Elefanten-Parade an der Dürerstraße

eingestellt am 06.01.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Da steht ein Elefant auf dem Flur ... Foto: Philine Schlick

Wer in das Treppenhaus des Radskellers an der Dürerstraße späht, macht eine ungewöhnliche Entdeckung. Dort hat sich, im fahlen Neonlicht, die Elefanten-Parade des Zirkus Sarrasani samt Clown versammelt. Wie kommt sie dahin?

Die Tür zum Radskeller ist nur angelehnt und als ich sie aufziehe – sehe ich wie hinter einem sich öffnenden Vorhang weiße Elefanten! Ein Augenblick zum Augenreiben! Die kenne ich doch. Natürlich, es sind die Elefanten vom Zirkusbrunnen am Carolaplatz in der Neustadt. Der Brunnen ziert die Nachbarschaft der WGJ-Wohnhäuser an Sarrasani- und Ritterstraße, den „Geschwistern“ der Johannstädter WGJ-Häuser.

Die Sarrasani-Parade in Weiß im Flur des Radskellers. Foto: Philine Schlick
Die Sarrasani-Parade in Weiß im Flur des Radskellers. Foto: Philine Schlick

Tiere und Clown gleichen einander bis auf die kleinste Hautfalte. Mit dem Unterschied, dass die Zirkus-Parade an der Dürerstraße nicht metallisch glänzt und hier und da schon ein Stück vom Ohr oder vom Rüssel eingebüßt hat. Geschaffen hat die Attraktion en miniature der Bildhauer Vinzent Wanitschke.

Bronzene Zwillinge in der Neustadt

„Die Gussfiguren sind Eigentum der WGJ, geschaffen als Auftragsarbeit im Jahr 2007. Eröffnet wurde der Zirkusbrunnen mit Abschluss der Sanierungsarbeiten an den Wohnhäusern Sarrasani- und Ritterstraße“, erklärt Yvonne Ahlheit vom Verein JohannStadthalle.

Der Zirkusbrunnen der WGJ am Carolaplatz in der Neustadt. Foto: Philine Schlick
Der Zirkusbrunnen der WGJ am Carolaplatz in der Neustadt. Foto: Philine Schlick

„In der Johannstadthalle wurde 2011 eine große Ausstellung mit Werken des Künstlers gezeigt und aus dieser Zeit stammen auch die Rohlinge für den Guss der Bronzefiguren“, ergänzt ihre Kollegin Claudia Tronicke. Der Künstler überließ der WGJ die Figuren als Geschenk. Ihr derzeitiger Standort „bot sich zur Aufbewahrung an“, sagt Julia Grotjahn von der WGJ.

Im Jahr nach der Ausstellung verstarb Vinzent Wanitschke wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag. Nicht nur mit dem Zirkusbrunnen schmückte er das Dresdner Stadtbild. Der Brunnen „Drei Grazien“ am Hotel Bellevue wurde ebenso von ihm geschaffen wie der „Trinkbrunnen“ auf der Prager Straße. Auf der Brühlschen Terrasse ist sein „Planetendenkmal“ zu bestaunen, das die Erdkugel darstellt, aus der sich Kristalle herausschieben und den Wandel der Welt symbolisieren.

Wenn der Vorhang gefallen ist …

In der Johannstadt künden – an ungewöhnlichem Ort – also die kalkweißen Gipsfiguren vom Wirken des Meisters Wanitschke. Einen nahezu gespenstischen Eindruck machen die naturalistisch dargestellten, wenngleich unnatürlich kleinen Tiere. Ihre freundlichen Gesichter machen diesen Eindruck wieder wett.

Am Zirkusbrunnen laufen sie artig ihre Parade, im Flur des Radskellers scheinen sie ihren eigenen Interessen zu folgen. Sie stecken die Köpfe zusammen, rüsseln zärtlich miteinander. Einer hat sich abgewandt und betastet die Wand. Stolz reckt der größte den Rüssel, als verkünde er eine anstehende Sensation. Von Freiheit können sie, die wasserlöslichen, dennoch nur träumen – ebenso wie ihre lebenden Vorbilder annodazumal.

