Das Seelsorgezentrum des Uniklinikums feiert 20. Jubiläum

eingestellt am 23.04.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Das Seelsorgezentrum auf dem Uni-Klinik-Gelände. Foto: Philine Schlick

Ende der 90er haben Freistaat, Kirche und Klinik auf dem Gelände des Carl-Gustav-Carus-Krankenhauses ein ökumenisches Seelsorgezentrum beschlossen. Es entstand ein Ort der Ruhe und Einkehr, exponiert platziert auf dem ehemaligen Standort der 1945 zerbombten Kirche im Innenhof. Vier Seelsorger*innen sind für die Patient*innen da: Bei der täglichen Arbeit geht es um Leben, um Tod und das breite Spektrum dazwischen.

„Jeder Moment darf Schönheit entwickeln. Auch das Sterben“, sagt Michael Leonhardi. Gemeinsam mit Katrin Wunderwald, Peter Brinker und Christoph Behrens steht er am Uniklinikum in Dresden für fast 1500 Patient*innen als Seelsorger zur Verfügung.

Seelsorger Michael Leonhardi. Foto: Philine Schlick

Seine Arbeit bedeutet heißt, begleiten, Raum für Gefühle und ihre Bewältigung zu schaffen. Er wird zu Taufen gerufen, hält Sterbenden die Hand und fungiert in Corona-Zeiten als Dolmetscher zwischen Patient*innen und ihren Angehörigen. Er hält die Brücke in Form des Telefonhörers – oder richtet ganz altmodisch Grüße aus.

Der Seelsorger empfängt in seinem Büro: Ein breites Sofa, viele Stühle, mit Bücherregalen gefüllte Wände, bodentiefe Fenster zum Garten hinter dem Zentrum, für das er nicht nur aufgrund seiner Architektur schwärmt: „Es ist etwas ganz Besonderes. An diesem Ort ticken die Uhren anders.“

Seelsorge war nur geduldet

Einen „Anders-Ort inmitten eines Anders-Ortes“ nennt Peter Brinker frei nach Foucault das Seelsorgezentrum. Der Diplom-Theologe und Seelsorger hat die Entstehung des eigens gebauten Hauses „aus der zweiten Reihe“ begleitet.

Das Zentrum wurde dort errichtet, wo bis 1945 eine Kirche stand. Eine Bombe zerstörte das sakrale Gebäude im Februar. In der DDR entschied man sich gegen einen Wiederaufbau und ließ die Überreste Anfang der 50er Jahre beräumen. Übrig blieb eine grüne Wiese.

Blick auf die ehemalige Kirche. Foto: Archiv Uni-Klinikum

Seelsorge fand im Krankenhaus zwar statt, hatte aber bis zur Wende einen wenig prominenten Posten in drei kleineren Zimmern unter dem Dach, erinnert sich Peter Brinker. Ein Raum für die Patientenaufnahme wurde für Andachten genutzt. „Seelsorge war geduldet, aber nicht erwünscht“, fasst er zusammen.

Momentaufnahme vom Neubau. Foto: Archiv Uni-Klinikum

Umso bedeutsamer war es, dass sich Ende der 90er-Jahre ein Förderverein mit Mitgliedern aus Kirche und Klinik gründete, der für die Seelsorge auf dem Uni-Gelände ein eigenes Gebäude schaffen wollte. Das  kam für viele überraschend, auch für Peter Brinker: „Auf einen Neubau hatte ich nicht zu hoffen gewagt.“

„Alle sind hier willkommen“

Zu Beginn der Initiative waren die finanziellen Möglichkeiten mehr als begrenzt. Das besserte sich im Jahr 2000, berichtet Peter Brinker. Sozialminister Hans Geisler sprach ehemalige SED-Vermögensmittel der Verwendung zu sozialen Zwecken zu. „So gab es einen Grundstock.“ Im selben Jahr konnte der Verein einen bundesweiten Architekturwettbewerb ausrufen, den das Büro Kister, Scheithauer und Gross für sich entschied.

