten.

Na klar, Honig von hier!

Den eigenen, Bioland zertifizierten Honig aus seinem Johannstädter „Stockwerk“ vertreibt Jan Sarrazin mittlerweile in der Verbrauchergemeinschaft Elisenstraße.

Sich damit in Ruhe und Zufriedenheit zu wiegen, kommt für Jan Sarrazin nicht in Frage. Da ist die Sache mit dem Mehrwert. Die Bienen sind gut durchs Jahr gekommen, die Völker sind stark und der Stock gut bevorratet. Das Gehege steht stabil eingerichtet und ist GPS-gesichert. In Zaungesprächen erhält Jan Sarrazin direkte Anfrage nicht nur zum Verkauf seines Honigs, sondern die Nachbarschaft ist den Bienen gegenüber freundlich und interessiert aufgeschlossen: „Na klar, der Honig kommt von hier!“

Alles durchs Flugloch hineingetragen: Im Stock geschieht die Verarbeitung zu Jan Sarrazins biozertifiziertem „Stockwerk“-Honig
Foto: Anja Hilgert

Per QR Code in acht Sprachen: Von Bienen lernen

 
Die Johannstadt ist ein kulturell sehr durchmischter Stadtteil, und insbesondere die Internationalen Gärten setzen sich für gelebte kulturelle Vielfalt und Verständigung ein. Für die Schautafeln, die in deutscher Sprache gedruckt sind, hat Sarrazin Ausgaben in acht weiteren Sprachen erworben: Chinesisch, Russisch, Englisch, Französisch, Spanisch werden gerade als Tondokument eingelesen, das dann per QR Code mit dem Handy abrufbar ist.
Das Projekt im Johannstädter Bienengarten nimmt allmählich die Form an, von der die ursprüngliche Vision handelte. Nach der Ideenwerkstatt des Stadtteilfonds konkretisierte sich das weitere Vorgehen. Jetzt ist Jan Sarrazin soweit, seine Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen anzusteuern, um das gesammelte Wissen über die Bienen anschaulich zu verbreiten und nicht nur über, sondern vor allem von Bienen zu lernen: In einem zweiten soeben bewilligten Projektantrag geht es nun an die konkrete pädagogische Planung und Umsetzung von Workshops an Johannstädter Schulen für insgesamt 480 Schüler*innen, die darin an die Berufung des Imkerns herangeführt und mit der Lebensweise der Bienen vertraut gemacht werden.

Übers ganze Jahr bei der Arbeit: Imkern in der Johannstadt
foto: Anja Hilgert

Manche Biene fliegt taumelnd vor Gewicht in den Höschen zurück zum Flugloch. Dunkel orange ist ihr Gepäck, das sie gesammelt hat auf tagweiter Bahn. In den Blütenpollen steckt die Kraft eines ganzen Sommers.
Einzelne Tage, in denen die Kälte anzieht und kaum mehr Sonne durch dichte Wolkentiefs dringt, werden mittlerweile mancher Biene zum Verhängnis. Zu weit vom Stock entfernt an einer Blüte hängend, mit halbhohen Höschen, reicht die Kraft oft nicht mehr für den Heimweg. Für die Bienen ist der Winter bereits nah. Im Stock, den über Sommer mehrere Zehntausend Bienen bewohnten, sind bereits Vorräte angelegt, um das zusammenrückende Volk durch die kalte Jahreszeit zu bringen.
Jan Sarrazin ist zuversichtlich, dass sein Bienengarten Früchte tragen wird.

Bienengarten Johannstadt

  • Internationale Gemeinschaftsgärten Holbein-/Ecke Permoserstraße
  • den Honig „Stockwerk“ gibt es in der Verbrauchergemeinschaft Elisenstraße zu kaufen

Über den Wolken – Stadtteilbeirat tagt im BioInnovationsZentrum

eingestellt am 19.10.2020 von Torsten Görg (Stadtteilfonds), Headerbild: 9. Sitzung des Stadtteilbeirats Johannstadt am 15.10.2020 im BioInnovationsZentrum (Foto: Matthias Kunert)

Am Donnerstag, dem 15.10.2020 beschloss der Stadtteilbeirat Johannstadt die Förderung von insgesamt elf Projekten. Zudem wurde eine feierliche Eröffnung des Bönischplatzes angekündigt, die Wahl des neuen Stadtteilbeirats am 25. November geplant und dazu aufgerufen, weitere Projektanträge einzureichen.

