„Lebendige Bibliothek“ zum Gedenken an Marwa El Sherbini

eingestellt am 30.06.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Eine Gedenkfeier, die der Verlebendigung dient, so klingt der Tenor der diesjährigen Veranstaltung zum Todestag von Marwa El-Sherbini in der Johannstadt Foto: Anja Hilgert

Am 1. Juli 2021 lädt die Initiative „Gedenken.Erinnern.Mahnen“ anlässlich des zwölften Gedenktags an Marwa El Sherbini zu zwei Veranstaltungen ein, die von Akteuren aus Zivilgesellschaft und Verwaltung gemeinsam organisiert worden sind.
Dazu wird ganztägig ein Gedenkbanner in dem nach Marwa El Sherbini genannten Park vor dem Gerichtsgebäude zu sehen sein.

 

War 2020 zur Abstimmung in den Stadtrat eingereicht worden: Der Name Marwa El-Sherbinis für den Platz vor dem Landgericht Foto: Anja Hilgert

Kundgebung vor dem Tatort

 

Vor dem Landgericht, Lothringer Straße beginnt um 10 Uhr eine Kundgebung des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung und des Ausländerrates Dresden e. V..
Die Ägypterin Marwa El Sherbini wurde 2009 während einer Gerichtsverhandlung im Dresdner Landgericht ermordet. Das Motiv für die Tat: Antimuslimischer Rassismus.

Die offiziellen Teilnehmenden sind Staatssekretär und Amtschef Mathias Weilandt, die Zweite Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Dresden, Annekatrin Klepsch, der Anwalt der Familie El-Sherbini, die Vorsitzende des Ausländerrates Dresden e.V., Eter Hachmann und Dr. Hussein Jinah vom Integrations- und Ausländerbeirat.

 

„Lebendige Bibliothek“ im Johannstädter Kulturtreff

Von 17 bis 19 Uhr lädt eine „Lebendige Bibliothek“ im Johannstädter Kulturtreff, Elisenstraße 35, zu einer Lektüre persönlicher Art ein. Sieben Frauen werden als „lebendige Bücher“ über ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus, Diskriminierung und gesellschaftlicher Teilhabe sprechen.

Die „Lebendige Bibliothek“ ist ein Gesprächsformat, bei dem Menschen zu „lebendigen Bücher“ werden. Diese „lebendigen Bücher“ sind gesprächsbereit, das heißt sie beantworten Fragen und stellen auch selbst Fragen. Eine „Lebendige Bibliothek“ funktioniert im Grunde wie eine gewöhnliche Bibliothek: Man leiht sich ein „lebendiges Buch“ aus, lernt es kennen und gibt es schließlich wieder zurück. Vielleicht bekommt man dadurch Lust, sich danach gleich ein weiteres „lebendiges Buch“ auszuleihen.

Hintergründe 

Marwa El Sherbini hatte sich auf einem Spielplatz in der Dresdner Johannstadt gegen rassistische und antimuslimische Beleidigungen gewehrt. In der Gerichtsverhandlung gegen den Täter am 1. Juli 2009 war die in Dresden lebende Ägypterin als Zeugin geladen. Vor den Augen ihrer Familie wurde die Frau und Mutter im Gerichtssaal vom Angeklagten ermordet. Marwa El-Sherbini wurde nur 31 Jahre alt.

 

Auf der Gedenkfeier zu Ehren Marwa El-Sherbnis am 1.Juli im elften Jahr nach dem Mord. Foto: Anja Hilgert

Zum zehnten Mal: Das Marwa-El-Sherbini-Stipendium 2021

Zum vierten Mal lobt der Freistaat Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden  in Kooperation mit DRESDEN-concept e. V.  zum 1. Oktober 2021 das Stipendium zum Gedenken an Marwa El-Sherbini aus.
Sie setzen damit ein Zeichen für Weltoffenheit, Toleranz und gesellschaftliche Vielfalt: „Mit dem Stipendium fördern wir junge Menschen, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, politisch engagiert bzw. interessiert sind und sich für Freiheit, Demokratie sowie die Grund- und Menschenrechte aktiv einsetzen,“ sagt Oberbürgermeister Dirk Hilbert.

