„Frauentag – wann ist der denn?“ – Auf Stimmenfang in der Johannstadt

eingestellt am 09.03.2020 von Philine Schlick (Stadtteilredaktion), Headerbild: Der internationale Frauentag ist am 8. März - es geht dabei nicht nur um Blumen ... Foto: Philine Schlick

Beitrag von Anja Hilgert und Philine Schlick

Am 8. März ist Frauentag. Wir wollten wissen, was Frauen im Stadtteil an diesem Tag bewegt, sind auf die Straße gegangen und haben an Knotenpunkten des Stadtviertels Passant*innen gefragt: Was machen Sie am Frauentag? Und: Was bedeutet Ihnen der Frauentag?

„Frauentag?“, sagt eine Gruppe Tagesmütter erstaunt. „Das hätte ich nicht gewusst. Wir würden den nicht begehen. Das ist anders beim Männertag, der ist etablierter. Aber der Frauentag geht an uns vorüber.“ Also heißt das allein für sich betrachtet ohne Wert, wenig auffällig, lautlos leise sogar, nicht wahrgenommen und nur der Logik nach existent, im Vergleich zum männlichen Namensvettertag? Auch eine junge Frau mit bunt geflochtenen Rastas muss gestehen: „Ich denke nicht darüber nach. Ich weiß nicht, was das ist.“

Kein schlechter Anfang, denken wir uns, nach über 100 Jahren Tradition des als Frauenkampftag in die Kalender eingegangenen Datums. Immer am 8.März ist das, alljährlich seit über einem Jahrhundert: Zum Internationalen Frauentag, auch Weltfrauentag, demonstrieren und zeigen sich Frauen über den ganzen Globus mit Veranstaltungen, Aktionen und Bündnissen für Frauenrechte, rufen Frauenorganisationen weltweit Missstände in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Frauentag an nur einem Tag im Jahr?

In seiner Bedingungslosigkeit, Überzeugungskraft und Wirksamkeit und damit in seiner Freude ist ein sich selbst frei setzender Wille zu selbstbestimmtem Leben unvergleichlich und nicht zu bremsen. Davon zeugen Frauenrechtlerinnen auf der ganzen Welt mit beispiellosem Einsatz.

Vielleicht können Menschen, die in den angeprangerten Strukturen feststecken und den angestammten Pol unbewegt lassen, davon wirklich nichts ahnen. Also sei mit Nachsicht betrachtet, wenn selbst junge 30jährige irritationslos an der Bewusstlosigkeit alter patriarchaler Muster festhalten.

Überraschend dennoch, dem an diesem Johannstädter Morgen live vor Ort zu begegnen. Ein junger Mann führt aus: „Frauentag – wann ist der denn? Wahrscheinlich gab es zuerst den Männertag und dann dachten die Frauen, das ist ja ungerecht, wir wollen auch einen Tag. Wenn sie sich mit Schnittblumen zufrieden geben … Zum Männertag betrinken sich alle gemeinsam – so ein kollektiver Rausch in der Natur ist schöner als Schnittblumen. Sie könnten ja ihren eigenen Tag gestalten. Schön raus mit Sekt und Selters und einem Cabrio. Männer sollten ausgeladen werden. Das gäbe ein selbstbewusstes Bild. Aber es bleibt den Frauen überlassen, sich das zu erkämpfen.“

Da stehen wir verblüfft auf der Straße.

Was denken Menschen in der Johannstadt über den Frauentage, haben wir uns gefragt. Foto: Philine Schlick

Der Blick in die Arbeitswelt genügt

Ein Blick in die heutige Arbeitswelt genügt, um sich zu überzeugen: Kennt sie hier keiner, die Forderung nach Chancengleichheit, gleichem Lohn für gleiche Arbeit, Anerkennung der Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeiten, nach besserer Bezahlung und mehr Personal in der Care-Arbeit und nach einem Ende von verletzenden Witzen, Kommentaren, Übergriffen, sexualisierter Unterdrückung und körperlicher Gewalt an Frauen und Mädchen?

Drei junge Frauen, die an der Hauswand stehen, vor der Arbeit noch eine zusammen rauchen, fragen wir auch. Eine, die für alle spricht, fasst schnell zusammen, was der Frauentag bedeutet für sie alle drei: „Bringing flowers, chocolate or going to a restaurant. With girlfriends or boyfriends. We celebrate our day together.“ Die anderen beiden nicken bekräftigend.

Wir wollten doch wissen, was ist lebendig unter Frauen, was kümmert Frauen, wofür stehen sie ein in der Johannstadt? Wissen Sie, was ihre Stimme zählt? Singen sie, schreien, rufen sie, melden sie sich zu Wort? Was sagen sie?