Hoch über den Dächern der Johannstadt traf sich der Stadtteilbeirat am vergangenen Donnerstagabend mit einer Woche Verspätung zu seiner vorletzten Sitzung in diesem Jahr. Damit mit ausreichend Abstand und frischer Luft getagt werden konnte, hatte das BioInnovationsZentrum einen großen Besprechungsraum in der fünften Etage zur Verfügung gestellt. Statt romantischem Sonnenuntergang zeigte sich für die versammelten Stadtteilbeiräte beim Blick in Richtung Innenstadt jedoch eine große Leinwand mit voller Tagesordnung.

Ausblick aus dem Besprechungsraum in der 5. Etage des BioInnovationsZentrums (Foto: Torsten Görg)

Unter den 27 Teilnehmenden waren neben 13 Beiratsmitgliedern auch interessierte Gäste und engagierte Anwohner*innen mit ihren Ideen für mehr Lebensqualität in der Johannstadt. Drei Minuten hatte jede*r, um das jeweilige Vorhaben vorzustellen und für eine Förderung zu werben. Nach ausgiebiger Diskussion sprachen sich die Stimmberechtigten mit deutlicher Mehrheit für die Unterstützung der insgesamt elf beantragten Projekte aus.

Große Runde auf Abstand – im Vordergrund einige Mitglieder des 20-köpfigen Stadtteilbeirats Johannstadt, weiter hinten die Antragstellenden und Gäste (Foto: Matthias Kunert)

So wird es auch in diesem Jahr wieder ein Fest des Friedens geben, das allerdings auf Grund der durch Corona bedingten Hygieneauflagen nicht im Kulturtreff gefeiert wird, sondern draußen im Garten. Als Teil des ebenfalls geförderten Johannstädter Advent 2020 ist die Veranstaltung nur eine von 24 winterlichen Aktionen in der Vorweihnachtszeit. Auch die JohannStadthalle erhält einen Zuschuss für ein abwechslungsreiches Familien-Weihnachtsprogramm. Diskutiert wurde im Beirat, wie insbesondere auch ältere Menschen für den geplanten Bastel-Sonntag, die magische Weihnachtsshow und die Puppentheateraufführung begeistert werden können.

Anne Schikora vom Stadtteilverein stellt den Antrag auf Förderung des Johannstädter Advents 2020 vor. (Foto: Bertil Kalex)

Familien, die gemeinsam kreativ werden wollen, sind von Susi Jaeschke und Luise Schaller eingeladen zur Keramikmalerei und einem Bastelworkshop, bei dem unter anderem Nistkästen und Fledermauskästen gebaut werden sollen. Dem Schutz der Vögel im Stadtteil widmet sich auch ein Projekt von Robert Arndt, das gleich an drei Stellen ansetzt. Überdachte Futtersäulen für Singvögel, sowie ein Nistkasten für den Waldkautz sollen den Lebensraum Trinitatisfriedhof für Vögel attraktiver machen, während unterschiedliche Vogelhäuschen im Hinterhof zwischen Blumenstraße und Burkhardtstraße zukünftig zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen und spezielle Folien an den Glasscheiben der Fahrgastunterstände der DVB verhindern sollen, dass Vögel dagegenfliegen und dadurch sterben.

Robert Arndt stellt sein Projekt „Vogelschutz in der Johannstadt“ vor und erhält dafür eine Förderung aus dem Stadtteilfonds. (Foto: Bertil Kalex)

Für noch mehr Naturschutz im Viertel sorgt Annabell Wenzels Vorhaben, auf der Wiese am Parkplatz an der Waldschlösschenbrücke Blumenzwiebeln zu stecken und ein großes Insektenhotel aufzustellen. Um Insekten geht es auch bei Jan Sarrazins Bienen-Projekttagen im Bienengarten Johannstadt. An den Unterricht der Schulen angepasst, sollen über das Schuljahr verteilt insgesamt 480 Schüler*innen in 15 Workshops etwas über das Leben der Bienen lernen und an das Imkern herangeführt werden.

