Erlweinpreis 2020: Ein Kommentar

eingestellt am 29.04.2022 von Bertil Kalex (Stadtteilverein), Headerbild: Das Gebäude von der Rückseite mit Blick in Richtung Stadtzentrum. Links vorn im Bild die Rückseite des "ADAC-Haus". Foto: Bertil Kalex

Bertil Kalex hat an der verschobenen Verleihung des Erlweinpreises 2020 teilgenommen. Der Johannstädter begeistert sich für das Preisträger-Haus und ordnet seine Bedeutung in einem persönlichen Kommentar ein. Was bedeutet Wohnen in der Johannstadt, welche Chancen gibt es? Und was heißt überhaupt “gutes Wohnen”?

Als kultur- und geschichtsinteressierter Johannstädter verfolgte ich den Bau des mit dem Erlweinpreis 2020 ausgezeichneten Gebäudes  und mir wurde sehr zeitig bewusst: Da entsteht ein großartiges Haus in der Johannstadt. Es ist nicht einfach, in der Johannstadt „angepasst“ zu bauen. Die Johannstadt weist eine sehr heterogene Gebäudesubstanz auf – Folgen der großen Zerstörungen durch die Bombenangriffe auf Dresden am 13./14. Februar 1945 (ca. 75 Prozent der Johannstadt waren zerstört), den darauffolgenden Wiederaufbaujahren in der Nachkriegszeit und dem DDR-Wohnungsbauprogramm ab den 1970er Jahren mit Einheitstypenbauten.

Das Gebäude von der Rückseite. Foto: Bertil Kalex

Eine gute Wahl

Östlich liegt der Fetscherplatz mit umgebender Blockrandbebauung. Südlich stehen fünfstöckige Nachkriegswohnhäuser mit Satteldächern. Westlich befindet sich ein Grünzug, der fast bis zur Neuen Synagoge reicht, flankiert von fünf- und zehnstöckigen Wohnzeilen mit Flachdächern, die sich scheinbar wahllos abwechseln, dabei frühere Wegbeziehungen und Sichtachsen versperren. Nördlich schließt sich ein zweistöckiger Flachbau an und in Sichtweite befindet sich ein 15 Stockwerke Punkthochhaus.

Der Architekt Peter Zirkel und seine Mitarbeiter*innen haben den baulichen Ist-Zustand im Gebiet sehr gekonnt aufgegriffen und formvollendet umgesetzt und offenkundig bin ich nicht der Einzige, der das so sieht. Die Bauherrin Wohnungsgenossenschaft Johannstadt eG (WGJ) hat mit der Beauftragung des Architekturbüros eine sehr gute Wahl getroffen.

Ein Gebäude, das sich sehen lassen kann

Steht man auf der Striesener Straße und blickt auf das Gebäude, fallen einem sofort die „runden Ecken“ und die gelbe Klinkerfassade auf. Die abgerundeten Ecken und der Ansatz zur Blockrandbebauung stellen für mich eine Reminiszenz früherer Vorkriegsbebauung der Johannstadt dar. Eine Mischung aus Expressionismus und Neuem Bauen. Ein sehr bekanntes Gebäude aus der Zeit des Expressionismus ist der Einsteinturm in Potsdam.

Erlweinpreis 2020: Der Preisträger. Wohn- und Geschäftshaus Striesener Straße 31 – 33. Ansicht von vorn. Foto: Bertil Kalex

Die gelbe Klinkerfassade stellt einen Bezug zum, in Dresden sehr oft verbauten, Sandstein dar. Ist jedoch viel kostengünstiger und etwas nachhaltiger, da die Klinker aus sandigen Nossener Lehm gebrannt sind. Der „Turm“ des Gebäudes korrespondiert einerseits mit dem sich in Sichtweite befindlichen Punkthochhaus und bildet andererseits einen gelungenen Abschluss des sich westwärts befindlichen Grünzuges.

Tritt man näher an das Gebäude heran, fällt einem auf, dass sich die „runden Ecken“ im Detail, den seitlichen Einfassungen der Fenster sowie in den Eingangsbereichen, fortsetzen. Ebenfalls auffällig die strukturierte Fassade, die sich abwechselnden Erhöhungen und Vertiefungen, über die beiden untersten Gebäudeetagen.