Eine Frau mit blitzenden Augen, die gerade die Straße überquert hat, ist direkt und gerade heraus entschlossen: „Frauentag ist schön! Aber die Frauen sollten jeden Tag Frauentag haben. Frauen haben so viel zu tun. So viele Schwierigkeiten…“

Ursprünge in der Arbeiter*innenschaft

Arbeiterinnen aus den USA hatten den Frauenkampftag ausgelöst, als sie wegen unzumutbarer Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken 1908 die Arbeit niederlegten und für Ihre Rechte eintraten. Dem Beispiel der amerikanischen Arbeiterinnen folgend, beschlossen dann zur zweiten sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen 98 Frauen aus 17 Nationen, sich zu solidarisieren und den Frauentag weltweit abzuhalten. Vor 100 Jahren bewegten Frauen die Öffentlichkeit, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, um für die Einführung eines Frauenwahlrechtes zu kämpfen und die volle politische Mündigkeit von Frauen zu erwirken.

Von uns auf der Straße einfach angesprochen, wollten viele nicht mit uns sprechen oder wichen direkt aus. „Was wollen Sie? Ach nee- ich habe keine Zeit, ich muss weiter“, war die häufigste Antwort. Ernüchterung. Trostlosigkeit. Kein Durchkommen. Leer auf der Straße stehen, warten, einmal noch um die nächste Ecke gehen. Dann Unkenntnis, durchwachsene Antworten und alte Klischees. Kommt die öffentliche Diskussion an in der Johannstadt?

Frau und Ehre

Unter den Nazis war der Frauentag von 1933 bis 1945 verboten. Indem sie Frausein auf biologische Reproduktion und sorgende Mutterschaft verkürzten, schnitten sie den Frauen per Ideologie ihr Begehren nach freiheitlichen Rechten ab. Der Muttertag wurde über den Frauentag gestülpt. Die Umdeutung trägt bis heute Blüten: „Muttertag? Schöne Sache von der DDR ist das! Meine Frau kriegt eine Blume und einen dicken Schmatz!“

Bevor noch alles durcheinander gerät, fädeln wir weiter Stimmen auf und gelangen allmählich in ein einsichtiges Fahrwasser: „Mir bedeutet der Frauentag gar nichts. Ich habe keinen Mann, keine Kinder. Ich werde von niemandem gefeiert. Früher auf Arbeit war das anders, in den Betrieben.“ Eine junge Frau mit Kinderwagen steht kurz still, sagt dann: „Ich halte vom Frauentag nicht viel. Ich komme ursprünglich aus Tschechien, da war das sehr ans Regime gebunden. Das wird oft als etwas Altes weggeschoben. In Deutschland habe ich den Frauentag nicht thematisiert.“

Von wem wurde der Tag nun wie zum Thema gemacht? Eine Rentnerin, die als Witwe durch das Gehalt ihres Mannes mitversorgt ist, merkt an: „Ich feiere, aber nicht so wie früher. Die Kinder schenken mir manchmal was. Als Berufstätige wurde der Frauentag gefeiert. Das lag sicher an der ideologischen Prägung. Die Frauen haben es immer nötig, gefeiert zu werden. Eigentlich haben wir alles. Solange man gut abgesichert ist, ist man nicht in Not.“

Ohne Pfiffe nicht möglich

Da, endlich, kommen wir der Sache näher. Eine Frau stellt die Einkaufstasche ab, lässt sich etwas ruhiger ein, schaut, besinnt sich wie rückwärtig lächelnd und führt mit Leuchten auf dem fröhlichen Gesicht aus: „Frauentag! Ich bin ehemalige DDR-Bürgerin, da wurde das in den Betrieben groß gefeiert. Die Kinder haben in der Schule oder im Kindergarten was gebastelt und dann hieß es: ‚Mutti, wir gratulieren dir zum Frauentag!‘ Früher gab es in den Abteilungen Kaffee und Kuchen oder eine Veranstaltung im großen Speisesaal. Die Frauen haben sich zu DDR-Zeiten viel erkämpft und durchgesetzt.

Ich habe auch studiert. Ein Frauen-Sonderstudium. Ich bin Tiefbauingenieurin, Bereich Abwasser. Ich musste mir meine Anerkennung erkämpfen und musste als einzige Frau meinen Standpunkt in einer Gruppe von Männern verteidigen. Ein Gang über den Hof war ohne Pfiffe nicht möglich.