Das Kreuz erinnert an die historische Architektur Jerusalems. Foto: Philine Schlick

Architekt Kister war es auch, der das Kreuz über dem Altar in der Kapelle entwarf und sogar selbst brannte, erzählt Michael Leonhardi. Es ist aus rauer Keramik geschaffen und besteht aus verwinkelten Räumen mit Säulen, die an die Architektur der multi-religiösen Stadt Jerusalem erinnern.

Der Zugang zum den in erdfarbenen Tönen gehaltenen Andachtsraum beschreibt einen leichten Bogen, sodass sich der Raum in sich selbst zu winden scheint wie ein Schneckenhaus. Von außen ist er als raumgreifende Rundung gut zu erkennen. Er lädt unabhängig von Konfession oder Anliegen zum Verweilen ein. „Alle sind hier willkommen, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen“, sagt Leonhardi.

Blick von oben auf das Seelsorgezentrum mit Andachtsraum. Foto: Archiv Uni-Klinikum

Eine Pinnwand rechts vom Altar ist mit Zetteln gespickt. Dort schreiben Gäste ihre Wünsche und Sorgen auf. Sie werden in einem dicken Buch gesammelt. Mitunter entwickeln sich an dieser Stelle anrührende Dialoge. „Einmal stand als Wunsch auf einem Zettel: ‚Lieber Gott, bitte lass Dynamo gewinnen'“, erzählt Leonhardi. „Auf einem anderen Zettel darunter stand wenig später: ‚Dann müssen sie besser spielen! Gezeichnet, Gott.'“

Linkerhand befindet sich eine kreuzförmige Osterkerze. Darunter steht eine Schüssel mit Steinen. Hier können Gäste „Gewicht lassen“, wenn ihnen danach ist. Ein Stein verdeutlicht eine Bürde und wird unter der Kerze abgelegt. Wem danach ist, kann auch ein Licht entzünden und es auf einer kleinen steinernen Treppe platzieren.

Blick in den kleinen Altarraum. Foto: Philine Schlick

Michael Leonhardi erinnert sich: „An meinem ersten Tag, das war 2010, stand ich hier und habe eine Kerze angezündet. Über dem Haus setzte der Rettungshubschrauber zur Landung an. Das war so ein Gegensatz und ich dachte: ‚Beides rettet Leben.'“

„Der Ort bietet Raum für heilsame Begegnung“, erklärt Peter Brinker. „Er hat einen eigenen Charakter und bricht die vorherrschende Struktur.“ Dabei fühlen sich Patient*innen von der Atmosphäre im Alltag ebenso angesprochen wie Mitarbeiter*innen der Klinik.

In einer eigens angefertigten Metallwanne können Steine als Symbol für Sorgen niedergelegt werden. Foto: Philine Schlick

Der „Sitz der Seele“

In direkter Nachbarschaft zu diesem Raum für Spiritualität und Ritual haben funktionale Räume ihr Quartier: Das Familienbüro hat hier ebenso seinen Sitz wie die Nachlassbearbeitung und die verschiedenen Seelsorger mit ihren Büros. Es gibt einen kleinen Saal für Konferenzen.

Da dieser Saal nach Mekka ausgerichtet ist, wurde er bereits von einer muslimischen Gemeinde zum Beten genutzt.

Das Gebäude fügt sich mit all seinen Aufgaben ein in den Korpus der Klinik – und ist insbesondere der „Sitz der Seele“, an dem starke Gefühle zusammenlaufen. Die Seelsorger*innen haben eine ebenso exponierte Position wie das Gebäude: „Wir arbeiten am Klinikum, sind aber keine Mitarbeiter“, beschreibt es Peter Brinker, denn die seelsorgerischen Angebote werden von der katholischen und evangelischen Kirche getragen.

„Lieber Gott, ich hau jetzt ab“

„Für einen Arzt im OP gehört die Distanz zum Beruf. Bei uns Seelsorgern ist es anders herum“, sagt Michael Leonhardi, der vorher viele Jahre als Dorf- und später Studentenpfarrer gearbeitet hat. „Ich bin ein Landei“, gibt er lächelnd zu. Dreizehn Jahre lang begleitete er eine Gemeinde in Nordsachsen. Ihm ist die ländliche Mentalität vertraut. Als einmal ein Schäfer hier im Krankenhaus lag und am allermeisten seine Tiere vermisste, konnte er diesen Schmerz gut verstehen.

