Internationale Wochen gegen Rassismus in der Johannstadt

eingestellt am 14.03.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Auf der Gedenkfeier zu Ehren Marwa El-Sherbnis am 1.Juli im elften Jahr nach dem Mord. Foto: Anja Hilgert

Am Montag starten die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Dresden beteiligt sich an der Veranstaltungsreihe, die seit 25 Jahren existiert. Auch in der Johannstadt finden Veranstaltungen statt. Hier, an der Holbeinstraße, war die letzte Wohnstatt des ermordeten Vertragsarbeiters Jorge Gomondai. Und hier starb im Landgericht Marwa El-Sherbini durch 18 Messerstiche.

Die Internationalen Wochen gegen Rassimus finden seit nunmehr 25 Jahren statt und machen auf Missstände und Verletzungen aufmerksam, die durch Diskriminierung und Herabwürdigung von Menschen aufgrund sozialer, körperlicher oder kultureller Eigenschaften entstehen.

Rassistische Vorurteile und Anfeindungen, strukturelle Benachteiligung und Unterdrückung gehören nach wie vor zum Alltag zahlreicher Betroffener. Auch in der Johannstadt laden Veranstaltungen dazu ein, sich zum Thema zu informieren, auszutauschen und Position zu beziehen.

Im Gedenken an Marwa und Jorge

In Dresden wird vor allem dem ermorderten Vertragsarbeiter Jorge Gomondai gedacht, zu dessen Gedenken der Platz zwischen Hauptstraße und Albertplatz in der Neustadt benannt ist. Es ist die Stelle, wo Jorge Gomondai am Ostersonntag 1991 von einer Gruppe Jugendlicher aus der Straßenbahn gestoßen und durch Tritte und Schläge so schwer am Kopf verletzt wurde, dass er nach einer Woche im Krankenhaus verstarb. Er gilt als das erste Todesopfer eines rassistischen Übergriffs nach der Wiedervereinigung. Zuletzt wohnte er in einer Wohnung in der Holbeinstraße 42.

„Das Gedenken an Jorge Gomondai, dessen rassistisch motivierte Ermordung sich 2021 zum 30. Mal jährt, erinnert uns an die Folgen von Menschenfeindlichkeit und Hass und mahnt, das Zusammenleben tolerant und gewaltfrei zu gestalten“, erklärt OB Hilbert in seinem Grußwort zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus.

Marwa El-Sherbini war als Zeugin in einem Gerichtsprozess am Dresdner Landgericht geladen. Sie hatte einen Mann wegen rassistischer Beleidigung angezeigt. Dieser Angeklagte tötete die Frau im Gerichtssaal mit 18 Messerstichen aus rassistischen und islamfeindlichem Motiven heraus. Marwa El-Sherbini war zu diesem Zeitpunkt schwanger. Um ihren gewaltsamen Tod zu mahnen, trägt der Park vor dem Dresdner Landgericht in der Johannstadt seit 2020 ihren Namen.

Kundgebung am Marwa El-Sherbini-Park

Am Internationalen Tag gegen Rassismus am 21. März organisiert die SPD-Fraktion Dresden eine Kundgebung mit verschiedenen Redebeiträgen und anschließendem Open Space am Marwa El-Sherbini-Park. Das Motto lautet: „Für Jorge, Marwa und Dich: Kein Platz für Rassismus in Dresden!“ Die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr.

Zweisprachige Schnitzeljagd

Der Johannstädter Kulturtreff organisiert am 24. und 29. März einen interkulturellen Spaziergang mit interaktiver Schnitzeljagd  durch’s Viertel. Eine Smartphone-Rallye vermittelt Perspektiven auf die Johannstadt aus der Sicht einer Person mit Fluchterfahrung. Zum Einsatz kommt die App Actionbound.  Treffpunkt ist jeweils der Johannstädter Kulturtreff an der Elisenstraße 35. Um eine Anmeldung wird gebeten.

Info-Veranstaltung zu privater Seenotrettung

Am 24. März findet zudem eine Infoveranstaltung statt. Von 18.30 bis 20 Uhr können sich Interessierte zu den Menschenrechtsverletzungen im Mittelmeerraum und zur privaten Seenotrettung informieren. Ein interaktiv gestalteter Vortrag und eine Diskussionsrunde erklären, warum die private Seenotrettung nicht kriminalisiert werden darf. Veranstaltet wird sie von der Dresdner Hochschulgruppe von Amnesty International. Auch hier wird um eine Anmeldung gebeten.