Gefördert werden für die Dauer von bis zu zwei Jahren (in der Regel vier Semester) Studierende in einem Masterstudiengang (oder in gleichwertigen Diplom-, Magister- usw. Studiengängen) an einer Dresdner Hochschule.
Voraussetzung ist ein abgeschlossener Bachelor-Abschluss oder ein Abschluss in einem einstufigen akademischen Studiengang (Diplom, Magister, Staatsexamen) .

Die Auswahl der zukünftigen Stipendiaten ist mit dem Gedanken der Chancengerechtigkeit verbunden. Nicht ausschließlich, aber insbesondere berücksichtigt werden daher ausländische Studierende und Menschen mit Migrationshintergrund. Bei gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung werden Menschen mit Behinderung bevorzugt berücksichtigt.

Bewerbungsfrist ist der 31.August 2021.

Weitere Informationen

 

Chronik eines angekündigten Todes – Im Gedenken an Marwa El-Sherbini

eingestellt am 06.07.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Auf der Gedenkfeier zu Ehren Marwa El-Sherbnis am 1.Juli im elften Jahr nach dem Mord. Foto: Anja Hilgert

Anja Hilgert und Mohammad Ghith al Haj Hossin haben die Gedenkveranstaltung zum elften Todestag der aus rassistisischen Motiven ermordeten Marwa El-Sherbini besucht. Entstanden ist eine Co-Produktion: Zwei bewegende Artikel aus unterschiedlichen Perspektiven. Lesen Sie im Folgenden die Eindrücke und Gedanken von Mohammad Ghith al Haj Hossin:

Der Schriftsteller Gabriel García Márquez hat einen tollen Roman geschrieben. Er heißt ‚Chronik eines angekündigten Todes‘. Es geht um den Mord eines Arabers mit Migrationshintergrund, Santiago Nassar, in einem kleinen kolumbianischen Dorf.

Alle Leute im Dorf wussten, dass Nassar von Zwillingsbruder Vicario getötet werden würde, aber niemand hat versucht, diesen Mord zu verhindern. Obwohl sie auch wussten, dass Nassar unschuldig ist. Sie ließen ihn alleine seinem tragischen Schicksal begegnen. Ist das Hasskriminalität? Es ist eine von vielen Interpretationen des Romans.

Halluzinationen fanatischer Menschen

Man fühlt sich am falschen Ort, wenn man nach seiner Herkunft, Religion oder Hautfarbe behandeln wird. Man kann diese Diskriminierung und diesen Rassismus nicht nur im fremden Land erfahren, sondern auch in seiner Heimat. Könnte es sein, dass eine Gesellschaft nur aus Weißen oder Schwarzen besteht? Kam es je vor in der Geschichte, dass es eine solche Gesellschaft gegeben hat? Gehören solche rassistischen Gedanken zur Realität oder nur zu den Halluzinationen fanatischer Menschen?

Diese Fragen bleiben immer offen, obwohl die Antworten sehr einfach sind: Nein, in der Tat gab es niemald es eine solche Gesellschaft. Es sind Halluzinationen fanatischer Menschen, die nur extreme Gruppen bilden können.

Gruppierung bei der Gedenkfeier am 1.Juli
Foto: Mohammad Ghith Al Haj Hossin

Es ist ein verletzendes Gefühl, das viele Narben in der Seele nach sich zieht, besonders für Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind. Wenn sie glauben, dass ihre Menschlichkeit keine Rolle spielt im Vergleich zu ihrer Herkunft oder Religion. Rassismus zeigt uns sein hässliches Gesicht im Alltagsleben, deswegen haben viele Geflüchtete, die unter Rassismus und Diskriminierung in Deutschland leiden, besondere Geschichten mit ihren alltäglichen Erfahrungen.

