Little John Bikes ist „der Neue“ neben Konsum an der Pfotenhauerstraße

eingestellt am 12.03.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Es brennt Licht in der Halle: Little John eröffnet am 26. März. Foto: Philine Schlick

In der ehemaligen Aldi-Halle neben dem Konsum wird gewerkelt. Viele Nasen haben sich in den letzten zwei Wochen an der Scheibe platt gedrückt. Das Geheimnis ist gelüftet: Der Fahrrad-Händler Little John Bikes zieht ein. Am 26. März soll die Eröffnung stattfinden.

Zum Wochenende sind die Umbauarbeiten nach zwei Wochen geschafft. Der regionale Fahrradhändler Little John Bikes zieht auf die 900 Quadratmeter Ladenfläche neben dem Konsum an der Pfotenhauerstraße ein.

Eine Fahrradwerkstatt für die Johannstadt

„Wir haben bereits vier Läden in Dresden“, berichtet Marketingleiter Jan Schneidewind. Ein Standort in der Johannstadt fehlt aber noch: „Es gibt hier viele Menschen, die Fahrrad fahren, die Elbe ist nicht weit und ein Laden mit Werkstatt in Reichweite bietet sich an“, begründet er die Wahl.

Little John Bikes ist 1997 aus einem Zuliefererbetrieb für Deutschlands größte Fahrradfabrik, der Biria, entstanden. Ursprünglich war die Firma in Neukirch in der Oberlausitz beheimatet. Im Jahr 2014 wechselte der Sitz nach Dresden. Little John gehört zu den großen der Branche.

Im Angebot ist alles vom Laufrad bis zum E-City-Bike. „Wir haben ein Vollsortiment!“ Spezialisierte Biker wie Downhill-Sportler*innen dagegen würden bei Little John weniger fündig. „Wir sind der Händler für die fahrradfahrende Familie“, sagt Schneidewind. Wichtig ist dem Unternehmen, für Kund*innen erreichbar zu sein. Deshalb wird neben den Verkaufsräumen eine Werkstatt eingerichtet.

Eröffnung am 26. März

Gerade Corona habe bei vielen Menschen die Lust auf’s Radeln geweckt, erzählt Schneidewind. Gesundheits- und umweltbewusst die Umgebung erkunden liegt im Trend. „Viele haben sich schon interessiert erkundigt, wer hier einzieht und sich gefreut!“, erzählt der Pressesprecher. Zum Anfang beginnen ab 26. März fünf Mitarbeiter*innen ihren Dienst. „Mal sehen, wie es sich entwickelt.“

Eine Eröffnungsfeier kann natürlich aufgrund von Corona nicht stattfinden, aber die Werkstatt darf regulär öffnen. Einkaufen ist online, nach vorheriger Terminabsprache oder mit Click&Collect möglich.

Little John Bikes Johannstadt

Johannplasto: Joghurtbecher zu Lampenschirmen!

eingestellt am 02.01.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Thomas Peterberns stellt Lampen aus recyceltem Plastik her. Foto: Philine Schlick

Plastik ist zwar nicht beliebt. Aber viel in Benutzung. Es ist billig in der Produktion und praktikabel in der Verwendung. Es tut klaglos seine Dienste und wenn es bricht oder nicht mehr gebraucht wird, fliegt es in den Müll – oder daneben. Und hier liegt das Problem, für das Thomas Peterberns in seiner Ein-Mann-Design-Werkstatt Johannplasto Lösungen sucht und findet.

In der kleinen Keller-Werkstatt unter dem Wahlkreisbüro von Thomas Löser hängt ein Schild über dem Schreibtisch von Thomas Peterberns. Es zeigt zwei tote Seevögel. Aus ihrem Inneren quellen bunte Plastikteilchen wie aus einem gerissenen Gelben Sack. „Recycle Plastik, bevor es hier landet“, lautet der Slogan.