Eine neue Nahrungsquelle finden die Johannstädter Bienen dank Malika Wichtendahl und Nadine Lange demnächst in der Blumenstraße 80. Auf einer Wiese mitten im Gewerbehof wollen die beiden vier neue Bäume pflanzen und rufen alle ansässigen Unternehmen dazu auf, gemeinsam den Spaten in die Hand zu nehmen. Die Wahl fiel auf drei Himalaya-Birken und eine Silberlinde; Arten, die als besonders robust in Bezug auf Hitze und Trockenheit gelten und daher für den Standort optimal geeignet sind.

Wenn die Heidelbeersträucher von Kristin Franke gut wachsen, finden bald nicht nur Insekten Nahrung, sondern auch die naschende Nachbarschaft in der Blumenstraße. Noch in diesem Jahr werden die fünf Kübelpflanzen aufgestellt und von den Anwohnenden versorgt. Bis es die ersten Heidelbeeren gibt, muss man sich allerdings noch etwas gedulden. Wer jedoch jetzt schon ernten will, beteiligt sich am besten an der Aktion „Apfelsaft für die Johannstadt“, wo Fallobst von Streuobstwiesen und aus Gärten gesammelt und zu Saft verarbeitet werden soll, der dann an die Teilnehmenden sowie an soziale Projekte gespendet wird.

So viele Anträge wie in dieser spätherbstlichen Sitzung wurden dem Stadtteilbeirat in diesem Jahr noch nicht aufs Mal vorgelegt, was unter anderem auf die erfolgreiche Ideenwerkstatt im September zurückzuführen ist. Alles sind kleine Förderprojekte, die dem Viertel einen großen Zugewinn an Lebensqualität und Nachhaltigkeit verschaffen und Anwohner*innen bei ihrem Engagement im Stadtteil unterstützen.

Für weitere Projekte, die noch in diesem Jahr umgesetzt werden sollen, stehen noch immer insgesamt reichlich 14.500 Euro zur Verfügung. Wer Ideen hat, kann sich vom Stadtteilverein Johannstadt e.V. oder dem Quartiersmanagement Nördliche Johannstadt beraten lassen und bis zum 26. Oktober noch Anträge stellen, über die der Stadtteilbeirat dann am 12. November entscheidet. Das ist zugleich auch die letzte Sitzung in seiner derzeitigen Zusammensetzung, denn am 25. November wird ein neuer Stadtteilbeirat gewählt.

Weitere Informationen zur vergangenen Sitzung unter www.johannstadt.de/gremien/stadtteilbeirat/sitzungen/15-10-2020.

Bringt Ideen in die Werkstatt! – Das bot die Ideenwerkstatt des Stadtteilvereins

eingestellt am 15.09.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Ideen sind gefragt für die Johannstadt, die der Zukunft entgegen geht Foto: Anja Hilgert

Eine Werkstatt feierte Eröffnung am Donnerstagabend 10.09.2020 in der Johannstadt. Hobelspäne, Funkenflug, Geruch nach Schweiß und Arbeit lagen hier anders in der Luft als in traditionellen Handwerksbetrieben. Die Türen öffneten sich nämlich in eine Ideenwerkstatt: Damit lud der Stadtteilverein Johannstadt e.V. Bürger*innen in die JohannStadthalle ein, konstruktive Ideen für ein vitaleres Stadtteilleben vorzustellen, um bald darauf Taten folgen zu lassen. Zeit also für eine Inspektion! Es war eine Suchanzeige, in den Stadtteil geschaltet, um herauszufinden, wo etwas gärt oder schon reif ist, um ins Leben gerufen zu werden. Für diesen Sprung in die Umsetzung bot der Stadtteilverein Mittel und Wege zur Unterstützung an.

Die Werkstattausstattung

Es ist nicht wenig, was der Stadtteilverein Johannstadt e.V. im Rahmen der Zukunftsstadt Dresden an Ausstattung und Know How bereithält, um eigeninitiierte Vorschläge von Johannstädter Bürger*innen zu fördern. Was vielen nur unzureichend bekannt ist, wurde mit der Ausrichtung dieser Ideenwerkstatt gezielt in die Öffentlichkeit gerückt und aktiv beworben: Mit dem Werkzeug des Stadtteilfonds steht dem Stadtteilverein jetzt zum zweiten Mal ein Topf an Fördergeldern im Rahmen der Zukunftsstadt Dresden zur Verfügung, mit denen Bürger*innen ihre Ideen für ein nachhaltig lebenswertes Leben im Stadtteil selbst umsetzen können.