Das Zusammenspiel aller Fassadengestaltungselemente, die „runden Ecken“, die Struktur sowie die natürlich bedingten, unterschiedlichen Gelbtöne der Klinker, nimmt dem Gebäude die Brutalität, die Wucht, die Gebäude dieser Größenklasse (leider) üblicherweise aufweisen. Es spielt förmlich mit den Betrachtenden, als ob es sagen wollte: „Kommt näher und tretet ein“. In die öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten, das Café, die Kantine und das Ladenlokal, lohnt es sich einzutreten und man wird bald feststellen: Hier war man garantiert nicht zum letzten Mal.

Was heißt „gut und sozialverträglich bauen“?

Die Idee vom Zentrum für Baukultur Sachsen, die Preisverleihung des Erlweinpreis 2020 mit einer Dialog-Veranstaltung zu kombinieren, war richtig und ist wichtig. Die Themen rund ums Bauen gehören in die Öffentlichkeit, denn es betrifft alle Menschen irgendwie: als Mieter*in, als Grundstücksbesitzer*in, als Bauherr*in, als Gewerbetreibende etc. Leider waren zu der Dialog-Veranstaltung im Anschluss der Preisverleihung, die die Zeitdauer der gesamten Veranstaltung um zwei Stunden überzogen hat, nur die Insider, also Architekt*innen, Bauherr*innen, Investor*innen und Stadtplaner*innen, anwesend.

Das ist bedauerlich, dennoch, der Anfang ist gemacht. Der extra für die Dialog-Veranstaltung eingeladene und angereiste Berliner Architekt Tim Heide, u.a. Integratives Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt (IBeB), wies völlig zurecht darauf hin, dass das Bauwesen aus seiner „Blase“ herausmuss und sich offenen Debatten in jeder Planungs- und Bauphase stellen muss.

Erlweinpreis 2020: Tim Heide (l.) und Dr. Tom Schoper (r.) setzen ihren, auf dem Podium begonnenen, “Dialog” als lockeres Tischgespräch mit einem geladenen Gast fort. Foto: Bertil Kalex

Nicht nur vor geladenen Teilnehmer*innen mit genügend Hintergrundwissen und/oder Interesse, sondern explizit potenzielle Nutzer*innen der zu bauenden bzw. zu sanierenden Gebäude miteinbeziehen. Die Themen Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit beim Bauen sind da nur einzelne Bausteine. Tim Heide hinterfragt grundsätzliches (beim Bau) und das ist gut so. Er moniert die umfangreicher werdenden, ohnehin schon komplexen und dabei immer schwerer zu verstehenden Bauvorschriften im Baurecht.

Und das Ganze auf drei Ebenen: im Bund, auf Landesebene und bei den Kommunen. Ständig kommen neue Vorschriften hinzu, ohne dass frühere Vorschriften auf ihre Gültigkeit geprüft werden. Wenn selbst ein Fachmann schon am Verzweifeln ist, wie ergeht es dann jenen, die sich eigentlich nur ihren Traum vom eigenen Heim erfüllen wollen und keine vertieften Kenntnisse des Baurechts besitzen? Für viele endet das nicht selten in einem Albtraum und juristischem Dauerstreit.

Der Dialogpartner von Tim Heide war der Dresdner Architekt Dr. Tom Schoper und stellte die Frage in den Raum: Was bedeutet eigentlich „sozialverträglich Bauen“? Laut Lexika: die Bedürfnisse von Bewohner*innen(gruppen) unterschiedlicher sozialer, kultureller, ethnischer und/oder religiöser Herkunft in einem Gebäude zu vereinen. Salopp gesagt: Vermögende und Arme bzw. Armutsgefährdete unter einem Dach. Einfacher gesagt als getan. Weshalb in vielen Städten – in Teilen gehört auch Dresden dazu – ganze Wohnquartiere von einer Bewohner*innengruppe dominiert werden.