Johannplasto – Recycling-Vorreiter in der Johannstadt

Diesem Motto folgt Thomas Peterberns nun schon seit knapp drei Jahren. Seinen Anfang nahm das kleine Recycling-Unternehmen „Johannplasto“ in einer Wohnung auf der Blumenstraße. Hier tüftelte Thomas an Maschinen und Methoden zur Weiterverarbeitung von Plastik. Er ist Teil des Netzwerkes „Precious Plastic“, das international Ideen und Konstruktionspläne zur Plastikverarbeitung austauscht.

Fünfhundert Gramm recyceltes Plastik pro Lampe

„Hier ist mein erster Schredder“, sagt Thomas und hält einen elektrischen Hobel hoch. Die Werkstatt am Bönischplatz ist gleichzeitig ein Betriebs-Museum. Andächtig hält Thomas eine der ersten Pressungen aus geschmolzenem Plastik hoch, die eher an einen verunglückten Keks erinnert. „Da habe ich noch zu wenig Plastik genommen“, resümiert er.

Mittlerweile hat Thomas Peterberns sein „Rezept“ gefunden. Mit einem selbstgebauten Schredder hobelt er Plastik sortenrein in Granulat, füllt es in eine Presse und drückt die warme Masse in eine Metall-Form. Es entstehen fünfeckige Platten, die zu einem Lampenschirm zusammengesetzt und verlötet werden. Die Lampen gibt es in unterschiedlichen Ausführungen.

Etwa ein halbes Kilo Plastik stecken in jeder von ihnen. Drei Stunden braucht Thomas im Schnitt, um eine Lampe herzustellen. „Die Kabel zu den Lampen kommen von der Lebenshilfe. Sie stammen von alten elektronischen Geräten“, erklärt Thomas. Recycling bis ins kleinste Detail.

Von der Leidenschaft zum Beruf

Rund zehn Stunden in der Woche verbringt Thomas in der Werkstatt, um Einweg-Plastik zu einem längeren Leben zu verhelfen. Zugunsten seiner Selbstständigkeit tritt er bei seinem Job als Maschinenbau-Konstrukteur kürzer. Wissen und Erfahrung aus seinem Studium hat er ausgebaut und weiterentwickelt. Aus einer früheren Anstellung im Bereich Leichtbau und Kunststofftechnik ist er gewechselt – aus ethischen Gründen: „Recycling und Nachhaltigkeit spielen in diesem Bereich so gut wie keine Rolle“, sagt Thomas. Es werden massiv Ressourcen in den Bau von Flugzeugen und Autos gesteckt und damit Raubbau an der Natur vorangetrieben. Nachhaltige Weiterverwendung oder Entsorgung sind kein Kriterium.

Thomas Peterberns macht diese Faktoren zur Grundlage seiner Produktionskette. Seine Lampen bestehen zu 100 Prozent aus wiederverwendetem Plastik. Schraubdeckel, Joghurtbecher, zersplitterte Babybadewanne – alles wird mithilfe des eingeprägten Siegels auf der Unterseite nach Sorten und Farben sortiert und geschreddert. Die Sortierung ist nicht immer leicht, denn nicht jeder Artikel ist sortenrein produziert. Wenn Plastik „gepanscht“ wurde, kann man es auch nicht mehr wiederverwenden, weil die Aufspaltung in seine Bestandteile nicht mehr möglich ist, führt Thomas aus. Informationen wie diese sind auf seiner Webseite zusammengestellt.

Plastik als Rohstoff, nicht als Müll denken

Fein säuberlich sortiert wartet das Granulat in der Johannplasto-Werkstatt in Boxen auf seine Weiterverwendung – oder seinen Verkauf. Denn im Netzwerk „Precious Plastic“ wird aufgearbeiteter Kunststoff in Flocken als Ausgangsstoff angeboten. Wäre das nicht auch eine Idee für die Großen der Industrie? „Weltweit werden nur 15 Prozent des Plastiks recycelt“, sagt Thomas. „Der Rest neben den 15 Prozent wird entweder nur thermisch recycelt oder gar nicht. Zehn Millionen Tonnen Plastik landen pro Jahr im Meer. Die Hälfte des produzierten Plastiks ist Single-use Plastik.“

Johannplasto zeigt, wie es anders gehen kann und ist damit nicht allein. Gemeinschaften zum Recycling von Plastik und Elektroschrott sind im Freistaat auch in Leipzig und Chemnitz vertreten. In Dresden ist neben Johannplasto die Kunststoffschmiede des Konglomerat e.V. in Löbtau ein Ansprechpartner.