Die Gipsformen waren die Guss-Vorlage für den Zirkusbrunnen am Caroplaplatz. Foto: Philine Schlick
Die Gipsformen waren die Guss-Vorlage für den Zirkusbrunnen am Carolaplatz. Foto: Philine Schlick

Ein Stück Zirkusgeschichte in der Johannstadt

Im Jahr 1912 eröffnete am Carolaplatz das Circus-Theater 500 des Radebeuler Zirkusunternehmens Sarrasani. Der massive Rundbau beheimatete den ersten stationären Zirkus Europas, in dem über 3800 Menschen Platz fanden. Legendäre Bilder gaben die Sarrasani-Elefanten ab, wenn sie gegenüber der Brühlschen Terrasse zum Baden in die Elbe geleitet wurden.

Am 13. Februar 1945 gab der Zirkus an diesem Platz seine letzte Vorstellung, als britische Bomber bereits Kurs auf Dresden genommen hatten. Das Gebäude wurde vollständig zerstört. Fritz Mey gründete den „deutschen Sarrasani“ 1956 neu (es gab 1948 bereits eine Neugründung in Argentinien), jedoch erlangte das Unternehmen nie mehr jene Dimension, die es vor dem Zweiten Weltkrieg hatte.

Die weißen Elefanten an der Dürerstraße sind also nicht nur Produkte eines künstlerischen Prozesses, sondern ein Stück Zirkus- und damit Stadtgeschichte. Flüchtiger als ihre bronzenen Konterfeis, aber in ihrer Schlichtheit und Versehrtheit berührend schön.

Radskeller: Hier ist guter Rat nicht teuer

eingestellt am 09.12.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Jens Nitsche, Rads-Herr der ersten Stunde im Radskeller. Foto: Philine Schlick

Die Ursprünge des Radskellers „versinken im Dunkeln der Geschichte“, sagt Jens Nitsche mit krauser Stirn. Die wichtigste Fährte führt auf die Katharinenstraße in der Neustadt. Der Verein, der die Selbsthilfewerkstatt auf der Dürerstraße betreibt, umfasst heute stolze 17 Mitglieder. Zu den Öffnungszeiten stehen Drahtesel und ihre Besitzer*innen im Treppenhaus Schlange.

Seinen Anfang nahm die Geschichte der „Geschwister-Werkstätten“ Radschlag und Radskeller Anfang der 90er Jahre. Eine Gruppe junger Schrauber fand sich 1991 in Dresden zusammen, um Zweiräder zu reparieren und aufzubauen. „Zwei sind heute immer noch dabei“, sagt Jens Nitsche, der erst kürzlich den Geschäftsführerposten im Radschlag frei machte, um nur noch Vereinsmitglied zu sein.

Vom Radschlag zum Radskeller

„Unsere erste Station war das Umweltzentrum auf der Schützengasse“, erzählt Jens Nitsche. „Damals völlig ruinös. Ein dunkles, feuchtes Loch.“ Von Beginn an war die Werkstatt für Selbsthilfe, Hilfe und Recycling gefragt. Eventuell hätten sich daraus sogar berufliche Perspektiven ergeben, aber „keiner hatte Kohle, ein Konzept zur Idee gab es nicht und jeder von uns war, da nun alles möglich schien, offen für weitere Optionen.“

Alles ist möglich im Radskeller, bis auf schweißen und lackieren. Foto: Philine Schlick

Man entschied sich also zur Gründung eines Vereins. Bald wurde es am Gründungsort zu eng. Im Jahr 1993 ging es auf die Louisenstraße 9, wo man zusammen mit dem Kurier-Kollektiv ImNu hauste. In die Zeit, als Jens Nitsche ein berufsbegleitendes Studium aufnahm, fiel der dritte Umzug auf die Katharinenstraße 11, wo der Radschlag heute noch empfängt. „Wir sind eine Sippschaft“, erklärt Nitsche, der sich in dieser Phase der Vereinsgeschichte jedoch berufsbedingt zurücknahm.

Schnell nahm der Radschlag eine gedeihliche Entwicklung. Nach und nach wurden zwei Arbeitsplätze geschaffen, die Öffnungszeiten erweitert. Der wirtschaftliche Erfolg war für einen gemeinnützigen Verein bald nicht mehr tragbar. Es kam zur Trennung: Der Radschlag wurde privatisiert, der Verein suchte eine neue Lokalität.