Aber man darf in Anbetracht dieser negativen Gefühle nicht aufgeben. Man muss die Opferrolle vermeiden. Man hat in Deutschland unabhängig von Herkunftsort oder Hauptfarbe das Recht, dagegen zu klagen.

Rassismus beginnt in der Kindheit

Manche Menschen, die fremd sind, begegnen alltagsrassistischem Handeln mit Schweigen. Vielleicht haben sie Angst, ihre Stimme zu lauten oder, weil sie nicht wissen, dass sie durch Gesetze das Recht haben, dagegen zu klagen. Und natürlich: wenn sie die Sprache nicht beherrschen, können sie nicht gegen diese schlimme Handlung protestieren.

Ich bin davon überzeugt, dass es Rassismus nicht nur in Deutschland oder Europa gibt, sondern in allen menschlichen Gesellschaften. Rassismus fängt an in der Kindheit, zu Hause mit den Eltern oder in der Schule. Um es gut wahrzunehmen, braucht man sich nur ernst zu fragen, warum ist jemand mit seiner Familie von seiner Heimat geflohen? Der Fakt lautet: Wegen Hasskriminalität, Rassismus und Abwesenheit des Gesetzes. So entstehen extreme Reaktionen, die einen Menschen zu einem Henker machen.

Lesen Sie hier den Artikel von Anja Hilgert

Dein Name, Marwa – Im Gedenken an Marwa El-Sherbini

eingestellt am 06.07.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Auf der Gedenkfeier zu Ehren Marwa El-Sherbnis am 1.Juli im elften Jahr nach dem Mord. Foto: Anja Hilgert

Anja Hilgert und Mohammad Ghith al Haj Hossin haben die Gedenkveranstaltung zum elften Todestag der aus rassististischen Motiven ermordeten Marwa El-Sherbini besucht. Entstanden ist eine Co-Produktion: Zwei bewegende Artikel aus unterschiedlichen Perspektiven. Lesen Sie im Folgenden die Eindrücke und Gedanken von Anja Hilgert:

Deinen Namen zu kennen

Ich habe dich nicht gekannt, doch nun weiß ich deinen Namen.
Weil du getötet worden bist. Das hat dich mir bekannt gemacht.
Dein Name musste ausgesprochen werden, wiederholt werden, viele Male, bis in meinem Gesicht der Blick frei geworden ist, mein Gesichtsfeld offen wurde für dich.

Wie haben wir gelebt nebeneinander, ohne einander zu kennen?
Dieses Nicht-Kennen. Nicht Wissen-wollen. Jetzt geht mir nicht aus dem Sinn, deinen Namen zu sagen, zu lernen, deinen Namen auszusprechen, ihn laut zu üben, bis er so klingt wie du heißt.
Wir sprechen r und w einzeln hart nacheinander aus, jeden Buchstaben für sich. Es gibt wenig Worte, in denen der Laut vorkommt in meiner Sprache. In deinem Namen klingen r und w weich ineinander, es macht einen anderen Klang, den aus meinem Mund gesprochen, die Lippen erst üben zu formen, ihn zu runden und rollend zu entlassen bis er bei dir wieder ankommt.

Geboren in einem der sieben Weltwunder

Geboren in Alexandria, die Alexander der Große gegründet hat, antike Stadt, eines der sieben Weltwunder und Stadt der großen Bibliothek, bist du in römisch-byzantinischer Kultur verwurzelt. Unser Treffpunkt ist das schöne Florenz an der Elbe.

Du klingst nach einer starken, blühenden Frau, hast kraftvoll mit dem Arm ausgeholt, Handball gespielt in der Nationalmannschaft deines Landes, hast Pharmazie studiert, hast geheiratet, hast einen Sohn, trugst ein zweites Kind in dir, hast vertraut, mit ihnen zu leben.

Ein Mann hat sich Dir in den Weg gestellt, dir die Berechtigung abgesprochen, hier zu sein, hat dir den Weg verstellt, frei zu leben.
Du hattest Vertrauen, lebensvoll zu sein, dich zu entfalten.
Er trug Gedanken, die dem Leben nicht erlauben zu sein wie es ist. Abgeschnürte Gedanken, die vor sich hin Bilder schaffen und eine Welt definieren nach dem Diktat der Gedanken.