Gutes Wohnen als Grundrecht

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig, ein wesentlicher Punkt dürften jedoch die unterschiedlichen Grundstücks- bzw. Mietpreise sein. Die einen können es sich eben aussuchen, wo sie wohnen wollen. Die anderen müssen mit dem Vorlieb nehmen, was sie sich finanziell leisten können. Oder schlimmer, ihnen kann von Amtswegen (Sozialämter, Jobcenter etc.) Wohnraum zugewiesen werden, was ein klarer Verstoß gegen Artikel 11 Absatz 1 des Grundgesetzes wäre. Der gewährleistet das Grundrecht der Freizügigkeit, somit der freien Wohnortswahl. Was nutzt einem dieses Recht, wenn diesem kein „Recht auf Wohnen“ vorangestellt ist? Für arme und armutsgefährdete Menschen jedenfalls nicht viel. Um sozialverträgliches Bauen, dass dieser Bezeichnung gerecht wird, umsetzen zu können, ist es notwendig dem Grundgesetz das Grundrecht auf Wohnen hinzuzufügen.

Das löst die Probleme am Wohnungsmarkt nicht mit sofortiger Wirkung in Luft auf, kann jedoch sehr effektiv einer zunehmenden Gentrifizierung in den Wohnquartieren entgegenwirken. Jedenfalls juristisch sicherer als so manche Mietpreisbremse.

Neues sammelt sich um und auf dem wiedereröffneten Bönischplatz Foto: Anja Hilgert

Natürlich hat sich in den letzten Jahren schon einiges bewegt, was öffentliche Beteiligungsformate bei Stadtplanung und Stadtgestaltung betrifft. Doch es ist mehrheitlich auf städtische Vorhaben beschränkt und die Beteiligung auf eher kosmetische Einflussnahme wie Fassaden-, Farb- und/oder Umgebungsgestaltung, Straßenbegrünung, Art und Anzahl der Stadtmöbel etc. reduziert. Außerdem entsteht aus den Beteiligungsergebnissen kein eindeutiges Beschluss- und Umsetzungsverfahren, sondern nur ein grobes Orientierungskonzept.

Es kann so umgesetzt werden, muss aber nicht. Da muss unbedingt noch nachgebessert und vertieft werden, insbesondere wenn man Personengruppen erreichen möchte, die bisher nicht an Beteiligungsformaten teilgenommen haben. Dazu ist nicht nur „die offene Debatte“ im Bauwesen notwendig, sondern der Bausektor als Ganzes muss transparenter und demokratischer werden. Gerade die private Wohnungswirtschaft hat da erhebliche Defizite.

Was fehlt, ist Mitbestimmung

Es geht in erster Linie nicht nur um Geschäftsberichte und/oder Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten. Das ist soweit schon vorhanden. Was fehlt, ist die Mitbestimmung zukünftiger wie gegenwärtiger Mieter*innen bzw. Nutzer*innen bei Planungs- und Bauphasen im Wohnungsbau. Einige Wohnungsgenossenschaften, so auch die Wohnungsgenossenschaft Johannstadt eG (WGJ), haben einen Mieter*innenrat. Seit 21.04.2022 hat nun auch die Vonovia dank eines Modellprojektes ihren ersten Mieter*innenrat, den Wohnhofbeirat Hopfgartenstraße. Das ist in zweierlei Hinsicht ein Novum. Es ist der erste Mieter*innenrat in Dresden außerhalb einer Wohnungsgenossenschaft und es ist das erste Mietergremium bundesweit, das einem privatwirtschaftlichen Wohnungsunternehmen beigeordnet ist. Man darf gespannt sein (ich bin es jedenfalls), was sich daraus entwickelt.

Wohnhofbeirat und Wohnhoffonds ermöglichen ein Frühlingserwachen im Wohnhof mit Mitteln zum Beleben von mehr Lebensqualität Foto: Anja Hilgert

Wir sollten uns alle, Mieter*innen im Besonderen, mehr fürs Wohnen interessieren. Und das nicht nur auf die „Lage, Lage, Lage …“ und „der Preis ist heiß“ reduziert. Diese Slogans sollten dahin wandern, wo sie hingehören: Ins Museum für ausgediente Werbesprüche. So wie es für viele Menschen wichtig geworden ist, wo ihr Essen und ihre Kleidung herkommen bzw. wie diese produziert wurden, so sollte auch die Art und Weise des Wohnens, die Nachhaltigkeit im Wohnungsbau bzw. bei der Sanierung von Altbauten, der Wohnraumgestaltung und -ausstattung, des gemeinschaftlichen Miteinander in den Wohnhäusern etc. stärker in den Fokus rücken.

