Kunstschaffende über 55 Jahre können sich bewerben für Arbeitsstipendien in bildender Kunst und Literatur

eingestellt am 15.10.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Das Amt für Kultur und Denkmalschutz ruft auf, jetzt Stipendiat*in zu werden und eigenes künstlerisches Schaffen voranzubringen Foto: Anja Hilgert

Das Amt für Kultur und Denkmalschutz schreibt acht Stipendien für freiberuflich tätige Kunstschaffende ab Jahrgang 1966 aus und fördert künstlerische Arbeit im Stadtraum Dresden in den Sparten bildende Kunst und Literatur mit Arbeitsstipendien in Höhe von je 1.250 Euro. 

 

Auch in der Johannstadt haben alteingesessene Künstler und Künstlerinnen mit Wurzeln in der Landeshauptstadt ihren Wohnsitz oder aber Atelierräume, in denen ihre Werke entstehen. Manchmal ist es eine künstlerische Handschrift, eine bestimmte Formsprache oder ein farbliches Kolorit, das für Wiedererkennen sorgt und mit dem Schaffen eines künstlerisch tätigen Menschen in Verbindung bringt. Künstlerische Werke vermitteln auf jeweilige besondere Art Botschaften, Gedankenwelten, Gefühle, die auf einzigartige Weise Menschen miteinander verbinden ohne dass sie sich begegnen.

Das ausgeschriebene Arbeitstipendium richtet sich an solche kreativ schaffenden Menschen, die mit ihrem Tun in der vergangenen Zeit kaum oder wenig an die Öffentlichkeit treten konnten. Es ist ein Signal, künstlerischem Wirken wieder den Raum zu weiten – denn Kunstwerke nähren den Menschen.

 

Generation 55 plus

 

Gefördert werden Projektvorhaben zur Weiterentwicklung der eigenen künstlerischen Arbeit und die Fertigstellung künstlerischer Arbeiten unter den aktuellen Krisenbedingungen. 

Bewerbungen sind bis Dienstag, 2. November 2021 möglich.
Einzureichen sind neben einer Projekt- bzw. Vorhabenskizze, ein tabellarischer Lebenslauf und ein Nachweis der haupterwerblich ausgeübten selbstständigen Tätigkeit. Fördervoraussetzung ist die haupterwerbstätige künstlerische Arbeit.

Bewerben können sich freiberuflich tätige Künstlerinnen und Künstler sowie Autorinnen und Autoren mit Hauptwohnsitz Dresden, die mindestens 55 Jahre alt sind und deren künstlerische Tätigkeit im Haupterwerb ausgeübt wurde bzw. wird. Voraussetzung für die Bewerbung ist der Nachweis der selbstständigen künstlerischen Tätigkeit durch eine Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse, in einem entsprechenden Berufsverband oder durch eine eidesstattliche Erklärung. 

 

 

Geschützte Bedingungen für kreatives Arbeiten Foto: Anja Hilgert

 

Eher unter dem Radar der Öffentlichkeit

Dr. David Klein, Leiter des Amtes für Kultur und Denkmalschutz bewirbt das Projekt für Dresdner Kunstschaffende: „Wir wollten mit diesen Arbeitsstipendien eine Zielgruppe besonders in den Fokus nehmen, die eher unter dem Radar der Öffentlichkeit arbeitet – die Generation 55 plus. Oftmals sind diese Künstlerinnen und Künstler von Ausschreibungen und Stipendien allein durch ihr Alter ausgeschlossen. Eine nachhaltige Kulturförderung kann nicht ausschließlich den Fokus auf die Förderung von jungen Talenten legen, sondern sollte einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen.“ 

Das Stipendienprogramm wird in Kooperation mit der Hanna-Johannes-Arras-Stiftung vergeben. Die Stiftung mit Sitz in Stuttgart fördert in Dresden Kunst und Kultur der Sparten Musik, bildende und darstellende Kunst, Literatur und Baukunst. 

Stefan Arras, Vorstand der Hanna-Johannes-Arras-Stiftung erklärt zur Förderung des Dresdner Vorhabens: „Eine öffentliche Darstellung ihres Schaffens war für viele Künstler in Zeiten der Pandemie nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht möglich. Die künstlerische Arbeit wurde eingegrenzt, was manchen Künstler schwer belastet und teilweise auch in eine prekäre Lage geführt hat. Wir als Kunst-Stiftung wollen uns der Betroffenen annehmen und ihnen den Weg zurück zur Normalität erleichtern. Dazu beteiligen wir uns gerne an dem vom Kulturamt der Stadt Dresden aufgelegten Stipendienprogramm.“ 

 

 

Der formlose Antrag (nicht handschriftlich) ist zu senden an: 
Amt für Kultur und Denkmalschutz, Postfach 12 00 20, 01001 Dresden.
Unterstützung bei der Antragstellung bietet der Künstlerbund Dresden e. V. per E-Mail: berufsverband@kuenstlerbund-dresden.de und Telefon: 0351-8015516.

 

Weitere Informationen

www.dresden.de/generation55

Kulturtreffpunkt im Gründerzeitviertel der Johannstadt – Willkommen in Johannstadt e.V. bezieht eigene Räume 

eingestellt am 14.10.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Ein neuer Anfang in Räumen mitten im Viertel: Willkommen in Johannstadt ist ab jetzt fest vor Ort im Stadtteil Foto: Anja Hilgert

 

Ein neuer Treffpunkt und Ort für Veranstaltungen hat in der Johannstadt seine Türen geöffnet. Mitten im Wohngebiet der gründerzeitlichen Johannstadt, in einem ehemaligen Ladengeschäft auf der Hertelstraße, hat der Verein Willkommen in Johannstadt e.V. (WIJ) eigene Räumlichkeiten bezogen.
Mit Empfangsbereich, Küche und zwei anliegenden Seminarräumen hat sich der Verein einen ständigen, zentralen Ort für soziales und interkulturelles Engagement geschaffen. Die Angebote und Veranstaltungen nehmen im Oktober Fahrt auf – und alles aus reinem Ehrenamt.

 

Endlich vor Anker im Hafen des Johannstädter Stadtteils

Unter der Devise „Helfen macht Freu(n)de“ organisieren Ehrenamtliche in der Johannstadt seit sechs Jahren lebenspraktische Unterstützung für Menschen, die im Zuge globaler Flüchtlingsströme neu in die Johannstadt und darüber hinaus zugewandert sind.

 

Willkommensinitaitive: Katrin Witte, Marie-Charlotte Lukas und Birgit Roth (v. li n. re)
in Vorbereitung der neuen Räume Fotos: Anja Hilgert

 

Begonnen hat alles Ende 2015, als eine aus Containern bestehende Siedlung von Notunterkünften an der Ecke Fiedlerstraße / Fetscherstraße aufgebaut worden war, die als Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in der Johannstadt dienen sollte. Damals regte sich spontan enorme Hilfsbereitschaft im Stadtteil, um die erwarteten Menschen nach ihrer Flucht mit dem Notwendigsten direkt zu unterstützen. Eine lose Gruppe Johannstädter Bürger*innen rief damals im Johannstädter Kulturtreff zu einem ersten Vernetzungstreffen auf. Alle Beteiligten waren überrascht, als viel mehr Menschen dem Aufruf folgten als der Saal fassen konnte. Aus diesem Impuls gründete sich die Initiative „Willkommen in Johannstadt“, die dann vier Jahre später zum Verein formierte.

Was dann nicht wie geplant kam, war der Bezug der Erstaufnahmeeinrichtung. Aber für die Bürger*innen in der Johannstadt waren sie Anstoß genug, ein selbst organisiertes Netzwerk mit tragfähigen Organisationsstrukturen aufzubauen, um Integration und interkulturelle Nachbarschaftshilfe im Stadtteil zu fördern. 

Freiwillig Engagierte des WIJ e.V. bieten seither auf vielseitige Weise Unterstützung an für Asylsuchende und Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrungen.
In Form von Sachspenden bis zur Wohnungssuche, über Sprach- und Computerkurse, Übersetzungen, Beratung bei Jobsuche und Behörden-gängen bis zu Hausaufgabenbetreuung und Lernpatenschaften bringen Menschen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten ein für Menschen, die mit ihrer Biografie kulturell und gesellschaftlich an einem totalen Neuanfang stehen.

 

Begegnung im erweiterten nachbarschaftlichen Raum : Eva Hesse, Hannes Kettner (WIJ+ KaffeefürAlle), Mario Peisker   Foto: Anja Hilgert

 

Was sich damit verbunden regt, ist mehr als sachliches Angebot und Nachfrage. Auf menschlicher Ebene kommen Geben und Nehmen unmittelbar in Austausch, Freude und Interesse am gegenseitigen Kennenlernen bewegen das Engagement.

 

Vom Nomadentum zum neuen Standort

Durch kontinuierliches Dranbleiben hat WIJ mit über 700 Interessierten und Unterstützer*innen, darunter vielen ehrenamtlich Aktiven ein beachtliches Netzwerk im Bereich der Integrationsarbeit aufgebaut, das niedrigschwellig allen zugänglich ist. 

Clemens Hirschwald, Ehrenamtskoordinator der Stadt Dresden, in dessen Aufgabenbereich es fällt, Initiativen und Vereine zu unterstützen, die sich für Integration engagieren, erkennt im Wirken des Vereins sogar eine ausserordentlich große Leistung: „WIJ zählt zu den Gruppen, bei denen man aufgrund der langfristigen Entwicklungen sehen kann, ‚die bringen was voran’.“ 

Lob und Anerkennung auch von Seiten der Stadt haben nicht lange auf sich warten lassen – WIJ gehört zu den für seine Arbeit bereits mehrfach offiziell gewürdigten Vereinen. Im Oktober 2018 wurde der Verein mit dem mit 5.000 Euro dotierten Dresdner Integrationspreis ausgezeichnet. 

2020 gipfelte die öffentliche Anerkennung noch einmal, als Claus-Peter Reisch, der für sein Engagement in der Seenotrettung den Erich-Kästner-Preis des Dresdner Presseclubs erhalten hatte, sein Preisgeld zwischen den drei vergleichbar arbeitenden Willkommensinitiativen in Johannstadt, Löbtau und Laubegast aufteilte – für WIJ mit einer Aufstockung auf 7.500 €.

 

Clemens Hirschwald im Gespräch mit Katrin Witte beim Eröffnungsfest  auf der Hertelstraße. Foto: Anja Hilgert

 

Hirschwald sieht WIJ als Stadtteilbündnis „gut aufgestellt, seit langer Zeit, sehr nachhaltig. Da ist es wichtig, ein Fundament zu legen, dass die Arbeit sich in den Stadtteil hinein verstetigen kann. Das geht nur, wenn man eigene Räume zur Verfügung hat und man nicht immerzu sehen muss, wo kann man sich hier und dort, von einem Raum zum anderen, mit seinen Angeboten mal einmieten.“

 

Mit kleinen Schritten viel erreichen

Die nomadischen Zeiten, das Aufschlagen mit Deutschkursen, Gesprächen und anderen Angeboten in Räumen anderer Akteure des Stadtteils verlangten den Vereinsmitgliedern viel Flexibilität und Ausdauer ab, vor allem aber Kraft, alle Beteiligten zur richtigen Zeit am richtigen Ort miteinander zu vernetzen. Um diese Vernetzungsarbeit zu stabilisieren, wurde nach weitem Weg 2017 für den Verein eine Koordinationsstelle mit mittlerweile 16 Wochenstunden geschaffen. 

 

 

Marie-Charlotte Lukas zusammen mit Annick Ghaldouni / Wir sind Paten e.V. beim Eröffnungsfest. Foto: Anja Hilgert

 

Diese Position hat seit April 2020 Marie-Charlotte Lukas inne und damit den Hut auf, das ehrenamtliche Engagement in der Johannstadt zielführend zu organisieren. Ihre Freude an den neuen Räumen ist doppelt motiviert: Nach dem Einstieg im reinen Homeoffice kommen die wirklichen Begegnungen mit den Menschen, die die Arbeit des WIJ ausmachen, nun erst richtig zur Geltung: Die Motivation ist hoch, friedliches und offenes Miteinander, gegenseitigen Respekt und Interesse und Neugier für andere Kulturen weiter im Stadtteil zu beleben.

 

Kaffee für alle unterstützt die Feierlichkeiten: Edeltraud Haß im Gespräch, Birgit Roth in der Tür

 

 

Das Kernstück sind die Patenschaften

Aus wenig viel zu machen ist eine Erfahrung, die nachhaltig zum Engagement ermutigt.
Das Kernstück des WIJ bilden die zwischen Zugewanderten und Einheimischen geknüpften Patenschaften. Das unkomplizierte nachbarschaftliche Selbstverständnis, sich gegenseitig mit praktischen Hilfestellungen im alltäglichen Leben zu unterstützen, gab den Impuls, Menschen, die sich gegenseitig etwas geben, miteinander in Kontakt zu bringen.

Im Wesentlichen begründet sich der Einsatz auf Empathievermögen: Menschen in ihren Herausforderungen zu sehen und ihnen eine Hand zu reichen, schafft Raum für echte Begegnungen.

Katrin Witte hat in diese Richtung schon viele Menschen miteinander in Kontakt gebracht. Sie betreut mit viel Geschick und noch mehr Herz die AG Paten-Vermittlung des WIJ: „Die Familien laden zu sich nach Hause ein und es ist immer berührend, zu erleben, wie der erste Kontakt entsteht. Manchmal geht es ganz schnell, dass sich gemeinsame Interessen finden und der Kontakt gleich persönlich wird. Und manchmal braucht es anfangs Geduld um Vertrauen aufzubauen. Auf jeden Fall gewinnen beide Seiten, die eigenen Probleme erscheinen plötzlich klein. Das Wichtigste: neugierig sein.“

Der Verein unterstützt den Beziehungsaufbau und lädt ein zu offenen Picknicks, mit Musik, Spiel und gemeinsamen Ausflügen. Aus manchen unterstützenden Bekanntschaften sind Freundschaften gewachsen.

 

Hakam Jaouni an der kulinarischen Festtafel des Mitbring-Buffets                 Foto: Anja Hilgert

 

Neue Seminar- und Veranstaltungsräume
im WIJ-Büro der Hertelstraße Fotos: WIJ e.V.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im werten Wohngebiet der Johannstadt

Direkt auf der Straßenkreuzung zwischen gründerzeitlichen Altbauten gelegen, ist die neue Adresse des Vereins mitten hinein gezogen ins werte Wohngebiet der Johannstadt.
Direkter Kontaktaufnahme steht nichts im Wege. Es geht sogar ein gewisser Brückenschlag aus von dem neuen Standort. 

Das eigentliche Handlungsfeld des Vereins ist dort, wo die zu begleitenden Menschen und Familien leben. Deren Wohnumfeld ist vornehmlich der Bereich der Neubauten von Johannstadt-Nord, besonders zwischen Pfotenhauer und Florian-Geyer-Straße. Auch im Blockbau des sogenannten Wohnhofs leben viele der Neuzugezogenen. Angesichts der hier überdurchschnittlich repräsentierten sozialen, sprachlichen und kulturellen Vielfalt auf engstem Raum finden sich die Mietparteien vor geballten Herausforderungen im Zusammenleben.

 

Blick auf die zum teils bereits fertig sanierten Häuser des Wohnhofes. Foto: Philine Schlick

 

Hausversammlungen im Wohnhof

Ausgehend von der Initiative eines syrischen Bewohners des Wohnhofs entwickelte das Quartiersmanagement Nördliche Johannstadt gemeinsam mit Willkommen in Johannstadt ein stadtweit einzigartiges Einwohner*innen-Pilotprojekt im Wohnhof Pfotenhauerstraße/ Hopfgartenstraße/Elisenstraße. Finanziell gefördert wird das Projekt durch Vonovia und den Stadtbezirksbeirat Altstadt.
Zwei Mitarbeiterinnen von WIJ sind seit Mai diesen Jahres involviert, um Hausversammlungen und die Wahl von Haussprecher*innen zu initiieren und die diversen Mietparteien einzubeziehen in das gemeinschaftlich selbstorganisierte Gestalten der unmittelbaren Wohnumgebung. Aus den gewählten Haussprecher*innen soll sich ein Wohnhofbeirat konstituieren, der dann perspektivisch eigenständig über die Förderung von gemeinwohlorientierten Projekten im Wohnhof, finanziert durch einen Wohnhoffonds, verfügen kann.
Letztlich gilt es, das Zusammenleben vor Ort zu verbessern und dadurch auch die Lebensqualität im Wohngebiet insgesamt zu steigern.

 

Es ist Platz für noch mehr Gäste …. Foto: Bertil Kalex

 

Ehrenamtliche Unterstützung in den Schulen

Für neu ankommende wie für angestammte Familien ist die Schule für ihre Kinder eine wichtige Bezugsadresse. Ehrenamtliche des WIJ unterstützen in der Grundschule Johanna Lehrer und Lehrerinnen direkt im Unterricht, Kinder mit anderen Herkunftssprachen in das deutsche Schulsystem einzuführen und in der gemischten Klasse Deutsch als Zweitsprache (DaZ) zu lehren. In der 101. Oberschule fördern Ehrenamtliche im Anschluss an den Unterricht einmal wöchentlich Schüler*innen in kleinen Gruppen in den Fächern Mathe, Physik, Englisch, Deutsch.Dies soll nun nach der coronabedingten Pause wieder anlaufen und wird teilweise in den neuen Räumen stattfinden.
Darüber hinaus arbeiten Ehrenamtliche als Lernpat*innen in den Familien zuhause, zur Unterstützung eines Kindes bei Hausaufgaben oder bei der Festigung des Lernstoffes in einzelnen Fächern. Für diese wertvolle Arbeit werden stets weitere Bereitwillige gesucht.

 

Was lange währt, wird … richtig gut

Entsprechend steht das Eröffnungsfest der neuen Räume in der Johannstadt für eine dementsprechend große Etappe im Stadtteil bereits geleisteter Arbeit. Am festlichen Auftakt bildet sich mit ab, was durch die Initiative von einigen engagierten Stadtteilbewohner*innen unter den Menschen der Johannstadt ins Leben gekommen ist.

Beim Einzugsfest sammelten sich gesellige Interessierte und Besucher*innen sowohl in den Räumen als auch bis auf die Gehsteige hinaus. Es war ein gut besuchtes Fest, dessen bunte, lockere und wahrnehmbar frohe Ausstrahlung dem Wohngebiet eine schöne Färbung und Belebung verliehen hat.

 

Langfristig und nachhaltig

Mit den Erfahrungen der letzten Jahre sind kostbare Ressourcen entstanden: In erster Linie kompetente, erfahrene Mitstreitende sowie darüber hinaus Allianzen mit ansässigen Vereinen und Institutionen im Stadtteil, wie z.B. zur Johanniskirchgemeinde oder zur Evangelischen Hochschule, die bereitwillig Räume geöffnet haben. Mit dem Orchester Paradiesisch Musizieren arbeitet der Verein seit 2015 gerne zusammen und man unterstützt sich informell.
Kooperationspartner wie u.a. den Johannstädter Kulturtreff e.V., die Internationalen Gärten oder Wir sind Paten e.V. zu haben, bedeutet, Angebote kontinuierlicher und Veranstaltungen breiter aufstellen zu können: Ob Teilnahme beim jüdischen Tanzball, große Yalda-Nacht oder arabischer und persischer Filmabend  – WIJ versteht es, die verschiedenen Kreise miteinander zu verbinden, die dadurch wachsen und sich gegenseitig stärken können.

 

Die Arbeit des WIJ erhält eine erhöhte Reichweite, wie Clemens Hirschwald betont: „Bei diesem Verein kommt hinzu, dass hier die Integrationsarbeit über das normale Maß deutlich hinausgeht. Die Johannstadt hat so viele Patenschaften zu Geflüchteten vermittelt und so viele Projekte auf die Beine gestellt, die in den Stadtteil hinein wirken, zum Beispiel das interkulturelle Senior*innencafé >Baklava und Eierschecke<, die Migrant*innen und Senior*innen zusammenbringt: Hier ist ein enormer Mehrwert, der auch nachhaltig, auf lange Sicht wirkt. Deshalb ist es in Zukunft wichtig, öffentliche Finanzmittel zur Verfügung zu stellen für die vereinsgetragene Stadtteilarbeit“, sagt der Ehrenamtskoordinator der Stadt Dresden und bekräftigt bei seinem Besuch des Eröffnungsfestes: „Wir haben wieder einen Anfang gemacht“, und meint damit die ausstrahlende Wirkung, die von den neuen Räumen ausgehen kann: „Gerne unterstützen wir den Verein auf seinem weiteren Weg, in den Stadtteil hineinzuwirken.“

 

 

Weitere Informationen

Willkommen in Johannstadt e.V.
Hertelstraße 24
01307 Dresden
https://willkommen-in-johannstadt.de/willkommen/ueber-uns/

Kontakt für Info und Fragen:
info@willkommen-in-johannstadt.de

Offene Sprechstunde:
Montag 16 – 18 Uhr
Mittwoch 12 – 14 Uhr

Offene Angebote vor Ort:

  • Sprachkurs Deutsch für alle”
    jeden Donnerstag von 19:00 bis 21:00 Uhr
  • Sprachkurs Deutsch für Frauen” mit Kinderbetreuung
    jeden Mittwoch von 09:00 bis 11:00 Uhr
  • Teestube am Mittwoch
    jeden Mittwoch ab 18:00 Uhr
  • Für alle Projekte und Angebote des Vereins werden immer auch neue Mitstreitende gesucht: Aktuelle Lernpat*innen-Gesuchefinden Sie zum Beispiel hier  / Interessierte erhalten weitere Informationen und Unterstützung unter info@willkommen-in-johannstadt.de
  • Auch Sachspenden für die Bildungsangebote sind sehr willkommen – zum Beispiel Kartons, Stifte, Papier (auch größere Formate), Hefte (besonders mit Linien für Schreibanfänger), allgemein Büro- und Bastelmaterial, Laminierfolien, Kinder-Spiele (Karten-, Brettspiele), vielleicht auch Kinderbücher und Laptops für den Computerkurs.
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Testfahrer*innen gesucht für Parkplatz-App

eingestellt am 29.09.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Parkflächen werden rar in den Städten - nicht nur in der Johannstadt Foto: Anja Hilgert

 

Autofahrer*innen kennen das: Mehrere Runden um den Block drehen, immer wieder vorbei an besetzten Parkbuchten, lauern, sich in Bereitschaft halten, dass eine Bucht frei wird, damit der eigene Pkw sie einnehmen kann. Dasselbe Spiel, das alle Anderen in der gleichen Situation auch spielen, manche allabendlich, regelmäßig zum Feierabend. Diese Not teilt, wer Kraftfahrzeugbesitzer*in in der Stadt ist.
Zuviel Autos sagen die Einen, zu wenig Parkplätze sagen die Anderen.