Gedanken, die so eng sind, dass sie Gewalt anwenden müssen, um das Pulsieren des Lebens, das vital ist und schöpferisch, da hineinzupassen, in dieses gedankliche Gitter. Beharrliche Gedanken, die beschneiden, drücken, pressen und prügeln müssen und am Ende mit Messern zustechen, um das klein zu bekommen, was sie nicht zu fassen vermögen.

In Gedanken gerüstet

Ich habe solche Gedanken.

Ich höre Gedanken nach Eindeutigkeit, Sicherheit, Zuverlässigkeit, nach Lösungen und Plänen verlangen. Gedanken, die attackieren, was anders ist als es Gedanken mir vorgestellt haben. Das Starren, das Gliedern, Sortieren, Vergleichen in mir, im Verlangen, fest zu machen und in den Griff zu bekommen, was überraschend, chaotisch, unberechenbar, wandelbar und wild ist in mir. Und unterdrückt von einer Last an Gedanken, die nicht nur meine sind. Die Generationen gedacht und ein Gehege der Wirklichkeit damit erstellt haben, das uns fern hält vom Vollzug des Lebendigen.

Jetzt einen Moment nur da sein. Dazwischen. Mich einschieben zwischen die Angst und die Rüstung. Nicht weiter absichern. Nicht zwingend krampfhaft in die Aufrechte gehen mit starrem Rückgrat. Stehen bleiben, kauern und zulassen, was kommt. Runterkommen von den Barrikaden, die verhindern, dass ich und was mir begegnet, da ankommen, wo mein Herz blank liegt.

Hoch ausgerüstete Sicherheit hat nichts ausgerichtet.
Im höchsten Saal der Ordnung, im Landesgericht, vor Richtern und Anwälten und Kräften, die Sorge tragen für Recht und Aufrichtigkeit – da bist du erstochen worden.
Gedanken, die zur Rüstung zwängen, sind grausam. Sie bedingen Ohnmacht, die einsetzt, wenn das Gerüst fällt. Ohnmächtig und betäubt stehen wir vor der systematischen Abriegelung des Herzens und trauen uns nicht zu, Mensch zu sein.

 

Zur Abstimmung in den Stadtrat gereicht: Ein Name für die Straße am Landgericht     Foto: Anja Hilgert

Im elften Jahr: Die Marwa El-Sherbini-Straße

Im elften Jahr deines Todes bin ich auf die Spur deines Lebens gesetzt.
Dasitzend vor dem hohen Gebäude, vor der Wand, die aufragt, vor den schweren Türen, so schwer die Portale, dass sie mit der Hand nicht zu öffnen sind. Sitzen und harren im namenlosen Gebiet vor dem Justizpalast, im Brachland, das die Macht des Gebäudes verantwortet, das für sich alleine dort ragt.
Herkommend von der Straßenkreuzung, dem Fluss, der Brücke, den Wegen, die hier sich bündeln, halten wir an, versammeln uns im Niemandskorridor zwischen Chaos und Ordnung und treten in Kontakt mit dieser Ohnmacht, die um sich greift und Offizielle zum Stammeln, zum Suchen nach Worten bringt.

Dem Gebiet einen Namen vergeben, heißt, es zu benennen – Marwa El-Sherbini-Straße soll der kleine Abschnitt nun heißen.
Nicht nur nächstes Jahr, wenn wir zum 1.Juli wieder dort versammelt stehen, sondern mit allen, die dort sind, jeden Tag und jede Stunde und minütlich, gehen wir in deinem Namen und finden zu einer Stimme, die aus der Ohnmacht aussteigt und Starre und Schweigen durchbricht.