Ein Beispiel. Die Hälfte sämtlicher Wohnungen in Dresden – in der Johannstadt sogar etwas mehr – wird von Menschen allein bewohnt. Die wenigsten von denen tun das aus freien Stücken. Wären da nicht gemeinsam nutzbare Küchen in der Wohnhausetage ein Mittel für mehr gelebtes Miteinander und besseres Kennenlernen, statt jedem Single seine eigene Küche zu belassen? Der freigewordene Platz der dann überflüssig gewordenen Küche könnte anderweitig Verwendung finden.

Bertil Kalex,
Johannstädter

Wahre Freundschaft – was macht sie aus, wer kennt sich aus?

eingestellt am 08.04.2022 von Anja Hilgert, Headerbild: Mosaik 102. GS "Johanna" rechte Seite Eingangstreppe, Foto: Sigrid Böttcher-Steeb

 

FREUNDSCHAFT
lautet das Titelthema der bevorstehenden Sommer-Ausgabe des Stadtteilmagazins ZEILE, die im Juni erscheinen soll. Also etwas, worauf es im Leben wirklich ankommt. 

FREUNDSCHAFT ist etwas sehr Persönliches. Etwas Verletzliches auch, das allerdings an Kraft gewinnt, je mehr es gelebt wird.
FREUNDSCHAFT fürs Leben? Wer kennt die? Kindheitsfreunde? Freund oder Kumpel? Der eine treue Freund, die allerbeste Freundin oder die Clique?

FREZUNDSCHAFT ist etwas, das viel oder nie  hinterfragt wird. Wer geht wie weit mit durch dick und dünn? Wie beginnt und wo endet Freundschaft? FREUNDSCHAFT kann unter Beweis oder auf die Probe gestellt, enttäuscht und sogar gekündigt werden.

Und wann ist es nicht mehr FREUNDSCHAFT, sondern schon Beziehung? Ob es allerdings geht, sie einfach fallen zu lassen? Kann FREUNDSCHAFT einfach aus und vorbei sein kann? Was bedeutet FREUNDSCHAFT damals und heute?

 

Johannstädter Liebeserklärung auf dem Gemäuer der Schokofabrik. Foto: Anja Hilgert

 

Welche Erfahrungen hast Du dazu? Wie steht es um FREUNDSCHAFTEN in der Johannstadt?
ZEILE 4 will gefüllt werden …

… mit Geschichten von Freundschaft, mit Freundschaftsbekundungen und Freundschaftssymbolen – Texte, Worte, Fotos, Zeichen…

Einsendungen und Beiträge werden ab sofort gesammelt, für ein neues, volles Stadtteilmagazin!:

  • im Postfach der Stadtteilredaktion: redaktion@johannstadt.de
  • oder per Post: ZEILE im Johannstädter Kulturtreff, Elisenstraße 35

 

 

 

 

Mitmachen beim Stadtteilmagazin

  • ZEILE Schreibwerkstatt: Mittwoch, 13. April 2022, 19:00Mit spielerischen Methoden und Anleitungen aus dem Kreativen Schreiben Wörtern und Gedanken Platz auf dem Papier geben: Herzliche Einladung an alle, die Lust haben, sich schreibend auszuprobieren: Zum Mitmachen ab 12 bis 102 Jahre.
  • 2. Johannstädter PALAVER : immer am 21. jeden Monats – aktuell: Donnerstag 21.April, 16 bis 18 Uhr im Palaverhaus an der Sachsenallee

Das Stadtteilmagazin ZEILE lädt mit seinen bisher drei erschienen Ausgaben ein, ins Gespräch zu gehen über die Themen, die uns aktuell im Stadtteil angehen. Das Café für alle mobil bietet Kaffee und Kuchen/Kekse und stiftet an Tischen und Bänken eine Atmosphäre zum Verweilen. So lässt sich ein Palaver gut abhalten: Komm dazu! Sei dabei!

Wir diskutieren gemeinsam die Veröffentlichungen des Monats, schauen in den Terminkalender der Johannstadt und planen Beiträge. Willkommen sind alle Interessierten, die einfach nur neugierig sind, die selbst schreiben wollen, denen Johannstädter Themen am Herzen liegen oder die einen Tipp haben, welcher Artikel auf keinen Fall fehlen darf.