Auch in diesem Jahr hat der Stadtbezirksbeirat Altstadt die Arbeit des Johannstädter Stadtteilfonds wieder mit 37.618 Euro unterstützt, und ein Großteil der Gelder ist noch nicht ausgeschöpft. Es stehen also reichlich Mittel zur Verfügung und müssten bestenfalls im Oktober/November beantragt werden, um selbstbestimmten Bürger*innen-Projekten zufließen zu können.

Wer also die Glocken des Stadtteilfonds hat läuten hören, war zur Ideenwerkstatt gekommen.
30 Anmeldungen waren eingegangen und etwa 50 Menschen waren über den frühen Abend versammelt, um am Ideenaustausch teilzuhaben. Einige, aber längst nicht alle hatten eine Idee im Gepäck, die sie teilen oder gar schon konkret in die Umsetzung steuern wollten. Die meisten, die gekommen waren, zeigten sich zunächst aber zurückhaltend, zögerten, sich mit konkreter Ideenbekundung vorzustellen und äußerten erst einmal generell Interesse an den Ideen überhaupt und den Möglichkeiten, in der Werkstatt für Ideen Hilfe und Unterstützung für ein eigenes Thema zu bekommen.

Ideen-Gesuch für das gute Johannstädter Leben
Foto: Anja Hilgert

Wer eine zündende Idee hat, der melde sich

Lang gehegte Träume, plötzlicher Einfall oder nur so gemunkelt – einen diffusen Gedanken, was es mal noch geben oder was man mal noch machen oder besser machen könnte, hegt jede*r irgendwann mehr oder weniger deutlich für sein Umfeld. Meist bleibt es im Dunst und der Himmel voller Sterne. Und die Johannstadt ist zum allgemeinen Bedauern immer noch ohne den Treffpunkt einer Gastronomie, wie sie sich die Leute wünschen.

Es braucht Ermutigung, so die Erfahrung, aufzustehen für eine eigene Idee, denn schließlich ist es nicht leicht und die wenigsten sind geübt, sich ganz auf eigene Füße und mit persönlichem Anliegen vor die Gruppe zu stellen. Das eigene Café eröffnen, die eigene Werkstatt oder den Laden mit Selbstgemachtem – in jedem Traum steckt im Keim die Idee vom selbstbestimmten Handeln, vom kreativen Potential, das nach Ausdrucksmöglichkeiten sucht. 

Das genau wollte die Ideenwerkstatt bei den Einzelnen ab und in den Stadtteil hinein holen:
Den Spaß am Engagement, Begeisterung teilen, Gleichgesinnte treffen und die Lust mehren, gemeinsam etwas zu tun im Wohnumfeld.

Torsten Görg blickte als Projektleiter des Stadtteilfonds zuversichtlich auf eine eingereichte Zahl von Ideen, die dem Stadtteil aus dem Herzen sprechen: Eine gemeinschaftliche Reparatur-Werkstatt wurde angeregt, für die ein Raum zu finden wäre, Johannplasto, der aus recyceltem Plastik neue Gebrauchsgegenstände schafft, benötigt Bekanntmachung, ein Bildungsangebot mit den Johannstädter Bienen sucht Anschluss an Kitas und Schulen, Lebensmittel möchten fairteilt werden, die Einkaufshallen sollen einen eingebauten Baum erhalten mit wiederverwendbaren Tragetaschen, junge Leute möchten sich an einem Pizzaofen treffen, Jugendliche U18 wollen am Wahlgeschehen beteiligt sein – reichlich engagierte Impulse und Vorschläge standen zur Diskussion.