Die Nachfrage regelt das Angebot

„Die Dürerstraße liegt auf meinem Arbeitsweg“, sagt Nitsche. Ihm fiel der vielversprechende Hobby-Keller im Vereinshaus Aktives Leben ins Auge. Er hakte nach und siehe da: Das Interesse an einer Schrauber-Werkstatt war bereits vorhanden. „Wir suchen schon lange jemanden“, lautete die Botschaft des Vereins. Ein älterer Herr, ein „leutseliger, dufter Typ“ hatte vor dem Radskeller die Idee gehegt. Er wurde mit ins Boot geholt und nach wenigen Wochen erfolgte der Einzug in das ehemalige Lager.

Zu 99 Prozent mit dem Rad unterwegs: Jens Nitsche. Foto: Philine Schlick

„Das ging in rasender Geschwindigkeit“, erinnert sich Nitsche. „Die WGJ war sehr flexibel.“ Im Mai 2012 wurde Eröffnung gefeiert, ein Jahr später erfolgte die freundschaftliche Trennung von der Werkstatt Radschlag in der Neustadt. „Wir sind auch Verwandte ersten Grades mit dem RepairCafé“, sagt Nitsche.

Der Radskeller ist eine voll ausgestattete Werkstatt. „Für spezielle Projekte schaffen wir gelegentlich auch noch Werkzeuge an, wenn etwas fehlt.“ Nur schweißen und lackieren sei nicht möglich. „Ansonsten richten wir uns nach dem Bedarf der Nutzer*innen.“ Geholfen wird gegen Spende.

Zu 99 Prozent mit dem Rad unterwegs

Dienstags hat der Radskeller für drei Stunden geöffnet. „Da wir alle berufstätig sind, schaffen wir nicht mehr.“ Derzeit ist das Angebot aufgrund von Corona nicht möglich, aber außerhalb der Krisen-Zeiten stehen hier die Radler*innen bis hinauf zur Eingangstür Schlange.

Das wichtigste in seinem Hobby-Job sei Geduld – gelegentlich werden die Nerven wie Bowden-Züge gespannt, wenn Werkstattnutzer*innen nach der dritten Erklärung die Schraube falsch herum anziehen wollen, während draußen bereits der nächste trämpelt.

„Reine Selbsthilfe ist eine Illusion, betreutes Schrauben trifft’s eher“, sagt Jens Nitsche, der sich in Freizeit, Urlaub und Alltag zu 99 Prozent mit dem Fahrrad fortbewegt. Geduld bringen die Erfahrenen auch den Nachfolgenden im Verein entgegen: „Manche müssen noch eine Menge lernen, aber wir haben ja Zeit. Die Talente sind eben unterschiedlich verteilt.“

Ordnung muss sein. Blick in Einmachgläser der anderen Art im Radskeller. Foto: Philine Schlick

Er selbst hat sechs Räder zuhause, Tendenz steigend. Selbstredend, dass Jens Nitsche selbst häufig schraubender Gast im Radskeller ist. Die Werkstatt ist für ihn nicht nur Werk-Ort, sondern auch Stätte des Austauschs. Mit einer Prise Nostalgie im Augenwinkel erinnert er sich an wilde Schrauber-Partys in der Neustadt zurück, mit einem Glas guten Weines und noch besserer Musik. Jetzt sind es die nachmittäglichen Begegnungen im Radskeller, die ihn beflügeln.

Präsenz zeigt der Radskeller mit seiner mobilen Werkstatt auf dem Lastenrad bei öffentlichen Veranstaltungen wie Straßenfesten. Das Bundschuhstraßenfest musste dieses Jahr wetterbedingt entfallen, aber das nächste kommt – früher oder später – bestimmt.

Große Visionen für das kommende Jahr gebe es nicht, sagt Jens Nitsche. „Wir sind ein Spaß-Verein und haben keinen Businessplan.“ Das Lager müsste aufgeräumt werden und, wenn es die Lage zulässt, steht im Sommer wieder die traditionelle Fahrrad-Rüstzeit der evangelischen Jugend in Radebeul an. Seit 15 Jahren pflegt man eine partnerschaftliche Kooperation. „Dort schaffen wir im Akkord 35 bis 50 Räder mit den Kids. Die sind ziemlich ausgeschlafen und machen kräftig mit. Muss einem nicht bange werden um die Zukunft!

Radskeller Dresden – Die Fahrradwerkstatt zum Selberbauen

  • Dürerstraße 89, 01309 Dresden
  • geöffnet dienstags von 18 bis 21 Uhr und nach Absprache. Wegen Corona bis Ende 2020 geschlossen
  • www.radskeller-dresden.de