 

Per Direktfunk in die Stadtverwaltung: Die neue „Mängelmelder“-App ermuntert zur Beschwerde

eingestellt am 03.02.2022 von Anja Hilgert, Headerbild: Mangel und Dreck sollen weg - die Stadtverwaltung müht sich und ringt darum, bürgernah Möglichkeiten zur Abhilfe zu schaffen. Foto: Anja Hilgert

 

Die Stadtverwaltung ersucht die Bürgerschaft digital um Mithilfe bei der Pflege des städtischen Umfelds. Dass Bürge*innen ein Auge darauf haben, in welchem Zustand sich ihr Umfeld befindet, möchte sich die Verwaltung zu Nutze machen – mit der neuen Mängelmelder-App. 

 

Wenn der schweifende Blick sich regelmäßig an Müll und Dreck und Mängeln stößt, erzeugt das schnell ein Gefühl von Unwohlsein, sich womöglich auch nicht geborgen und sicher, dadurch unzufrieden oder verängstigt zu fühlen. Unter Nachbar*innen entlädt sich das Missfallen vielleicht im Schwatz vor der Haustür, landet auf der Straße: Wenn Rinnsteine mit moderndem Herbstlaub und angewehtem Plastik verstopfen, liegt der Gedanke an die Gosse nicht fern. Zugemüllte Parkbuchten, in die alle fahren, aber keiner sich kümmert, entwickeln sich zu unansehnlichen Halden. Auch eine wochenlang defekte Straßenlaterne oder die zerschossene Scheibe der Bushaltestelle sind solche Dinge, die Laune und Nerven belagern.

Dem will die Stadtverwaltung nun entgegenkommen mit einem neuen Online-Portal, dem sogenannten „Mängelmelder“. Dieser gilt als ein „Beteiligungsformat“ einer „modernen Verwaltung“, wie die Homepage verrät: Die Behörde kann damit direkt Meldungen aus der Bevölkerungsschicht empfangen: Was als Dorn im Sichtfeld liegt, kann vor Ort vermeldet werden und wird innerhalb der Behörde an die entsprechenden Stellen weitergeleitet. Die Stadtverwaltung gibt sich damit zeitgemäß. Der jetzt sogenannte „Mängelmelder“ löst die zuvor sogenannte „Dreck-Weg-App“ ab.

 

Wenn Dreckansammlung das Befinden stört, verspricht die Mängel-App Abhilfe. Foto: Anja Hilgert

 

Meldewesen für Bürger*innen

Mit der App können Nutzer*innen in neun verschiedenen Kategorien Probleme aus den Dresdner Stadtteilen melden. Der Ort der Meldung lässt sich via GPS erfassen oder alternativ über eine Markierung in der Stadtkarte eintragen. Außerdem können Bilder hochgeladen werden, die die Verschmutzung sichtbar machen.

Um die Anwendung zu nutzen, braucht es ein Smartphone, Tablet oder einen Computer. Die Installation einer gesonderten App ist nicht notwendig. Wer den Mängelmelder häufiger benötigt, könnte sich sogar ein Lesezeichen auf dem Smartphone anlegen und hätte so mit einem Klick auf das Symbol direkten Zugriff. 

In der Pressemeldung der Stadtverwaltung klingt Ermunterung an: Jemand vor Ort könnte ja auf freiwilliger Basis vielleicht sogar ein Selbstverständnis als eine Art „Mängel-Beauftragter“ entwickeln.

 

Selbstbeschrittene Pfade, die mitten in den Stadtteil führen Foto: Victor Smolinski

Navigation der Information

Die Landeshauptstadt Dresden führte 2013 die Dreck-Weg-App als eine der ersten Anwendungen einer digitalen App für die Bürger*innen im Freistaat Sachsen ein. Wie sehr sowohl der Service als auch die Möglichkeit zum Mithelfen für eine saubere Stadt geschätzt werden, zeigen Die Nutzerzahlen stiegen steig: Während 2020 insgesamt 1.798 Meldungen bei der Stadtverwaltung eingingen, waren es im vergangenen Jahr 3.082 Meldungen.