Mittel und Wege des Stadtteilfonds

Für Bürger*innen, die es zu Taten für das Gemeinwohl drängt, wird der Stadtteilfonds vermittelnd tätig: Torsten Görg steht beratend in der Planungsphase zur Seite, berät bei der Antragstellung der Fördergelder, motiviert die Präsentation des Projektes vor dem Stadtteilbeirat und ist begleitender Ansprechpartner bis zur Umsetzung des Projektes. Das alles geschieht unter Schirmherrschaft der Zukunftsstadt Dresden. Deren Moderatoren übernahmen in der Werkstatt das Management der vorgebrachten Ideen, die erstaunlich konkret und, wie sich später zeigte, in vielerlei Hinsicht durchaus anschlussfähig waren.

Der Mehrwert einer Idee ist letztlich das Überzeugende. Die Zukunftsstadt verlangt nach innovativen Ideen, die für eine allen gemeinsame Zukunft nachhaltig wirksam sein sollen, so das Hauptkriterium für eine Kooperation.

In der Johannstadt ist es die Vielzahl unterschiedlichster kultureller Inseln, die von Lebendigkeit und Lebensqualität zeugen. Das Engagement Einzelner, das hier Früchte trägt, kommt dem Stadtteil insgesamt stärkend zugute. Mit seinen schon umgesetzten Projekten hat der Stadtteilfonds bereits maßgeblich die Szenerie des Viertels bereichert: Ob Hofflohmarkt-Fest, Hochbeete für einen gemeinschaftlich genutzten Hinterhof, ein Holz-Bau-Workshop für Jugendliche, ein Kalender und Fotowettbewerb zum schönsten Baum der Johannstadt oder die Generationen-Riksha, die jetzt die Johanneskirchgemeinde beherbergt und viele andere Einzelprojekte – sie alle bilden Bedürfnisse und kreative Visionen der Johannstädter*innen ab. Auch das online-Stadtteilmagazin, in dem gerade aktuell dieser Artikel vorliegt, ist eine durch den Stadtteilfonds geförderte Projektidee.

Johannstädter Ideenträger*innen in der Werkstatt des Stadtteilvereins Johannstadt e.V. Foto: Torsten Görg

Über den Mehrwert einer Idee

Mit den beiden Werkzeugen, die der Stadtteilverein im Rahmen der Zukunftsstadt Dresden verwaltet, dem Stadtteilfonds einerseits und dem entscheidungstragenden Stadtteilbeirat andererseits, entsteht ein Weg für engagierte Menschen, sich direkt zu involvieren und das Leben im Stadtteil selbstbestimmt mitzugestalten. Damit kann vielfältige Beteiligung unmittelbar dort entstehen, wo die Menschen wohnen und leben. Menschen finden aus passiver Betroffenheit in verwandelnde Teilnahme und aktive Verwirklichung.

Der Slogan des Stadtteilvereins zur ersten Ideenwerkstatt 2017 hieß dementsprechend: Du bist die Johannstadt! Dort wurden vor drei Jahren die Ideen geboren zu den Strukturen, die heute das Wesen des Vereins ausmachen. Daraus resultierend sind im Stadtteil heute die Organe des Stadtteilfonds, des Stadtteilbeirats und der Stadtteilredaktion wirksam.

Deshalb bestimmen über die letztendliche Förderung von Projekten in der Johannstadt auch die Menschen, die es betrifft, selbst: In der Johannstadt gründete sich der erste Dresdner Stadtteilbeirat.

Der erste Dresdner Stadtteilbeirat in der Johannstadt

20 Bürger*innen bilden das Gremium, das über die Förderanträge abstimmt. Die Entscheidungsgewalt liegt damit in den eigenen Reihen: 10 aktive Vertreter*innen aus Einrichtungen der Stadtteilarbeit werden berufen und 10 weitere Mitglieder werden aus der Mitte der Bevölkerung gewählt: Je ein*e Vertreter*in sämtlicher Bevölkerungsgruppen im Stadtteil kommen zusammen: Jugendliche, Senior*innen, Vertreter*innen mit und ohne Migrationsbiografie, Ladenbesitzer*innen, Freiberufler*innen – Jede*r Johannstädter Bürger*in kann kandidieren und sich zur Wahl aufstellen lassen! Aktuell läuft die Amtszeit des derzeitigen Stadtteilbeirats zum Jahresende ab, in der Johannstadt werden im November Wahlen durchgeführt. Die Chance, aktiv zu werden für den Stadtteil besteht gerade jetzt: Wer sich berufen fühlt, meldet sich und kann sich aufstellen lassen!