Plastik repräsentiert wie kein Material die herrschende Konsum- und Wegwerfkultur auf dem Globus, erklärt Thomas. „In den letzten zehn Jahren hat die Menschheit so viel Plastik produziert wie in den vergangenen 100 Jahren“, sagt er. Die Geister, die ich rief – denn wir finden es als Mikroteilchen im Wasser, im Boden und in der Luft wieder. Thomas Peterberns stellt mit Johannplasto nicht nur dekorative Lampen her, sondern arbeitet an einem Image-Wandel des Plastiks. Es soll weniger als Müll und mehr als Rohstoff wahrgenommen werden, um seine Verschwendung zu vermeiden.

Zentrale Lage für ein zentrales Anliegen

Um auf das Thema aufmerksam zu machen, gibt Thomas Peterberns Workshops und Kurse. Im vergangenen Jahr fand im Büro der NaJo an der Pfotenhauerstraße ein Kurs zum Löten einer nachhaltig produzierten Computermaus statt. Für Aktivitäten dieser Art bietet das Wahlkreisbüro zukünftig mehr Platz, freut sich Thomas.

Die Suche nach einer geeigneten Werkstatt dauerte lange. Thomas ist froh, dass er mit seiner Produktion nicht in eine Garage ziehen musste, sondern den Standort am Bönischplatz gefunden hat. „Hier habe ich auch Fenster!“ Die sind nicht nur wegen des Lichts gut, sondern auch für den Abluftschlauch. Im Schaufenster kann Johannplasto seine Produkte präsentieren. Eine zentrale Lage für ein zentrales Anliegen.

Für das kommende Jahr ist geplant, Plastik-Sammelbehälter in der Johannstadt aufzustellen, z.B. am NaJo-Büro oder am Bönischplatz. Hier können Bürger*innen gesäuberte Plastik-Artikel einwerfen und so am Recycling-Kreislauf teilhaben. Thomas Peterberns kann sich gut vorstellen, Johannplasto eines Tages als alleinigen Beruf auszuüben. Allzu weit scheint dieser Traum nicht entfernt zu sein: „Die Bestellungen häufen sich!“, verrät er.

Johannplasto – Plastik und Elektroschrott Recycling Johannstadt

Radskeller: Hier ist guter Rat nicht teuer

eingestellt am 09.12.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Jens Nitsche, Rads-Herr der ersten Stunde im Radskeller. Foto: Philine Schlick

Die Ursprünge des Radskellers „versinken im Dunkeln der Geschichte“, sagt Jens Nitsche mit krauser Stirn. Die wichtigste Fährte führt auf die Katharinenstraße in der Neustadt. Der Verein, der die Selbsthilfewerkstatt auf der Dürerstraße betreibt, umfasst heute stolze 17 Mitglieder. Zu den Öffnungszeiten stehen Drahtesel und ihre Besitzer*innen im Treppenhaus Schlange.

Seinen Anfang nahm die Geschichte der „Geschwister-Werkstätten“ Radschlag und Radskeller Anfang der 90er Jahre. Eine Gruppe junger Schrauber fand sich 1991 in Dresden zusammen, um Zweiräder zu reparieren und aufzubauen. „Zwei sind heute immer noch dabei“, sagt Jens Nitsche, der erst kürzlich den Geschäftsführerposten im Radschlag frei machte, um nur noch Vereinsmitglied zu sein.