 

Problem erkannt

In der Johannstadt ist damit ein brisantes Thema angesprochen: Parkplätze sind ohnehin knapp und es steht dem Stadtteil bevor, dass weitere Parkplätze wegfallen, die meisten ersatzlos. ‚Problem erkannt‘, sagen jetzt Wissenschaftler*innen der Frankfurter Universität für Angewandte Naturwissenschaften (Frankfurt University of Applied Sciences / Frankfurt USA) und forschen nach alternativen Modellen, die helfen, die Situation zu entschärfen.

Nicht für oder wider das Auto dreht sich der innovative Ansatz, sondern es geht schlicht um das Randphänomen der Parkplatzknappheit, nämlich der Frage, wie man die unnötige Zeit des Suchens und damit den belastenden Kraftstoffausstoß vermeiden und das Parkplatzfinden effizienter gestalten kann.

 

Für den Parkplatz ums Karrée – Die leidige Suche nach dem Abstellplatz fürs Kfz           Foto: Torsten Görg

 

Testfahrer*innen gesucht

Dazu haben die Wissenschaftler*innen die App „start2park“ entwickelt, die die Dauer der Parkplatzsuche vorhersagen soll. Im Forschungsprojekt „start2park – Parksuche erfassen, verstehen und prognostizieren“ wird in verschiedenen Städten und urbanen Zentren der Parksuchverkehr untersucht, so jetzt auch in Dresden. Dazu sucht die Hochschule ab sofort Testfahrer*innen, die die App nutzen.

Mitmachen können Autofahrende aus jedem Ort Deutschlands. Die App trackt die Parkplatzsuche an vielen unterschiedlichen Standorten und zu vielen unterschiedlichen Zeitpunkten und ermittelt verschiedenste Einflussfaktoren. Daraus wird ein Prognosemodell entwickelt, welches in der Lage ist, die Parksuchzeit für individuelle Fahrten vorherzusagen. Auch mittlere Parksuchzeiten nach Stadtteiltypen und Uhrzeiten können abgeleitet werden. Nach Ablauf des Forschungsprojektes soll das Prognosemodell in Navi-Apps integriert werden. Das Forschungsprojekt start2park wird durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gefördert.

Simone Prüfer, Leiterin des Dresdner Straßen- und Tiefbauamtes ermuntert zur Beteiligung: „Wir begrüßen das Forschungsprojekt und möchten die Dresdner auffordern, es zu unterstützen. Die systematische Erfassung von Parksuchzeiten nach Stadtteilen und Uhrzeiten wäre ein sehr hilfreicher Faktor für ein effizientes Parkraummanagement. Problemstellen könnten aufgezeigt und die Parksuchzeiten durch gezielte Verkehrsplanung reduziert werden.“

 

Parkplatz oder nicht Parkplatz

Ob sich damit tatsächlich die Park-Problematik lösen oder gar das Aufkommen an privaten Personenkraftfahrzeugen im innerstädtischen Raum sich reduzieren lässt, gehört beim Erforschen mit auf den Prüfstand.
Die Wissenschaftler*innen mutmaßen, dass ein realistischeres Bild von der gesamten Autofahr- und Parksuchzeit auch dazu beitragen könnte, dass mehr Menschen auf alternative, klimafreundlichere Verkehrsmittel umsteigen.

 

Weitere Informationen

Sonntag ist Tag des Offenen Denkmals

eingestellt am 11.09.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Mit Achtung auf Details und falsche Fassaden öffnet der Tag des Offenen Denkmals einmalig so manche Türe Foto: Gerd Hammermüller

Unter der Überschrift „Sein & Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege“ öffnen am 12. September 2021 über 60 Gebäude in und um Dresden ihre Türen, darunter unscheinbare, restaurierte und rekonstruierte Denkmäler, die gesichtet, begangen und erkundet werden können. Dazu hat das Amt für Kultur und Denkmalschutz ein vielseitiges Erlebnis-Programm zusammengestellt: Rundgänge, geführte Spaziergänge, Konzerte, Musik, Gespräche und Erlebniswerkstätten führen zu Denkmälern vom Zentrum bis zum Rande der Stadt.

 

Sein oder Schein, das ist am Sonntag die Frage

Der bundesweit am Sonntag 12. September 2021 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz koordinierte Tag lädt ein, Geschichten und Geschichte zu entdecken – analog vor Ort und/oder digital. Vielerorts werden Handwerkstechniken gezeigt und die Besucherinnen und Besucher können in andere Epochen eintauchen. Die Besichtigungen, Führungen, Ausstellungen, Konzerte sind für Jung und Alt. Ein eigener Programmteil widmet sich der Königin der Instrumente, der Orgel als Instrument des Jahres 2021. 

 

Detail der ehemaligen Kunstgewerbeschule, 2019. Foto: G. Hammermüller

 

Die Erhaltung und Pflege von Fakt und Fake

Sein oder Schein, das ist in der Denkmalpflege keine unwesentliche Frage. Raffinierte Täuschungen alter Baumeister, Rekonstruktionen einer vergangenen Zeit oder entkernte Häuser mit neuem Innenleben können die Wahrnehmung von Denkmälern nachhaltig verändern. Mit herausragenden Gemälden konkurrieren brilliante digitale Kopien und vervielfältigen und verbreiten, was original, einzigartig, originell ist, in aller Offenheit und ungehemmt zugänglich.

Annekatrin Klepsch, zweite Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur und Tourismus der Landeshauptstadt Dresden erläutert das diesjährige Motto: „In einer immer schneller werdenden Welt digitaler Vergänglichkeit, einer Vielzahl von Eindrücken und der steten Frage nach Echtheit sucht der Mensch Halt. Authentische Denkmäler geben Orientierung und setzen dem schönen Schein etwas Bleibendes entgegen.“ 

 

Detail an der Fassade des Sparkassengebäudes. Quelle: Gerd Hammermüller

 

Illusionistische Techniken, Scheinfassaden, vorgetäuschte Decken oder Blendfenster sowie den gekonnten Einsatz des „Scheins“ aufzuspüren, vorzuführen und zu erläutern ist ein Aufgabenfeld am Tag des offenen Denkmals 2021. „ Sie zeigen aber auch, dass in der Historie bereits Täuschungen zu finden sind. In der Zukunft können sie Wahrzeichen und Begleiter sein, darum setzen wir uns gemeinsam für ihren Erhalt ein“, erklärt Annekatrin Klepsch.

Für unsere Erfahrungswelt im 21.Jahrhundert sind Sein und Schein, Realität oder Fiktion, Fakt oder Fake hochaktuelle Themen. Doch Menschen erfreuten sich schon immer, von der Antike an übers Barock bis hin zur Moderenen Bildbearbeitung, an der Illusion und dem Spiel mit der Täuschung, in denen sich die Frage nach der wirklichen Wirklichkeit ad absurdum führt.

 

Perlen des Unscheinbaren

Als besondere Perlen des Tages gelten auch die unscheinbaren Denkmale, Denkmale am Rande, die häufig der echten Aufmerksamkeit des Betrachters entgehen und die nun einmal ausdrücklich ins Blickfeld gerückt werden, auf dass sie ihre Geschichten erzählen können. Viele dieser insgeheim Denkmäler sind in privater Hand. Insofern gilt allen Denkmaleigentümerinnen und – Eigentümern besonderer Dank, ebenso wie den vielen Ehrenamtlichen für Ihr Engagement an diesem beliebten Tag des offenen Denkmals.

 

Der bekannte Dresdner Maler Caspar David Friedrich setzte die auffälligen Torpfeiler am Eingang in seinem Gemälde „Friedhofseingang“ romantisierend
in Szene. Quelle: JohannstadtArchiv

 

In der Johannstadt ins Programm einbezogene Denkmale

 

20    Neuer Israelitischer Friedhof, Fiedlerstraße 3:
Der Neue Israelitische Friedhof, 1867 eröffnet, ist eine wichtige Begräbnisstätte der Jüdischen Gemeinde und ein Ort der Bildung und Erinnerung. Die erste Beerdigung war 1868. Auf dem Friedhof befinden sich etwa 3.100 Grabstellen. Damit gehört er zu den größ­ ten jüdischen Friedhöfen Sachsens und ist heute neben anderen Gedenkstätten ein bedeutender Erinnerungsort für die Geschich­ te der Juden in Dresden. Die frühere Aussenmauer, die das zentrale Element des heutigen Friedhofs ist, wurde 2018-2021 denkmalgerecht saniert.

8 – 17 Uhr geöffnet,  14 Uhr: Führung mit Dr. Birgit Sack, Gedenkstätte Münch­ner Platz Dresden und Heike Liebsch, HATiKVA e. V.: „Man gewöhnt sich rasch – Der Neue Israelitische Friedhof in der Zeit des Nationalsozialismus“ (Dauer 90 Minuten)

 

Grabplatte auf dem Neuen Jüdischen Friedhof. Foto: Johannes Fischer

 

21 Trinitatisfriedhof, Fiedlerstraße 1
mit beeindruckenden Grabmalen bedeutender Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts, u. a. Ruhestätten von Carl Gustav Carus, Caspar David Friedrich, Ernst Rietschel und Paul Pfund. Hierzu gehört auch das Grab von Moritz Erdmann Puffholdt, dem ersten Dirigenten der heutigen Dresdner Philharmonie und letzten Dresdner Stadtmusikdirektor, das 2021 im Auftrag und mithilfe einer Spendenaktion des Fördervereins Dresdner Philharmonie e. V. saniert werden konnte.

8 – 19 Uhr geöffnet, 10h Vorstellung des sanierten Grabes von M. E.Puffholdt im Beisein der Zweiten Bürger­meisterin Annekatrin Klepsch und mit Musik von Mitgliedern der Dresdner Philharmonie, 10.30h „Puffholdt und andere“: Literarisch­musikalisches Programm mit Texten voller Bezüge zum Trinitatisfriedhof, Musik der klassischen Moderne und der Gegenwart, Sprecher: Lars Jung, Violinen: Adela Bratu und Steffen Gaitzsch

Sitzende auf dem Trinitatisfriedhof. (Quelle: Philine Schlick)

22 Eliasfriedhof, Ziegelstraße 22:
Ursprünglich 1680 als Pest­ und Armenfriedhof angelegt, war der Friedhof im 18. und 19. Jahrhundert bevorzugter Begräbnisplatz für das Dresdner Bildungsbürgertum. Beeindruckende Grabmale bekannter Persönlichkeiten aus der Zeit des Barocks bis zum Klassi­zismus und wiederaufgebaute Grufthäuser sind auf ihm zu finden. Seit 1877 wird der Friedhof nicht mehr für Beerdigungen genutzt und ist seit 1928 für die Öffentlichkeit geschlossen. Seither darf er nur noch mit Genehmigung und auf eigene Gefahr betreten wer­den. Der ehrenamtlich arbeitende Förderverein Eliasfriedhof e. V. organisiert Führungen zur Geschichte und laufenden Restaurierung sowie zu einzelnen Grabmalen und Grufthäusern. Der Eliasfriedhof ist Förderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Führungen* zu Grabstätten von Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur und bemerkens­werten Grabmal­Details um 11, 12.30 und 14 Uhr
*** Achtung: Anmeldung bis 11. September unter anmeldung@eliasfriedhof.de

 

Grabmal auf dem Eliasfriedhof, um 1900. Quelle: JohannStadtArchiv

 

41 Kunstgewerbeschule Güntzstraße 34:
1903 – 07 erbautes Hochschul­- und Museumsgebäude mit Einfriedung, Ter­rasse und Brunnen sowie Grünanlagen. Markante Baugruppe in Ecksituation mit neobarocker Kubatur und Gestaltungselementen des Jugendstils.

Im Gebäude der ehemaligen Kunstgewerbeschule (später Staatli­che Hochschule für Werkkunst) sind die Arbeits­ und Studienräume der Studiengänge Bühnen­ und Kostümbild, der Restaurierung, der Fachhochschulstudiengang Theaterausstattung, die Theoriebereiche sowie die Hochschulbibliothek und die Verwaltung der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) untergebracht.

Auf Grundlage von überlieferten Rezepten und Malanweisungen unterschiedlicher Epochen entstanden interessante Rekonstruktionen von Material­imitationen und illusionistischen Wandmalereien, die zum gemein­samen Betrachten und Diskutieren einladen.

11 und 13 Uhr Treffpunkt: Foyer Güntzstraße 34, 20 Personen, Historische Maltechniken erforschen und rekonstruieren:
Führung* 1: Vorstellung der Scagliola­Technik und einer Rekonstruktion der illusionistischen De­ckengestaltung des Langhauses der Chiesa il Gesú in Rom, (Dipl.­Restauratorin Elke Schirmer)
Führung* 2: Vorstellung der Rekonstruktionen zur Imitation von Schildpatt und Aventurinlack sowie Studien zur malerischen Imitation von Gobelins nach Anleitung von Julien Godon (1877), (Dipl.­Restauratorin Monika Kammer)
*** Achtung Anmeldung bis zum 9. September 2021 unter kammer@hfbk­dresden.de

Ansicht stadtseitiger Sachsenallee, von der Kunstgewerbeschule gesehen, um 1910. Links das heute noch vorhandene Amtsgericht, am unteren Bildrand der Eliasfriedhof in seinen früheren Ausmaßen. Quelle: JohannStadtArchiv

Weitere Informationen 

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Palaver in der Johannstadt: Pavillon an der Sachsenallee wird repariert

eingestellt am 10.09.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Das neue Dach des Palaverhauses zeigt den Sonnenstand an und verschafft der Johannstadt einen Klangraum Foto: Anja Hilgert

 

Noch hat er ein Hinkebein, der sonderbare Pavillon im Park an der Sachsenallee. Die farbigen Stelzen, aus denen der offene Kubus besteht, werden gerade ausgetauscht. Im Zuge der Restaurierung fehlen zwei Holzbalken einer blauen Ecke, die das Ganze ausser Funktion setzen. Lange war ein Rätselraten um den rot-gelb-blauen Pavillon am Stadtviertelrand kurz vor der Albertbrücke. Und lange schon steht er hinterm Absperrzaun. 

Die Farben sehen nach Kinderspielplatz aus, doch fehlt das Spielgerät. Optisch ist die Konstruktion sogar in den Boden hinein versenkt, trotzdem wirkt die ganze Sache wie schwebend. Für einen Treffpunkt steht das Gerüst allzu offen und lose in der Landschaft, es wirkt verunsichernd, ob und was da wirklich ist. Das Kunstwerk, um das es sich bei diesem Pavillon handelt, ist ein Vermächtnis an die Stadt. Die nimmt als Fürsorgetragende gerade öffentliche Gelder in die Hand, um das sogenannte Palaverhaus in der Johannstadt in Stand zu setzen. Damit ist eine Wiederannäherung möglich, denn schließlich handelt es sich bei dem Werk um ein ausdrückliches Kommunikations-Angebot.

Geheimnisvolles Szenario „Flüsterhalle“

 

Mit meinen Kindern bin ich, als diese noch kleiner waren, häufig vom Weg ab und auf die Wiese bei der Sachsenallee gezogen, wo auf farbig bunten Stelzen ein besonderes Kuppeldach stand, unter dem man nur zu flüstern brauchte und schon wurde das Gesagte laut und deutlich in den Raum übertragen. Eine tolle Akustik war unter dem Dach und es machte uns Spaß, mit der Lautverstärkung und dem Hall zu spielen, uns zuzurufen, wenn wir wechselnd an den blauen, gelben und roten Pfeilern standen, die in rätselhafter geometrischer Ordnung die Überdachung tragen.

Im Gespräch mit Nachbarinnen wurde mir das geheimnisfrohe Szenario dann als „Flüsterhalle“ benannt. Erst jetzt, da die minimalistische kleine Halle restauriert wird, habe ich gelernt, dass es sich um ein gar nicht unbedeutendes Kunstwerk handelt. Der über Dresden und Deutschland hinaus weltweit bekannte Künstler Georg Karl Pfahler hat es unter dem Titel „Palaverhaus“ an dem speziell ausgesuchten Ort in der Johannstadt aufgestellt. Jetzt will ich wissen, warum gerade da, wo doch nichts los ist und inwiefern es ausgerechnet hierhin passt.

 

 

Inmitten von Grün ragt aus gelben, bauen, roten Balken der Pavillon. Fotos: Anja Hilgert

 

Städtisches Nirgendwo in Bewegung versetzen

Georg Karl Pfahler errichtete 1997 sein sogenanntes Palaverhaus im Zuge einer städtischen Förderung von Kunst im Stadtraum. Seine Farb-Raum-Plastik besteht aus den Grundformen Kreis, Drei- und Viereck sowie den Grundfarben Blau, Rot, Gelb im Gerüst und Schwarz beziehungsweise Weiss in der Kuppel. Das Palaverhaus ist ein Geschenk des Künstlers, das die Stadt für die Öffentlichkeit im Aussenraum verwahrt. 

Als pensionierter Direktor der Galerie Neue Meister im Dresdner Albertinum, nannte Ulrich Bischoff, der den Anschluss der Dresdner Museumslandschaft an die Gegenwartskunst maßgeblich vorangetrieben und inspiriert hat, die persönliche Begegnung mit Künstlern wie Georg Karl Pfahler als die wichtigste Bestätigung und Bestärkung seines oft angefochtenen Enthusiasmus für zeitgenössische Kunst.

Neue Kunst, die direkt vor Ort interpretiert werden kann. Foto: Anja Hilgert

Anstelle des Halbdunkel ein Pavillon

Beim Johannstädter Aufstellungsort des Palaverhauses handelt es sich um einen eher unattraktiv anmutenden, von Verkehrsachsen ausgesparten Fleck einer Grünanlage mit alten Eichen. Auf den umgebenden Straßenzügen verkehren vierspurig Autos, rauschen unzählige Fahrräder entlang und die Straßenbahn rattert. Spaziergängerinnen verschlägt es selten hierher. Erst dadurch, dass das eigenwillige Häuschen dort steht, kommt dem Nirgendwo Aufmerksamkeit zu.

Häufig übernimmt Kunst diese Funktion, Stellen des öffentlichen Raums zu beleben, die ansonsten leer, trist und verlassen wären. Auf den normgerecht aufgestellten Bänken treffen sich meist nur Gruppen, die sich wohl im Halbdunkeln fühlen.

Die dreidimensionale Form der Skulptur eignet sich vorzüglich, um unbewegten Raum zu aktivieren. Skulpturen enthalten immer die Einladung, sich um sie herum zu bewegen. Eine gut gelungene Skulptur bezieht den Betrachter körperlich mit ein, versetzt ihn dazu, seinen Standpunkt zu verlassen, andere Positionen einzunehmen, um einen Gesamteindruck zu erlangen.

 

Linien, die in den Raum ausgreifen              Foto: Anja Hilgert

 

Palaver anstatt koloniales Denken

In dem kleinen Park, am heutigen Sachsenplatz, wo sich das Palaverhauses befindet, stand bis unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein großes Kolonialkriegerdenkmal – als zweites Exemplar seiner Art in ganz Deutschland: Zu Ehren der Kolonialkrieger, die für Deutschland als Kolonialmacht im sogenannten Deutsch-Südwestafrika gekämpft und ihr Leben gelassen hatten. Im Januar 1947 war dieses Denkmal als kolonialistisch und kriegsverherrlichend erkannt und restlos beseitigt worden. Überreste des rückgebauten Kolonialkriegerdenkmals waren dennoch geborgen worden und sind bis heute in der Vorhalle der Garnisonskirche angebracht.

Somit tritt das Palaverhaus als künstlerische Interaktion vor Ort eine zeitgenössische Nachfolge an und bringt sich selbstermächtigt ins zeitpolitische Geschehen ein. Allein aus diesem Gesichtspunkt wirkt es anregend für gesellschaftliche Diskurse.

 

Dem blauen Würfel fehlt eine Ecke Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

 

30.000 Euro für den Erhalt

Da es sich bei dem Ausstellungsort um ein Aussengelände und bei den verwendeten Materialien um Holz und Glas handelt, ist das Kunstwerk entsprechend stark der Witterung ausgesetzt. Das Dach war zuletzt zersplittert und zerfetzt, und mit zu befürchtender Baufälligkeit war das Palaverhaus hinter absperrende Gitter gesetzt worden. Es war in den vergangenen Jahren nicht mehr zugänglich.

Wie das Dresdner Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft mitteilt, dient die derzeit laufende Instandsetzung der Wiederherstellung der Verkehrssicherheit und Nutzbarkeit und wird durch das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, gemeinsam mit dem Amt für Kultur und Denkmalschutz, durchgeführt: „Schwerpunkt der Arbeiten ist die Erneuerung des Daches und die Wiederherstellung der Tragfähigkeit der Balken und Streben. Zur Zeit sind knapp unter 30.000 Euro beauftragt,“ informiert Jörg Lange vom Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft. Das pavillonartige Objekt aus Balken und Streben mit gläsernem Dach sei „ein Angebot als Kommunikationsort“, teilt Lange weiter mit. Inzwischen hat das Häuschen ein neues prächtiges Dach erhalten, das hoffentlich lange gewertschätzt und gepflegt wird.

 

 

Eine Kuppel wie schwebend unter dem Himmelszelt Foto: Anja Hilgert
Sonnenwanderung durch die zwölf Segmente des Kreises. Fotos: Anja Hilgert
Die Witterung trübt schon mal das Zeitgefühl. Foto: Anja Hilgert

 

 

 

Ein Ort, der Dynamik und Ruhe auslotet

Entgegen seiner bautechnisch stabilen Konstruktion erscheint der Pavillon beim Näherkommen dynamisch und in sich beweglich. Im Zugang auf das Kunstwerk kippen die Linien, spreizen sich die Streben vermeintlich weit in den Raum, als optischer Effekt. Die farbigen, wie Mikadostäbe tanzenden Balken verleiten dazu, um die Skulptur herum, sogar durch sie hindurch zu gehen. Ein Besuch im Palaverhaus wird von selbst spontan und spielerisch. Es bildet sich ein Bezugsfeld, das zum Experimentieren einlädt.