 

Mit Rosen bezeugte Anwesenheit        Foto: Anja Hilgert

Ich frage dich, wie du heißt

Ich brauche keine Rose, nicht weiß und nicht langstielig, edel angeboten zu bekommen, um da zu sein. Mein Strauß ist feuerrot und leuchtend gelb, in warmem Orange und tiefem Violett. Meine Blumen sind selbst gepflückt und sie feiern den Mut, die Beherztheit, das Selbstvertrauen, den Drang zur Freiheit.

Ich möchte dich kennenlernen
Ich frage dich, wie du heißt.

 

Lesen Sie hier den Artikel von Mohammad Ghith al Haj Hossin

Sieben Frauen auf dem Weg nach Zafran – Eine Gründungsgeschichte vom Kochen in der Johannstadt

eingestellt am 23.05.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Kostbar köstlich - Von Frauen gemachter Weltküche-Lieferservice in der Johannstadt Foto: ZAFRAN Catering by Fanny Annighöfer und Saskia Härtwig

Sprich einmal, ganz langsam:  zaʿfarān , etwas bedächtiger:  z a ʿ f a r ā n .
Klingt das nicht wie ein Zauberwort, mit wiegender Melodie, und hinterlässt einen hellen Schein? Welche Farbe hat wohl der Klang dieses Wortes?
Die Auflösung des Rätsels, da stimmen viele Sprachen überein, lautet: Gelb!


Gelb ist die Farbe von Zafaran, Zafran, Safran! Ein sinnlicher Name für eine weltbekannte Kostbarkeit: Ein Gewürz aus all den Herkunftsländern, aus denen sieben Frauen stammen, die in der Johannstadt den Weltküche-Lieferservice ZAFRAN Catering gegründet haben. Der Name beschreibt Absicht, Tun und Qualität des Unternehmens ganz vortrefflich: Zafran!

Firmen-Logo in künstlerischer Kaligrafie: Es beginnt mit Z, vereint 3 Herkunftskulturen, besteht aus 3 Blüten-Teilen
Foto: ZAFRAN Catering by Fanny Annighöfer und Saskia Härtwig

Die wichtigste Zutat heißt Geduld

Die Gründungsgeschichte des kleinen Johannstädter Unternehmens hat mit dem Anbau des Safran-Gewürzes viel gemeinsam: Fingerspitzengefühl ist verlangt und Ausdauer, eine Vision, Beständigkeit und Hoffnung. Ähnlich wie die kostbare Krokusblüte, die erstaunlicher Weise in Sachsen sogar wächst*, ist ZAFRAN Catering über mehrere Jahre und Stufen in der Johannstadt gediehen. Viele Menschen waren daran beteiligt, bis im vergangenen September 2019 die Idee der Eigenständigkeit reif war und die neu gegründete Firma aus dem Topf sprang.

Sieben Frauen, unterschiedlichen Alters, verschiedener kultureller und sozialer Herkunft und mit sehr unterschiedlicher beruflicher Vorbildung machen den kleinen Betrieb aus.
Aus Tschetschenien, Syrien, Afghanistan stammen die Frauen. Mit ihren Familien leben sie zum Teil auch in der Johannstadt.

Manche setzen mit ZAFRAN Catering den ersten Schritt in ein eigenes Berufsleben, einige ohne Schulabschluss, andere gehen einen zweiten Weg, nachdem sie für ihren ersten Beruf keine behördliche Anerkennung erhalten haben, für manche ist das Asylverfahren nicht abgeschlossen und der Aufenthaltsstatus fortwährend ungeklärt, andere sind Mitarbeiterinnen mit angemeldetem Nebengewerbe. ZAFRAN Catering ist ein transkulturelles gemeinschaftliches Sozialunternehmen, das aus Eigeninitiative von Frauen mit Flucht- und Migrationserfahrung in der Johannstadt gegründet wurde.

In ihrer Unterschiedlichkeit teilen sie alle miteinander eine über drei Jahre gewachsene, besondere Erfahrung im Bereich der Gastronomie und des Caterings. In dem Bereich wissen alle, was sie können und dass sie es können.

