Radskeller: Hier ist guter Rat nicht teuer

eingestellt am 09.12.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Jens Nitsche, Rads-Herr der ersten Stunde im Radskeller. Foto: Philine Schlick

Die Ursprünge des Radskellers „versinken im Dunkeln der Geschichte“, sagt Jens Nitsche mit krauser Stirn. Die wichtigste Fährte führt auf die Katharinenstraße in der Neustadt. Der Verein, der die Selbsthilfewerkstatt auf der Dürerstraße betreibt, umfasst heute stolze 17 Mitglieder. Zu den Öffnungszeiten stehen Drahtesel und ihre Besitzer*innen im Treppenhaus Schlange.

Seinen Anfang nahm die Geschichte der „Geschwister-Werkstätten“ Radschlag und Radskeller Anfang der 90er Jahre. Eine Gruppe junger Schrauber fand sich 1991 in Dresden zusammen, um Zweiräder zu reparieren und aufzubauen. „Zwei sind heute immer noch dabei“, sagt Jens Nitsche, der erst kürzlich den Geschäftsführerposten im Radschlag frei machte, um nur noch Vereinsmitglied zu sein.

Vom Radschlag zum Radskeller

„Unsere erste Station war das Umweltzentrum auf der Schützengasse“, erzählt Jens Nitsche. „Damals völlig ruinös. Ein dunkles, feuchtes Loch.“ Von Beginn an war die Werkstatt für Selbsthilfe, Hilfe und Recycling gefragt. Eventuell hätten sich daraus sogar berufliche Perspektiven ergeben, aber „keiner hatte Kohle, ein Konzept zur Idee gab es nicht und jeder von uns war, da nun alles möglich schien, offen für weitere Optionen.“

Alles ist möglich im Radskeller, bis auf schweißen und lackieren. Foto: Philine Schlick

Man entschied sich also zur Gründung eines Vereins. Bald wurde es am Gründungsort zu eng. Im Jahr 1993 ging es auf die Louisenstraße 9, wo man zusammen mit dem Kurier-Kollektiv ImNu hauste. In die Zeit, als Jens Nitsche ein berufsbegleitendes Studium aufnahm, fiel der dritte Umzug auf die Katharinenstraße 11, wo der Radschlag heute noch empfängt. „Wir sind eine Sippschaft“, erklärt Nitsche, der sich in dieser Phase der Vereinsgeschichte jedoch berufsbedingt zurücknahm.

Schnell nahm der Radschlag eine gedeihliche Entwicklung. Nach und nach wurden zwei Arbeitsplätze geschaffen, die Öffnungszeiten erweitert. Der wirtschaftliche Erfolg war für einen gemeinnützigen Verein bald nicht mehr tragbar. Es kam zur Trennung: Der Radschlag wurde privatisiert, der Verein suchte eine neue Lokalität.

Die Nachfrage regelt das Angebot

„Die Dürerstraße liegt auf meinem Arbeitsweg“, sagt Nitsche. Ihm fiel der vielversprechende Hobby-Keller im Vereinshaus Aktives Leben ins Auge. Er hakte nach und siehe da: Das Interesse an einer Schrauber-Werkstatt war bereits vorhanden. „Wir suchen schon lange jemanden“, lautete die Botschaft des Vereins. Ein älterer Herr, ein „leutseliger, dufter Typ“ hatte vor dem Radskeller die Idee gehegt. Er wurde mit ins Boot geholt und nach wenigen Wochen erfolgte der Einzug in das ehemalige Lager.

Zu 99 Prozent mit dem Rad unterwegs: Jens Nitsche. Foto: Philine Schlick

„Das ging in rasender Geschwindigkeit“, erinnert sich Nitsche. „Die WGJ war sehr flexibel.“ Im Mai 2012 wurde Eröffnung gefeiert, ein Jahr später erfolgte die freundschaftliche Trennung von der Werkstatt Radschlag in der Neustadt. „Wir sind auch Verwandte ersten Grades mit dem RepairCafé“, sagt Nitsche.