Auf die kreisrunde gepflasterte Standfläche auf der Erde antwortet das runde lichtdurchlässige Kuppeldach, das über gelben Pfeilern im Inneren eines blauen Kubus ruht. Ruhe und Dynamik verschränken sich ineinander. In den Boden eingesenkte rote und himmelwärts aufstrebende blaue Dreiecke kreuzen sich wie zur Form eines Yantras, einer fernöstlichen Meditationsform, die auf geometrischen Grundformen beruht.

 

 

Der Erde zugewandt                Foto: Anja Hilgert

 

Himmelwärts geöffnet Foto: Anja Hilgert

 

 

Wo einst das kolonialistische Kriegerdenkmal stand, steht heute eine Raumskulptur, die an Ort und Stelle die offene Auseinandersetzung initiiert. Für Menschen, die es besuchen, wird das Palaverhaus zum Ort, der Dynamik und Ruhe kreativ auslotet. Er lädt ein zur Wahrnehmung von Bewegung, Bezug, Positionierung, Wechselspiel, Austausch und Reibung. 

Die Kuppel als Dach verstärkt die Akustik des Standorts und schafft einen klaren Klangraum, der zur Benutzung einlädt! Johannstädter*innen sind herausgefordert, ihre vielen Stimmen im Stadtteil verlauten, klingen zu lassen! Für mehr Palaver!

 

 

Erneuert und hoffentlich bald wieder frei zugänglich: Das Johannstädter Palaverhaus Foto: Anja Hilgert

 

 

Lebensnah palavern

Mitunter trägt der Begriff Palaver, vor allem im Deutschen einen leicht negativen Beigeschmack – gemeint ist das ewige Palaver als belanglos scheinende, sich im Kreis drehende Debatte, die ausser viel Wind nichts bringt.

In meiner moselfränkischen Heimat in Trier ist es ein gängiger Spruch zu jemandem, der viel Tumult und Aufhebens um eine so wichtig nicht scheinende Sache macht: „Mach net so en Balava!“ Auch Kinder, die lauthals und tollend um eine Sache zanken, machen „Balava“. Dieses Balava wird als unnötig eingeschätzt.

Beim Palaver als Form des offenen Austauschs geht es aber gerade darum, Turbulenzen und Unstimmigkeiten nicht zu unterdrücken, sondern alles zu Gehör zu bringen, was vorliegt, um eine tatsächlich umfassende Sicht aller Beteiligten zu erhalten. So kann eine Sache ohne blinde Stellen, für alle klärend ausgehandelt werden.

In allen alten Kulturen wurden regulär Zusammenkünfte gepflegt, bei denen zum Wohl der Gemeinschaft sämtliche Betroffenen gehört wurden, um die Gruppe entscheidungsfähig zu machen.

In vielen Kulturen Afrikas gilt das Palaver als Form von großem Gespräch, zu dem die Beteiligten in den Kreis gerufen werden. Es geht darum, vor Entscheidungen locker ins Reden miteinander zu kommen und dabei das Gegenüber, mit dem gemeinsam eine Entscheidung zu erringen ist, besser kennenzulernen. Palaver ist lebensnah, authentisch und unmittelbar.

Vom Wort her stammt Palaver vom Lateinischen Begriff parabola, der im Italienischen immer die erzählte Geschichte oder Erzählung meint, genauso wie im Portugiesischen palavra das Wörtliche oder Gesprochene der Rede meint.

Das Palaverhaus, wie es heute da steht, bietet die Möglichkeit, sich miteinander in aller Offenheit zurückziehen und ein Palaver abzuhalten, zum Begegnen, Kennenlernen und Kontakte-Knüpfen genauso wie zur Aussprache, um etwas auszuhandeln. Für die Johannstadt mit ihrer Vielfalt unterschiedlichster Menschen und kontroverser Stimmen ist das gegenwärtig tatsächlich ein Geschenk.

 

Offen für Johannstädter Palaver. Foto: Anja Hilgert

 

Über den Künstler und seine Kunst

Georg Karl Pfahler stammt aus Süddeutschland. Geboren 1926 in Bayern, gestorben 2002, studierte er an den Kunstakademien Stuttgart und Nürnberg, wo er später selbst als Professor unterrichtete. Für die Nachkriegsjahre im Europa der 1950er Jahre war künstlerisch die gegenstandslos figurative Richtung des Informel prägend. Auf ausgedehnten Studienreisen lernte Pfahler europaweit viele der berühmtesten Künstler seiner Zeit persönlich kennen.

Ab Anfang der 1960er Jahre reduzierte er seine bildnerischen Mittel immer weiter auf minimierte Farbgebung und geometrische Grundformen, um deren Beziehungen, Konstruktions- und Wirkungsweisen im Raum zu erforschen. Die innovativen Impulse des Abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei weckten sein Interesse, künstlerisch neue Dimensionen zu erforschen. In seiner Malerei folgte er den Wechselwirkungen von Form, Farbe, Raum und Oberfläche  und landete so im Stil des sogenannten Hard Edge. Als vielleicht weitverbreitetstes Werk des Hard Edge in Deutschland kann das später 1970 von Günter Fruhtrunk gestaltete Design der Aldi-Nord-Plastiktüte gelten.

Die Pioniere des Hard Edge waren amerikanische Künstler, die die internationale Kunstszene eroberten und die Pfahler z.T. persönlich kannte. In Deutschland blieb die Wahrnehmung zunächst weitgehend aus, da zahlreiche Künstler, die Juden waren, nach dem Krieg nicht darum eiferten, in Deutschland auszustellen. Pfahler dagegen vertrat mit seiner scharfkantigen, vereinfachten Malerei bereits ab Mitte der sechziger Jahre die Bewegung des Hard Edge und stellte als einziger zeitgenössischer deutscher Künstler gemeinsam mit den bekannten amerikanischen Malern dieser Richtung aus.

1970 vertrat Pfahler als einer von vier Künstlern die Bundesrepublik Deutschland auf der Biennale di Venezia und gestaltete mit großflächigen abstrakten Wandmalereien das Entrée des Deutschen Pavillons. Er erlangte mit seiner Malerei den Durchbruch auf internationalen zeitgenössischen Kunstausstellungen.

Georg Karl Pfahler blieb seiner künstlerischen Bildsprache sein Leben lang treu. Seine in der Malerei erkundeten Gesetzmäßigkeiten übertrug er in bildhauerische Objekte, z.B. in Form eines Teehauses im elterlichen Garten oder 1997 mit der Plastik des Johannstädter Palaverhauses.

Für den Ältestenrat des Deutschen Bundestags gestaltete er 1999 das Innere des Sitzungssaals im Reichstag in Berlin, sowie zahlreiche Fassaden und Wandflächen u.a. von Schulen.

Palaver in der Johannstadt

 

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Wer soll Dresdens neue Ehrenmünze 2021 erhalten?

eingestellt am 10.08.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Uneigennützigkeit und Freiwilligkeit im Engagement wird mit neuer städtischer Auszeichnung honoriert: Die Ehrenmünze wird erstmals in diesem Jahr verliehen. Foto: Andreas Tampe, Landeshauptstadt Dresden

 

Mit der dritthöchsten Dresdner Auszeichnung ruft die Stadt und mit ihr der Oberbürgermeister auf zur außerordentlichen Bekanntgabe und Würdigung herausragenden ehrenamtlichen Engagements. Die Bevölkerung aller Stadtteile ist aufgerufen, mitzuwirken und Vorschläge einzubringen, wer als unter uns lebende einzelne Person uneigennützig Herausragendes leistet.

 

Wer soll Dresdens neue Ehrenmünze 2021 erhalten? Wer sind – womöglich aus unserem Stadtteil – die Menschen, die uneigennützig Großes vollbringen?

Oberbürgermeister Dirk Hilbert will bis zu zehn verdienstvolle Dresdner Personen mit der dritthöchsten Dresdner Auszeichnung, der erstmals zu verleihenden Ehrenmünze offiziell würdigen. Er bittet um zahlreiche Vorschläge an sein Büro: „Wenn Sie einen engagierten Menschen kennen und für auszeichnungswürdig halten, schreiben Sie mir bitte. Ich freue mich, dass wir mit der neuen Ehrenmünze die Möglichkeit haben, ehrenamtliches Engagement in der Landeshauptstadt Dresden zu würdigen.“

Gewürdigt wird, dass sich Bürger*innen in herausragender Weise freiwillig und uneigennützig im Stadtleben oder für ihre Mitmenschen einsetzen. Vorschläge zur Würdigung ehrenamtlichen Engagements können bis Dienstag, 31. August 2021, schriftlich an das Büro des Oberbürgermeisters eingereicht werden:
Mit vollständig ausgefülltem und unterschriebenem Formular von der Internetseite
per E-Mail an oberbuergermeister@dresden.de oder
per Post an die Landeshauptstadt Dresden, Büro des Oberbürgermeisters, Postfach 12 00 20, 01001 Dresden.

Das Vorschlags-Formular findet sich mit weiteren Informationen online unter www.dresden.de/ehrenmuenze.

 

 

Freiwillig Verantwortung tragen und etwas bewegen

Das Ehrenamt kann ganz unterschiedlich ausgerichtet sein: Es kann herausragendes Engagement im Sport, im Arten-, Natur- und Denkmalschutz bedeuten oder den besonderen Einsatz in Schule und Bildung oder zum Schutz von Menschenleben und für soziales Miteinander. 

Die Ehrenmünze würdigt freiwillige soziale Aufgaben wie beispielsweise in der Unterstützung für Kinder, Jugendliche, Familien, ältere Menschen oder bei Krankheit und Erfahrung von Leid, für Nachbarschaft, Obdach und Orientierung und mitmenschliches Zusammenleben.

Es könnte ebenso der Einsatz in einem Verein, einer Initiative, einem Projekt, einer politischen Stiftung, einer Kirchgemeinde oder einem anderen Tätigkeitsfeld sein – jede Anregung aus der Einwohnerschaft ist willkommen. 

Wer also einen auszeichnungswürdigen Menschen kennt, der in seiner Freizeit über viele Jahre hinweg oder besonders aufopferungsvoll und uneigennützig eine wichtige, stützende Aufgabe übernommen hat, der sollte sich nicht scheuen, die oder den Mitmenschen jetzt vorzuschlagen. 

 

Von der Gestaltung der Münze zur Verleihung der Ehre

Die Verleihung der Ehrenmünze war 2018 vom Stadtrat beschlossen worden und findet Ende dieses Jahres 2021 erstmals statt. Die Ehrenmünze ist, nach dem Ehrenbürgerrecht und der Ehrenmedaille, die dritthöchste Auszeichnung der Landeshauptstadt Dresden und wird in diesem Jahr erstmals, in der Folge dann jährlich vergeben.

 

Dritthöchste Auszeichnung der Stadt Dresden: Foto: Andreas Tampe, Landeshauptstadt Dresden

 

Die Auszeichnung aus massivem Silber hat einen Durchmesser von 5 Zentimetern und wiegt 60 Gramm. Sie wurde von Tilo Kügler entworfen, der damit den 2018 von der Landeshauptstadt ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat. Tilo Kügler (geboren 1963) ging als ausgebildeter Meißener Porzellanmodelleur seinen weiteren künstlerischen Weg als Medailleur und legte als Bildhauer für Kleinplastik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden sein Studium ab. Heute arbeitet er als Produktentwickler in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH.

Seine Gestaltung der Dresdner Ehrenmünze zeigt auf der Vorderseite die Silhouette der Dresdner Frauenkirche in organischer Form zusammen mit einem naturalistisch dargestellten Lorbeerzweig als Symbol für bürgerschaftliches Engagement unter dem Wahrzeichen Dresdens. Die Darstellung fußt auf dem deutlich zu lesenden Schriftzug DRESDEN. Auf der Rückseite ist unter Lorbeerblättern der Schriftzug eingeprägt: „FÜR VERDIENSTE IM EHRENAMT DER OBERBÜRGERMEISTER“.

Ausschließlich lebende Personen können sie empfangen. Eine Jury aus sieben sachkundigen Persönlichkeiten und jeweils einem Mitglied der im Stadtrat vertretenen Fraktionen prüft die Vorschläge und trifft die Auswahl. Für die Verleihung im Dezember wird es einen feierlichen öffentlichen Rahmen geben.

 

Weitere Informationen: 

Formular, Auskunft zur Ehrenmünze und die vom Stadtrat beschlossene Satzung unter www.dresden.de/ehrenmuenze  

Undine geht zu Wasser – Der Pegelstand der Elbe steigt

eingestellt am 21.07.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: der aktuelle Wasserpegel ist noch nicht alarmauslösend, auch nicht für brachliegende Wassernymphen. Foto: Birgit Kretzschmar
Am Elbufer unweit des Johannstädter Fährgartens scheint die metallene Undine gestürzt zu sein. Der Elbpegel steigt – besteht Gefahr für die Skulptur? Das fragte sich eine Leserin und wandte sich an die Stadtteilredaktion.
Mit den Worten „Guten Morgen liebe Stadtteilredaktion“ hat in unserem Postfach die Woche begonnen. Darin liegt eine Sorge bekundet angesichts der immer breiter werdenden Elbe: Die Sorge um den steigenden Pegelstand. Der Fluss führt schon seit Tagen stetig steigend Hochwasser. Nicht nur die Dampfer scheinen im Strom der Wassermengen flussabwärts schneller zu fahren, auch ganze große Baumstämme und Horste an Treibgut schwimmen in der Fahrrinne mit beachtlicher Geschwindigkeit gen Hamburg und der Elbmündung zu.

Orte stiller Bindung

Die Sorge am Johannstädter Ufer betrifft zwei Standorte, wo nahe am Wasser zwei Kunstwerke erreichtet sind. Auf unterschiedliche Weise sind diese beiden Kunstwerke bedeutsam und haben speziell eine besondere Bedeutung für einzelne Menschen, die hier in der Johannstadt zu Hause sind. Orte, die aufgrund solcher stillen Bindungen häufig und regelmäßig besucht werden, haben eine Ausstrahlung. Im Verweilen dort vor Ort wird spürbar, dass ihnen Bedeutendes innewohnt, auch wenn ihnen das äußerlich vielleicht gar nicht abzulesen oder anzusehen ist.

Ein ‚gefallenes Mädchen‘

Das eine Werk ist die künstlerisch geschaffene Skulptur von Angela Hampel am Johannstädter Elbufer – eine Frauengestalt, die ihre mythische Geschichte einer Wassernymphe, die an Land gegangen ist, erzählt.
Die Nachricht im Postfach ist ihr gewidmet und sie stammt von Birgit Kretzschmar, die als leidenschaftliche, professionelle Reisende keine tiefen Wasser scheut, sondern emphatisch ums Wohl der feingliedrigen Plastik bangt, die ihrem Wesen nach dem Wasser ja zugehörig ist:
„Zur Zeit ist unsere Johannstädter Undine ein „gefallenes Mädchen“ und liegt bäuchlings am Elbufer. Das Wasser blubbert ihr schon fast in die Ohren.
Ob sie – so dort liegend – den Wassermassen standhalten kann, wenn der Pegel steigen sollte?“, fragt die Johannstädterin.

Undine wird bleiben

An der hoch aufrechten Stahlskulptur, die mit dem Titel „Undine geht“ flussnah am Ufer errichtet wurde, befindet sich vorsorglich ein Klappmechanismus, der ermöglicht, das Kunstwerk bei Hochwassergefahr nieder zu legen. Damit sich die reissende Elbe nicht am Widerstand fängt und kein Treibgut daran anstaut, ist die Undine der Fließrichtung angepasst und in dieser Woche vorsichtshalber waagerecht zu ihrer Verankerung abgelegt worden.
Das spricht für einen erhöhten Wasserstand, jedoch in Dresden nicht für Hochwasseralarm. Die Elbe führt diese Woche einen Wasserstand von circa 3,08 Meter, das ist selbst für brach liegende Wassernymphen nicht besorgniserregend.

Container-Kiosk : Auftakt zur Ortserkundung auf dem Grundstücksgelände fürs neue Stadtteilhaus

eingestellt am 15.07.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Eine mobile Anlaufstelle in Gestalt des Kunst-Container-Kiosks eröffnet auf dem zukünftigen Stadtteilhaus-Gelände Foto: Anja Hilgert

Am Samstag startet die soziokulturelle Aktionswoche des UTOPOLIS-Projektes, mit dem der Johannstädter Kulturtreff eine erste Annäherung unternimmt an den in drei Jahren anstehenden Umzug und Ortswechsel ins zukünftige neue Stadtteilhaus der Johannstadt, das im Entwurf der Dresdner AKL Architektenkooperation L10 & Jordan Balzer Schubert Architekten  öffentlich vorliegt. Ein temporärer Container-Kiosk erteilt Auskunft und eröffnet einen Raum für Anregungen, Angebote und Interessen.

   

Kleiner, mobiler Informations- und Ausstellungs- Kiosk

Beschattet unter Bäumen, im Übergang von Parkplatz zu Grünfläche steht ein kleiner, schon etwas in die Jahre gekommener Container auf dem Grundstück für das neue Stadtteilhaus an der Pfeifferhannsstraße. Er steht dort noch wartend, wie abgestellt. Seine Tür ist vorerst noch verschlossen und wenn man durchs Fenster reinschaut, befindet sich nichts in seinem Inneren. Lediglich an der Schauseite zur offenen Grünfläche hin sind Plakate an die Außenwände angebracht: Grundrisszeichnungen des neu entworfenen Stadtteilhauses, das in etwa vier Jahren hier einmal stehen soll. Und die Einladung, darüber in Aktion zu treten.

 

Lageplan und Grundriss Erdgeschoss des neuen Stadtteilhauses (Quelle: AKL | L10 und Jordan Balzer Schubert Architekten)
Grundriss Obergeschoss des neuen Stadtteilhauses (Quelle: AKL | L10 und Jordan Balzer Schubert Architekten)

Akrobatik beim Aufstellen des Containers

Die Ankunft des Containers war ein akrobatisches Schaustück. Wie so oft im Leben, reichten die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen nicht aus, um einen einwandfreien Ablauf zu garantieren: Das vorübergehende Parkverbot auf den Stellplätzen vor der Zuliefereinfahrt wurde glücklicherweise eingehalten, doch da, wo gar kein ordnungsgemäßer Parkplatz ausgewiesen ist, war ein kleines orangerotes Auto abgestellt und versperrte dem anliefernden LKW geradewegs die Zufahrt zum Grundstücksgelände.

Umdenken war angesagt. Der erste Schritt aufs neue Gelände des zukünftigen Stadtteilhauses musste über das starrsinnig parkende Auto hinweg mit einem Kran erfolgen. Der hob den Container durch die Luft und unter der Baumkrone hindurch, so dass dieser von oben auf dem neuen Baugrund landete. Ein kurzes Ausbalancieren von Hand mit der Wasserwaage und einigen untergeschobenen Platten sorgte fürs nötige Gleichgewicht. Das hinderliche kleine Auto steht seither unbewegt als Dauerparkfahrzeug auf der rückwärtigen Seite und tut weiter so als sei nichts gewesen.

 

Ein übrig gebliebenes, unbewegbares Fahrzeug in der Zufahrt Foto: Anja Hilgert
Neuer Anlauf für die Anlieferung Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

Gut gesicherter Schwebezustand Foto: Anja Hilgert

 

Ausfahren des verlängerten Arms Foto: Anja Hilgert

Handhabe mit Feingefühl Foto: Anja Hilgert
Alles in Waage Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

Die Kunst der Ortserkundung

Der Container-Kiosk ist ein künstlerisch installierter Ort.
Er hat keinen festen vorbestimmten Zweck, sondern gibt eine Form und versammelt, was vor Ort da ist. Er dient mit seinem Dasein dieses Ortes, an dem er steht. Jetzt ist es die Park- und Grünfläche der Johannstädter Pfeifferhannsstraße, die für den Stadtteil jetzt von allgemeinem Interesse ist, da das Stadtteilhaus dort gebaut werden wird.

Der Container heisst „mobiler Informations- und Ausstellungskiosk“ und wurde im Jahrtausendwendejahr von den beiden Künstler*innen Adam Page und Eva Hertzsch entwickelt. Vor also bereits 20 Jahren schufen sie damit künstlerisch eine Anlaufstelle für solche Orte im öffentlichen Raum, wo Auseinandersetzungen, Diskussionen und Konfrontationen zu Stadtentwicklung, Zukunftsthemen und alternativen Handlungsformen geführt werden konnten.

Der Container stand in seiner bisherigen Lebenszeit bereits an vielen Orten vom Zentrum bis zum Rand der Stadt Dresden, auch im weiteren Umfeld bis Görlitz. In den 2000er-Jahren der Dresdner Stadterneuerung waren es Brennpunkte wie der Altmarkt, die Königsbrückerstraße, die Prager Straße, Prohils, der Postplatz, die Schauplätze strittiger stadtplanerischer Auseinandersetzungen waren. Geführt wurden sie mit hoher bürgerschaftlicher Beteiligung.

Für ein Jahr vor Ort im Gelände

Der Container wirkt wie eine Zentrale. Er steht dafür bereit, von der breiten Öffentlichkeit, durch Anwohner*innen, Neugierige und Passanten, genutzt zu werden. Er bringt eine Chance, die Aufmerksamkeit zu lenken und Menschen einzubeziehen: „Wenn etwas passiert und eine Erwartung da ist, – schon ab dem Moment bringt man etwas in Bewegung und schafft eine Schnittstelle für Gemeinsames“, berichtet Eva Hertzsch aus ihrer Erfahrung.

Alle stattfindenden Begegnungen, Gespräche, Aktivitäten während der Standzeit des Containers tragen dazu bei, mehr und mehr sichtbar und erlebbar zu machen, welche Themen mit Blick auf den betreffenden Ort wirklich relevant und wichtig sind – für das Zusammenleben, das gesellschaftliche Miteinander vor Ort. „Als Künstler*innen sind wir privilegiert, wir können losgehen und solche öffentlichen Dinge widerspiegeln, die sonst im Stadtraum unbesehen vollzogen werden“, sagt Eva Hertzsch.