Vom Radschlag zum Radskeller

„Unsere erste Station war das Umweltzentrum auf der Schützengasse“, erzählt Jens Nitsche. „Damals völlig ruinös. Ein dunkles, feuchtes Loch.“ Von Beginn an war die Werkstatt für Selbsthilfe, Hilfe und Recycling gefragt. Eventuell hätten sich daraus sogar berufliche Perspektiven ergeben, aber „keiner hatte Kohle, ein Konzept zur Idee gab es nicht und jeder von uns war, da nun alles möglich schien, offen für weitere Optionen.“

Alles ist möglich im Radskeller, bis auf schweißen und lackieren. Foto: Philine Schlick

Man entschied sich also zur Gründung eines Vereins. Bald wurde es am Gründungsort zu eng. Im Jahr 1993 ging es auf die Louisenstraße 9, wo man zusammen mit dem Kurier-Kollektiv ImNu hauste. In die Zeit, als Jens Nitsche ein berufsbegleitendes Studium aufnahm, fiel der dritte Umzug auf die Katharinenstraße 11, wo der Radschlag heute noch empfängt. „Wir sind eine Sippschaft“, erklärt Nitsche, der sich in dieser Phase der Vereinsgeschichte jedoch berufsbedingt zurücknahm.

Schnell nahm der Radschlag eine gedeihliche Entwicklung. Nach und nach wurden zwei Arbeitsplätze geschaffen, die Öffnungszeiten erweitert. Der wirtschaftliche Erfolg war für einen gemeinnützigen Verein bald nicht mehr tragbar. Es kam zur Trennung: Der Radschlag wurde privatisiert, der Verein suchte eine neue Lokalität.

Die Nachfrage regelt das Angebot

„Die Dürerstraße liegt auf meinem Arbeitsweg“, sagt Nitsche. Ihm fiel der vielversprechende Hobby-Keller im Vereinshaus Aktives Leben ins Auge. Er hakte nach und siehe da: Das Interesse an einer Schrauber-Werkstatt war bereits vorhanden. „Wir suchen schon lange jemanden“, lautete die Botschaft des Vereins. Ein älterer Herr, ein „leutseliger, dufter Typ“ hatte vor dem Radskeller die Idee gehegt. Er wurde mit ins Boot geholt und nach wenigen Wochen erfolgte der Einzug in das ehemalige Lager.

Zu 99 Prozent mit dem Rad unterwegs: Jens Nitsche. Foto: Philine Schlick

„Das ging in rasender Geschwindigkeit“, erinnert sich Nitsche. „Die WGJ war sehr flexibel.“ Im Mai 2012 wurde Eröffnung gefeiert, ein Jahr später erfolgte die freundschaftliche Trennung von der Werkstatt Radschlag in der Neustadt. „Wir sind auch Verwandte ersten Grades mit dem RepairCafé“, sagt Nitsche.

Der Radskeller ist eine voll ausgestattete Werkstatt. „Für spezielle Projekte schaffen wir gelegentlich auch noch Werkzeuge an, wenn etwas fehlt.“ Nur schweißen und lackieren sei nicht möglich. „Ansonsten richten wir uns nach dem Bedarf der Nutzer*innen.“ Geholfen wird gegen Spende.

Zu 99 Prozent mit dem Rad unterwegs

Dienstags hat der Radskeller für drei Stunden geöffnet. „Da wir alle berufstätig sind, schaffen wir nicht mehr.“ Derzeit ist das Angebot aufgrund von Corona nicht möglich, aber außerhalb der Krisen-Zeiten stehen hier die Radler*innen bis hinauf zur Eingangstür Schlange.

Das wichtigste in seinem Hobby-Job sei Geduld – gelegentlich werden die Nerven wie Bowden-Züge gespannt, wenn Werkstattnutzer*innen nach der dritten Erklärung die Schraube falsch herum anziehen wollen, während draußen bereits der nächste trämpelt.