Michael Leonhardi: „Die Arbeit entwickelt einen Sog.“ Foto: Philine Schlick

Nach einem anspruchsvollen Tag in der Seelsorge zieht es ihn ebenfalls hinaus in die Natur. Beim Radfahren und Laufen bekommt er den Kopf frei. Wenn er die Klinik am Freitagabend verlässt, spricht er in der Kapelle ein Gebet: „Lieber Gott, ich hau jetzt ab. Du musst hier bleiben und aufpassen, bis ich am Montag wieder da bin.“

Er erinnert sich an einen Moment, als ein Patient verstorben war. Leonhardi lud den Arzt und die Schwestern zum Innehalten ein. Er beschreibt einen magischen Moment, an dem die Zeit kurz still stand, alle durchatmeten. Eine Schwester öffnete das Fenster: „So macht man das bei uns, damit die Seele raus fliegen kann.“ Es sind Augenblicke wie dieser, die Michael Leonhardi meint, wenn er sagt: „Schönheit ist überall möglich.“

Herbert ist schnell genervt

Der fünfte Seelsorger, der in keinem Impressum auftaucht, ist nicht aus Fleisch und Blut. Er lebt von dem Atem, den man ihm einhaucht: Es handelt sich um Herbert, die Handpuppe.

Herbert ist schnell genervt und auch mal vorlaut. Genau deswegen ist er so beliebt. Foto: Philine Schlick

Michael Leonhardi bezeichnet ihn als sein alter ego, denn Herbert darf, was ihm nicht in den Sinn käme: Widersprechen, laut und genervt sein. Herbert ist die Ansprechperson für Kinder. Michael Leonhardi erweckt ihn zum Leben, um Kontakt aufzubauen, einen Verbündeten zu geben, der an die Regeln aneckt, belehrt und gleichzeitig belehrt werden darf. Es kommt vor, dass das Telefon klingelt und Herbert verlangt wird. Dann ist sind die beiden zur Stelle.

Ein Stückchen Weg gemeinsam gehen

Das Schöne an seiner Arbeit, sagt Michael Leonhardi, ist die Begegnung. „Alles, was berührt, stärkt. Auch wenn das eine gewisse Verletzlichkeit berge und deshalb Mut erfordere. Er hoffe für die nächsten Jahrzehnte, dass die Haltung, die in der Religion steckt, wiederentdeckt werde und durch alle Wirrnisse äußerer Verhältnisse tragen möge. „Darin liegt eine ungeheure Kraft.“

Eine ähnliche Vision teilt Peter Brinker: „Ich weiß nicht, welche Form der Seelsorge die Menschen in zwanzig Jahren brauchen werden“, sagt er. „Vielleicht ist es eine humanistische, eine buddhistische, eine muslimische? Aber ich wünsche mir, dass die Menschen im Klinikum offen bleiben für die Fragen, die über die medizinisch-technische Bewältigung von Krankheit hinausgehen.“

Im Hinblick darauf werden die vergangenen 20 Jahre mit vielen kleinen Veranstaltungen gefeiert.

Das Seelsorgezentrum am Uni-Klinikum feiert

  • Klinik-Gelände, Haus 50, zu erreichen über das Eingangstor an der Fetscherstraße 74
  • „Spurensuche“, Ausstellung von Sylvia Graupner, Vernissage am 27. April um 17 Uhr unter freiem Himmel. Mit Musik von Jan Heinke.
  • Christi Himmelfahrt wird vor dem Zentrum der „Himmelsbaum“ von Birgit Merten gestaltet und lädt zu einem Spaziergang ein
  • Das Seelsorgezentrum im Internet

Elektrowerkzeuge aus Lager an der Fetscherstraße gestohlen

eingestellt am 20.04.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Foto der Polizeiwachstelle Altstadt. Foto: PS

Von einer Baustelle sind am Wochenende elektrische Werkzeuge entwendet worden.