Internationale Wochen gegen Rassismus 2021

    • vom 15. März bis 6. April
    • 21. März, 11 Uhr: Kundgebung am Marwa El-Sherbini-Park
    • 24. März, 11 bis 12.30 Uhr: Interkultureller Spaziergang durch die Dresdner Johannstadt –  Interaktive und zweisprachige Schnitzeljagd. Anmeldung: kontakt@johannstaedterkulturtreff.de
    • 24. März, 18.30 bis 20 Uhr: Infoveranstaltung zur privaten Seenotrettung. Anmeldung unter diesem Link
    • 29. März, 16 bis 17.30 Uhr: Interkultureller Spaziergang durch die Dresdner Johannstadt –  Interaktive und zweisprachige Schnitzeljagd. Anmeldung: kontakt@johannstaedterkulturtreff.de
    • hier geht es zum gesamten Programm der Internationalen Wochen gegen Rassismus

Dein Name, Marwa – Im Gedenken an Marwa El-Sherbini

eingestellt am 06.07.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Auf der Gedenkfeier zu Ehren Marwa El-Sherbnis am 1.Juli im elften Jahr nach dem Mord. Foto: Anja Hilgert

Anja Hilgert und Mohammad Ghith al Haj Hossin haben die Gedenkveranstaltung zum elften Todestag der aus rassististischen Motiven ermordeten Marwa El-Sherbini besucht. Entstanden ist eine Co-Produktion: Zwei bewegende Artikel aus unterschiedlichen Perspektiven. Lesen Sie im Folgenden die Eindrücke und Gedanken von Anja Hilgert:

Deinen Namen zu kennen

Ich habe dich nicht gekannt, doch nun weiß ich deinen Namen.
Weil du getötet worden bist. Das hat dich mir bekannt gemacht.
Dein Name musste ausgesprochen werden, wiederholt werden, viele Male, bis in meinem Gesicht der Blick frei geworden ist, mein Gesichtsfeld offen wurde für dich.

Wie haben wir gelebt nebeneinander, ohne einander zu kennen?
Dieses Nicht-Kennen. Nicht Wissen-wollen. Jetzt geht mir nicht aus dem Sinn, deinen Namen zu sagen, zu lernen, deinen Namen auszusprechen, ihn laut zu üben, bis er so klingt wie du heißt.
Wir sprechen r und w einzeln hart nacheinander aus, jeden Buchstaben für sich. Es gibt wenig Worte, in denen der Laut vorkommt in meiner Sprache. In deinem Namen klingen r und w weich ineinander, es macht einen anderen Klang, den aus meinem Mund gesprochen, die Lippen erst üben zu formen, ihn zu runden und rollend zu entlassen bis er bei dir wieder ankommt.

Geboren in einem der sieben Weltwunder

Geboren in Alexandria, die Alexander der Große gegründet hat, antike Stadt, eines der sieben Weltwunder und Stadt der großen Bibliothek, bist du in römisch-byzantinischer Kultur verwurzelt. Unser Treffpunkt ist das schöne Florenz an der Elbe.

Du klingst nach einer starken, blühenden Frau, hast kraftvoll mit dem Arm ausgeholt, Handball gespielt in der Nationalmannschaft deines Landes, hast Pharmazie studiert, hast geheiratet, hast einen Sohn, trugst ein zweites Kind in dir, hast vertraut, mit ihnen zu leben.

Ein Mann hat sich Dir in den Weg gestellt, dir die Berechtigung abgesprochen, hier zu sein, hat dir den Weg verstellt, frei zu leben.
Du hattest Vertrauen, lebensvoll zu sein, dich zu entfalten.
Er trug Gedanken, die dem Leben nicht erlauben zu sein wie es ist. Abgeschnürte Gedanken, die vor sich hin Bilder schaffen und eine Welt definieren nach dem Diktat der Gedanken.