Der Container ankert mit einer Sondernutzungsgenehmigung für ein Jahr lang an der Stelle, wo das Stadtteilhaus für die Johannstadt gebaut werden wird. Die Bewohner*innen des Stadtteils können ihre damit verbundenen Anregungen an den Ort herantragen. Der Container-Kiosk ist da. Er wird in dem Jahr, in dem die Fläche noch unberührt bleibt, an Ort und Stelle sein und kann mit allem bespielt und gefüllt werden, wofür Bewohner*innen Interesse und Ideen aufbringen: „Da kann man das anbringen, was einem am Herzen liegt“, ermuntert die Künstlerin.

 

Perspektivwechsel fürs Stadtteilhaus

Plattenwechsel.Wir in Aktion heisst die Programmreihe, mit der Projektleiterin Meike Weid in Kooperation mit stadt:wirken GbR den Fokus aufs Stadtteilhaus legt.  Eine Woche lang sind  Um- und Anwohnende eingeladen, kennenzulernen, auszuprobieren, einzubringen, mitzugestalten, welche Reichweite und welche Rolle das neue Haus für den Stadtteil und seine Bewohner*innen spielen kann.

Somit dient die Aktionswoche einer regelrechten Bedarfsanalyse des Johannstädter Kulturtreff, der als etabliertes soziokulturelles Zentrum für die anstehende Zukunft im Stadtteil wissen will, was Interessen und Bedürfnisse seines Zielpublikums sind.

Eine Woche sommerlicher Aktionsraum

Eine sommerliche Woche lang ist Raum: Zum Verweilen, zum Schauen, Nachfragen, zum Reden und Zuhören, zum Vernetzen und Verbinden, zum Kontaktaufnehmen, Pläneschmieden, Teilen, Entwickeln neuer Ideen, Gedanken und Aktionen.

Das Programm ist mit Bedacht nicht lückenlos gefüllt, sondern soll über die sieben Tage frei erweitert und zusätzlich bespielt werden, sobald sich jemand findet und einen zusätzlichen Programmpunkt oder ein weiteres Angebot schafft: Ob Mosaik-Workshop, Improvisationstheater, Tai Chi, Qi-Gong und Schwertkampfkunst oder Singen, Stricken, Upcycling und Songwriting – die Aktionswoche ist eine riesengroße Einladung an jedes Alter, einen Schritt zu wagen, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben und Freude an Neuem zu haben.

Ob beim Schachturnier oder beim „speed dating“ mit dem Verein oder der Initiative Deiner Wahl – es sind Ansprechpartner*innen andauernd vor Ort und viele Andere, Unbekannte, die dazu kommen. Der Raum ist offen. Es entsteht Neues.

…alles im Programm ist regelmäßig unterfüttert und versorgt von gemütlichen und genussreichen täglichen Kaffeezeiten. Sitzmöglichkeiten sind reichlich vorhanden. Der Zugang ist barrierefrei und offen für alle.

Am Sonnabend öffnen sich Tür und Fenster des Containers für gelebte Johannstädter Stadtteilkultur.

 

Weitere Informationen

 

 

Was lokale Partizipation bedeutet – oder : Den ganzen Stadtteil lesen auf johannstadt.de

eingestellt am 06.07.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Die richtigen Worte im rechten Moment zu finden, ist die Kunst der Verständigung. Darin übt sich die Stadtteilredaktion in ihrem Projekt eines Stadtteilmagazins für die Johannstadt Foto: Anja Hilgert

 

Die Johannstadt hat Einiges, was nicht jeder Stadtteil Dresdens hat.
In der jüngsten Vergangenheit wurden neuartige Verbindungen hergestellt, die den Stadtteil als gemeinsamen Bezug haben: Stadtteilplattform, Stadtteilverein, Stadtteilladen, Stadtteilbeirat, Stadtteilfonds und Stadtteilredaktion sind Neugründungen in der Johannstadt, bei denen der Stadtteil im Zentrum steht als gestaltbarer Identifikationsraum der Menschen, die hier leben und arbeiten.

Für viele Bewohner*innen der Johannstadt ist das lokal gestaltete Stadtteilmagazin eine feste Bezugsquelle für Nachrichten direkt aus dem unmittelbaren Lebensumfeld.
Ein nun neu installierter Spendenknopf auf der Stadtteilseite johannstadt.de gibt Anlass und Motivation, einmal den Werdegang und die Zusammenhänge vor, mit und hinter der in Johannstadt tätigen Stadtteilredaktion zu beleuchten.

Zwei Stränge für den Stadtteil

Wie zwei Stränge derselben Sache besteht das Stadtteilmagazin für die Johannstadt
einmal aus einem digitalen tagesaktuellen Onlinemagazin auf johannstadt.de,
einem Projekt des Stadtteilvereins Johannstadt e.V. und darüber hinaus in Form der ZEILE aus einer zweimal jährlich erscheinenden Druckausgabe – einer Kooperation der Online-Redaktion mit dem Projekt UTOPOLIS des Johannstädter Kulturtreffs e.V.

Großformatig kündigten die Dresdner Neusten Nachrichten (DNN) am 16. Juni 2021 die zweite Ausgabe der ZEILE an und verhalfen dem gesamten Stadtteilmagazin dadurch zu weiterer Bekanntheit in der Johannstadt und über ihre Grenzen hinaus. Doch, um dem innovativen Anspruch des Teams hinter den Kulissen von johannstadt.de und ZEILE gerecht zu werden, verlangt die positiv motivierte Darstellung auf den Lokalseiten der Zeitung auch nach einer Klarstellung.

Geburtsstunde einer Stadtteilredaktion in Johannstadt

Zunächst geht es um die Stadtteilredaktion. Sie ist ins Leben gerufen worden durch Philine Schlick, die Ende 2019 ihre Sinne an der rechten Stelle offen hatte, um zu hören, dass aus dem Umkreis des Stadtteilvereins Johannstadt und des Quartiersmanagements Nördliche Johannstadt immer wieder die Rede auf den Wunsch nach einem Magazin fürs Viertel gekommen war.

 

Stadtteilrelevante Nachrichten für die Johannstadt gebündelt auf johannstadt.de. Foto: Anja Hilgert



Als Journalistin und freie Autorin brachte sie genügend gesammelte Erfahrung und auch reichlich selbstmotivierte Neugier mit, um das Begehr in die Tat umzusetzen: Das Onlinemagazin johannstadt.de wurde geboren. Hier wird berichtet, referiert und informiert über stadtteileigene Ereignisse, Aktivitäten, Neuerungen und es bietet Raum für bewegende Geschichten von Menschen und Orten in der Johannstadt, die die Bewohner*innen untereinander und mit ihrem Stadtteil vernetzen.

 

Draufsicht,  ….
Details….

 

 

 

 

 

 

und der Blick hinter die Kulissen stehen im Blick der Stadtteilredaktion
Fotos: Anja Hilgert
Hintergründe…. © Feuerwehr Dresden

 

 

 

 

 

 

 

Das Magazin folgt der Idee, eine informative Plattform zu sein für Mitteilung, Austausch und Diskurs von und für Menschen in der Johannstadt.

Die Umsetzung wurde möglich durch einen Projektantrag bei dem im Rahmen der Zukunftsstadt Dresden eingerichteten Stadtteilfonds.
Dieser Fonds städtischer und gestifteter Gelder wird vom Stadtteilverein Johannstadt e.V. verwaltet, um motivierten Bürger*innen und Einrichtungen zur Verwirklichung eigener nachhaltiger Projekte für mehr Lebensqualität in der Johannstadt eine finanzielle Unterstützung an die Hand zu geben. Wer Geld für seine Idee bekommt, entscheidet der demokratisch organisierte Stadtteilbeirat, so auch im Fall der Förderanträge der Stadtteilredaktion im Herbst 2019 und für das Folgejahr 2020.

 

Der Stadtteil schreibt ZEILE

Als im Mai 2020 die Stadtteilplattform qm-johannstadt.de vom Quartiersmanagement Nördliche Johannstadt in die Trägerschaft des Stadtteilvereins Johannstadt überging und zu johannstadt.de wurde, war die Stadtteilredaktion bereits fest im Sattel. 

Seit Herbst des Vorjahres war Anja Hilgert als zweite feste Schreiberin zur Redaktion dazugestoßen. Ein damals von Anwohner*innen organisiertes und ebenfalls vom Stadtteilbeirat gefördertes Hofflohmarkt-Fest im Hinterhof der Tenza-Schmiede war für sie zur ersten Berichterstattung geworden, die das weitere Engagement für johannstadt.de ins Rollen brachte. 

Eine im Frühjahr 2020 folgende Begegnung im Rahmen der Infoveranstaltung zur Sozialen Stadt Nördliche Johannstadt mit Meike Weid als Projektleiterin von UTOPOLIS beim Johannstädter Kulturtreff e.V. begeisterte die Kunstwissenschaftlerin für das Vorhaben, Soziokultur im Stadtteil mithilfe künstlerischer Formate zu fördern. Sie erklärte sich bereit, an der Realisierung einer Printausgabe des Stadtteilmagazins mitzuarbeiten.

In dieser Schnittmenge kam es zum Handschlag für das gemeinsame Printmagazin, vorerst für die Nördliche Johannstadt: Als Förderprojekt im Rahmen von UTOPOLIS wurde die ZEILE selbst ein Beitrag zu Begegnung, Austausch und Partizipation im sozialen und kulturellen Stadtteilleben der Johannstadt, ein Mitmach-Format, in dem der Stadtteil selbst seine vielfältige(n) Geschicht(n) schreibt. 

 

 

Das Stadtteilmagazin ZEILE landete im Dezember 2020 in der Johannstadt Foto: Anja Hilgert
Das Cover der aktuellen Zeile im Dezember 2020. Foto: Anja Hilgert
Das Cover der Erstausgabe im Dezember 2020. Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

 

Das für drei Jahre gebahnte Förderprojekt macht den Johannstädter Kulturtreff e.V. zum Herausgeber des zweimal jährlich erscheinenden und rund 44 Seiten umfassenden Stadtteilmagazins ZEILE. Umgesetzt wird das Projekt aufbauend auf johannstadt.de.

Die Stadtteilredaktion übernimmt die Sichtung der Inhalte, die ihrerseits direkt aus der Beteiligung von Menschen im Stadtteil stammen und so Ausschnitte aus dem täglichen Stadtteilleben spannend und informativ wiedergeben.
Geschrieben, gezeichnet, bebildert, geteilt von Johannstädter*innen für Johannstädter*innen. Wer mitmachen will, ist jederzeit herzlich willkommen!

 

Die aktuelle zweite Ausgabe der ZEILE liegt im Stadtteil kostenfrei erhältlich aus Foto: Anja Hilgert

 

Ein Teil gegenwärtigen Lebens in diesem Teil der Stadt sein

Sowohl johannstadt.de als auch die ZEILE leben von vielfältigem überwiegend ehrenamtlichem, freiwilligem, beherztem Engagement, das sich über mehrere Hände und verschiedene Köpfe verteilt.

Es ist nicht Luxus, wie manche munkelnd mutmaßen, der zu diesem Engagement antreibt. Die, die hier beteiligt sind, sind quer über den Stadtteil verteilt und als Menschen sowohl altersmäßig als auch familiär, kulturell, sozial und letztlich finanziell sehr unterschiedlich aufgestellt: Freiberuflich, pensioniert, Minijob, prekär angestellt, Vollverdienst, Festanstellung, Familienleben, soloselbständig, alleinstehend, geschieden, verheiratet, älter, jünger, schon immer Johannstadt oder erst seit ein paar Jahren, alteingesessen oder zugezogen – es regiert hier kein allgemeines Maß.
Was uns in aller Verschiedenheit miteinander verbindet, ist das Verständnis, gegenwärtig ein Teil des Lebens in diesem Teil der Stadt zu sein. 

Die Begriffe Chef und Chefin kommen in diesem Modell miteinander bewerkstelligter Zusammenarbeit nicht vor. Das vernetzte Ganze entsteht in seiner Vitalität erst durch alle Teile. Deshalb wirbt die Stadtteilredaktion immer weiter für Mitschreibende, die das Ganze, ob online oder in gedruckter Version, mitgestalten möchten: Das macht die Vielfalt, den Variantenreichtum, die Beweglichkeit, die Andersartigkeit, die Überraschungen und spontanen Einfälle aus, die Zeile für Zeile aufs Neue entstehen.

 

Schönheit, …
Erlebnis, …
Besonderheit, …
Zusammenhalt … sind Aspekte im nachbarschaftlichen Entdecken des Stadtteils Fotos: Anja Hilgert

Netzwerk und die Teile eines Ganzen

Die Stadtteilredaktion ist ein offenes Projekt bürgerschaftlichen Engagements: Für ein aktives, inklusives und partizipatives Stadtteilleben, das möglichst allen Johannstädter*innen ein Forum sein will für Information und Austausch, des gegenseitigen Respekts und offener Begegnungen. 

Lebens- und Schaffensfreude sind ein Antrieb, sich den eigenen Stadtteil schreibend erfahrbar zu machen.  Dieser aus unterschiedlichen Perspektiven erschriebene und beschriebene Stadtteil stellt sich repräsentativ in den Stadtteilmedien johannstadt.de und ZEILE dar.

Insbesondere durch die vom Quartiersmanagement vorbereitete gute Vernetzung zu Akteuren, Initiativen, Zirkeln, Kreisen, Runden und Privatpersonen im Stadtteil konnten Online- und Printmagazin bereits im ersten Jahr ihres Bestehens gut Fuß fassen. 

Das Quartiersmanagement Nördliche Johannstadt, das die Internetseite für die Johannstadt ins Leben gebracht und strukturiert hat, bestückte die Stadtteilplattform von 2015 bis zum Zeitpunkt der Übertragung mit regelmäßigen Veröffentlichungen. Die zu einem eigenen Archiv angewachsenen Inhalte in den angelegten Rubriken für Veranstaltungen, Angebote, Menschen, Orte wurden vom Stadtteilverein übernommen und von der Stadtteilredaktion durch einen nahezu täglich aktualisierten Blog über das Stadtteilleben erweitert. 

Damit soll über die absehbar endende Soziale-Stadt-Förderperiode und über den Wirkungsbereich des Soziale Stadt-Fördergebietes Nördliche Johannstadt hinaus ein lokales Informationsmedium für den ganzen Stadtteil etabliert werden.

Die im Grunde noch junge, doch dank der Vielfalt der Mitwirkenden bereits erfahrene Stadtteilredaktion liefert auf professionellem journalistischen Niveau informative, sachliche wie lebensalltägliche Berichterstattungen und beleuchtet mit Charme und Stimmenvielfalt Themenstellungen aus sämtlichen Ebenen der Stadtteilarbeit und des Lebens, wie es sich lokal in der Johannstadt zeigt.

 

Den direkten Draht in die Johannstadt hat die Stadtteilredaktion Foto: Anja Hilgert

Reife und ein Spendenknopf

Wie die Erfahrung mit Kindern lehrt, vergeht die Zeit des Heranwachsens wie im Flug und Babys sind nur ganz kurz, Kleinkinder vielleicht etwas länger, im Schutz elterlicher Obhut. Zu schnell eigentlich und allzu bald kommt der Moment, wo es sich anzeigt, dass sie eigenständig ihren Weg weitergehen wollen und sollen. Das gleiche Schicksal trifft die Stadtteilredaktion. 

Die Projektförderung neigt sich einem Ende. Damit verlässt die Redaktion ihren finanziell gesicherten Hafen und treibt schon jetzt in Richtung offenes Meer. 

Was aufgebaut worden ist und gerade freudvoll seine Entfaltung erfährt, mit einem Bekanntheitsgrad im Viertel, der positives Echo zurückträgt, mit einer Vernetzung, die reichhaltig gelebte Geschichten im Stadtteil der früheren und heutigen Johannstadt aufleben lässt, das möchte weiter fortbestehen. Wir sind munter dabei! Bist Du mit unterwegs oder gar mit von der Partie?

So wird das nächste Kapitel, das die Stadtteilredaktion zu schreiben hat, gerade skizziert.
Der neu installierte Spendenknopf ist eine Möglichkeit, die redaktionelle Arbeit durch einen finanziellen Beitrag zu unterstützen. Hier können sich große und kleine Unterstützer*innen einbringen, die, auch ohne selbst zu schreiben, für den wachsenden Stadtteil Johannstadt eine fundierte lokale Berichterstattung sinnig, nötig, kreativ, niedrigschwellig, bereichernd, bildend, erfrischend, wertvoll, nachhaltig, innovativ, förderlich oder belebend finden und schlichtweg gutheißen, dass es sie gibt: In Form von johannstadt.de und der ZEILE. 

 

Mitmachen ist einfach und nur einen Klick entfernt 

Die Themen der Johannstadt sind unentdeckt wie die Steine am Elbestrand –
 alles ist einen – ist Deinen Blick wert! 

  • – – -Schreibst Du selbst ?  – – –
    Dann reiche Deinen Beitrag bei der Redaktion ein: 500 – 1000 Wörter sind schon ein Beitrag!

– – – Magst Du erzählen ? – – –
Die Geschichte kannst Du mit uns gemeinsam entwerfen, wir helfen mit Worten! Dann melde Dich, wir sind bereit für ein Treffen zu Deinem Thema aus der Johannstadt!

 – – – Hast Du sonst eine Idee? – – –
Dann teile sie mit uns!

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Hütest Du alte Fotos und willst sie aus der Kiste daheim befreien?

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Magst Du Geschichten erzählen, die Dir Bilder oder Dinge in Erinnerung rufen,
die Du zuhause hast?

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Hattest Du neulich eine schöne Begegnung in Deiner Nachbarschaft?

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Hast Du etwas Seltsames erlebt in der Johannstadt?

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Welche Fragen beschäftigen Dich?

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Über was machst Du Dir Gedanken, die vielleicht
die Stadtteilredaktion mit Dir bewegen könnte?

 

Rückmeldungen aller Art an redaktion@johannstadt.de

 

Weitere Informationen zu Partizipationsmöglichkeiten in der Johannstadt

  • redaktion@johannstadt.de
  • Stadtteilfonds Johannstadt

Neueröffnung Döner Haus Zaza am Bönischplatz

eingestellt am 03.07.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Aussen und innen neu: Die Räumlichkeiten des Döner Hauses am Bönischplatz öffnen ihre Türen mit Eröffnungsangeboten Foto: Anja Hilgert

 

Als wäre der Sandsteinsockel des denkmalgeschützten Eckhauses am Bönischplatz nur für diesen Auftritt fertiggestellt worden, eröffnete zum Monatsauftakt ein neues Ladengeschäft im Nachbareingang derselben Hausfassade.
Ein Steinmetz hatte die ganze Woche über noch Hand angelegt und mit Hammer und Meißel von Hand die Feinarbeit an der Sanierung der steinernen Fassade geleistet. Jetzt brüstet sich der Sockel wieder hell und sandfarben und ordnet mit sauber geschliffenen Fugen das Erscheinungsbild des Hauses licht und freundlich in den neu gestalteten Platz ein. Im zweiten Hauseingang auf dieser Straßenzeile feiert vom ersten bis neunten Juli ein neues Imbiss-Restaurant Eröffnung!

Schick im Hochparterre

Neueröffnet ist das Ladengeschäft, das sich im Hochparterre befindet. Ganze vier Monate Vorbereitungsarbeit sind dort hinein geflossen. Wo zuvor ein nur noch selten aufgesuchter Dönerladen in seinen letzten Zügen ein zunehmend trauriges Dasein gefristet hatte, ist neuer Wind eingekehrt.
Übers Frühjahr hat ein Besitzerwechsel stattgefunden, der hinter verhangenen Fenstern die Entkernung des alten Ladens veranlasst und von den Grundmauern auf eine aufwändige Neueinrichtung getätigt hat. 16 Wochen lang war immer mindestens ein Mann, wenn nicht eine kleine handwerkliche Belegschaft in dem leerstehenden Laden am Arbeiten, bis alles wie aus einer Hand fertig war: „Ganz freundlich“ soll es aussehen und auch sein, sagt der neue Betreiber.

Der Raum ist neu erschlossen, vergrößert, ausgebaut worden. Großflächige Fliesen, in Marmor und Granitoptik, viel Weiß und reinliche Wände offerieren einen Empfangsraum mit Theke, dahinter mit Einblick in die rückseitig liegende Küche. Eine ausladende, gepolsterte Sitzgruppe ist um die Ecke gebaut und macht den vorderen Raum zu einem Gastraum mit vier bis fünf Tischen und hochbeinigen Stühlen. Von der hohen Decke strahlt in indirektem Licht ein magisches Blau und versetzt die Restaurantbesucher*innen in einen angespielten Sehnsuchtsort am Meer. Über allem schallert türkische Popmusik und der Plastik-Dönerspieß im Fenster dreht sich zur Melodie.

 

Mit neu sanierter Hausfassade auch ein neuer Hauseingang: Das Zaza Döner Haus feiert Neueröffnung Foto: Anja Hilgert
Großer Aufgang über Treppenstufen ins Innere des Döner-Tempels. Foto: Anja Hilgert
Tische raus aufs Straßenpflaster – Der Bönischplatz wird neu belebt Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

Mutterworte

 

„Zaza“ steht als Schriftzug auf jeder Rückenlehne der Bestuhlung. Zaza tragen die Männer, die hier arbeiten, auf den T-shirts über ihrer Brust. Zaza ist eine neue Überschrift am Bönischplatz und gibt dem neuen Imbiss-Restaurant seinen Namen. Zaza bezeichnet die Sprache der Community, die den Laden betreibt. Zaza, klingt mütterlich, klingt wie eine zarte Brise, wie eine tröstliche Streicheleinheit. Es ist ihre Muttersprache, die in Ostanatolien gesprochen wird.

Döner, Dürum, Börek, Pide, Lahmacun – es gibt alles, auch Pizza und Nudeln und gebackene Kartoffeln, das führt sogar zur Eigenkreation des Rigatoni-Döner. Gewürzt wird nach anatolischem Geschmack, ob und wie das besonders ist, werden Kenner*innen erschmecken. Die Speisetafeln verraten das Geheimnis nicht, es sind die auch aus anderen vergleichbaren Läden langen Listen der unendlichen Möglichkeiten. Die obligatorischen Kühlschränke für Getränke sind gefüllt mit handelsüblichen Erfrischungsgetränken, auch alkoholischen, alles zum selbst Herausnehmen.