„Reine Selbsthilfe ist eine Illusion, betreutes Schrauben trifft’s eher“, sagt Jens Nitsche, der sich in Freizeit, Urlaub und Alltag zu 99 Prozent mit dem Fahrrad fortbewegt. Geduld bringen die Erfahrenen auch den Nachfolgenden im Verein entgegen: „Manche müssen noch eine Menge lernen, aber wir haben ja Zeit. Die Talente sind eben unterschiedlich verteilt.“

Ordnung muss sein. Blick in Einmachgläser der anderen Art im Radskeller. Foto: Philine Schlick

Er selbst hat sechs Räder zuhause, Tendenz steigend. Selbstredend, dass Jens Nitsche selbst häufig schraubender Gast im Radskeller ist. Die Werkstatt ist für ihn nicht nur Werk-Ort, sondern auch Stätte des Austauschs. Mit einer Prise Nostalgie im Augenwinkel erinnert er sich an wilde Schrauber-Partys in der Neustadt zurück, mit einem Glas guten Weines und noch besserer Musik. Jetzt sind es die nachmittäglichen Begegnungen im Radskeller, die ihn beflügeln.

Präsenz zeigt der Radskeller mit seiner mobilen Werkstatt auf dem Lastenrad bei öffentlichen Veranstaltungen wie Straßenfesten. Das Bundschuhstraßenfest musste dieses Jahr wetterbedingt entfallen, aber das nächste kommt – früher oder später – bestimmt.

Große Visionen für das kommende Jahr gebe es nicht, sagt Jens Nitsche. „Wir sind ein Spaß-Verein und haben keinen Businessplan.“ Das Lager müsste aufgeräumt werden und, wenn es die Lage zulässt, steht im Sommer wieder die traditionelle Fahrrad-Rüstzeit der evangelischen Jugend in Radebeul an. Seit 15 Jahren pflegt man eine partnerschaftliche Kooperation. „Dort schaffen wir im Akkord 35 bis 50 Räder mit den Kids. Die sind ziemlich ausgeschlafen und machen kräftig mit. Muss einem nicht bange werden um die Zukunft!

Radskeller Dresden – Die Fahrradwerkstatt zum Selberbauen

  • Dürerstraße 89, 01309 Dresden
  • geöffnet dienstags von 18 bis 21 Uhr und nach Absprache. Wegen Corona bis Ende 2020 geschlossen
  • www.radskeller-dresden.de

Fahrrad Fiedz schraubt für den Kiez

eingestellt am 26.07.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Jan Fiedler absolviert in Kürze einen Lehrgang zum Fahrrad-Rahmen-Schweißen. Foto: Philine Schlick

Beruflich war Jan Fiedler mit seiner Werkstatt viele Jahre „einrädrig“ unterwegs. Mit Rico Rank rollt „Fahrrad Fiedz“ jetzt im Doppelpack. Das wurde auch nötig, denn der Zweiradschrauber an der Blumenstraße hat alle Hände voll zu tun – und Pläne für die Zukunft. Die Geschichte von einem, der zugunsten des Drahtesels Gold und Silber den Rücken kehrte.

Urig und funktional - und vielleicht bald größer? Die Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick
Urig und funktional – und vielleicht bald größer? Die Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick

Ein Stück Lebensqualität

Die Welt fährt Rad, und mit ihr die Johannstadt. Immer mehr Menschen satteln um und sind emissionsfrei mobil. Das kann Jan Fiedler bestätigen. Seit der Drahtesel2000 seine Pforten geschlossen hat, stehen noch mehr Radler*innen bei ihm Schlange. Besonders gefragt sind neu aufgebaute Räder, erzählt Fiedler: „Ein gutes Rad ist ein Stück Lebensqualität.“

Jan Fiedler in seiner Werkstatt: "Ich möchte einfach meine Arbeit machen." Foto: Philine Schlick
Jan Fiedler in seiner Werkstatt: „Ich möchte einfach meine Arbeit machen.“ Foto: Philine Schlick

Schon viele Stunden, bevor er während der Öffnungszeiten Räder zur Reparatur annimmt, steht er in der Werkstatt. Die Corona-Krise brachte ihm Unterstützung. Sein neuer Partner heißt Rico.