Der Radskeller ist eine voll ausgestattete Werkstatt. „Für spezielle Projekte schaffen wir gelegentlich auch noch Werkzeuge an, wenn etwas fehlt.“ Nur schweißen und lackieren sei nicht möglich. „Ansonsten richten wir uns nach dem Bedarf der Nutzer*innen.“ Geholfen wird gegen Spende.

Zu 99 Prozent mit dem Rad unterwegs

Dienstags hat der Radskeller für drei Stunden geöffnet. „Da wir alle berufstätig sind, schaffen wir nicht mehr.“ Derzeit ist das Angebot aufgrund von Corona nicht möglich, aber außerhalb der Krisen-Zeiten stehen hier die Radler*innen bis hinauf zur Eingangstür Schlange.

Das wichtigste in seinem Hobby-Job sei Geduld – gelegentlich werden die Nerven wie Bowden-Züge gespannt, wenn Werkstattnutzer*innen nach der dritten Erklärung die Schraube falsch herum anziehen wollen, während draußen bereits der nächste trämpelt.

„Reine Selbsthilfe ist eine Illusion, betreutes Schrauben trifft’s eher“, sagt Jens Nitsche, der sich in Freizeit, Urlaub und Alltag zu 99 Prozent mit dem Fahrrad fortbewegt. Geduld bringen die Erfahrenen auch den Nachfolgenden im Verein entgegen: „Manche müssen noch eine Menge lernen, aber wir haben ja Zeit. Die Talente sind eben unterschiedlich verteilt.“

Ordnung muss sein. Blick in Einmachgläser der anderen Art im Radskeller. Foto: Philine Schlick

Er selbst hat sechs Räder zuhause, Tendenz steigend. Selbstredend, dass Jens Nitsche selbst häufig schraubender Gast im Radskeller ist. Die Werkstatt ist für ihn nicht nur Werk-Ort, sondern auch Stätte des Austauschs. Mit einer Prise Nostalgie im Augenwinkel erinnert er sich an wilde Schrauber-Partys in der Neustadt zurück, mit einem Glas guten Weines und noch besserer Musik. Jetzt sind es die nachmittäglichen Begegnungen im Radskeller, die ihn beflügeln.

Präsenz zeigt der Radskeller mit seiner mobilen Werkstatt auf dem Lastenrad bei öffentlichen Veranstaltungen wie Straßenfesten. Das Bundschuhstraßenfest musste dieses Jahr wetterbedingt entfallen, aber das nächste kommt – früher oder später – bestimmt.

Große Visionen für das kommende Jahr gebe es nicht, sagt Jens Nitsche. „Wir sind ein Spaß-Verein und haben keinen Businessplan.“ Das Lager müsste aufgeräumt werden und, wenn es die Lage zulässt, steht im Sommer wieder die traditionelle Fahrrad-Rüstzeit der evangelischen Jugend in Radebeul an. Seit 15 Jahren pflegt man eine partnerschaftliche Kooperation. „Dort schaffen wir im Akkord 35 bis 50 Räder mit den Kids. Die sind ziemlich ausgeschlafen und machen kräftig mit. Muss einem nicht bange werden um die Zukunft!

Radskeller Dresden – Die Fahrradwerkstatt zum Selberbauen

  • Dürerstraße 89, 01309 Dresden
  • geöffnet dienstags von 18 bis 21 Uhr und nach Absprache. Wegen Corona bis Ende 2020 geschlossen
  • www.radskeller-dresden.de

Die Johannstadt als Kulisse im Musik-Video von „Lasse Reinstroem“

eingestellt am 27.11.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Lasse Reinstroem kurz vor Drehbeginn. Foto: Philine Schlick

Die Band Lasse Reinstroem hat mithilfe des Stadtteilfonds ein Video zu ihrem Song „Ferry Of the Common (Wo)Man“ gedreht. Dafür wurde zum Parking Day eine Fahrt von Neustadt nach Johannstadt organisiert. Schwere Klänge, rotierende Reifen und coole Typen würdigen das Fahrrad als Transportmittel. Heute kam das Video heraus.