 

Spiegelnd, hell und leuchtend – der neue Empfang am Bönischplatz Foto: Anja Hilgert
Neues Interieur zum Speisen und Verweilen Foto: Anja Hilgert
Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

Neu für die Nachbarschaft

 

Der Laden befindet sich in bester Lage, prominent am neuen Platz und die Betreiber hoffen, dass die Johannstadt sie an- und aufnimmt und die Kund*innen kommen.

Das war nicht die Frage, als am Donnerstagabend eröffnet wurde. Die Schlange stand vom frühen bis zum späteren Abend bis vor zur Ecke. Man traf Bekannte und sah die Nachbarschaft versammelt, sah, wie sich alle beim Döner trafen.

Die meisten, die hereinkommen und prompt vor der Theke stehen, bestellen ohne zu zögern: „Döner ,bitte“ oder vielleicht auch „Einmal oder zweimal Dürüm, bitte“. Fraglich nur, ob mit scharf oder ohne scharf, ansonsten laufen die Handgriffe sofort routiniert und alles geht seinen schnell abgewickelten Gang.
Am Eröffnungstag galt es, den Überblick zu wahren und das ist den Männern durchweg gelungen. Wie im Takt gingen die Menschen mit ihren eingepackten Abendessen versehen ins Freie. Nur wenige nutzten die angebotenen Sitzplätze. Drinnen saßen die Kund*innen wie in der Wartehalle früher am Bahnhof, der Raum voller Menschen, die hier die Zeit vertaten, bis ihr bestelltes Essen fertig war. „Nächste, bitte“, wurde die Schlange durch den Laden gelotst. Schade, dass kein Tee gereicht wurde.
Um 19.55 Uhr war das gegrillte Gemüse leer, da half nur, weiter Mengen von Kraut und Salate zu schnippeln, die in Wannen nach vorn getragen wurden, um zwischen Falafel, Haloumi und Döner- Kalbfleisch eingepackt zu werden.

Die Leute waren geduldig, der Döner heiss begehrt und am Ende des Abends waren die beiden Drehspieße leer. Der neue Laden hat seine Taufe erhalten.

 

Zaza Döner Haus

  • Bönischplatz 17
  • Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 11 bis 22 Uhr, Sonntag und feiertags 12 bis 22 Uhr
  • Tel. 211 111 15

„Lebendige Bibliothek“ zum Gedenken an Marwa El Sherbini

eingestellt am 30.06.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Eine Gedenkfeier, die der Verlebendigung dient, so klingt der Tenor der diesjährigen Veranstaltung zum Todestag von Marwa El-Sherbini in der Johannstadt Foto: Anja Hilgert

Am 1. Juli 2021 lädt die Initiative „Gedenken.Erinnern.Mahnen“ anlässlich des zwölften Gedenktags an Marwa El Sherbini zu zwei Veranstaltungen ein, die von Akteuren aus Zivilgesellschaft und Verwaltung gemeinsam organisiert worden sind.
Dazu wird ganztägig ein Gedenkbanner in dem nach Marwa El Sherbini genannten Park vor dem Gerichtsgebäude zu sehen sein.

 

War 2020 zur Abstimmung in den Stadtrat eingereicht worden: Der Name Marwa El-Sherbinis für den Platz vor dem Landgericht Foto: Anja Hilgert

Kundgebung vor dem Tatort

 

Vor dem Landgericht, Lothringer Straße beginnt um 10 Uhr eine Kundgebung des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung und des Ausländerrates Dresden e. V..
Die Ägypterin Marwa El Sherbini wurde 2009 während einer Gerichtsverhandlung im Dresdner Landgericht ermordet. Das Motiv für die Tat: Antimuslimischer Rassismus.

Die offiziellen Teilnehmenden sind Staatssekretär und Amtschef Mathias Weilandt, die Zweite Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Dresden, Annekatrin Klepsch, der Anwalt der Familie El-Sherbini, die Vorsitzende des Ausländerrates Dresden e.V., Eter Hachmann und Dr. Hussein Jinah vom Integrations- und Ausländerbeirat.

 

„Lebendige Bibliothek“ im Johannstädter Kulturtreff

Von 17 bis 19 Uhr lädt eine „Lebendige Bibliothek“ im Johannstädter Kulturtreff, Elisenstraße 35, zu einer Lektüre persönlicher Art ein. Sieben Frauen werden als „lebendige Bücher“ über ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus, Diskriminierung und gesellschaftlicher Teilhabe sprechen.

Die „Lebendige Bibliothek“ ist ein Gesprächsformat, bei dem Menschen zu „lebendigen Bücher“ werden. Diese „lebendigen Bücher“ sind gesprächsbereit, das heißt sie beantworten Fragen und stellen auch selbst Fragen. Eine „Lebendige Bibliothek“ funktioniert im Grunde wie eine gewöhnliche Bibliothek: Man leiht sich ein „lebendiges Buch“ aus, lernt es kennen und gibt es schließlich wieder zurück. Vielleicht bekommt man dadurch Lust, sich danach gleich ein weiteres „lebendiges Buch“ auszuleihen.

Hintergründe 

Marwa El Sherbini hatte sich auf einem Spielplatz in der Dresdner Johannstadt gegen rassistische und antimuslimische Beleidigungen gewehrt. In der Gerichtsverhandlung gegen den Täter am 1. Juli 2009 war die in Dresden lebende Ägypterin als Zeugin geladen. Vor den Augen ihrer Familie wurde die Frau und Mutter im Gerichtssaal vom Angeklagten ermordet. Marwa El-Sherbini wurde nur 31 Jahre alt.

 

Auf der Gedenkfeier zu Ehren Marwa El-Sherbnis am 1.Juli im elften Jahr nach dem Mord. Foto: Anja Hilgert

Zum zehnten Mal: Das Marwa-El-Sherbini-Stipendium 2021

Zum vierten Mal lobt der Freistaat Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden  in Kooperation mit DRESDEN-concept e. V.  zum 1. Oktober 2021 das Stipendium zum Gedenken an Marwa El-Sherbini aus.
Sie setzen damit ein Zeichen für Weltoffenheit, Toleranz und gesellschaftliche Vielfalt: „Mit dem Stipendium fördern wir junge Menschen, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, politisch engagiert bzw. interessiert sind und sich für Freiheit, Demokratie sowie die Grund- und Menschenrechte aktiv einsetzen,“ sagt Oberbürgermeister Dirk Hilbert.

Gefördert werden für die Dauer von bis zu zwei Jahren (in der Regel vier Semester) Studierende in einem Masterstudiengang (oder in gleichwertigen Diplom-, Magister- usw. Studiengängen) an einer Dresdner Hochschule.
Voraussetzung ist ein abgeschlossener Bachelor-Abschluss oder ein Abschluss in einem einstufigen akademischen Studiengang (Diplom, Magister, Staatsexamen) .

Die Auswahl der zukünftigen Stipendiaten ist mit dem Gedanken der Chancengerechtigkeit verbunden. Nicht ausschließlich, aber insbesondere berücksichtigt werden daher ausländische Studierende und Menschen mit Migrationshintergrund. Bei gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung werden Menschen mit Behinderung bevorzugt berücksichtigt.

Bewerbungsfrist ist der 31.August 2021.

Weitere Informationen

 

Abschließende Sanierung der Albertbrücke

eingestellt am 28.06.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Die Verbindung zwischen alt und neu wird mit abschließenden Sanierungsarbeiten wieder hergestellt Foto: Anja Hilgert

Ab Montag, 28. Juni 2021, geht die Sanierung der Albertbrücke in die letzte Runde. Die Sanierung der letzten Strombögen beginnt: Damit sind nun die Bögen sechs, sieben und acht an der Reihe, deren Überarbeitung seinerzeit 2019 ausgesetzt und aufgeschoben wurde, um der dringend erforderlichen Sanierung der vielbefahrenen Carolabrücke den Vorrang zu geben. Ab dem heutigen Montag ist nun die Albertbrücke in Arbeit genommen und kann nur über die linke Fahrspur in Richtung Neustadt befahren werden. 

Umleitung des Rad-und Fußverkehrs auf die rechte Fahrspur

Für die Arbeiten an der Johannstädter Elbebrücke sind Verkehrseinschränkungen nötig. Abgesperrt wird jeweils der Geh- und Radweg im Bereich des Bogens, an dem gerade gearbeitet wird sowie ein technologisch erforderlicher Arbeitsbereich davor und danach. Der Fuß- und Radverkehr wird infolgedessen über die rechte Fahrspur geleitet.

Deshalb ist bis zunächst Donnerstag, 30. September 2021 auf der Albertbrücke vom Sachsenplatz kommend nur die linke Fahrspur befahrbar. Die Sanierungsarbeiten finden zunächst auf der Oberstromseite der Albertbrücke statt. Der Verkehr auf der Unterstromseite aus Richtung Neustadt kommend kann ungehindert die Brücke passieren, bis die Bauarbeiten auf die Unterstromseite wechseln.

 

Ein Sperrzaun trennt den auf die Fahrbahn umgeleiteten Radweg von der einspurig verbliebenen Fahrbahn für Kraftverkehr
Foto: Anja Hilgert

 

Brückenpfeilersanierung für den dauerhaften Halt über Wasser

Die Gewölbeunterseiten und die Pfeiler aus Sandstein weisen teilweise Risse, Abplatzungen, alte Reparaturstellen aus Beton, offene Fugen sowie Hohlstellen auf. Je nach Größe des Schadens werden Steine repariert, ergänzt oder ausgetauscht. Auch alte Eisenteile müssen entfernt werden. Die Risse im Sandstein werden mit Trasskalk verfüllt.

Die Kosten betragen circa 1,7 Millionen Euro. Ausgeführt werden die Arbeiten von der Firma Sächsische Bau GmbH Niederlassung Westsachsen.

 

 

Albert- und Carolabrücke im Wechselmodell

Von 2014 bis 2016 sanierte das Straßen- und Tiefbauamt die Oberseite der Albertbrücke. Die Brücke erhielt unter anderem eine neue Fahrbahnplatte aus Stahlbeton und wurde um rund 3,6 Meter verbreitert. Die Instandsetzungsarbeiten an den Bögen begannen 2018. Bis 2019 sanierte das Straßen- und Tiefbauamt die Vorlandbögen sowie den ersten Flussbogen auf der Neustädter Elbseite.

Wegen der dringend erforderlichen Sanierung der Carolabrücke entschied man damals, die Strombögen sechs bis acht zu einem späteren Zeitpunkt zu sanieren. Gleichzeitige Sanierungsarbeiten an den benachbarten Elbbrücken hätten zu großen Verkehrseinschränkungen geführt. Die Arbeiten können jetzt nach Fertigstellung des Zug A der Carolabrücke fortgesetzt werden. Seit Montag, 21. Juni 2021 kann der Verkehr auf der Carolabrücke wieder ungehindert fließen.

Bis Juli 2022 werden die Sanierungsarbeiten aller Voraussicht nach auch an der Albertbrücke abgeschlossen sein.

 

Weitere Informationen: www.dresden.de/de/stadtraum/verkehr/bruecken/albertbruecke.php

Sommersonnwende – Zum Ende eines Hochzeitsfestes

eingestellt am 22.06.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Zur Sommersonnwende schmückt sich die Erde selbst mit lauter kleinen Sonnen. Foto: Anja Hilgert

 

Die ersten vollen Sommertage, die der Juni als Mittsommermonat beschert, reihen sich aneinander als wollten sie die Sonne nun nie mehr losgeben. Mit voller Wucht sind wir hinein katapultiert, in sommerliche Temperaturen, Hitze und Fülle. Wusste man sich erst keinen Rat, in den späten Anzuchttöpfen die Samen zum Aufgehen zu bringen, ist jetzt kaum hinterherzukommen mit Wässern und Gießen. Auf einmal ist alles ins Kraut, in Wachstum und ein Meer von Blüten geschossen. Der Juni feiert sich als früher praller Sommermonat.

 

Glücksmonat Juni

In einer Geste von Überfluss verströmt sich gegenwärtig die Natur. Unsere Sinne gehen weit auf und lassen durch geöffnete Tore einströmen, was da ist.

Die letzten überstark sommerlichen Junitage sind auf Festtagsstimmung zugesteuert. Alles ist explosiv nach aussen gegangen, ist körperlich, irdisch, weltlich geworden.
Bis in die Blatt- und Fingerspitzen füllen sich sämtliche organische Strukturen mit dem Pulsschlag des Lebens. In den Zellen herrscht höchste Erregung. Alle Teilchen sind in Schwingung versetzt.
Es springt über im System, und die Natur sorgt für sinnliche Vielfalt und Vermehrung. Im Fuchsbau, im Froschteich, in der Herde der Pferde und im Vogelnest regt sich der Nachwuchs, um bald eigene Wege zu gehen. Jeder Winkel ist besetzt von Vitalität, überall regt sich’s, geschaukelt von Wonne, in spielerischer Freisetzung von Glück. 

 

Anhalten für einen Koste-Moment

Um im Taumel der Eindrücke die Schätze dieser Zeit für einen Koste-Moment zur Geltung zu bringen, lohnt sich ein Innehalten kurz vor dem Kulminationspunkt. Genuss ist bekanntlich im Moment vor seinem Vergehen am vollsten. 

Angekommen im höchsten Punkt, dem Überborden und Bersten, diesem Wendepunkt des Jahres, ist kein Halten mehr. Vom Gipfel erschallen Juchzer, Jauchzen, ein Rufen, ein Jodler, ein Lied der Erlösung, es tatsächlich geschafft, wohlbehalten alles bis zur Entfaltung gebracht zu haben. Die Mühen und alle Anstrengung haben sich gelohnt. Jetzt kann losgelassen werden. Es ist vollbracht. 

 

Gefüllte Blütenräder Foto: Anja Hilgert
Voller Strahlenkranz Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir sind eingeladen zur Hoch-Zeit des Jahres: Natur und Kosmos feiern ihre Vereinigung, das Hochzeitsfest. Bäume tragen Festtagsgewand, Blumen und Sträucher breiten Blütenteppiche aus und Bienen und Hummeln taumeln emsig in Blütenstaub, die Höschen dick bepackt mit Pollen.

 

Sonnenstillstand und Licht

Es ist Sonnwende und damit der astronomisch längste Tag im Jahr. In der nördlichen Erdhälfte erreicht die Sonne über Mittag ihren allerhöchsten Stand. Als Sonnenstillstand bezeichnet man den zweimal jährlich vorkommenden Moment. In unseren Breiten wird im Juni der Gipfel des Jahreskreises erreicht. Im Polarkreis wird heute die Sonne gar nicht untergehen. Über Tag und Nacht strahlt allgegenwärtiges, nicht verlöschendes Licht. In manchen Regionen wird das lichte Himmelsereignis irdisch freudig mit Sonnwendfeuern beantwortet.

Menschen verwöhnen sich mit Urlaub, Gartenfesten und Badevergnügen. Hoch über ihren Köpfen zwischert, saust und pfeift es. Die Luft ist ins Sirren versetzt. Mauersegler und Schwalben leisten sich pfeilschnelle Manöver, während jäh und passgenau die Amsel rasant durchs Revier schießt. Sogar die Tauben, in gemütvoller leiblicher Fülle, steigen und schwingen sich auf in die Höhe, um gleitend, in kurzem, stoßweisem Genuss sich der Strömung hinzugeben. Das Himmelsblau wird in Wellenschlag versetzt. Falken stehen in einem Punkt in der Luft und ganz oben kreist majestätisch der Rote Milan.

 

Hochzeitsglück und Schleusen von Duft

Dem Festtag voraus haben die kraftvollen Kastanien ihre Kerzen getragen, in weiss und in rot, haben den grünen Saal der Natur ausgeleuchtet und in aller Pracht schon ein Strahlen entfacht. Im Juni scheint alles festlich gestimmt, gefüllt von Farben und Formen, damit die Natur Hochzeit feiern kann.

Ein Erlebnis besonderer Art sind die sonderbaren Schleusen von Duft, die sich im großen Gelände in manchen verdichteten Abschnitten ergeben und die dort wandeln, werden ganzkörperlich eingetaucht in Aroma.

Weißdorn und Holunder wetteifern im Verströmen von Süße, und wer im Juni an der Elbe entlang radelt, wird unweigerlich Zeug*in von duftenden Schwaden und Wolken, die an unnachahmlicher Wirkung kein Parfüm zu übertreffen vermag.

 

Mit Blüten überladene Bäume am Elbe-Radweg. Foto: Anja Hilgert

Den Sommer erschnuppern

Das Interessante am Riechen ist ja, dass man als Mensch nicht allzu lange wirklich riechen kann. Unser Geruchssinn ist allgemein hin eher schwach entwickelt, das Geruchsfeld sehr einschränkt. Der Reiz eines Duftes wird über nur kurze Nervenbahnen von der kleinen Geruchsschleimhaut in der Nase direkt weitergereicht ans Gehirn, wo das Zentrum zum Riechen auch nur ein dünner schmaler Gehirnlappen im Vorderhirn ist. Es steht also nicht sonderlich rühmlich mit dem Sinn für Geruch beim Menschen. Und doch wird der durch die jetzige Jahreszeit am meisten gefordert.

Es wird für uns schon schwierig, aus einer Schwade an Luft diverse Gerüche zu unterscheiden – während zB ein Hund das aufs Feinste beherrscht. Unseren Geruchssinn benutzen wir zu wenig als dass er trainiert wäre. Also ist nach einem Erschnuppern und fächelnden Lufttasten durch die Nase der Geruchssinn meist schnell befriedigt. Sobald fürs Gehirn geklärt ist, was es ist, das den Duft ausströmt, ist es mit dem Riechen auch schon vorbei. Es gibt keinen langanhaltenden Genuss beim Riechen, die Qualität beim Geruchssinn ist eine andere, spontane.

 

Verführerisch von oben Foto: Anja Hilgert

Duft, der den Atem beraubt

Duft ist von überwältigender Wirkung. Das Riechen geschieht gefühlt ganz ohne Grenze, in nahezu schwellenlosem Prozess. Die Atmung gibt den Duft direkt an den Blutkreislauf weiter. Weil wir atmen, können wir uns nicht ausschließen von dem, was wir riechen. Duft wirkt betörend und betäubend. Für einen Moment geht das Wachbewusstsein verloren – der Verstand setzt aus.

Was uns der Abschnitt des Elbe-Uferwegs im Juni beschert, ist überwältigend, nämlich verzaubernd: Im Durchgang unter bestimmten Arten von Bäumen, finden sich Menschen zwangsweise umhüllt von dem Hauch, den die Bäume absondern. Robinien sind es in dem Falle, die ihren akazienhonigsüßen Blütenduft verströmen und damit die Aufmerksamkeit bannen in eine andere Dimension von traumschwerer Wahrnehmung.

 

 

 

Genieße Sonnenstunden, wer kann

Mit dem nächsten kommenden Gewitter wird es die letzen Blüten vom Baum regnen und der Duft wird wie fortgewaschen sein aus der Luft. Als wäre nichts gewesen. Die Robinien haben das Ihrige gegeben, der Holunder gibt weiter noch sein Bestes. Nach dem großen Fest, das die Natur gerade feiert, werden die Bäume ihre Festtagskleidung ablegen.

Dann ziehen Qualitäten auf Augenhöhe, die uns unmittelbar im Herzen erreichen: Die Rose besticht mit einzigartigem Duft und Erdbeeren wecken den nächsten der Sinne, lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die Tage werden von heute an kürzer. Genieße die Sonnenstunden wer kann.

 

 

Dienstags singt der Plattenchor – Jetzt wieder unter freiem Himmel in der Johannstadt

eingestellt am 15.06.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Die neue Leiterin des Plattenchors im Portrait. Foto: Anja Hilgert

 

Bis in die Herbstzeit reicht der Klang zurück, den der stadtteileigene Plattenchor ins Viertel eingebracht hatte. Seitdem war Gesang aus der Öffentlichkeit verbannt… Doch, wie es so schön heisst…dem Glücklichen klingt immer sein Lied…das Singen wird in der Johannstadt jetzt wieder rege und beginnt mit Auftakt: Diese Woche startet der Plattenchor!

 

Der Johannstädter Plattenchor

Gerade bei einem bunt gemischten Chor ist es der erzeugte Klangraum, der alle miteinander trägt und zum gemeinsamen Singen motiviert. Da nun wieder erlaubt ist, was lange genug unmöglich erschien, rufen die beiden Leiterinnen des Plattenchors, Marieluise Herrmann und Karoline Friedländer den beherzten Wiederstart des gemeinsamen Singens in der Johannstadt aus: 

Ab Dienstag 14.06. heisst es wieder regelmäßig:
Dienstags, von 18-20 h singt der Plattenchor im Johannstädter Stadtteil.

Und : Vielleicht brauchen wir manchmal eine zweite Chance, weil die erste zu früh kam…
Jetzt ist wieder Gelegenheit, neu anzufangen und dazu zu kommen.
Der Plattenchor ist offen für alle und freut sich über neue Mitsingende. Große und kleine, junge und alte Johannstädter*innen sind alle herzlich eingeladen zum gemeinsamen Singen: Jede*r kann dabei sein, zuhören, summen, mitsingen, ohne Vorkenntnisse, ohne Noten teilnehmen und gemeinsam mit anderen Menschen den Stadtteil singend verschönern. Denn über das Singen, das alle miteinander unabhängig von Alter, Beruf oder Herkunft teilen, entsteht unter dem freien Himmel der Johannstadt Gemeinschaft und ein Tun, das nährt und stärkt.

Treffpunkt:  Jeden Dienstag, 18 Uhr vor dem Johannstädter Kulturtreff zu einem Warm up, anschließend geht es zum Singen an verschiedene Orte im Stadtteil.

 

Eine neue Chorleiterin will unter die Leute

Sie hatte gerade ihre Nachfolge als neue Chorleiterin in der Johannstadt angetreten, da musste im Herbst der ganze Chor auseinandergehen und dem verordneten Gesangs-Verbot Folge leisten. Eine Weile noch hatten sich die Chormitglieder weiter online getroffen und Singerfahrungen im digitalen Gruppenraum gemacht, doch über die lange Dauer der Kontaktbeschränkungen war es beschwerlich, die Verbindung am Schwingen zu halten.
Der Chor ging in die Stille und das ganze Projekt ruhte unter der zwangsläufigen Pausetaste. „Gerade für einen Chor im Aufbau ist die stete Regelmäßigkeit und Kontinuität der Probenarbeit wichtig“, sagt Marieluise Herrmann. Sie musste über Winter dennoch ihre Hände sinken lassen. Jetzt freut sie sich aufs sommerliche Wiedererwachen.