Wie die Polizei mitteilt, sind am vergangenen Wochenende sind Unbekannte in ein Baustellenlager an der Fetscherstraße eingebrochen. Die Täter hebelten die Eingangstür auf und stahlen elf Elektrowerkzeuge samt Zubehör. Zu dem entstandenen Schaden liegen noch keine Angaben vor.

Zeugen nach Unfall an der Kreuzung Fetscher-/Pfotenhauerstraße gesucht

eingestellt am 15.04.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Foto der Polizeiwachstelle Altstadt. Foto: PS

Nach einen Verkehrsunfall an der Kreuzung Fetscher-/Pfotenhauerstraße sucht die Polizei Zeugen.

Ein 68-Jähriger wollte am Mittwoch mit seinem VW Tiguan von der Pfotenhauerstraße nach links in die Fetscherstraße einbiegen. Dabei kam es zum Zusammenstoß mit einem 48-jährigen Radfahrer, der ihm entgegen kam. Es entstand ein Sachschaden von insgesamt rund 600 Euro.

Die Polizei sucht Zeugen, die Angaben zum Unfall machen können. Hinweise insbesondere zur Ampelschaltung zum Unfallzeitpunkt nimmt die Polizeidirektion Dresden unter der Rufnummer 0351 483 22 33 entgegen.

Der Neue Jüdische Friedhof: Haus der Ewigkeit

eingestellt am 25.01.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Der neue Jüdische Friedhof in der Johannstadt. Foto: Alexandra Jentsch

Gastbeitrag von Alexandra Jentsch

Am Rande der tosenden Fetscherstraße steht, etwas eingerückt, hinter einer Reihe von Bäumen eine Mauer. Der Efeu kriecht an ihr empor bis zu den Giebeln, die sie in unregelmäßigen Abständen überragen und den Passanten die blinde Rückseite zuwenden. Folgt man dem Verlauf der Mauer weiter in die Fiedlerstraße, wird sie zu einem durchlässigen Zaun, dessen schlanke Glieder den Blick frei geben auf ein strahlend weiß gestrichenes, niedriges Gebäude, dessen bescheidene Kuppel von einem verzierten Davidstern gekrönt wird. Man betritt den Neuen Jüdischen Friedhof.

Grabplatte auf dem Neuen Jüdischen Friedhof. Foto: Alexandra Jentsch

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Zwischen den Reihen der Gräber liegen sauber geharkte, schattige Wege, auf denen das Rauschen der Stadt fern scheint. Statt Blumenschmuck liegen auf einigen Grabsteinen kleine Steine. Ansonsten fallen dem Laien zunächst mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zu den christlichen Ruhestätten auf. Tatsächlich bezieht sich die Gestaltung der meisten Grabmale des 1867 eröffneten Friedhofes auf die damals vorherrschenden Strömungen in Kunst und Architektur.

Mehr noch als beim Alten Jüdischen Friedhof, nahe der Bautzner Straße, auf dem hebräische Inschriften auf verhältnismäßig schlichten Grabsteinen vorherrschen und noch häufiger jüdische Handwerkssymbole zu finden sind, wird hier auf dem Neuen Friedhof aus Klassizismus und Jugendstil zitiert. In dieser Orientierung an christlichen Friedhöfen, in der Formsprache der teils sehr prachtvollen, säulengestützten Bögen und Giebeln, kann man einen Ausdruck der Jüdischen Assimilation und Emanzipation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sehen, welche letztlich in der (formellen) rechtlichen Gleichstellung mündete.

Auf jüdischen Friedhöfen werden anstatt von Blumen Steinchen auf den Grabstein gelegt. Foto: Alexandra Jentsch

Jüdische Geschichte

Von Sandstein, Granit oder Marmor lassen sich noch heute die Namen einiger Protagonisten dieser Entwicklung ablesen. Der 1829 geborene Emil Lehmann zum Beispiel. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, war politisch sowohl als Stadtverordneter, als auch im Landtag aktiv und brachte u.a. einen Antrag auf Abschaffung des Judeneides ein, dem letztlich entsprochen wurde. Oder Georg Arnhold (1859 – 1926), der heute den meisten wohl vor allem durch das von ihm gestiftete Schwimmbad bekannt ist. Sein Engagement für die Gesellschaft zeigte der Bankier außerdem durch die Unterstützung der Friedensbewegung.