Noch ist die Frist nicht abgelaufen: Für Mitbeteiligung gibt es kein Zu-Spät
Foto: Anja Hilgert

Expert*innen am Werk

Eine Ideen-Werkstatt hat nicht mit demselben handfesten Material zu tun was sonst im klassischen Handwerk zählt. In der gegenwärtigen Zeit verschiebt sich der Begriff der Arbeit ins Geistige.

Vielleicht lässt sich im Nachgang zu der Veranstaltung sogar besser nach-denken, was es bedeutet, Ideen in eine Werkstatt einzuladen. Die Idee hütet ein inniges Anliegen, das, oft nur in einer Ahnung liegend, entwickelt werden möchte. Aus nur eigenen Kräften ist das nur bedingt möglich.

In einer Werkstatt, so das Aushängeschild, sind Expert*innen am Werk. Und was mit Verstand und viel Geschick und Sorgfalt hergestellt wird, hat den Charakter von etwas Besonderem, Neuem, vielleicht so noch nicht Dagewesenem, denn es ist ein Werk und nicht bloß Ware. In dem Falle das Herzensanliegen eine*r kompetenten Bürger*in.

Andrea Schubert als Stadtteilvereinsvorsitzende bedankte sich in ihrer Schlussrede vor allem bei denen, die den Mut hatten, allein nach vorne zu gehen und ihre Idee vorzustellen. Letztlich ist die Unterstützung durch den Stadtteilfonds, den die Zukunftsstadt Dresden ermöglicht, eine Würdigung dieses gelebten Vertrauens in die je eigenen Fähigkeiten, etwas wirklich Neues zu vermögen. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit bildet schließlich das Fundament für reife demokratische Entscheidungsprozesse und sozialen Zusammenhalt überhaupt.

Den Stadtteil im Gespür haben

In der Abschlussrunde bedankten sich die meisten für Impulse und Anstöße, die sie durch die anderen Teilnehmenden erhalten hätten. Dabei ging es nicht so sehr um die eigene Idee und diese durchzubringen, sondern mehr um auch emotionale Motive, persönlich aktiv zu werden und sich zu vernetzen, um gemeinschaftlich Lebensraum zu gestalten. 

Die eigentliche Geburtshilfe für den Schritt in die aktive Mitbeteiligung erfolgte in der Ideenwerkstatt durch den Austausch und die Öffnung der Leute füreinander und untereinander. Dieses Zusammenkommen hätte stärker gewichtet und fließender moderiert sein können, um mehr Zeit und Erleben für den Prozess des Miteinanders zu geben.

In der Johannstadt braucht es Zuhörer*innen und Offenheit für noch Ungesprochenes, damit die Bedürfnisse wirklich gefunden werden, die sich im Stadtteil unter der Last des Alltags ansonsten noch weiter zurückziehen und stauen oder andere, auch kriminelle Wege bahnen, um nach aussen zu kommen. Es wird im Stadtteil oft genug und von Kindesalter an mit Gewalt operiert und randaliert gegen das, was als bremsend oder einfach nur unverstanden empfunden wird. Kleinste Schnittmengen, in denen Verständigung sich anbahnen und eine verbindende Erfahrung sich machen lässt, sind tatsächlich wertvoll für das Zusammenleben jetzt und für zukünftige Entwicklung.

Auch nach der Ideenwerkstatt ist es keinesfalls zu spät. Wer sich angesprochen fühlt, mit seiner Idee das Stadtteilleben zu bereichern, kann unmittelbar mit dem Stadtteilverein in Kontakt treten.

Ein Beitrag von Dresden Fernsehen über die Ideenwerkstatt findet sich unter www.sachsen-fernsehen.de/ideen-gesucht-fuer-eine-nachhaltige-johannstadt-770604.