 

Noch neu am Johannstädter Ufer                Foto: Anja Hilgert
Marieluise Herrmann ist die neue Chorleiterin des Plattenchors. Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

Unabhängig vom kollegialen Kontakt zur damaligen Chorleiterin Ellen Muriel, hatte sie über Soziale Medien bereits vom Plattenchor gehört und begeisterte sich für das Lied-Video, das von einer Probe im Treppenhaus des Kulturtreff entstanden war. 

Sie übernahm ohne Zögern das Angebot, gemeinsam mit Karoline Friedländer den jungen Chor in der Johannstadt weiterzuführen. Marieluise Herrmann bringt als Chorleiterin ihre Erfahrung mit aus dem parallel laufenden Chor des Zentralwerk e.V. in Dresden Pieschen. Auch eine zukünftige Vernetzung der Projekte findet sie gut vorstellbar.
Neben ihrem Beruf als Musiktherapeutin am Uni-Klinikum ist Marieluise Herrmann selbst auch als Sängerin aktiv, einerseits in dem Vokalensemble „Treta Mominka“ mit osteuropäischer Musik, andererseits in der Dresdner Band ‚Affen‘, die internationale Lieder und Tanzmusik interpretieren. Marieluise spielt Klavier, Akkordeon und Hackbrett und vor allem singt sie leidenschaftlich gern. 

 

 

Gedanken draussen lassen

Bei Projekten wie dem Plattenchor werden Gedanken einfach weit draussen gelassen, die konditioniert darauf sind zu glauben, Musik und Gesang machten nur Leute, die das schon können. „Weit gefehlt“, sagt die studierte Ethnomusikologin, die eine Schwäche für traditionelles Liedgut aus der ganzen Welt und sich überall unterwegs Lieder beibringen lassen hat, „Es geht natürlicher Weise darum, gemeinsam zu singen, auch die Lieder zu singen, die die Menschen selbst mitbringen.“

Aus ihrem therapeutischen Tätigkeitsfeld weiss sie: „Die Stimme steht für die Persönlichkeit. Vieles liegt darüber, das mit Bewertungen zu tun hat, was bei den Meisten Hemmungen schafft. Da ist es etwas sehr Sensibles, wirklich zu singen.
Ich möchte die Leute zuallererst einladen zum Zuhören. Zuhören spielt eine ganz große Rolle im Singen, deshalb singen wir zum Einstieg einen Ton, zwei Töne – auch für die, die das sicher können, lohnt es sich, denn sie tragen die Gruppe und trainieren dabei ihre Stimme. Die Stimme wird stärker, kräftiger, selbstbewusster, je mehr man sich in ihr übt. In der Gruppe wird die Schwelle leichter genommen.“

 

 

Eine Chorleiterin, die Töne aus dem Stadtviertel  sammelt   Foto: Anja Hilgert

Mit dem Plattenchor dem Sommer entgegen Foto: Anja Hilgert

Die verbindende Wirkung, den Ton richtig zu treffen

Marieluise Herrmann sitzt mit aufgerichtetem Rücken, der Brustkorb frei und ihr zuzuhören wird melodischer, bewegter, je mehr sie ins Thema kommt: Ihr Thema: „Es hat viel mit dem bewussten Atmen zu tun beim Singen, dass man dabei so sehr zu sich kommt. Im Atmen liegt etwas fundamental Körperliches, das zentriert. Ich habe selbst auch Gesangsunterricht gegeben und habe die Erfahrung gemacht, dass jede*r in den Zusammenklang findet und es schafft, für sich den „richtigen Ton“ zu treffen. Wenn man sich Zeit lässt und das ganz behutsam macht, da weiss ich einfach, dass es funktioniert.“

Deshalb ist der Plattenchor als Angebot zunächst niedrigschwellig. Das Weitere, hin zu den lebhaften Liedern entwickelt sich im choreigenen Prozess.
An jedem Dienstagabend ist den Teilnehmenden ein neu gelerntes Lied gewiss, mit dem sie nach Hause und durch die Woche gehen können: „Ich mache mir keine Sorgen, dass Leute zum Singen kommen werden, aber dass es wirklich die lokal vor Ort lebenden Menschen der Johannstadt in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit sind, das würde ich mir wirklich sehr wünschen.

Beim Singen macht man vor allem eine gemeinsame Erfahrung, man erarbeitet ein Lied miteinander. Das steht verbindend in der Mitte. Man kommt nicht, um sich erst kennenzulernen, sondern das passiert ganz von allein. Es wirkt verbindend, diese kleine Erfahrung zu machen, wie leicht es ist, im Singen dazuzugehören. Das allein ist ergreifend, die Erfahrung, sich als Teil in einer Gruppe, in einem Takt zu erfahren.“

 

Im Flow ohne Noten

Das Gefühl des Einklangs kann man erreichen, davon ist die engagierte Chorleiterin überzeugt, ohne dass man sich kennt oder sozial aus dem gleichen Milieu kommt: „Man braucht nicht einmal die gleiche Sprache zu sprechen. Das Synchronwerden, der Rhythmus entsteht – es dauert eine Weile, dann findet man sich hinein. Einerseits führt es einen zu sich selbst hin und andererseits kann man sich der Gruppe hingeben.“

Der Plattenchor singt nicht „die klassischen Bass-Tenor-Alt-Sopran-Stücke“, sondern vor allem Kanons eignen sich gut: Alle haben die gleiche Stimme, die sich wiederholt und diese gleiche Stimme singt man versetzt. Daraus ergibt sich ein flow und dann ein Ganzes, es entsteht Mehr…“

Wichtig: Es kommen keine Noten dazu. Auch diese Berührungsängste, zu glauben, etwas ablesen und genau entsprechen zu müssen, sind ausgeschaltet: „Wir singen im Kreis immer wieder vor und nach, antworten wechselseitig aufeinander. Es ist wichtig, dass man nicht zu viel ins Denken kommt. Dann kommt der Punkt von alleine, wo man sich dem Lied in der Gruppe einfach hingibt – und singt.“

„Ich habe meine Erfahrungen, mein Wissen und meine Ausbildung“, sagt die Sängerin, „aber ich freue mich immer, wenn ich noch etwas lernen kann: Es wäre schön, wenn Menschen etwas mitbringen aus ihrem Leben oder ihrer Vergangenheit, ihrer Kindheit oder Herkunft, etwas, das sie bewegt, was wir im Chor miteinander singend bewegen können.“ 

Wer möchte, möge gerne einen Liederwunsch zur wöchentlichen Probe mitbringen: „Der Anfang muss gemacht werden und den machen wir jetzt wieder.“

 

 

Weitere Informationen 

  • Die Höchstzahl an Teilnehmenden beträgt derzeit 15 Personen. Damit die Hygieneregeln zum Infektionsschutz eingehalten werden können, ist derzeit eine Anmeldung erforderlich:
    telefonisch 0351-447 28 23 oder kontakt@johannstaedterkulturtreff.de 

Die Zeit steht still in Johannstadt – Am Trinitatis-Kirchturm fehlt das Zifferblatt

eingestellt am 02.06.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Der lang gedienten Turmuhr ist eine Pause vergönnt - Die Turmuhrzeiger gehen in Restaurierung Foto: G. Hammermüller

 

Denen, die gerade erhobenen Hauptes und offenen Blickes durchs Viertel streifen, wird es aufgefallen sein: Der Turm der Trinitatiskirche hat eine kahle Stelle: Dem Zifferblatt fehlen die Zeiger, nichts dreht sich mehr. Die Johannstadt ist zeitlos!

 

Bereits vor zwei Jahren, zum damaligen 125 jährigen Kirchenjubiläum hatte die Trinitatis-Kirchgemeinde eine Spendenaktion veranstaltet zugunsten einer Instandsetzung der Kirchturmuhr. Einzelne Spender*innen unterstützten großzügig die Aktion, und vor allem der Förderverein der Trinitatiskirche war sehr beteiligt, dass die nötige Geldsumme zusammenkam. Mit knapp 10.000 Euro investiert die Gemeinde nun in die Renovierung der weithin sichtbaren Turmuhr.

 

Zeitlos in Johannstadt – Die Zeiger am alten Turm drehen nicht mehr  Foto: G.Hammermüller

 

Der 65 Meter hohe Turm war in der Bombennacht des 13./14. Februar anders als das Kirchenschiff nur wenig beschädigt worden. Der damaligen Gemeinde ist es zu verdanken, dass zu DDR-Zeiten nicht auch der Turm noch abgerissen wurde. Somit blieb dieser Teil des ursprünglichen Kirchenbaus aus den 1890er Jahren bis heute erhalten und damit auch Uhr und Glockengeläut.

In der Zwischenzeit zeigten sich jedoch starke Spuren von Verwitterung an der Turmuhr. Das weisse Zifferblatt mit den schwarzen Ziffern wie auch die Zeiger sind durch Wind und Wetter arg mitgenommen. 

Eigentlich hatte man gehofft, im Rahmen der Baumaßen der neu entstehenden Jugendkirche die Gelegenheit nutzen und gleich den vorhandenen Kran fürs Abnehmen der riesigen Zeiger in Gebrauch nehmen zu können. Doch dieser stellte sich als zu klein heraus. Somit verzögerte sich der Einsatz um ein Weiteres und wird nun mithilfe eines Autokrans durchgeführt. Pfarrer Tobias Funke hofft, dass die Renovierung kurzfristig geschieht, und dass es sich nur um einige wenige Wochen handelt, bis die Johannstädter*innen wieder ins rechte Zeitmaß zurückfinden.

Doch wie G. Hammermüller, ein Johannstädter von Kindesbeinen an, es angesichts der fehlenden Turmuhr treffend formuliert: „Ableitend mit einem Zitat von Friedrich Schiller könnte man sagen:  „Dem Glücklichen Johannstädter schlägt keine Stunde“. Denn wer glücklich ist, dem ist die Zeit egal; in dem Moment, wo wir die Zeit vergessen, sind wir glücklich.

Curt Kirschner und die gerettete Sparkasse

eingestellt am 30.05.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Die Johannstädter Sparkasse im Glanz ihrer Wiederherstellung Foto: Anja Hilgert

 

Ein Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters. Bis ins hohe Alter setzt er sich gemeinsam mit seiner Frau für eine Gedenktafel und deren Wiederanbringung an dem Gebäude in der Johannstadt ein, dessen Bewahrung sich den Verdiensten von Curt Kirschner verdankt. Bis heute dient dieses Haus der Sparkasse Dresden als Hauptsitz.
Hinter dem vehementen Bedürfnis nach Anerkennung des Lebenswerks seines Vaters steht die Wiedergutmachung am Schicksal eines Einzelnen, den politische Interessen und die Willkür eines Systems nicht von seinem Weg abbringen konnten.

 

 

Am Radio fing alles an…

„Das war es, warum ich angefangen habe, Radios zu bauen – das mache ich bis heute“, beginnt Walter Kirschner, Jahrgang 1936, die Einblicke in seine Kindheit. „Ich höre heute noch über Satellit Auslandsradio, nachts, wenn ich wegen der Kreuzschmerzen nicht schlafen kann, damit es nicht so langweilig ist,“ erklärt er.

Gleich nach dem Krieg hat er damit angefangen, Radios zu reparieren, „bei einem, der saß in einem Bauernhof in der letzten Spitze von Reick, der war im Krieg Funker gewesen. Radios lagen überall in den Ruinen herum, er sammelte sie auf und verwertete die Ersatzteile. Der hat aus allem etwas gemacht. In mir hatte er einen zum Reden und einen, dem er etwas zeigen konnte, und ich habe mit 10 Jahren gelernt, alte Radios zu reparieren“, berichtet der Ingenieur, der seinen Beruf im Fernmeldewesen ausgeübt hat. „Ich habe das fortgesetzt und gute Radios für Kurzwelle gebaut, weil ich Interesse hatte.“

 

Zu Besuch bei Walter Kirschner  Foto: Anja Hilgert

 

Kurzwellen-Radios und die Schornsteinklappe im Keller

Damals, am 13.Februar 1945 war sein Vater zu einem Freund gegangen, nur 500 Meter weiter die Straße hinunter. Der hatte ein sehr gutes Radio, „mit gespreizter Kurzwelle“, wie Walter Kirschner bemerkt, bevor er fortfährt zu erzählen. „Mein Vater ging regelmäßig zu ihm, um den Londoner Rundfunk zu hören. Die Kurzwellensender in ganz Europa sendeten zu gewissen Zeiten am Tage auf deutsch, um die Bevölkerung zu informieren. Vor der Nachrichtenübertragung ließ der Londoner Rundfunk den Big Ben läuten, schon eine Viertelstunde vorher, damit man ihn finden konnte“, erinnert sich der 84-Jährige.

„Dort also hat er Radio gehört, als über der Stadt die Sirenen losgingen. Meine Mutter hat das vernommen. Sie hat mich aus dem Bette gerissen, mit dem Nachthemd in den Keller. Im Kellergang war eine Bank, da haben wir alle drauf gesessen. Es kamen drei Sprengbomben und zwar zwei hinters Haus und eine direkt auf den Wäscheplatz. Das Haus neben uns war bis zum Keller weg von den Bomben. Unseres stand noch halb da. Mein Schlafzimmer war zur Hälfte weg und auf dem Kopfkissen lag das Fensterblech. Dann kam mein Vater nach Hause. Als etwas Ruhe herrschte, war er eiligst losgerannt.

Im Radio war gemeldet worden: ‚Schwere Bomber unterwegs Richtung Dresden’. Das war das Privileg des Londoner Rundfunks, von der Wahrheit zu berichten. Zu dem Zeitpunkt wussten die aber auch nicht, daß die Bomber im Anflug auf Dresden waren – sie haben nur gesagt ‚in Richtung Dresden‘. Das hat mein Vater gehört, als die Sirene heulte und er nicht mehr loslaufen konnte, weil die Bomber schon da waren.

Ich habe im Keller vor einer Schornsteinfegerklappe gesessen. Das war eine Betonklappe mit zwei Deckeln, wo nach dem Kehren der Ruß herausgeholt wurde. Keiner hat da an etwas gedacht, und ich war ja erst 8 Jahre alt und habe davor gesessen. Der Luftdruck von außen war so groß, dass ein riesiger Überdruck herrschte, der über den Schornstein sofort da war. Die Klappe sprang auf und mir ins Kreuz, weil ich gerade in der Höhe saß. Ich flog an die gegenüberliegende Wand, da hat’s mir ein paar Zähne abgeknallt. Seitdem habe ich mit der Wirbelsäule die Probleme. Als es dann, als ich Kind war, gar nicht mehr ging und ich fast steif war, hat mich meine Mutter zum Arzt gebracht.“ Er empfahl turnen zu gehen; eine andere Medizin hatte er nicht.

 

Die goldene Pforte der Sparkasse in Johannstadt. Foto: Anja Hilgert

Lack und Leder, Furnier, Granit und was so ging

„Mein Vater war bei der Städtischen Sparkasse Angestellter. Die Hauptstelle war auf der Schulgasse, direkt am Altmarkt, in Lack und Leder, Furnier, Granit, und was so ging. Die Eltern meines Vaters hatten einen Zeitungshandel am Sachsenplatz, vor dem Gericht. Er selbst ist in der Johannstadt als Arbeiterkind aufgewachsen. Die ganze Familie hing der SPD an, mein Vater war sein Leben lang Sozialdemokrat. Als Lehrling arbeitete er bei Rechtsanwälten und um 1926 fing er bei der Sparkasse an und machte dort alle Abteilungen durch, mit dem Schwerpunkt auf Immobilien und Krediten.

Und weil er das Talent dazu hatte, machte er neben seiner Tätigkeit auch die ganze Sparkassenwerbung: Er hat Kalender herausgegeben, Postkarten drucken und Sparbüchsen machen lassen. Das konnte er auch später nicht lassen, als er dann Direktor war. Die ganzen Sparkassen-Briefköpfe hat er entworfen. Es gibt auch noch einen Schriftzug der Sparkasse am Dorfplatz in Lockwitz, das sind in Beton gegossene Buchstaben. Die hat er nach ’45 in seinem Garten gegossen, Leisten auf den Weg gemacht, mit einem Eimer Beton ausgegossen und dann fertigen lassen, weil er wollte, dass die Sparkasse ein stattliches Aussehen bietet, das war ihm wichtig.“

 

Glanz nach der Wiederherstellung: Die Johannstädter Sparkasse   Foto: Anja Hilgert

Betondecken gebogen wie ein Trampolin

Nach dem Krieg war der jetzige Hauptsitz der Sparkasse zerbombt. Eine Zweigstelle befand sich in der Johannstadt in dem renommierten Erlwein-Stadthaus.

Hans Erlwein, der ab 1905 die Leitung des Hochbauamtes in Dresden inne hatte, baute in den folgenden zehn Jahren in der Stadt verteilt ca. 150 Gebäude, die der neuen Zeit Ausdruck verleihen sollten. Eines der renommierten Bauwerke war das damalige Johannstädter Stadthaus von 1914 – Erlwein signierte das Gebäude mit seinem typischen Namenssymbol, einer von einem Wappen gefassten Reliefplastik, die einen von Erlenzweigen umrankten Knaben in einer Weinkelter darstellt.

 

Signet des Erbauers Erlwein am ehemaligen Johannstädter Stadthaus. Foto: Anja Hilgert

 

„Hier war neben dem Schnapshändler, dem Hartmann, ein Café, die hatten Tassen mit einem knallroten Ring. Aus denen haben wir nach ’45 getrunken, weil wir ja ausgebombt waren und nichts mehr hatten. Wir waren, als wir mit unseren Betten im Freien standen, bei einem alten Mann gegenüber untergekommen. Dessen Bett haben wir in die Stube geräumt und sind dort in seine Schlafstube zu dritt eingezogen. Die ersten paar Tage haben wir so gewohnt, bis mein Vater sich nach einer festeren Bleibe für uns umsah. Die Tassen aus dem zerstörten Café hatte er dorthin mitgebracht.

Alles ringsum war abgebrannt. Die Häuser am Sachsenplatz haben zum Teil noch gestanden, wie die Jägerkaserne, mit Pracht-Fassaden aus Sandstein. Aber in der Johannstadt ist dann, was an gründerzeitlichen Fassaden noch stand, alles weggesprengt und dem Erdboden gleich gemacht worden.

Dass das Stadthaus den Bombenangriff in der Johannstadt einigermaßen gut erhalten überstanden hatte, war seiner Bauweise zu verdanken. In der neuen Stahlbeton-Bauweise war es mit wenig Material, hohen Mauern, großer Tragfähigkeit errichtet worden. Durch die Hitze nach den Brandbomben hatten sich allerdings die Betondecken verbogen. Beton hat bei Wärme eine andere Ausdehnung als Stahl. Als Kind war das lustig, wenn du da in die Mitte gegangen bist, dann hast du auf den Decken gestanden wie auf einem Trampolin.“

 

Historische Zeitzeugin: Die Sparkasse in Johannstadt   Foto: Anja Hilgert
Vom Stadthaus zur Sparkasse. Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

Auch den Krieg überstanden hat eine Plakatsäule, die damals vor dem Stadthaus stand. Gleich daneben hatte eine alte Frau ihr kleines Häuschen, aus dem sie Fassbrause verkaufte. Die Säule mit ihrer Weltkugel oben auf störte den damaligen Oberbürgermeister sehr. Ständig war sie ihm ein Dorn im Auge und andauernd verlangte er von meinem Vater ihren Abriss. Der aber stellte sich dagegen. Die alte Frau verkaufte, solange sie konnte, ihre Brause und die historische Litfaßsäule blieb. Heute ist sie denkmalgeschützt und städtisches Kulturerbe – sie steht noch immer an ihrem Ort am Güntzplatz.

Die historische Litfaßsäule vis-à-vis der Sparkasse als Schützling Curt Kirschners   Foto: Peter Weidenhagen,igeltour Dresden

Per Jeep zum Sparkassendirektor

„Nachdem die Russen schon in der Stadt einmarschiert waren, fuhr vor unserer neuen Bleibe eines Tages ein Jeep vor. Da saß einer mit einer Kalaschnikov, dann der Fahrer und hinten saß einer, der hatte ‚hier auf der Brust bissel was dran’: „Kirschner!“, sagte der Offizier. Nun konnten wir denen nichts verheimlichen. Mein Vater trat vor und wurde mitgenommen. Die Kommandantur war in der Lackfabrik. Dort saß der Stadtkommandant. Zu dem wurde mein Vater hin geschafft. Abends um Neune war er immer noch nicht da. Wir machten uns Gedanken, ‚Mensch, was wollen denn die‘, bis der Jeep schließlich wiederkam, und mein Vater war wieder da.

Wie das bei den Russen so war… Mein Vater musste erst einmal ins Bett. Am nächsten Morgen konnten wir ihn ansprechen: ‚Was haben sie denn mit dir gemacht?‘ Und er sagte bloß: ‚Ich bin heute schon Sparkassendirektor.‘“

 

Curt Kirschner in den Nachkriegsjahren Quelle: Walter Kirschner

Offizielle Einweihung

„Es gab unmittelbar nach dem Krieg noch keine Verwaltung. Alles Administrative wurde vom Stadtkommandanten befohlen. Bei den Russen war ein anderes Leitungsprinzip, mit Direktoren statt mit Vorständen, Verwaltungsräten und Aufsichtsräten. Ein Mann war verantwortlich und der musste repräsentieren, das war das Prinzip. Dazu hatte mein Vater ein Auto bekommen. Das hat ihm ein Fahrer vor die Türe gestellt, mein Vater konnte ja nicht Auto fahren, es war gar nicht üblich, dass man ein Auto hatte. Er fuhr Fahrrad, auch als Sparkassendirektor.

Mein Vater hat sich eingesetzt, dass das Johannstädter Stadthaus, das seiner Fassade nach noch gut erhalten da stand, nicht abgerissen, sondern bewahrt wurde. Beim Stadtkommandanten erwirkte er, dass er dieses Haus bekam, um es für die Sparkasse aufbauen zu können.