Auch über das Wirken der Familie Bondi, der Familie Salzburg, des Dr. Wolf Landauer und etlicher weiterer ist heute noch einiges bekannt. Von den allermeisten aber bleiben nur die Inschriften auf den Grabsteinen: ein Name, eine Zahl, ein Ort, vielleicht eine kurze Widmung. Und dennoch, setzt man diese Daten in den historischen Kontext, sprechen die Toten, erzählen ihre Geschichte und werden zu einem Chor, der die Geschichte der Juden in Deutschland erzählt. † 1917 Ypern, † 1938 Dresden, † 1942 Auschwitz.

Blick auf die Reihen der Grabsteine auf dem Neuen Jüdischen Friedhof. Foto: Alexandra Jentsch

Für die Überlebenden der Shoa wird der Friedhof zu einem Ort des Neuanfangs. Ein Wiederaufbau der Alten Synagoge, die während der Novemberpogrome 1938 niedergebrannt wurde, ist nach dem Krieg nicht möglich und so wird im Jahr 1950 der Davidstern, der von einem ihrer Nebentürme gerettet und während des Krieges versteckt werden konnte, auf die Kuppel der ehemaligen Totenhalle gesetzt und diese zur Synagoge geweiht. Hier wird von der Bima aus wieder die Tora gelesen, hier sammelt sich die kleine Gemeinde bis 2001 schließlich die Neue Synagoge  fertiggestellt wird. Zu diesem Zeitpunkt leben bereits wieder über 700 Juden in Dresden und der Kuppelbau wird seinem ursprünglichem Zweck zugeführt.

„Haus der Ewigkeit“ lautet eine Übersetzung des hebräischen Begriffs für Friedhof. Die Gräber werden gemäß der Gesetzte des Judentums nicht eingeebnet, werden nicht für eine begrenzte Frist gemietet, sondern bleiben. Zu ihnen kommen die Jüngeren, an denen es ist, die Geschichte weiter zu erzählen.

Hinweis der Redaktion: Der im Rahmen des Projektes „Online-Stadtteilmagazin“ erschienene Beitrag wurde nicht von der Landeshauptstadt Dresden bzw. dem Quartiersmanagement erstellt und gibt auch nicht die Meinung der Landeshauptstadt Dresden oder des Quartiersmanagements wieder. Für den Inhalt des Beitrags ist der/die Autor*in verantwortlich.

Die Fetscherstraße

eingestellt am 18.01.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Fetscherstraße in Blickrichtung Norden. Foto: Alexandra Jentsch

Gastbeitrag von Alexandra Jentsch

Dresden ist keine Großstadt. Eher eine Ansammlung mehrerer kleinerer Städte, die sich für ein gediegenes Stelldichein im Elbtal getroffen haben. Wenn einmal so etwas wie ein Gefühl von Großstadt aufkommt, ist es auf den großen Straßen. Auf der Fetscherstraße zum Beispiel. Ein kommentierter Spaziergang. 

Als gut zwei Kilometer langer, präziser Schnitt trennt sie die Johannstadt von Striesen. Als eine der Hauptadern des östlichen Dresdens verbindet sie den Großen Garten mit der Waldschlösschenbrücke und dem jenseitigem Elbufer. Auf ihren gedachten Nullpunkt, das Palais, wies auch die einstige Benennung als Fürstenstraße hin, die sich heute noch in der Fürstenallee des Großen Gartens wiederfindet. 1946 erfolgte die Umbenennung nach dem im Vorjahr ermordeten Rainer Fetscher, dessen Biographie zwischen Eugenik und antifaschistischem Widerstand zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung einlädt.