Freude am Essen ist farbenfroh               Foto: ZAFRAN Catering by Fanny Annighöfer und Saskia Härtwig

Tür auf ins Experimentierfeld Küche

Zum Ausprobieren von Neuem ist eine Küche das perfekte Experimentierfeld: Man begibt sich in etwas hinein, das an der Grenze zum Chaos kleinschrittig auf mehreren Ebenen gleichzeitig beherrscht sein will. Nichts bleibt, wie es hineingegeben wurde.

Es ist eine Kunst des Zusammenspiels, dass die Zutaten sich verbinden und neue Farben, Geschmäcker und Konsistenzen entstehen, die am Ende eine Komposition abgeben, von der keiner genau zu sagen weiß, auf welch wundersame Art sie entstanden ist.

Jedes wohlschmeckende Gericht birgt ein alchemistisches Geheimnis. Die Aufmerksamkeit ist bis an jenen Schmelzpunkt zu lenken, wo das Kochen selbst die Führung übernimmt und die einzelnen Köchinnen leidenschaftlich darin aufgehen. ZAFRAN Catering hat darin das Geheimnis seines Erfolgs entdeckt.

Die Frauen bringen das Beste aus ihren Ländern, ihrem Vermögen und ihrer Erfahrung ein und stellen Variationen hochwertiger Speisen her, die alle frisch zubereitet werden. Manty, Wareniki, Jijigh Galnash, Pakora, Bulani – das klingt nicht nur verlockend, sondern ist mit traditionellem Wissen und Hingabe zubereitet.

Das Beste aus aller Frauen Länder

Um Frauen nach den ins Leben einschneidenden Erfahrungen von Flucht und Migration einen Wiederanfang und die positive Erfahrung ihrer Selbstwirksamkeit zu ermöglichen, hat der Ausländerrat Dresden e.V. in Kooperation mit dem Johannstädter Kulturtreff e.V. der Begegnungstreff Café HALVA ins Leben gerufen.

Empowerment wird das genannt und verhilft mit begleitender Unterstützung Menschen dazu, den Punkt ihrer Ohnmacht, Orientierungslosigkeit und Schicksalsmüdigkeit zu überwinden und neue Perspektiven und Spielräume für die eigene Lebensgestaltung zu entdecken. Es handelt sich um einen geschützten Projekt-Rahmen, in dem positive Erfahrungen der eigenen Selbstwirksamkeit heranwachsen können.

Die sieben Frauen haben weite Wege zurückgelegt bis zu ihrer Ankunft in der Johannstadt. Die verschiedenartigen Lebenswege – die an anderer Stelle einmal noch erzählt werden mögen – laufen im Moment des Betretens jenes Küchenraums zusammen.
Es ist der Beginn ihrer gemeinsamen, in safrangelb gemalten Geschichte.

Süßes zum Anfang – Halva

Ins Erdgeschoss des Johannstädter Kulturtreff e.V. zog 2016 der Begegnungstreff Café HALVA ein. Es wird von einer feststehenden Gruppe von Frauen ehrenamtlich betrieben und jeden Donnerstag geöffnet. In liebevoll eingerichteten Räumen lädt das Team von Frauen mit interkulturellen kulinarischen Köstlichkeiten zu Mittagstisch und Kaffeetrinken, zum Verweilen, Plaudern und zu Kontakt und Begegnung ein.

Insgesamt 16 Plätze gibt es in dem Projekt. Frauen erhalten darin die Möglichkeit, über ein verpflichtendes Ehrenamt erste Erfahrungen im Arbeitsleben und der Selbstorganisation sowie der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu sammeln. In behördlichen Fragen sowie der beruflichen und familiären Lebensorganisation stehen ihnen Mitarbeiterinnen des Ausländerrat Dresden e.V. und Dolmetscherinnen zur Seite.

Wöchentliches Donnerstags-Angebot, mit Mitarbeiterin Fatemah im Begegnungstreff Café HALVA           Foto: Meike Weid

Kochen führt Leib und Seele zusammen

Die Warteliste zur ehrenamtlichen Mitarbeit im Café HALVA ist lang. Effekte und Erfolge haben sich herum gesprochen: Die Frauen stellen etwas auf die Beine, sie sind Drehpunkt einer Community, erhalten Respekt von ihren Familien und Anerkennung im Viertel. Mehr Frauen wünschen sich diesen Zugang.