Die alte „Dreck-Weg-App“ wird heute abgeschaltet. Damit endet die Veröffentlichung in den App-Stores für neue Nutzer*innen. Wo jedoch die App bereits auf dem Smartphone installiert ist, lässt sie sich weiterhin öffnen, allerdings ohne dass die dort abgesetzten Meldungen noch beim Empfänger, also der Stadtverwaltung ankommen.

Die bereits länger geplante Umstellung zog die Stadtverwaltung auf den 1. Februar vor, da das laufende System von der Sicherheitslücke Log4j betroffen war, die Mitte Dezember 2021 weltweit für Furore gesorgt hat.

Da die Software auf extrem vielen Servern und in Umgebungen eingesetzt ist, gilt die Schwachstelle Log4j als hoch alarmierend und gefährlich für die Netzsicherheit. Es wird damit gerechnet, dass Behörden und Firmen angreifbar geworden sind und insgesamt Daten abgegriffen werden können wie z.B. auch sensible Nutzerdaten, Zugangsdaten oder Zahlungsdaten. Mit solchen Daten lässt sich u.a. konkret Geld verdienen. Da Nutzer*innen nicht einfach sehen können, ob und wo diese Sicherheitslücken bestehen, kann das Problem nur durch die Betreiber von Onlinediensten gelöst werden. In der Stadtverwaltung hat der Eklat im System am kleinen Beispiel der „Dreck-weg-App“ zur umgehenden Stilllegung geführt.

In puncto Stadtteil-Fürsorge bleibt zu erwähnen: Die Stadtverwaltung nimmt ebenso auch telefonische Meldungen entgegen. Das Mängel-Melde-Telefon ist unter dem Behördenruf 115 zu erreichen. 

Weitere Informationen

Erste Jugendversammlung rückt Wünsche junger Johannstädter*innen in den Fokus

eingestellt am 01.11.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Zuhören auf Augenhöge: Matthias Kunert vom Quartiermanagement und André Barth lauschen auf die Vorschläge zu einer sauberen Johannstadt. Foto: Philine Schlick

Politik ist nur was für Erwachsene? Mitnichten. Die erste Jugendversammlung in der Johannstadt griff wichtige Anliegen von jungen Menschen auf und brachte sie vor Entscheidungsträger*innen zu Gehör. Zu Gast waren am Freitag in der 101. Oberschule unter anderem Bezirksamtsleiter André Barth und Bürgermeisterin Eva Jähnigen.

“Bist du der Bürgermeister?”, fragt ein Junge den eintreffenden Bezirksamtsleiter André Barth. “Ein kleiner”, antwortet dieser augenzwinkernd. Zwei Tage lang haben Kinder und Jugendliche der 101. Oberschule Johannes Gutenberg diskutiert, konferiert und an der Präsentation ihrer Ergebnisse gearbeitet – am Freitag war der große Tag. Wünsche und Bedürfnisse von jungen Menschen im Stadtteil eine Stimme geben, das war das Ziel der ersten Jugendversammlung.

Daniela Tonk lauscht den Erklärungen. Foto: Philine Schlick

Jugendbefragung vom Mai ausgewertet

Gekommen waren Entscheidungsträger*innen und Akteur*innen aus dem Viertel – auch um sich den Fragen der Kinder zu stellen: Warum ist Schulessen nicht kostenfrei? Wie wäre es mit einem Führerschein ab 12 Jahren? Manche Fragen lösten nachdenkliches Schweigen aus. Andere wiederum verhalfen zu unverhofften Einblicken: So wissen wir jetzt, dass Eva Jähnigen Meerschweinchen hat und André Barth zwei Katzen und “wandernde Blätter” hält. Clownin Yaelle führte als Moderatorin mit der nötigen Prise Anarchie durch die Veranstaltung.

Forderungen junger Menschen für die Johanstadt. Foto: Philine Schlick

Die Idee zu einer stärkeren Jugendbeteiligung hatte Stadtteilbeirätin Marie Engelien, erklärt Anja Klengel, die das Projekt von Seiten des Johannstädter Kulturtreffs betreute. Ende Mai dieses Jahres fand in der Johannstadt eine Befragung von 130 Kindern und Jugendlichen statt: “Was wünscht ihr euch in eurem Viertel? Wie kann die Johannstadt schöner und kindgerechter werden?” Die Ergebnisse wurden in der ersten Jugendversammlung am Donnerstag und Freitag aufgearbeitet.