Lückenschließung Nummer 33 bis 37. Foto: Alexandra Jentsch

Bebauung als Spiegel der Geschichte

Gegenwärtig empfindet man zumindest den Lautstärkepegel als sehr urban, wenn man sich aus der Fürstenallee kommend in den fließenden Autoverkehr einreiht und durch das gescheckte Spalier der Platanen schnurstracks gen Elbe radelt. Die vorüber ziehende Bebauung durchmisst die Dekaden weniger gradlinig. In unmittelbarer Nähe des Platzes, der passenderweise nach dem tschechischen Pädagogikreformer Johann Amos Comenius benannt ist, steht ein Gebäude, welches heute die 6. Grundschule beherbergt. Der 1957/58 errichtete Bau steht als ein frühes Beispiel der Pavillonschule, deren offene Bauweise eine Abkehr vom einschüchternden Kasernencharakter gründerzeitlicher Schulgebäude darstellt, unter Denkmalschutz.

Wirkt die Bebauung in diesem südlichen Bereich noch nach dem verhältnismäßig einheitlichen Prinzip der Sachlichkeit errichtet, beginnt je weiter man Richtung Fetscherplatz vordringt ein Zickzackkurs durch die Zeit. Auf der Striesener Seite ducken sich gründerzeitliche Villen vor den konfettibunten Neunziger Jahren der Johannstadt in den Schatten der Baumkronen. Etwas weiter stehen sich mit dem Arthushof und dem Wohngebäude der Nummern 33 bis 37 wiederum zwei recht unterschiedliche Protagonisten gegenüber, die jedoch beide der Zeit der Jahrhundertwende entstammen. Bei der Wohnzeile handelt es sich allerdings bereits um eine Reinkarnation aus Nachkriegszeiten.

Herbst an der Fetscherstraße. Foto: Alexandra Jentsch

Brodelnde Kreuzungen, stille Wiesen

An der brodelnden Kreuzung Blasewitzer Straße knickt die Straße nach Norden ab. Hier eröffnet sich der charakteristische Blick gen Waldschlösschenbrücke. Im Sommer flirrt die Luft in der Ferne über dem Asphalt und lässt die silbrig graue Blechkarawane am Horizont wie eine Fata Morgana aus einem Hollywoodstreifen wirken, der die Freiheit der Straße besingt. Man radelt dem Blick hinterher, vertieft sich in das Bild und kann erst im letzten Moment einer sich vom Parkstreifen her plötzlich öffnenden Fahrertür ausweichen. Man flucht leise und fährt, nun wieder aufmerksamer, weiter Richtung Pfotenhauerstraße. Hier finden sich drei Institutionen, in deren Ballung, wer mag, mehr als nur räumliche Zusammenhänge hinein interpretieren kann.

Der Artushof. Foto: Alexandra Jentsch

Rechterhand liegt die weitläufige Anlage des traditionsreichen Universitätsklinikums Carl Gustav Carus, welches seit 1901 hier untergebracht ist. Linkerhand folgt auf den Jüdischen Friedhof, dessen Außenmauern sich von der Straße abkehren und mit dessen Innerem sich ein anderer Artikel beschäftigt, der Ostflügel des Pflege- und Seniorenheimes Clara-Zetkin, als denkmalgeschütztes Überbleibsel eine wesentlich größeren Komplexes, dessen Nordflügel komplett zerstört wurde.

Einen versöhnlichen, kreierenden Abschluss bildet der Standort der Hochschule für bildende Künste an der Pfotenhauerstraße, wo sich seit 1910 der Bildhauerei gewidmet wird und wo man entscheiden kann, ob man dem Sog der Großstadt auf die Brücke und über die Elbe folgt oder sich von ihr abwendet und in die ruhigen Elbwiesen flüchtet.

Hinweis der Redaktion: Der im Rahmen des Projektes „Online-Stadtteilmagazin“ erschienene Beitrag wurde nicht von der Landeshauptstadt Dresden bzw. dem Quartiersmanagement erstellt und gibt auch nicht die Meinung der Landeshauptstadt Dresden oder des Quartiersmanagements wieder. Für den Inhalt des Beitrags ist der/die Autor*in verantwortlich.