Als sein Junge war ich mit dabei und habe mit meinem kaputten Kreuze den Schutt rausgefahren, mit acht und neun Jahren und meine Mutter auch. Damit das erst einmal losging mit Aufbauen. Das war die Sonntagsbeschäftigung meines Vaters im ersten Jahr. Wir haben in einem Zimmer und einer Wohnküche gewohnt, in Reick. Die Sparkasse war das Wichtigste. Dort haben wir mindestens ein Dreivierteljahr Schutt geräumt. Mein Vater kannte in Reick bald Hinz und Kunz und hat die Bauern mit hergenommen, mit ihren Pferdefuhrwerken, dass sie alle den Schutt aus dem Sparkassenhaus rausgefahren haben.

Die Bauleitung hat er selber gemacht. Durch meinen Vater habe ich viel mitbekommen, wie er so gehandelt hat, wenn er z.B. mit einem Auto voller Schnaps ins Erzgebirge gefahren ist, um ein paar Ziegel gebrannt zu kriegen.“

 

Der Sparkassendirektor pumpt sein Rad auf, 1949  Quelle: Walter Kirschner

Betriebsfeier

„Der russische Kommandant rief ihn jede Woche zu sich. Diese Sparkassen-Leitungstätigkeit erfuhr einigermaßen Druck. Es gab kein Sparwesen, keine Zweigstelle, keiner konnte seinen Lohn ausgezahlt kriegen, weil ja keiner mehr Geld hatte. Der Kreislauf funktionierte nicht. Schon ab Mai 1949 waren die Räume im Erdgeschoss dann wieder behelfsmäßig nutzbar.

1949 hat es eine offizielle Einweihung gegeben, mit einer Betriebsfeier im Strehlener Hof. Da hat mein Vater mit meiner Mutter auf der Bühne gestanden. Die Belegschaft hatte ihm eine Ehrentafel aus Bronze gießen lassen. Die wurde ihm feierlich übergeben und wurde an der Seite des Gebäudes angebracht, wo sie jetzt auch hängt, als Ehre und Anerkennung seiner Leistung. Bei der Übergabe wurde das Gedicht vorgetragen.“

 

Gedicht auf den Sparkassendirektor von seiner Belegschaft 1949 Quelle: Walter Kirschner

Schrauben und Alukannen

„Dann war er Direktor, wie ein Direktor Direktor ist. Das große Eckzimmer hatte der Sparkassenpräsident des Landes Sachsen als Dienstzimmer und mein Vater als Direktor der Sparkasse Dresden war daneben im zweiten Zimmer. Dort war er öffentlich zugänglich. Bis zum Jahre 1951, das alles zur Wendung brachte. (…)

Curt Kirschner wurde im Jahr 1951 vom Dienst als Direktor entlassen, nachdem im gleichen Moment seine plötzliche Verhaftung erfolgte und er für nahezu ein ganzes Jahr im Gefängnis gehalten wurde – ohne jemals eine Anklageschrift oder einen Haftbefehl gesehen zu haben. Von der Polizeiwache auf der Schießgasse wurde er überführt zum Amtsgericht am Nürnberger Platz. „Wir durften ihn einmal besuchen, aber es durfte über nichts gesprochen werden, ausser wir sind gesund usw. Weder Haftbefehl, noch Haftbescheinigung, mit gar nichts, ohne Papiere ist er nach einem Dreivierteljahr aus dem Gefängnis entlassen worden.1952 ist er rausgekommen. Da kam er nach Hause und sagte: ‚Ich habe nichts auf der Hand. Ich weiss nicht, warum ich da drinnen war. Ich weiss nicht, warum ich entlassen worden bin.’“ Da war er Ende 55 Jahre alt.

Nach der Haftentlassung stand er ohne Arbeit da. Und schickte sein Parteibuch ins ZK ein. Der Zugang zu seinem Beruf blieb ihm verwehrt. Im schwarzen Arbeitsbuch, das zu der Zeit jeder Erwerbstätige hatte, steht bei Curt Kirschner an der einen Stelle Sparkassendirektor und anschließend…Schraubenwäscher. Um erst einmal Geld zu verdienen, arbeitete er als Hilfsarbeiter, wusch ölige Schrauben und putzte Alukannen für die Kuhmelker.

 

Das rückseitige Sparkassengelände in den 1970er Jahren


Fotos: unbekannter Stifter aus der Johannstadt

Wie Hemd und Schlips die Haltung wahren

Auf einem Gang nach Hause las er dann bei der Produktionsgenossenschaft des Handwerks PGH ein Schild, daß eine Bürokraft gesucht war. Lohnbuchhaltung, Schriftverkehr, Korrespondenzen, Verträge, damit kannte er sich aus und wurde eingestellt – „…da war er erst mal weg aus den VEBs und damit ‚raus aus dem Radius der Partei. Nach kurzer Zeit war er wieder Curt, jeder kannte ihn dort. Dort ist er auch wieder mit Schlips und Kragen hingegangen. Das macht die Haltung. Schließlich haben sie ihm die Mitgliedschaft angetragen und am Jahresende auch die Anteile ausgezahlt, wahrscheinlich mehr als er an Lohn gehabt hat. Sie haben ihn dort geachtet. Damit hat er bis zur Rente überlebt und seine Arbeit war anerkannt.“

Ich bin der Sohn vom Sparkassendirektor und ich habe das erlebt, sagt Walter Kirschner und fügt hinzu: „Und sie werden von mir auch kein Foto finden, wo ich nicht Hemd und Schlips an habe.“

 

Dankesrede an den Vater zur Einweihung der Ehrentafel        Foto: Inge Kirschner
Heutiger Hauptsitz der Ostsächsischen Sparkasse Dresden                              Foto: Walter Kirschner

 

 

 

 

 

 

Für die Anerkennung der Verdienste seines Vaters setzte sich sein Sohn als Zeitzeuge bis ins hohe Alter über Widerstände hinweg. Bestärkt durch die beharrliche Kraft von Seiten seiner Frau und Dank engagierter Unterstützung durch das Denkmalpflegeamt wurde 2015 die Ehrentafel zur Würdigung Curt Kirschners an der Sparkasse in der Johannstadt, wie sie heute im Eingangsbereich hängt, angebracht und offiziell eingeweiht.

Die wiederangebrachte Tafel zu Ehren Curt Kirschners. Foto: Anja Hilgert

Weitere Informationen

Wir dürfen Menschen, Orte nicht vergessen, sonst verschwinden sie

eingestellt am 29.05.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Ein Grab erzählt auf seine Weise die Geschichten derer, die in ihm bestattet sind Foto: Anja Hilgert

 


Beitrag von Sylvia-Manorita Wiedemann


„Ohne Erinnerung, ohne Seele, verschwindet die Vergangenheit.“
— Inspiriert durch Annette Dittert, „LONDON CALLING“ —

 

Wir wohnten vielleicht ein halbes Jahr in der Gerokstraße, als wir zum zweiten Mal den Trinitatisfriedhof uns gegenüber querten. Mir fiel ein imposantes Monument deshalb auf, weil es auf der rechten und linken Seite eine kleine Bank besaß. Irgendwie sympathisch. Außerdem wies ein kleines, gelbes Schild darauf hin, dass man Grabpaten suche. Ohne große Überlegung war klar, wir übernehmen die Grabpatenschaft. Ich fand das toll, mein Mann hatte, nebenbei bemerkt, die Arbeit: Die steinernen Elemente des Monuments wieder zusammenfügen, Efeu zu entfernen, Betonplatten verlegen, Hortensien und Bodendecker pflanzen. Das Grab ist sehr schön.

 

Begräbnisstätte Fam. Leukroth, Trinitatisfriedhof Johannstadt. Foto: Silvia-Manorita Wiedemann

 

Ich interessierte mich nun dafür, wer überhaupt dort liegt. Es sind vier Personen. Die erste Grablegung erfolgte 1907:

Hier ruht in Gott mein lieber Mann, unser guter Vater
Herr Hotelier JUL. RICHARD LEUKROTH
Ritter des Königl. Sächs. Albrechtsordens 2.Kl.
geb. am 30.7.1849 zu Buttstädt
gest. am 27.II.1907 zu Dresden

 

Darunter auf der gleichen, rechten, schönen, grün patinierten Platte noch die Daten seiner Frau  Aug. Lina Leukroth geb. Praetorius. Auf der identischen linken Platte sind zwei seiner Söhne, Carl Leukroth und Fritz Leukroth verewigt. Carl geboren in Chemnitz, gestorben in Dresden. Fritz hingegen wurde 1885 „zu Bastei“ geboren! Welch ein ungewöhnlicher Geburtsort.

 

Jugendstilschriftzug und Relieffries am Grab der Familie Leukroth Foto: Anja Hilgert
Glückskleebepflanzung der Grabpaten Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

Besonders interessiert waren wir natürlich an Richard Leukroth. Hotelier?. Wo?
Unsere ausführliche Recherchearbeit begann. Wir fanden eine Publikation: 

 „Die Bastei in der sächsischen Schweiz.
Festschrift zur hundertjährigen Jubelfeier
Ihres Eintritts in die Geschichte am 29.Mai 1897“
Von Oskar Lehmann
Professor am Königl. Stenographischen Institut zu Dresden
Vorsitzender des Centralausschusses des Gebirgsvereins für die sächsische Schweiz
Herausgegeben und seinen Gönnern, Freunden und seinen Gästen gewidmet
Von dem derzeitigen Pächter des Königlichen Bastei-Gasthofs
Richard Leukroth

 

Hier wird ausführlich auf die Bewirtschaftung der Bastei seit dem 17.05.1812 eingegangen, bis zum Jahr 1883, in dem Richard Leukroth die Pacht übernahm. „Den Zuschlag beim neuen Verpachtungstermin erhielt der geschäftstüchtige Richard Leukroth, unter dessen Leitung „außerordentlich viel für die Bequemlichkeit der Besucher“ geschah. Unter der Leitung von Richard Leukroth wurde die Bastei zu einem Ort des Massentourismus. Die Gastwirtschaft wurde 1893/94 völlig umgebaut und erweitert und eine 6km lange Hochdruckwasserleitung  von der Hohburkersdorfer Höhe gebaut. Diese ersetzte den bisherigen Basteibrunnen an der Basteistraße. Um auch Gäste für mehrere Tage zu gewinnen, entstand „fern von dem Lärm des Passantenpublikums“ ein Logierhaus und für die „allerhöchsten Herrschaften“ ein elegantes Königszimmer mit prächtiger Aussicht auf die Elbe“. Im Hotel standen 70 Betten für müde Wanderer und Gäste bereit. Es residierten durch Herrn Leukroths Betreiben nicht nur Gäste aus königlichem Hause im Hotel der Bastei, auch der einfache Bürger war stets Willkommen und fand freundliche Aufnahme. Die Bastei hatte sich zu einem Naherholungsziel für Dresden und zu einem bekannten Ziel für Kletterfreunde aus ganz Deutschland gemausert, wovon wir auch heute noch profitieren. All dies könnte Anlass gewesen sein ihn als „Ritter des Königlich Sächsischen Albrechtsordens 2.Klasse“ zu ehren.

Herr Leukroth war ein Humanist, nicht nur das Königshaus wurde königlich bewirtet, er war ein Unternehmer mit Vorbildwirkung!  Er achtete darauf, dass der Bäckerjunge oder der Fleischer oder wer sonst was auf die Bastei brachte, ein kleines Trinkgeld oder aus der Küche etwas zu essen bekam. Außerdem war Richard Leukroth damals schon im heutigen Sinne umweltbewusst, denn nichts wurde weggeworfen und eventuelle Reste der Küche an arme Familien, wie zum Beispiel die Familien der Steinbrucharbeiter, weitergegeben.

Auf der Plattform des damals noch vorhandenen 16,5m hohen hölzernen Aussichtturms war stets ein Mann anwesend, der den Besuchern die Aussicht erklärte. Ebenfalls stand ein Fernrohr zur kostenlosen Benutzung bereit.

Herr Richard Leukroth besaß darüber hinaus einen Verlag „VERLAG R.LEUKROTH BASTEI“, der der zahlreiche Postkarten von der Bastei herausgab, die zur Bekanntheit der Bastei in hohem Maße beitrugen. Die Zahl von versandten Postkarten übertraf jährlich 70.000! 

Dies alles zeichnete Herrn Hotelier Richard Leukroth aus, so dass auch die heute lebenden Dresdner ihm dankbar sein und auf ihn stolz sein können. 

Wir sind begeistert sein Grab auf dem Trinitatisfriedhof entdeckt zu haben, zu pflegen und weit über seinen Tod hinaus zu ehren und anderen nahe zu bringen. 

Natürlich haben wir in Pirna im Archiv recherchiert. Wir haben alte Postkarten der Bastei des Verlags von Herrn Leukroth erworben. Wir haben Menschen dieses Namens aufgesucht, um noch mehr über Herrn Leukroth zu erfahren. Wir suchten das neue Restaurant der Bastei auf, in der Hoffnung, dass auch dort unser Interesse geteilt wird und Material zu finden ist, welches über die Historie Aufschluss gibt. Leider trafen wir auf keinerlei Interesse. Man sah auch keinen Anlass die 200. Wiederkehr  „der Ersterwähnung und Erschließung der Bastei“, 1997 zu feiern, ja zu einem genussreichen Festmahl, „á couvert 4 Mark“ für 300 Gäste aus den verschiedensten Ständen und Berufen, wie 1897, werden zu lassen. Damals wurde sogar die oben erwähnte aufschlussreiche Festschrift herausgebracht. 

Schade, schade – Erinnerungen schwinden. Vielleicht wäre dieser Bericht Anlass an Richard Leukroths Grabmal auf dem Trinitatisfriedhof vorbei zu flanieren oder beim nächsten Basteibesuch seiner zu gedenken….

Uns, seine Grabpaten, Sylvia-Manorita und Frank Wiedemann würde es freuen!

Pflegekräfte fürs kulturelle Erbe – Grabpatenschaften auf dem Trinitatisfriedhof

eingestellt am 29.05.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Geheimnisvoll und unendlich vielfältig - Die Grabkultur auf dem Trinitatisfriedhof Foto: Anja Hilgert

 

Vielen Johannstädter*innen gilt der Trinitatisfriedhof als grüne Oase im dicht bebauten Stadtteil. Hinter den hohen zweihundertjährigen Mauern liegt unbeschreibliche Ruhe, ein Einstieg zur Anderswelt. Diese stille Besonderheit ist in zahlreichen Jahresringen über zwei Jahrhunderte lang gewachsen.
Alte Gräber der Biedermeier-, Gründer- und Jugendstilzeit geben ein reiches Erscheinungsbild. Beseelung von verstorbenen Persönlichkeiten, die das kulturelle, gesellschaftliche, politische und alltägliche Leben der Stadt prägten, schwebt über der Zeit. Von Anfang an waren Bäume als Wegebegrenzung geplant und so bieten alte beschirmende Baumkronen über den heutigen Wegen Schutz und vermitteln dem weitläufigen Gelände Geborgenheit. Es lässt sich gut zur Ruhe kommen hier, auf dem Trinitatisfriedhof. Doch dem Idyll droht der Verfall seiner historischen Grabstätten.

 

Namen in Stein

Aufgrund der künstlerischen Gestaltung zählt der Trinitatisfriedhof zu den stadtgeschichtlich und kulturhistorisch bedeutendsten Friedhöfen Dresdens und ist der fünftgrößte Friedhof der Stadt. Eine Ruhestätte für die Toten, die seinerzeit ausdrücklich zweckmäßig als Begräbnisstätte begründet wurde und weniger dem Ritus oder religiösen Kultus verpflichtet gebaut wurde als vielleicht andere Friedhöfe. Historisch betrachtet, wurde hier mehr weltlich geruht.

Historische Persönlichkeiten aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens haben ihre letzte Ruhestätte auf dem Trinitatisfriedhof gefunden. Viele von ihnen hatten lokale Bedeutung. Ob Pionier der Gasbeleuchtung, Volksliedforscher, Tierbildhauer, Pianistin, Kinderbuchauorin, Sozialökonomin – die Liste starker Persönlichkeiten ist lang und immer handelt es sich um eine Lebens-Geschichte, die auf besondere Art Sinn ergeben und Geltung geschaffen hat.
Die Inschriften auf ihren Grabsteinen lesen sich manchmal wie Anfänge einer Erzählung aus vergangener Zeit.

Berufsbezeichnungen, Gilden, Begriffe, Vornamen, die man heute nicht mehr kennt, Adelstitel, Geheimräte und ehrwürdige Bünde, denen sich Menschen damals verpflichtet und zugehörig fühlten. Vieles beginnt wie „Es war einmal…“. Manche derjenigen, die hier in die Erde gelegt wurden, waren überlandesweit bekannt wie der Mediziner Carl Gustav Carus, einige haben es zu Weltruhm gebracht wie der Maler Caspar David Friedrich – ihre Namen sind verzeichnet geblieben, die Steine halten am Zeugnis fest.

 

Kunstvoll gestaltete Grabstätten auf dem Trinitatisfriedhof Foto: Anja Hilgert
Grabskulptur der Jahrhundertwendezeit. Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

Mindestruhezeit nicht mehr als 20 Jahre

Aber auch die Gräber historischer Persönlichkeiten sind über die allgemeine gesetzliche Mindestruhezeit von meist 20 Jahren hinaus nicht geschützt. Wenn also Nachkommen oder sonstige Nutzungsberechtigte die Liegezeit nicht verlängern, dann werden die Grabstätten nach einer geraumen Zeit aufgelöst und eingeebnet, um sie für eine Neubelegung frei zu machen – oder aber der Friedhofsträger springt ein und übernimmt das Grab in städtisches Eigentum. 

Zu ihrer eigenen Unterstützung versuchen die finanziell randständigen Friedhofsverwaltungen, Nachfahren, Vereine, Institutionen, Firmen sowie Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen, die sich per Patenschaften in die Erhaltung und Pflege dieser Gräber einbringen. 

Auf dem Trinitatisfriedhof fallen aufmerksamen Besucher*innen jene Gräber auf, die das markierende Schild mit dem Patenschaftsgesuch tragen. Der Aufruf findet nicht immer Gehör. Dann nagt der Zahn der Zeit unerbittlich weiter an den Grabmälern: Wind und Wetter, vor allem aber die aggressiven Schadstoffe in der Luft greifen die steinernen Oberflächen an. Zeitzeugnisse verfallen. Manche Friedhofsdenkmale mahnen bereits mit ihrem Verblassen und Verschwinden. Nun hat der Stadtrat Einspruch erhoben.

 

Künstlerisch gestaltete Grabinschriften verlieren ihre Lesbarkeit. Foto: Anja Hilgert

 

Historische Grabpflege knüpft Patenschaften

In den letzten Jahren signalisierten die Friedhofsleitungen vermehrt, dass sie aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten die Pflege und Instandhaltung dieser Gräber nicht mehr wahrnehmen können.
Gegenwärtig erhalten 236 Grabstätten von historischen Persönlichkeiten auf Dresdner Friedhöfen eine Förderung, um nicht dem Verfall preisgegeben zu sein. Für 132 Gräber erhalten die Friedhofsträger anteilig finanzielle Unterstützung von der Landeshauptstadt Dresden. Der andere Anteil kommt von freiwilliger, privater, ehrenamtlicher Hand: 104 Gräber werden durch Privatpersonen, Stiftungen oder andere Engagierte gepflegt. Diese Einzelnen widmen sich mit ihren privaten Mitteln der Pflege eines je individuellen Bausteins kollektiver Vergangenheit.

 

Aufruf zu engagierter Rettungsaktion Foto: Anja Hilgert

 

 

Stadtgeschichtlicher Wert der Erhaltung

Die Friedhöfe weisen eine Vielzahl von Einzeldenkmalen auf, für die ungewiss ist, wie deren Sicherung gewährleistet werden soll. Häufig handelt es sich um künstlerisch bedeutende Grabmale oder Kleinskulpturen, Bildnisse und Reliefs von kunstgeschichtlichem Wert. 

Solcher Erhalt denkmalgeschützter Raritäten kann aufwändig sein, z.B. wenn fachkundige Restaurierung nötig wird. Aus zwingend gegebenem Anlass werden nun im Haushalt der Landeshauptstadt Dresden 2021/2022 zusätzliche Mittel zum Erhalt der Dresdner Friedhöfe und insbesondere zu Erhalt und Pflege historischer Grabstätten bereitgestellt. 

Die für Friedhöfe zuständige Bürgermeisterin Eva Jähnigen unterstützt den aktuellen Aufruf des Stadtrats: „Für die Landeshauptstadt Dresden sind die historisch bedeutenden Gräber ein Archiv der Stadtgeschichte. Es sind Erinnerungen an Personen, die die Stadt geprägt haben. Die Grabsteine stehen als abschließendes Symbol des weltlichen Daseins und helfen, Ideenreichtum, Mut, Schöpferkraft und Lebensläufe dieser Persönlichkeiten lebendig zu halten.“ 

 

 

Ornamentbänder und Friese in einer Formgebung von Unendlichkeit                   Fotos: Anja Hilgert

Lokalerbe der Johannstadt

Ein allgegenwärtiger Straßenname in der Nördlichen Johannstadt geht z.B. auf eine solche historische Persönlichkeit zurück, deren Grab städtischer Fürsorge untersteht: Der Jurist Friedrich Wilhelm Pfotenhauer (1812 – 1877) war 28 Jahre lang Bürgermeister der Stadt Dresden. Die Hauptverkehrsader in der Nördlichen Johannstadt ist die nach ihm benannte Pfotenhauerstraße. Für das 15 Quadratmeter große Grab auf dem Johannisfriedhof bringt die Landeshauptstadt Dresden derzeit 150 Euro im Jahr auf. 

Das entspricht dem Durchschnittswert, der jährlich pro erhaltenswertem historischen Grab aus dem städtischen Haushalt bereitgestellt wird. Insgesamt sind das etwa 20.000 Euro pro Jahr. Benötigt werden aber mehr als 90.000 Euro, da die tatsächlichen Kosten einer Grabgrundpflege mit diesem Betragseit einigen Jahren nicht mehr gedeckt werden. Allein für eine pflegeleichte Dauerbegrünung liegen die Durchschnittskosten aktuell bei rund 80 Euro brutto pro Quadratmeter und Jahr. Die Stadtverwaltung schlägt vor, jedes historische Grab mit bis zu 400 Euro pro Jahr zu fördern.