Gedanken, die so eng sind, dass sie Gewalt anwenden müssen, um das Pulsieren des Lebens, das vital ist und schöpferisch, da hineinzupassen, in dieses gedankliche Gitter. Beharrliche Gedanken, die beschneiden, drücken, pressen und prügeln müssen und am Ende mit Messern zustechen, um das klein zu bekommen, was sie nicht zu fassen vermögen.

In Gedanken gerüstet

Ich habe solche Gedanken.

Ich höre Gedanken nach Eindeutigkeit, Sicherheit, Zuverlässigkeit, nach Lösungen und Plänen verlangen. Gedanken, die attackieren, was anders ist als es Gedanken mir vorgestellt haben. Das Starren, das Gliedern, Sortieren, Vergleichen in mir, im Verlangen, fest zu machen und in den Griff zu bekommen, was überraschend, chaotisch, unberechenbar, wandelbar und wild ist in mir. Und unterdrückt von einer Last an Gedanken, die nicht nur meine sind. Die Generationen gedacht und ein Gehege der Wirklichkeit damit erstellt haben, das uns fern hält vom Vollzug des Lebendigen.

Jetzt einen Moment nur da sein. Dazwischen. Mich einschieben zwischen die Angst und die Rüstung. Nicht weiter absichern. Nicht zwingend krampfhaft in die Aufrechte gehen mit starrem Rückgrat. Stehen bleiben, kauern und zulassen, was kommt. Runterkommen von den Barrikaden, die verhindern, dass ich und was mir begegnet, da ankommen, wo mein Herz blank liegt.

Hoch ausgerüstete Sicherheit hat nichts ausgerichtet.
Im höchsten Saal der Ordnung, im Landesgericht, vor Richtern und Anwälten und Kräften, die Sorge tragen für Recht und Aufrichtigkeit – da bist du erstochen worden.
Gedanken, die zur Rüstung zwängen, sind grausam. Sie bedingen Ohnmacht, die einsetzt, wenn das Gerüst fällt. Ohnmächtig und betäubt stehen wir vor der systematischen Abriegelung des Herzens und trauen uns nicht zu, Mensch zu sein.

 

Zur Abstimmung in den Stadtrat gereicht: Ein Name für die Straße am Landgericht     Foto: Anja Hilgert

Im elften Jahr: Die Marwa El-Sherbini-Straße

Im elften Jahr deines Todes bin ich auf die Spur deines Lebens gesetzt.
Dasitzend vor dem hohen Gebäude, vor der Wand, die aufragt, vor den schweren Türen, so schwer die Portale, dass sie mit der Hand nicht zu öffnen sind. Sitzen und harren im namenlosen Gebiet vor dem Justizpalast, im Brachland, das die Macht des Gebäudes verantwortet, das für sich alleine dort ragt.
Herkommend von der Straßenkreuzung, dem Fluss, der Brücke, den Wegen, die hier sich bündeln, halten wir an, versammeln uns im Niemandskorridor zwischen Chaos und Ordnung und treten in Kontakt mit dieser Ohnmacht, die um sich greift und Offizielle zum Stammeln, zum Suchen nach Worten bringt.

Dem Gebiet einen Namen vergeben, heißt, es zu benennen – Marwa El-Sherbini-Straße soll der kleine Abschnitt nun heißen.
Nicht nur nächstes Jahr, wenn wir zum 1.Juli wieder dort versammelt stehen, sondern mit allen, die dort sind, jeden Tag und jede Stunde und minütlich, gehen wir in deinem Namen und finden zu einer Stimme, die aus der Ohnmacht aussteigt und Starre und Schweigen durchbricht.

 

Mit Rosen bezeugte Anwesenheit        Foto: Anja Hilgert

Ich frage dich, wie du heißt

Ich brauche keine Rose, nicht weiß und nicht langstielig, edel angeboten zu bekommen, um da zu sein. Mein Strauß ist feuerrot und leuchtend gelb, in warmem Orange und tiefem Violett. Meine Blumen sind selbst gepflückt und sie feiern den Mut, die Beherztheit, das Selbstvertrauen, den Drang zur Freiheit.

Ich möchte dich kennenlernen
Ich frage dich, wie du heißt.

 

Lesen Sie hier den Artikel von Mohammad Ghith al Haj Hossin