Die Kochkünste werden inzwischen auch für andere Stadtteilfeste nachgefragt. Nicht nur mit den reichhaltigen farbenfrohen Buffets, sondern durch die Art ihres Tuns insgesamt stiften die Frauen eine Atmosphäre, die Sinne, Geist und Gemeinschaft nährt.
Das Projekt erfährt einen kräftigen Anklang von Erfolg.

Kostbarkeiten des Café HALVA zu ganz normalen Feierstunden        Foto: Meike Weid

ZAFRAN – Eine Spur von Gelb

Da ist leicht nachvollziehbar, dass bei den Frauen Enttäuschung aufkam darüber, dass aus dem Café HALVA kein berühmtes Restaurant geworden ist. Und auch schwerlich werden kann: Denn die Lage, weit entfernt von Laufkundschaft und in direkter Anbindung ans Kulturzentrum sind eher ungeeignet, professionell eine größere Kundschaft zu erreichen.

Doch so wirkt Empowerment! Im Überschuss aus Leidenschaft, Freude und Inspiration, gepaart mit gewachsenem Selbstbewusstsein und öffentlicher Wertschätzung machten Frauen im Sommer 2019 den Wunsch laut nach mehr Resonanz und deutlichem Erfolg. „Nicht mehr nur im Ehrenamt tätig sein, sondern gescheites Geld verdienen“, benennt Clara von Verschuer, zuständige Mitarbeiterin des Ausländerrat Dresden e.V. die Motivation, „darum geht es den Frauen. Für alle, die im Projekt so lange aktiv waren, ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden, das stark macht.“

Clara von Verschuer geht diesen nächsten Schritt mit den Frauen. Nach intensiv bewegten Fragen zum neuen Anfang stellen sie im September 2019 auf die Beine, was heute ZAFRAN Catering heißt:

Foto: ZAFRAN Catering by Fanny Annighöfer und Saskia Härtwig

Das Diverse ist die Normalität, die den täglichen Umgang gestaltet

Die Frauen arbeiten im erklärten Miteinander und Aufeinander-Angewiesensein. Ihre Mentorin betont: „Dieses Teambewusstsein soll erhalten bleiben. Die Abläufe funktionieren, Professionalität ist gegeben. Unter den Frauen herrscht bunte Mehrsprachigkeit, im Deutschen verständigen sie sich am Telefon über knappe Sprachnachrichten. Das Diverse ist die Normalität, die den täglichen Umgang gestaltet.“

Herz und Hände kommunizieren das Entscheidende. Die wichtigste Verständigung geht übers Kochen: „ZAFRAN Catering definiert sich aus der Zusammenarbeit, in der aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen verschiedene Speisen zusammengeführt werden, die auch als Einzelgerichte funktionieren“, erläutert Clara von Verschuer das neue Unternehmenskonzept.

Verantwortliche Mitarbeiterinnen von ZAFRAN Catering: Aminat (links) und Roza (rechts). Foto: Clara van Verschuer

Schnelle Geburt – Das Kind von Café HALVA heißt ZAFRAN Catering

Ein eigenes Gewerbe? Dafür muss eine Rechtsform gefunden und eine Betriebsstruktur aufgebaut werden, die dem gleichberechtigten Miteinander aller gerecht wird. Um den Übergang aus dem Ehrenamt in die reguläre Erwerbstätigkeit zu entwickeln, sind moderierende Hilfestellungen und viele amtlich behördliche Schaltstellen nötig. ZAFRAN Catering wird als kleines Sozialunternehmen gegründet, das Partizipation und Prozesse auf Augenhöhe pflegt. Die faire Entlohnung ist ein gewichtiger Baustein im Fundament der Firma.