Ideenwerkstatt Johannstadt

  • Stadtteilverein Johannstadt e.V., Projekt Stadtteilfonds und Stadtteilbeirat Johannstadt, Ansprechpartner Torsten Görg, Pfotenhauerstraße 66
    01307 Dresden
  • Telefon 0351 – 41 88 16 67
  • E-Mail email hidden; JavaScript is required
  • Beratung und Hilfestellung bei Projektentwicklung und Antragstellung/Abrechnung jeden Freitag 15-17 Uhr nach telefonischer Vereinbarung

Was tun mit 30.000 Euro? Die Ideenwerkstatt am Donnerstag

eingestellt am 07.09.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Bunte Mosaike für die Sitze am Bönischplatz

Die Ideenwerkstatt am Donnerstag ist eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres, wenn es um die Verwirklichung von Projekt-Ideen geht. Hier erklären Stadtteilverein, Quartiersmanagement und Zukunftsstadt, wie Anträge gelingen. Die Teilnahme lohnt sich auch ohne eigene Projekt-Idee. Zur Verfügung stehen noch 30.000 Euro. 

Marthy und Lars vom Stadtteilfondsprojekt "Grüne Pfote 66" (Foto Torsten Görg)
Marthy und Lars vom Stadtteilfondsprojekt „Grüne Pfote 66“ (Foto Torsten Görg)

Ein Kinderzirkus auf den Elbwiesen, ein Hochbeet im Hinterhof? Bunt gestaltete Papierkörbe, Bienenwiesen, Reparatur-Workshops…? Es sind die kleinen Ideen, die Menschen zusammenbringen und das Viertel lebenswerter machen. Sie zu haben ist eine Sache, sie umzusetzen eine andere. Wie das geht, erklären Macher*innen der Johannstadt am Donnerstag von 18 bis 21 Uhr in der JohannStadthalle an der Holbeinstraße.

Eine Zukunftsidee ist nur einen Antrag weit entfernt

Vertreter*innen der Zukunftsstadt, des Stadtteilvereins und des Quartiersmanagements geben Einblicke helfen dabei, eigene Ideen zu verwirklichen. Bereits 15 externe Teilnehmer*innen sind angemeldet, so Torsten Görg vom Projekt Zukunftsstadt.

Die Stadtteilbeiräte lauschen den Antragsteller*innen. Foto: Philine Schlick
Die Stadtteilbeiräte lauschen den Antragsteller*innen. Foto: Philine Schlick

Um eine Förderung für Ideen zu erhalten, sind ein Kostenplan und ein Projektantrag nötig. Wie diese erstellt und ausgefüllt werden, wird in der Ideenwerkstatt erklärt. In seinen nächsten Sitzungen am 8. Oktober und 12. November entscheidet dann der Stadtteilbeirat in seinen öffentlichen Sitzungen über die Förderung. Je vier Wochen vor der nächsten Sitzung müssen die Anträge eingereicht sein.

NaJo2025: Das Bönischplatzfest 2019. Foto: E.Heinke
NaJo2025: Das Bönischplatzfest 2019. Foto: E.Heinke

In der letzten Sitzung im Juli waren z.B. ein Gymnastikkurs für muslimische Frauen, Mosaik geschmückte Sitzbänke für den Bönischplatz, ein Holzbauworkshop für Jugendliche und ein Videodreh mit der Band Lasse Reinstroem zum Parking Day am 18. September beschlossen worden. Zum Parking Day verwandelt das Projekt Nachhaltige Johannstadt 2025 die Hertelstraße für einige Stunden in einen autofreien Lebensraum.

Zwei Euro pro Einwohner können frei verwaltet werden

Mit Geld aus dem Stadtteilfonds wurden seit 2019 bereits 27 Projekte zur Verbesserung der Lebensqualität in der Johannstadt gefördert. Rund 37.000 Euro wurden im Januar per Beschluss aus dem Budget des Stadtbezirks Altstadt zur Verfügung gestellt. Das entspricht einem Anteil von 2 Euro pro Einwohner, die selbst verwaltet werden können.

Darüber hinaus hat die Wohnungsgenossenschaft Johannstadt (WGJ) 12.000 Euro gespendet, die abzüglich einer Verwaltungspauschale ebenfalls in den Stadtteilfonds fließen. Zudem hält der Verfügungsfonds „Nördliche Johannstadt“ weitere 3.700 Euro bereit. Aktuell stehen für das Jahr 2020 insgesamt noch reichlich 30.000 Euro zur Verfügung und warten auf mutige Macher*innen.

Ideenwerkstatt am 10. September