Rahmen Marke Eigenbau

„Rico wird immer besser. Ich bin sehr zufrieden“, sagt Jan Fiedler, der sich seinerseits weiterbilden will: Im Oktober hat er sich für einen Lehrgang zum Fahrrad-Rahmen-Schweißen angemeldet. Ein Schritt in noch größere Selbstständigkeit. Derzeit setzt er auf stabile Rahmen aus tschechischer Produktion. Zu diesen könnten Exemplare Marke Eigenbau hinzustoßen.

Flucht aus Routine und Kleingeist

Auf’s Rad kam Jan Fiedler nach einer beruflichen Neuorientierung. Als gelernter Verfahrensmechaniker für Edelmetalle verarbeitete er in Freiberg Gold, Silber und Platin zu Rohlingen für Schmuck und Münzen. „Irgendwann habe ich nichts mehr dazu gelernt“, stellt er rückblickend fest. Hinzu kam das Klima der Stadt: „Ich habe den Kleingeist nicht mehr ausgehalten.“

Aufgang zur Fahrrad-Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick
Aufgang zur Fahrrad-Werkstatt Fiedz. Foto: Philine Schlick

Jan Fiedler sprang die Kette vom Ritzel. Er musste pausieren und sich neu orientieren. Erst liebäugelte er mit dem Tischlerberuf, dann entschied er sich für Zweiradmechaniker. Gleich die erste Werkstatt seiner Wahl nahm ihn 2006 in Dresden als Lehrling an: Meißner Raeder auf der Louisenstraße in der Neustadt.

Einzug auf die Blumenstraße

Drei Jahre lernte Jan Fiedler, sammelte Berufserfahrung in Dresden und Leipzig. Ihm wurde klar: „Ich mag nicht, wenn andere bestimmen, was ich zu tun habe.“ Er wollte sein eigener Chef sein. Ein Zufall brachte ihn auf die Blumenstraße in der Johannstadt. „Hier ist was frei“, hatte ihm ein Kumpel geflüstert – Jan Fiedler zog ein in das urige Fabrikgebäude mit Regenwasser-Spülung und Patina auf betagten Blechschildern. In seiner Nachbarschaft befinden sich Werkstätten und Ateliers. Man grüßt sich im Gang. Ein Kauzen-Nest in Backsteinwänden.

Das Logo entwarf der Künstler Sascha Patzig. Foto: Philine Schlick
Das Logo entwarf der Künstler Sascha Patzig. Foto: Philine Schlick

Das Firmen-Logo entwarf sein Sandkastenfreund Sascha Patzig, der als freier Künstler arbeitet.  Er stiftete auch die Idee zum Titel: „fiets“ heißt auf niederländisch Fahrrad. Zusammen mit „Fiedler“ ergab das die namensgebende Wortspielerei.

„Jetzt bin ich frei“, sagt der Zweiradmachaniker. Auch wenn viel zu tun ist. Und er nicht mit jedem Kunden unbegrenzt schwatzen kann. Aus seiner Pause hat er gelernt, auf die eigenen Bedürfnisse zu lauschen und sich nicht unter Druck zu setzen. „Natürlich könnte ich Samstag aufmachen – aber wozu? Ich brauche mein Wochenende“, sagt er.

Ebenso nötig hat er den täglichen Feierabend. Von Federsattelstützen und Scheibenbremsen will er dann nichts mehr hören: „Das ist mein Beruf. Ich bin froh, wenn dann mal Pause ist und ich nicht mehr denken muss.“

Demnächst stehen vier Wochen Urlaub an. Quer durch Deutschland geht es, über Tschechien bis fast Österreich. Natürlich mit dem Rad.

Weiterführende Informationen

  • Fahrrad-Werkstatt Fiedz
  • Blumenstraße 80, 01307 Dresden
  • Geöffnet Montag, Dienstag und Freitag von 12 bis 15.30 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 12 bis 19 Uhr
  • www.fiedz.de
  • Telefon 1609217