„Ich war ziemlich nervös“, sagt Christian Brähler von Lasse Reinstroem rückblickend über den Videodreh. Eine zusammengetrommelte Radfahrer-Horde radelte von der Neustadt über die Albertbrücke in die Johannstadt und traf dort zum Parking Day 2020 auf der Hertelstraße ein.

Hymne an den Drahtesel

„Wir hätten locker die dreifache Menge an Leuten zusammen kriegen können“, sagt Christian. Aber wegen Corona habe man Vorsicht walten lassen. Der Stadtteilfonds förderte dem Projekt Film-Ausrüstung, Flyer und den Schnitt des Videos. Der Film ist – ganz altmodisch – auch auf DVD erhältlich. Der Song „Ferry Of The  Common (Wo)Man“ ist eine Hymne an den Drahtesel. Er ist im Album „Rasputiza“ erschienen, das auf Bandcamp zu hören und auf CD und Vinyl zu kaufen ist.

Der nächste Dreh ist geplant

Nach dem Dreh im September sind die Schnitt-Arbeiten jetzt geschafft, die Nervosität hat sich gelegt. Das amerikanische Label Mr. Doom 666 hatte sich bereit erklärt, den Clip am Freitag über seinen Youtube-Kanal zu veröffentlichen. Dort ist eine große Fangemeinde des Stoner- und 70er-Jahre Rock vereint.

„Die haben 200.000 Follower“, sagt Christian. Das erzeuge auf jeden Fall eine Menge Aufmerksamkeit – bis weit über die Grenzen der Johannstadt hinaus.

Der nächste Videodreh ist bereits geplant. „Wir arbeiten gerade an neuen Songs“, sagt Christian Brähler. „Deutschsprachig, in die Richtung Neue Deutsche Welle.“ Diesmal werde aber in einer Telefonzelle an der Königsbrücker Straße in der Neustadt gedreht. „Eine Frau fotografiert sich mit ihrem Telefon selbst und wird von immer skurrileren Passanten abgelenkt“, verrät Christian.

Der Song wirft in zwei Minuten einen kritisch-düsteren Blick auf soziale Medien und die voranschreitende Digitalisierung. „Der ist ziemlich zackig“, sagt Christian. „Und auf jeden Fall kein Mainstream.“

Lasse Reinstroem

  • Lokalmatadore aus Dresden, aktuelles Album: Rasputiza
  • Lasse Reinstroem werden aller Voraussicht nach bei der (virtuellen) Eröffnung des Bönischplatzes dabei sein

Fahrrad Fiedz schraubt für den Kiez

eingestellt am 26.07.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Jan Fiedler absolviert in Kürze einen Lehrgang zum Fahrrad-Rahmen-Schweißen. Foto: Philine Schlick

Beruflich war Jan Fiedler mit seiner Werkstatt viele Jahre „einrädrig“ unterwegs. Mit Rico Rank rollt „Fahrrad Fiedz“ jetzt im Doppelpack. Das wurde auch nötig, denn der Zweiradschrauber an der Blumenstraße hat alle Hände voll zu tun – und Pläne für die Zukunft. Die Geschichte von einem, der zugunsten des Drahtesels Gold und Silber den Rücken kehrte.

Urig und funktional - und vielleicht bald größer? Die Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick
Urig und funktional – und vielleicht bald größer? Die Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick

Ein Stück Lebensqualität

Die Welt fährt Rad, und mit ihr die Johannstadt. Immer mehr Menschen satteln um und sind emissionsfrei mobil. Das kann Jan Fiedler bestätigen. Seit der Drahtesel2000 seine Pforten geschlossen hat, stehen noch mehr Radler*innen bei ihm Schlange. Besonders gefragt sind neu aufgebaute Räder, erzählt Fiedler: „Ein gutes Rad ist ein Stück Lebensqualität.“

Jan Fiedler in seiner Werkstatt: "Ich möchte einfach meine Arbeit machen." Foto: Philine Schlick
Jan Fiedler in seiner Werkstatt: „Ich möchte einfach meine Arbeit machen.“ Foto: Philine Schlick

Schon viele Stunden, bevor er während der Öffnungszeiten Räder zur Reparatur annimmt, steht er in der Werkstatt. Die Corona-Krise brachte ihm Unterstützung. Sein neuer Partner heißt Rico.