Es hat sich schon gelohnt zu kämpfen. Was mir wichtig ist, dass man selbstständig ist und eigenes Geld verdient. Ich habe eine Freundin aus Braunschweig, die durfte nicht arbeiten wegen ihrem Mann. Der sagte: ‚Ich werde ja wohl noch meine Familie ernähren dürfen.‘ Das muss man sich mal vorstellen.“

Frauenfeierstunde in der DDR

In der DDR wurden zum ‚Internationalen Kampf- und Ehrentag aller Frauen’ in aller Festlichkeit die Frauen als Leistungsträger der sozialistischen Gesellschaft gewürdigt. Ihnen wurden Fleiß, Tüchtigkeit und allseitiges Zupacken mit großen, lange vorbereiteten Feierlichkeiten in Festsälen, Festakten und an blumengeschmückten Festtafeln gedankt. Die Frauen wurden für diesen Tag in den Mittelpunkt der Gesellschaft gehoben und für besondere Verdienste vor allen Versammelten mit der Clara-Zetkin-Medaille ausgezeichnet.

Erinnerungen an Ehrung und Würdigung sind geblieben, doch nun liegt das weit zurück und zeitigt für den Frauentag, der hier ins Haus steht, gar keine Spuren?: „Mein Mann und ich feiern den Frauentag nicht, aber wir denken dran, da wir ja aus dem Osten sind. Früher wurde das ja staatlich gefeiert, jetzt ist das eher privat. Ich denke schon, dass Frauen früher mehr geehrt wurden. Es ist Nächstenliebe, Wärme, Nachbarschaftsliebe im Haus verloren gegangen. Man hofft, dass man da noch was erreichen kann. Man muss es den jungen Leuten weiter erzählen.“

Mit der Wiedervereinigung trugen Bedenken gegen die Übernahme des DDR-Feiertages zur Verschleppung der Bedeutung des Frauentags bei. Es dauerte bis 1994, bis der Weltfrauentag auch im vereinigten Deutschland wieder eine größere Aufmerksamkeit bekam.

Im Johannstädter Straßenbild erinnern offensichtlich nur die Blumengeschäfte an den Frauentag. Foto: Philine Schlick

Wir müssen wieder kämpfen

Es hilft, weiter auf der Suche und im Gespräch zu bleiben, kurz vor dem Konsum, als wir schon fast einpacken, äußert sich auf Nachfragen eine Frau mittleren Alters, mit heller sommersprossiger Haut doch noch ausführlicher: „Also, jetzt halte ich sehr viel vom Frauentag, weil man kämpfen muss. Wir haben ja gedacht, wir hätten das hinter uns. Aber dass das nun so ausschlägt mit fortlaufender Zeit … Da bin ich jetzt für den Frauentag. Zu sozialistischen Zeiten haben wir das überhaupt nicht ästimiert. Wir waren nicht so erzogen. Frauentag, Kommunismus, Sozialismus – waren wir nicht.

Jetzt müssen wir Frauen wieder kämpfen. Wir waren ja im Sozialismus weiter – da war das automatisch. Das schon. Aber mittlerweile … wenn man so grob über die Nachrichten guckt, ist das wieder ganz aktuell. Erst heute früh auf Deutschlandfunk: Frauenmorde in Südamerika … Finde ich schon erschreckend. Entweder man hat es früher nicht so gehört … Und auch die Rechten und was es so für Grüppchen gibt. Frauen, Kranke, Alte, Kinder – geht alles den Bach runter. Finde ich. Muss man kämpfen.“

In der Nachkriegs-Bundesrepublik lag der Frauentag in Vergessenheit. Erst mit den 68ern rief die Forderung nach Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper in der Debatte um §218 und das Recht auf Abtreibung den emanzipatorischen Charakter des Frauentags wieder wach.

Na klar zum Frauentag!

Seit 1977 gilt der 8. März durch die UN-Generalversammlung als „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ und verheißt die Rechte auf Würde und Gleichberechtigung der Frauen in aller Welt.

Der globale Ruf geht an Frauen, gegen alle Widerstände sich selbst zu behaupten und mit der feministischen Forderung nach Gleichbehandlung, Gleichberechtigung, Gleichstellung gesellschaftlich Friedensarbeit zu leisten. 2020 lautet das Thema der Vereinten Nationen zum Internationalen Frauentag „Each for Equal“, d.h. „Jede*r für Gleichberechtigung“.

Auf dem Nachhauseweg sehe ich vor mir eine Frau den Gehweg entlang laufen, die ein rotes Paket in der Hand trägt, eine Pralinenpackung und auch einen Bund Osterglocken dazu. An der Haustür, an der sie klingelt, hole ich sie ein und frage nur: „Ist das zum Frauentag?!“ Sie lacht zurück: „Ja, na klar, zum Frauentag!“

Hinweis der Redaktion: Der im Rahmen des Projektes „Online-Stadtteilmagazin“ erschienene Beitrag wurde nicht von der Landeshauptstadt Dresden bzw. dem Quartiersmanagement erstellt und gibt auch nicht die Meinung der Landeshauptstadt Dresden oder des Quartiersmanagements wieder. Für den Inhalt des Beitrags ist der/die Autor*in verantwortlich.