Wander-Ausstellung als Merkzettel

Sie sollen nicht in dunklen Schubladen verschwinden: “Wir haben eine Wanderausstellung gemacht”, erklärte Clownin Yaelle Dorison am Freitag allen Anwesenden. “Sie soll in eure Büros wandern, damit ihr sie nicht vergesst.” Bezirksamtsleiter André Barth, Bürgermeisterin Eva Jähnigen, Quartiersmanager Matthias Kunert und Daniela Tonk vom Kulturtreff zeigten sich angetan von den Ideen, die in Wort und Bild auf Pappkartons dargestellt waren.Schlagwort des Nachmittags war das viel ersehnte Trampolin – hier konnte Matthias Kunert auf die Wiederherstellung der ehemaligen Stephanienstraße mit zahlreichen Spielgeräten verweisen. Auch ein Trampolin wird dabei sein.

In vielen Sprachen Verständnis schaffen – ein Kinderwunsch aus der Johannstadt. Foto: Philine Schlick

Die Wünsche der jungen Menschen richteten sich aber auch in andere Bereiche: In der Johannstadt solle es weniger Müll und mehr Platz für Wildtiere geben. Mehr Bolzplätze, kostenlose Nachhilfe, einen Raum für PC-Spiele, ein Schwimmbad, eine Parkour-Fläche und die Möglichkeit zum Erlernen und Austauschen von Sprachen sind gewünscht. Die anwesenden Kinder erklärten stellvertretend ihre “Wander-Ausstellung”, während die Erwachsenen aufmerksam lauschten, Umsetzungen abwogen oder in Notizhefte schrieben.

Pat*innen für Wünsche

Ein Schwimmbad, erklärte André Barth, werde aus Kostengründen wohl nicht so schnell umsetzbar sein. Aber er verwies auf das neu errichtete in Prohlis und das nahegelegene Arnholdbad. Einen neu gestalteten Bolzplatz konnte er am Elbufer unterhalb des Johann verkünden. Matthias Kunert versprach, versprach, sich dafür einzusetzen, dass die derzeit im Außengelände der 102. Grundschule entstehenden Bolz-, Streetball- und Volleyballmöglichkeiten, Spielgeräte und Klettermöglichkeiten auch durch schulfremde Kinder genutzt werden können – ein Anliegen, dass auch Bürgermeisterin Eva Jähnigen unterstützt. Die großen Pappkartons bekamen die beiden dementsprechend überreicht. Daniela Tonk vom Kulturtreff hob die Hand und zeigte sich bereit, sich für einen PC-Spielraum im neuen Stadtteilhaus stark zu machen. Außerdem übernahm sie Verantwortung für den gewünschten Sprach-Austausch. André Barth und Eva Jähnigen wurden zudem Pat*innen für den Wunsch nach einer sauberen Johannstadt mit mehr Platz für Tiere.

Clownin Yaelle moderierte die Veranstaltung mit der nötigen Prise Anarchie. Foto: Philine Schlick

Die Jugendversammlung brachte den Kindern und Jugendlichen auch näher, an welche Personen und Institutionen sie sich mit Anliegen und Wünschen im Viertel wenden können, wie sie Gleichgesinnte versammeln, politisch mitbestimmen oder sich zu Themen informieren können. So stellte Marie Engelien ihre Erfahrungen als Jugendvertreterin im Stadtteilbeirat vor – eine Position, für die im Zuge der Stadtteilbeiratswahlen 2021 derzeit noch Kandidat*innen im Alter von 16 bis 25 Jahre gesucht werden. “Die Jugendversammlung ist ein Pilotprojekt, das weiterentwickelt werden soll”, erklärt Anja Klengel. “Wir wollen Kindern und Jugendlichen Raum zur Mitbestimmung geben.”

Eva Jähnigen versäumte es nicht, allen Beteiligten, besonders den Kindern, einen großen Dank für die geleistete Arbeit auszusprechen. Zu Pauken, Trompeten und Gitarren durfte der Abschluss der Konferenz ausgiebig gefeiert werden.