 

 

Jede Begräbnisstätte ein individuelles Kunstwerk    Fotos: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

Pflege-Förderung

Zudem soll eine Fachkommission jetzt prüfen, welche historischen Gräber künftig eine Förderung erhalten. Die letzte Aktualisierung der Übersicht über die historischen Gräber erfolgte 1987.
„Die Fachkommission soll bewerten, welche Gräber weiterhin eine geförderte Pflege erhalten sollen. Die Arbeitsergebnisse der Fachkommission werden dann Grundlage für die Fortschreibung der Liste der historischen Gräber sein, über die erneut der Stadtrat entscheiden wird“, beschreibt Jähnigen das weitere Vorgehen. „Neben den Anstrengungen der Stadt, der Friedhofsträger und vieler Freiwilliger ist eine weitere Unterstützung dieser Aufgabe durch die Dresdnerinnen und Dresdner willkommen, um das historische Erbe auf den Dresdner Friedhöfen zu erhalten. Wer Interesse hat, sich um eine dieser historischen Grabstätten zu kümmern, sollte sich an den jeweiligen Friedhof wenden.“

 

Einstweilige Ruhe

Einstweilen ist für Besucher*innen auf dem Trinitatisfriedhof allein der Wind zu hören, der durch die Baumkronen rauscht. Dazu gesellt sich vieltöniges Rufen und Singen unzähliger munterer Vögel, die sich hier ausgesprochen wohl zu fühlen scheinen.
Neben Hasen und Eichhörnchen, oder dem Fuchs und sogar dem Waldkauz, der hier schon gesichtet wurde, sind Menschen nur vereinzelt anzutreffen. Manche kommen zum stillen Zwiegespräch mit jenen, die schon aus diesem Leben gegangen sind. Doch nicht alle kommen her, um ihrer verstorbenen Nächsten zu gedenken. Mache lenken auch nur einen Spaziergang über das friedlich stimmende Gelände und schätzen die Qualität der bloßen Entspannung, die der Friedhof mit sich bringt.

Die Grabpatenschaften tragen ausser zum Kulturerbe des Friedhofs auch bei zur verwunschen wunderbaren Koexistenz lebendiger Bäume mit den uralten Steinen der Toten, die dem Trinitatisfriedhof einen einzigartigen Charme verleihen.

 

Weitere Informationen 

www.dresden.de/friedhof

www.johannisfriedhof-dresden.de/grabpflege/

 www.grabpatenschaft-dresden.de/patenschaftsgräber/johannstadt-trinitatisfriedhof/

Ab Montag wird gepflanzt! Aufruf für Patenschaften für bedrohte Wildpflanzenarten

eingestellt am 26.04.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Wessen Herz für wilde Pflanzen schlägt, fühle sich gerufen! Foto: Anja Hilgert

Für die neue Pflanz-Saison 2021 werden Menschen gesucht, die eine Patenschaft übernehmen für seltene Wildpflanzen unserer Region, um diese bei sich zuhause aufzuziehen und nach der Aufzucht auszusiedeln. Das Umweltzentrum Dresden steht mit Rat und Tat zur Seite und freut sich über neue Mitwirkende im Projekt Urbanität & Vielfalt, in bewährter Weise sind auch neue Pat*innen aus der Johannstadt herzlich willkommen!

Wilde Wiesen

Wiesen sind natürlicherweise das Zuhause zahlreicher Arten von wilden Kräutern, Blüh- und Heilpflanzen. Wenn die Bedingungen stimmen, beheimatet die wilde Wiese eine große Vielfalt an Pflanzen, die nicht nur unsere Sinne erfreuen. Sie geben auch Lebensraum für zahllose Kleinlebewesen, viele Insekten und andere Tiere, z.B. seltene Wildbienen, wie eine Art der Sandbienen und der Hosenbienen, die sich und ihren Nachwuchs vom Pollen der Skabiosen, vornehmlich der Gelben Skabiose ernähren. Ein reichhaltiger Kreislauf, der vielerorts durch Eingriffe des Menschen beeinträchtigt oder zerstört wird.
Pflanzpat*innen helfen mit, dass Wildpflanzen wieder das Zuhause bekommen, das ihnen zusteht.

Ein Stern auf der Roten Liste bedrohter Pflanzenarten: Der Feld-Mannstreu.  Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

Quartier gesucht für Pflanzen von der Roten Liste

Urbanität und Vielfalt ist ein Projekt am Umweltzentrum Dresden, das in Kooperation mit Bundesumweltministerium und sächsischem Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft dazu aufruft, diesen Raum wieder zu bevölkern, und zwar mit Pflanzen, die sich rar gemacht haben: Gefährdete, in der Region Dresden und Meißen heimische Wildpflanzen sollen in ihrem Bestand geschützt werden. Das Gärtnerei-Team des Umweltzentrums stützt seine Arbeit dabei auf die Mithilfe vieler Bürger*innen, die sich mit ihrem städtischen Wohnraum zur Verfügung stellen, um diesen Pflanzen, die auf der Roten Liste stehen, ein zeitweiliges Quartier zu bieten, in dem sie kräftig werden und wachsen können, bis sie wieder der Natur übergeben und ausgepflanzt werden.

 

Kleine Wiesenrauten zurück auf den Elbwiesen

Während der nun vierjährigen Laufzeit des Projektes wurden insgesamt 6.000 gefährdete Wildpflanzen auf 18 ausgewiesene Flächen in Dresden und dem Landkreis Meißen ausgebracht – unter anderm auch in der Johannstadt.
Hier wachsen seit der Auspflanzaktion im Herbst 2020 wieder 250 Kleine Wiesenrauten auf den Elbwiesen am Käthe-Kollwitzufer und haben damit eine Chance, sich wieder an ihrem natürlichen Standort zu etablieren. 8 Arten mit unterschiedlichem Gefährdungsstatus und Standortansprüchen wurden 2020 durch Unterstützung von Pflanzpat*innen auf Balkonen oder in privaten Gärten in Obhut genommen, aufgezogen, zum Wachsen und schließlich zum Anwachsen in ihrer natürlichen Umgebung gebracht. 

Die Jahreszeit wandelt sich auch an der Kleinen Wiesenraute Foto: Anja Hilgert

Einladung zur Patenschaft für die Saison 2021

  1. Anmeldung per Onlineformular.
  2. Nach der Anmeldung den Link erhalten zur Info-Veranstaltung online: Am Mittwoch 28.04. 19.30 – 21.00 Uhr stattfinden. Das Umweltzentrum informiert zum Vorhaben, den Projektpflanzen und dem Projektablauf.  Hier können auch alle Fragen zur Patenschaft gestellt werden.
    Alternativ oder ergänzend zum Online-Training lesen alle potentiellen Pflanzpat*innen den Leitfaden „Ihre Pflanzenpatenschaft bei Urbanität und Vielfalt“, der für 2021 neu überarbeitet worden ist.
  3. Abholung der Patenpflanzen nach vollzogener Anmeldung:
    am Samstag 29.5. in Dresden, Umweltzentrum Dresden, Außenstelle ehem. Friedhofsgärtnerei, Bremer Straße 18
  4. Pflege der Patenpflanzen: Wachsen und Gedeihen bei den Pflanzpat*innen zuhause. Fragen oder Probleme können besprochen werden: In den regelmäßig angebotenen U&V-Patensprechstunden oder telefonisch mit dem U&V-Team. 
  5. Im September werden die Pflanzen und/oder gesammeltes Saatgut zurück an das Gärtnerei-Team gegeben bzw. sofern es die Corona-Maßnahmen erlauben, finden gemeinschaftliche Auspflanzaktionen statt. 

Weitere Informationen

Was dem Haus Halt verleiht – der Johannstädter Eisenwarenladen

eingestellt am 16.04.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Der Schriftzug ist noch vom Vorgänger - eine Institution in der Johannstadt ist der Eisenwarenladen noch immer Foto: Anja Hilgert

Schrauben und Dübel gibt es auf die Hand in diesem Laden um die Ecke. Auch wenn die Dichtung leckt oder der Fuchsschwanz im Keller Rost angesetzt hat – einer, bei dem für Ersatz gesorgt ist, in Qualität und Güte, ist der Johannstädter Eisenwarenladen.

Das Geschäft um die Ecke

Das Ladengeschäft ist unkompliziert zu erreichen und hat auf wenig Raum alles, was Hand und Herz an Werkzeug, Materialien und Kleinteilen begehrt. Viele sparen sich gern Zeit und Nerven und geben dem Weg zum lokalen Laden im Viertel den Vorrang gegenüber einer Fahrt in den Baumarkt. Besonders, da geduldige Beratung inklusive ist. Heimwerker*innen, Männer und Frauen der kleinen Projekte, Tüftlerinnen und Bastler, Selbstversorgerinnen und Stadtteilaktive reichen sich die Klinke. Der Laden liegt eben um die Ecke.

Schächtelchen voller „…, du weißt schon“

Über die Ladentheke wird Handwerkszeug aller Art gereicht, gute Beratung tut das Übrige, der Kassenbon rattert und zwischen allem Geschäftlichen hindurch ziehen sich Wortwechsel und interessante Gespräche. Im Eisenwarenladen der Johannstadt findet jede*r fast immer, was gerade gebraucht wird, deshalb sind Andrej und sein Ladengeschäft ein fester Begriff im Viertel. Was Schrauben und Dübel selbst im Verbund nicht vermögen, trägt die Person des Verkäufers maßgeblich bei.

Über das Handwerkliche hinaus kommt es schon mal auf die Göttliche Komödie zu sprechen, mal zu einer Empfehlung für die beste Übersetzung von Ariost. Verse zum Lesen, die zum Feierabend die Ausdauer prüfen und Genuss im Feinsinnigen bieten. Ja, Schrauben und Dübel, „ Der Laden gehört zur Johannstadt und die Johannstädter*innen kennen das, da bin ich verpflichtet“, sagt Andrej Klein und steht lächelnd vor einer Wand mit unzählbaren Schächtelchen voller …, du weisst schon.

 

Für jede Wand und jede Hand das Passende Bohrer Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

Eisenwaren und alles, was dem Haus Halt gibt

Eisenwaren sind genormte Waren: Von Werkzeugen bis zu Kleinstteilen, die manchmal sogar eine echte DIN-Norm erfüllen, nach der alle Teile einheitlich ausgerichtet und gefertigt sind, damit sie verbunden werden können und das Einzelne sicher zusammenpasst.

„Manche, die kommen und wissen schon alles ganz genau, aber manche wissen einfach noch gar nicht, was sie wirklich brauchen“, berichtet der Eisenwaren-Fachmann. „Dann muss ich erst einmal klären: Was für eine Wand hast Du überhaupt – ist es Beton, Ziegelwand oder Trockenbau – das sind verschiedene Bedingungen und dann braucht man entsprechende Dübel und zu den Dübeln entsprechende Schrauben. Bis das alles erst einmal geklärt ist, braucht es Zeit und du zeigst und du erklärst.“ 

Gelernte DDR-Bürger

„Ich bin gelernter DDR-Bürger – haben Sie das nie gehört?“, fragt er gewitzt. „Das heisst, jemand kann reparieren und ist ganz vielseitig, kann alles anpacken – das habe ich von vielen Kunden gehört aus dieser Altersgruppe. Viele Ältere kommen schon mit einer Skizze und den Maßen darauf. Viele jüngere Leute sagen bloß ‚Geben Sie mir eine Schraube!‘, – ‚Was für eine?‘ – ‚So und so, zeigen sie mir‘ und nach einigem Hin und Her stellt sich heraus, gebraucht wird eine M 4 x 20.“

Ein Ladengeschäft hat allerdings mehr als die eine Funktion, Ware umzusetzen: „Geduld und gutes Geschick mit den Menschen, das muss man wohl haben – die Leute wollen auch viel sprechen, oder? Ich habe das viel gelernt hier,“ sagt Andrej und schiebt die Lade der Kasse zu.

Anfang der 1990er wollte jeder eine eigene Bohrmaschine haben

Die blauen Lettern des alten Firmenschriftzugs direkt auf dem Sandstein über den beiden Schaufenstern geben den Anschein, das Geschäft im Hochparterre befände sich schon immer hier, seit den Gründerjahren. Der Laden ist voll integriert in die Häuserzeile der Hertelstraße und passt mit seinem herausragenden Ladenschild gut hinein in die alte Kulisse der Jahrhundertwendezeit. 

Der Laden ist wie eingepasst in die Gründerzeitfassaden der Hertelstraße Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

Ganz so lange gebe es ihn noch nicht, erzählt Andrej: „Herr Reinicke, mein Vorgänger, hat 1988 angefangen. Vor ihm, vor 30-40 Jahren war hier ein Schuster – dann haben Reinickes den Laden übernommen, er mit seiner Frau. Damals ging das Geschäft von der Ladentüre weg nach hinten nur über die Hälfte der heutigen Größe, der andere Teil war Wohnung. 1996/97 wurde das Haus saniert und dem Ehepaar Reinicke vom Besitzer angeboten, den ganzen Laden zu übernehmen. Anfang/Mitte der 1990er wollte jede*r eine eigene Bohrmaschine haben. Das Geschäft lief sehr gut zu der Zeit.

Mit der Ordnung kann es immer nur besser sein

Vom Gehsteig der Hertelstraße aus nimmt man drei Stufen, drückt die Klinke der alten Türe nieder und gelangt – ohne Türglockenläuten – über die Schwelle ins andere Reich des Ladeninneren. Ein Laden um die Ecke wie dieser, ist eine Rarität und genießt den beinahe nostalgischen Charme eines klassischen Einzelhandelsgeschäftes. 

Zum Mann vom Fach ist Andrej Klein durch jahrelange Erfahrung geworden. Handwerkliches Geschick und Können hat er mitgebracht. Damals hat ihm einer erzählt, dass die Reineckes aufhören wollen, kurz nachdem er gemeinsam mit seiner Frau nach Dresden gekommen war: „Ich bin als Spätaussiedler aus Kasachstan gekommen, aus einer Russlanddeutschen-Familie.“

Sie hatten einander im Studium in St.Petersburg kennengelernt und seine Frau arbeitete dort als Übersetzerin, bis sie sich entschlossen, gemeinsam nach Dresden zu gehen: „Wir sind 2000 nach Deutschland gekommen. Da haben wir anfangs auf der Gerokstraße gewohnt, später sind wir dann umgezogen. Ich habe natürlich viel selbst gemacht. Der Eisenwarenladen von Reineckes war eine Institution. Den kannte jede*r. Ich war selbst hier Kunde.“

Nachfolge angetreten

Das Ehepaar Reinicke war alt und hatte einen Zettel in den Laden ausgehangen: Wir suchen einen Nachfolger. Mit anderer Arbeit war es kompliziert, da fragte Andrej seinen Freund, ob sie zusammen anfangen wollten. Aus der Zeit stammt noch das Angebot auf dem Ladenschild: Serviceleistungen, für Reparaturdienste vor Ort, Küchen einbauen, Mischbatterien anschließen – das hat der Freund gemacht, bis er vor zehn Jahren die Preise nicht mehr halten konnte. Heute werden Serviceleistungen von den Leuten wieder nachgefragt. „Aber ich bin allein. Hier im Laden ist nie alles erledigt, da habe ich keine Zeit für Arbeiten ausser Haus“, sagt Andrej und lacht: „Am Anfang hat uns Frau Reinicke gesagt – Ordnung ist das halbe Leben. Es muss alles systematisch sein, das stimmt, aber mit der Ordnung kann es immer nur besser sein.“

Welche Säge sägt am besten? Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

Sortimentspflege

Säge, Hammer, Bohrmaschine, Armaturen oder Spaten und Gartengerät – Werkzeuge jeglicher Größe, 1000 Dinge für Heim und Haushalt sind aufgereiht und ausgepreist fester Sortimentsbestand. Zusätzliche Dienste bestehen im Schleifen und im Schlüsseldienst sowie dem Verleih größerer Elektro-Werkzeuge. Die Bandbreite ist groß, die Produktpalette vielfältig, bei ausgewählter Marken-Qualität. Andrej legt wert darauf, dass es langlebig ist. So weit es in seinem Rahmen möglich ist, sagt er, denn wie lange er für sein Sortiment noch garantieren kann, das weiß er nicht. Das liegt auch nicht in seinen Händen. Das sind Dinge, die in einem größeren Rahmen stehen.

Alles oder nichts

Sein Vorgänger im Ladengeschäft konnte bei verschiedenen Produkten noch ganze Gebinde bestellen, z.B. Dichtungsschläuche oder Kleber. Soviel braucht Andrej in der Regel nicht. Bei seinen Lieferanten kann er die meisten Sachen einzeln bestellen. Auch wenn bei 10-20 Stück pro Packungseinheit der Einzelpreis niedriger wäre, für ihn lohnt sich die Menge nicht. Seine Priorität ist, die Lücke im Angebot zu schließen.

„Immer wieder höre ich die Meinung über meinen Laden: „Der hat alles!“ In solchen Minuten denke ich, es ist ein Segen und ein Fluch, so ein breites Sortiment zu haben. Ich habe viele treue Kunden, die mein Geschäft schätzen und kaufkräftig unterstützen. Ich wünschte nur, dass von mir in Zukunft nicht zu viel erwartet wird.“

Schlüsselersatz im Handumdrehen Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

Tausende von Einzelteilen

In der Sortimentspflege steckt die meiste Arbeit. Wenn die Lieferkette eingespielt ist, geht es leichter: Werkzeuge, Befestigung, Haushaltshelfer, Schlösser, Sanitär, Kleinelektro, Leuchtmittel, Gartenbedarf, das ganze Repertoire, systematisch aufgeteilt auf einzelne Bestellkataloge, mit Listen und Nummern, aus einer Adresse, damit die Bestellung unaufwändig und glatt läuft: „Für den Handel brauche ich eine Firma, die mir einen Innendienst, Ansprechpartner, einen Katalog oder pdf-Datei bietet, mit Liefergarantie und der Möglichkeit zur Reklamation. Es muss nicht sein, dass ein Vertreter kommt einmal im Jahr, aber ich brauche einen Ansprechpartner, das ist heute das Problem“, sagt der Ladenbesitzer und führt aus:
„In der letzten Zeit geht es dem Einzelhandel immer schlechter. Die Zeiten ändern sich, der Umsatz verschiebt sich in den online-Handel. Besonders für kleine Händler ist es schwierig, parallel zum Ladengeschäft einen online-Vertriebskanal aufzubauen.“ Andrej arbeitet in kleinerem Rahmen, dafür stilvoll: „Im Internet gibt es viele Anbieter, die keine oder wenig Steuern zahlen, ein gutes Beispiel ist Amazon. Für mich zeigt sich, dass auf Dauer der Einzelhandel vor Ort wohl verschwindet. An der Stelle bin ich ein Realist und kein Optimist.“

 

Eine echte Fundgrube  Foto: Anja Hilgert

Kleinvieh braucht Humor und ein geduldiges Gemüt

Manche kommen tatsächlich in den Laden und kaufen nur Dübel, Schrauben, Dübel, Schrauben… „Ich verkaufe das natürlich, zwei Schrauben 32 Cent, 2 Haken 64 Cent – da reden wir länger und der Kassenbon kostet bald mehr als die Ware. Viele machen es so, dass sie einmal wegen ein paar Schrauben kommen und dann wiederkehren, dann auch mal eine Zange oder eine Gartenschere brauchen.

Andere bestellen alles, was mehr als 5€ kostet, gleich im Internet. Die Leute sagen: ‚Ja ja, Kleinvieh macht auch Mist – der macht Geschäfte mit dem Verkauf von Dübeln und Schrauben‘, und jemand befestigt sein Regal. Aber so ist es eben nicht – da parkt kein Lamborghini vor meiner Haustüre. Tatsächlich ist es anders herum: Nämlich Kleinvieh macht viel mehr Arbeit. Das kleine betreute Ding, das dann im Regal sich findet, das macht sehr viel Arbeit.“

Den Dingen nochmal ein Leben schenken

Kleinlich ist Andrej Klein überhaupt nicht, im Gegenteil: Einmal kam einer, der brachte eine alte Schere, die er auf dem Dachboden bei seinem Opa gefunden hatte, an die 100 Jahre alt. ‚Gutes Werkzeug wird vererbt‘, denkt Andrej, ‚Kinder und Enkelkinder freuen sich, wenn sie gutes Werkzeug bekommen‘. „Sauber gemacht und geschliffen, wird sie wieder funktionieren“, sagt er dem Kunden. Der lässt sie schleifen. Beim nächsten Mal bringt er die Schere wieder mit und ist stolz: „Ich kann damit jetzt einen Teppich schneiden!“ „So muss es sein“, bekräftigt Andrej, „den Dingen nochmal ein Leben zu schenken.“

999 mal Zufriedenheit

Die Schwierigkeiten als Einzelhändler sind anders gelagert und haben nicht erst letztes Jahr begonnen. Die Corona-Krise hat es verschärft. „Seit zwei, drei Jahren verliere ich kontinuierlich die Lieferanten. Früher gab es wesentlich mehr Lieferanten, die solche kleinen Läden beliefert haben wie meinen. Wenn die Umsätze zurückgehen, verschwinden die Lieferanten – mittlerweile sage ich, ‚Hauptsache, die beliefern mich‘.“

Dementsprechend wird es schwieriger, das bewährte Sortiment aufrecht zu erhalten. In den Bereichen Werkzeug, Befestigung und Schließtechnik habe ich noch genug gute Lieferanten, in anderen Bereichen wird es immer schwieriger, und das Sortiment wird unumgänglich kleiner. Ob es fürs Weitermachen reicht, werde ich sehen.“

Andrej ist zuversichtlich: „Ich habe gegenüber einem Kunden, der meckert, 999 zufriedene Kunden.“ Das Telefon klingelt: „Eisenwaren Johannstadt – Klein – guten Tag! ….Ich hoffe, dass wir nicht für immer zu haben, nein. Sie bestellen bei mir und dann können sie es abholen kommen. Ich trage das ein als Bestellung. Was brauchen Sie denn?…Ja, Batterien haben wir, am besten sie bringen die alte mit, dann gucken wir, da finden wir eine neue. Die Tür ist zu, sie müssen klingeln oder klopfen – ich bin da, dann mache ich auf.“ 

Weitere Informationen

  • https://www.eisenwaren-johannstadt.de
  • Eisenwaren Johannstadt
    Hertelstraße 21
    01307 Dresden
    Tel: 0351 / 65 28 515
    Fax: 0351 / 65 28 516
    e-mail: verkauf@eisenwaren-johannstadt.de
  • Öffnungszeiten:
    in der Woche 10 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr, sonnabends 10 bis 12 Uhr