Es sei eine Menge Eigenverantwortung, die die Frauen unter Beweis stellen, betont Clara von Verschuer. Das positive Rollenverständnis mit familiärer und öffentlicher Anerkennung und eigenem Verdienst steht für gewonnene Stabilität und Aufrichtung.

Doch für diese Frauen sei der Spagat der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ungleich höher: Zahlreiche Behördentermine führten sie außer Haus, auch die Arbeit führe von zuhause weg, was in einer komplexen, sich neu findenden Familiensituation mit meist auf ihre Art auch förderbedürftigen Kindern kein leichtes Unterfangen sei: „Die Frauen haben Selbstbewusstsein entwickelt und sind unglaublich gewachsen. Minijob und eigene Rechnungen zu schreiben ist toll für die eigene Entwicklung, gleichzeitig besteht auf die Dauer natürlich die Notwendigkeit einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung“, denkt Clara von Verschuer in Richtung Zukunft.

Handarbeit für den Lieferservice       Foto: ZAFRAN Catering by Fanny Annighöfer und Saskia Härtwig

Urentspannt lautet die Devise

Bunte Häppchen, Runde Happen, Frucht- und Gemüsespieße, Suppen, Salate, Syrisches Ofenhühnchen, Reisgerichte, Teigtaschen, Georgische Walnusspaste mit verschiedenen Gemüse-Pehali, Kuchen, Gebäck…

Gestartet ist das Catering-Unternehmen mit 3-6 Caterings pro Monat: Veranstaltungen von 25 bis 500 Personen, für Feiern und Fachtage, vorwiegend nachgefragt aus den bekannten Kreisen städtischer Institutionen und Initiativen, die in Verbindung mit unserem Thema stehen. Das läuft über Mund zu Mund Werbung.“ Netzwerk und Partnerschaftlichkeit binden das kleine soziale Unternehmen ein. Zwei Küchen stehen zur Verfügung, die nach Bedarf regelmäßig gebucht u angemietet werden können. Es besteht eine Kooperation mit einem Geschirrverleih.

„Urentspannt“, nennt Clara van Verschuer die Grundhaltung der Frauen, die z.T schon so viel erlebt hätten, dass die Betriebsführung der Caterings sie nicht aus der Ruhe bringen könne: „Eine Frau ist bereits in 4 Ländern gewesen, überall wieder geflohen.“ Da sei eine gewisse Gelassenheit dann gegeben als Haltung gegenüber dem Leben.

Weltküche-Menüs frei Haus

Die jüngsten Erfahrungen bestätigen, dass das Konzept aufgeht: Als während des lockdowns gebuchte Veranstaltungen und Bestellungen abgesagt wurden und die Nachfrage eingebrochen ist, zeigte sich, wie anpassungsfähig und flexibel das Siebengestirn von ZAFRAN Catering zu arbeiten vermag.

Zu Dienst mit Kuchen, Torten und Gebäck    Foto: ZAFRAN Catering by Fanny Annighöfer und Saskia Härtwig

„ Jetzt mach’ ich was…“, dachte die geschäftsführende Frau des ZAFRAN Teams und investierte drei lahmgelegte Wochen in Öffentlichkeitsarbeit, wofür vorher keine Zeit da war.
Kurzfristig den Plan umwerfen, neu denken, das scheint ihre Stärke, doch, sagt Clara von Verschuer, „die habe ich genau von diesen Frauen gelernt.“
Jetzt ist eine Webseite da. Privatleute können einfach Kontakt zum Lieferservice aufnehmen per Anruf oder E-Mail.

Eine erfolgreiche Testphase ist gerade abgeschlossen: ZAFRAN Catering lieferte Tagesmenüs an drei Tagen in der Woche zu Menschen nach Hause. Die es ausprobiert haben, sind des Lobes voll: Dreimal köstlich, wird da gerufen.

Für die nächste Phase steht an, erst einmal mit weniger aufwändigem Bestell- und Lieferangebot für Gebäck und Torten weiterzumachen. Clara von Verschuer ist zuversichtlich: „Es wird schon fortlaufend entspannt bei uns bleiben.“

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