Rahmen Marke Eigenbau

„Rico wird immer besser. Ich bin sehr zufrieden“, sagt Jan Fiedler, der sich seinerseits weiterbilden will: Im Oktober hat er sich für einen Lehrgang zum Fahrrad-Rahmen-Schweißen angemeldet. Ein Schritt in noch größere Selbstständigkeit. Derzeit setzt er auf stabile Rahmen aus tschechischer Produktion. Zu diesen könnten Exemplare Marke Eigenbau hinzustoßen.

Flucht aus Routine und Kleingeist

Auf’s Rad kam Jan Fiedler nach einer beruflichen Neuorientierung. Als gelernter Verfahrensmechaniker für Edelmetalle verarbeitete er in Freiberg Gold, Silber und Platin zu Rohlingen für Schmuck und Münzen. „Irgendwann habe ich nichts mehr dazu gelernt“, stellt er rückblickend fest. Hinzu kam das Klima der Stadt: „Ich habe den Kleingeist nicht mehr ausgehalten.“

Aufgang zur Fahrrad-Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick
Aufgang zur Fahrrad-Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick

Jan Fiedler sprang die Kette vom Ritzel. Er musste pausieren und sich neu orientieren. Erst liebäugelte er mit dem Tischlerberuf, dann entschied er sich für Zweiradmechaniker. Gleich die erste Werkstatt seiner Wahl nahm ihn 2006 in Dresden als Lehrling an: Meißner Raeder auf der Louisenstraße in der Neustadt.

Einzug auf die Blumenstraße

Drei Jahre lernte Jan Fiedler, sammelte Berufserfahrung in Dresden und Leipzig. Ihm wurde klar: „Ich mag nicht, wenn andere bestimmen, was ich zu tun habe.“ Er wollte sein eigener Chef sein. Ein Zufall brachte ihn auf die Blumenstraße in der Johannstadt. „Hier ist was frei“, hatte ihm ein Kumpel geflüstert – Jan Fiedler zog ein in das urige Fabrikgebäude mit Regenwasser-Spülung und Patina auf betagten Blechschildern. In seiner Nachbarschaft befinden sich Werkstätten und Ateliers. Man grüßt sich im Gang. Ein Kauzen-Nest in Backsteinwänden.

Das Logo entwarf der Künstler Sascha Patzig. Foto: Philine Schlick
Das Logo entwarf der Künstler Sascha Patzig. Foto: Philine Schlick

Das Firmen-Logo entwarf sein Sandkastenfreund Sascha Patzig, der als freier Künstler arbeitet.  Er stiftete auch die Idee zum Titel: „fiets“ heißt auf niederländisch Fahrrad. Zusammen mit „Fiedler“ ergab das die namensgebende Wortspielerei.

„Jetzt bin ich frei“, sagt der Zweiradmachaniker. Auch wenn viel zu tun ist. Und er nicht mit jedem Kunden unbegrenzt schwatzen kann. Aus seiner Pause hat er gelernt, auf die eigenen Bedürfnisse zu lauschen und sich nicht unter Druck zu setzen. „Natürlich könnte ich Samstag aufmachen – aber wozu? Ich brauche mein Wochenende“, sagt er.

Ebenso nötig hat er den täglichen Feierabend. Von Federsattelstützen und Scheibenbremsen will er dann nichts mehr hören: „Das ist mein Beruf. Ich bin froh, wenn dann mal Pause ist und ich nicht mehr denken muss.“

Demnächst stehen vier Wochen Urlaub an. Quer durch Deutschland geht es, über Tschechien bis fast Österreich. Natürlich mit dem Rad.

Weiterführende Informationen

  • Fahrrad-Werkstatt Fiedz
  • Blumenstraße 80, 01307 Dresden
  • Geöffnet Montag, Dienstag und Freitag von 12 bis 15.30 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 12 bis 19 Uhr
  • www.fiedz.de
  • Telefon 1609217