Damals in der Johannstadt: Der Hauptmann von Köpenick soll hier geübt haben

eingestellt am 19.11.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Collage von Heinz Kulb

In seinem sechsten historischen Streifzug durch die Johannstadt geht Heinz Kulb einer uniformierten Schelmengesichte auf den Grund: Der Hauptmann von Köpenick soll nämlich in der Johannstadt zugegen gewesen sein, erzählt ein Schlaufuchs in der Kneipe Holbeinhof …

Dort drüben am Fenster hat er immer gesessen.“ Johannes Wähner, der Wirt vom „Holbeinhof“ an der Ecke zur Fürstenstraße (heute Fetscherstraße) zeigte auf den Platz am Fenster. „Er kam fast täglich rein, trank meistens zwei, drei Bierchen und manchmal auch ein Körnchen dazu.“ Otto Fuchs nickte bedächtig, nahm am vom Wirt gezeigten Tisch Platz und bestellte ein Bier.

Und wie war er so, der Schnitzel?“, nahm er das Gespräch mit dem Wirt wieder auf, als dieser ihm den Gerstensaft hinstellte. „Ja, ja, der Hannes. Leutselig war er, immer ein Späßchen auf Lager. Und erzählen konnte der. Die Gäste hier hingen förmlich an seiner Gusche. Das brachte ihm häufig Spenden ein, ich meine solche in Form von Bier und Körnchen. Er konnte die Leute um den Finger wickeln und war für mich richtig geschäftsfördernd. Aber warum wollen Sie das denn wissen? Wir haben ihn schon ewig nicht mehr gesehen.“

Eindruck schinden in Uniform

Fuchs grinste übers ganze Gesicht, kniff die Augen verschmitzt zusammen und machte damit seinem Namen alle Ehre. „Ich komme gleich dazu. Noch habe ich eine andere Frage. Kam er auch uniformiert hier rein?“ „Oh ja, manchmal. Dann trug er die Uniform eines Kürassiers, angetan mit Helm, Reithosen und Sporen. Dabei hatte er gar kein Pferd dabei.“ Wähner lachte über seinen Witz. Auch Fuchs schmunzelte. „In der Uniform defilierte er mehrfach durchs Lokal und ließ sich bewundern. Eitel war der Hannes schon. Bei manchen schindete er mächtigen Eindruck. Auch hatte er Photographien dabei. Die zeigten ihn in verschiedenen Uniformen.“

Zur Verfügung gestellt von Heinz Kulb

In den Dresdner Nachrichten war Tage später, am 23. Oktober 1906, zu lesen, dass der Herr Soldat, mit richtigem Namen hieß er Johann Georg Wilhelm Schnitzel, geboren 1872 in Schweidnitz, angab, dass er die Reitschule in Hannover besucht habe und nun im Besitz des Zivilversorgungsscheines sei. Das ließ ihn in der Achtung und Anerkennung der Gäste steigen.

Der Wirt brachte Otto Fuchs das zweite Bier. „Nun will ich endlich wissen, warum Sie mich über den Hannes ausfragen. Sind Sie etwa von der Polizei?“ Otto nahm einen Schluck aus dem Glas, atmete genüsslich aus und lächelte den Wirt an. „Nein, bin ich nicht. Sie haben doch schon mal was vom ominösen Hauptmann von Köpenick gehört?“ „Oh ja, das ist der, der der Stadtkasse 4.000 Mark abgeluchst hat. Stand ja ausführlich in der Zeitung. Und was hat das mit unserem Hannes zu tun?“ Einige der anwesenden Gäste scharrten sich um Wirt und Fuchs.

Ein Mann, zwei Namen

Alles oder nichts“, antwortete Fuchs kryptisch. „Ich vermute, dass sich hinter dem Johannes dieser Hauptmann versteckt.“ Der Wirt war sprachlos. Dann schüttelte er den Kopf. „Nee, ne, ne, das glaub ich nicht. Nicht der Hannes.“ Fuchs nickte mit ernstem Ausdruck. „Jetzt brauche ich einen Korn“ und brachte zwei. Dann erzählte Otto Fuchs seine Geschichte.

Fuchs stellte sich als Mitinhaber der Brotfabrik Feronia auf der Gerokstraße 31 vor. Als alle Zeitungen über den Streich in Berlin berichteten veröffentlichten diese auch ein Faksimile der Quittung, die der falsche Hauptmann der Stadtkasse von Köpenick für die beschlagnahmten 4.000 Mark ausstellte. „Und da kam mir die Handschrift des Delinquenten sehr bekannt vor. Ich dachte und dachte und forschte nach und fand schließlich heraus, dass sie zu einem früheren Schreiber des Herrn Rechtsanwaltes Meisel von der Johannesstraße gehören könnte. Ich war damals nämlich Bürovorstand bei diesem Anwalt. Um sicher zu gehen, erbat ich einige Schriftstücke mit besagter Handschrift und verglich beide. Und was kam dabei heraus?“ Fuchs machte eine kleine Pause. Mittlerweise kamen noch weitere Gäste an den Tisch. Der Wirt hielt es nicht mehr aus. „Ich hole eine Runde Bier. Und dann möchte ich es wissen.“ So schnell stand das Gebräu noch nie auf dem Tisch.

Zur Verfügung gestellt von Heinz Kulb

Also … Der Schriftvergleich erbrachte eindeutig die Bestätigung, dass der Hauptmann von Köpenick und unser Hannes Schnitzel ein und dieselbe Person sind.“ In den Dresdner Nachrichten stand später, dass besagter Schnitzel 1899 als Schreiber beim Rechtsanwalt Meisel angefangen habe. „Im April 1900 erbat er sich Urlaub nach Berlin, um dort das Zahlmeisterexamen zu machen und sich im Kriegsministerium vorzustellen.“ Dann kam er nach angeblich bestandenem Examen wieder zurück und kündigte seine Stellung in der Kanzlei zum 1. Oktober, um im Preußischen Kriegsministerium seine neue Stelle anzufangen.

Ein Gauner und Hochstapler

Misstrauisch wurde man erst, als man bei einer Revision einige Unregelmäßigkeiten mit seinem Zusammenhang feststellte. So fehlten Schriftstücke, Belege und Geld. Es wurde nachgeforscht. Im Ministerium in Berlin kannte man keinen Zahlmeister Schnitzel. In einer zurückgelassenen Tasche in der Anwaltskanzlei fand man eine Vorladung vor die Strafkammer des Landgerichts wegen Betrugs und einen Ausmusterungsschein. Ein Raunen ging durch die Reihen der Gäste. Man verlangte nach Bier.

Letzterer erregte Aufsehen, weil sich der Schnitzel stets als früherer Militär ausgab, wie bei euch hier auch“, bemerkte Otto Fuchs. „Meisel erzählte mir, dass das Schnitzelchen sonntags immer als Husarenwachtmeister erschien, als solcher Offizierspferde geritten haben soll und immer zur Rennbahn nach Reick ging. Und wohnen tat er übrigens hier auf der Elisenstraße.“

Dann war der Hannes ein regelrechter Gauner und Hochstapler“, warf der Wirt ein. „Nicht nur was die Uniformen anging“, erwiderte Fuchs. „Er wurde schon mal wegen unerlaubten Tragens einer Uniform verurteilt und in selbiger prellte er sogar eine Dame um die Rückzahlung eines Kredits.“

Eine wichtige Entdeckung

Und?“, fragte der Wirt. „Was und?“ antwortete Fuchs. „Haben Sie das der Polizei gemeldet?“ „Was denken Sie denn. Wir fanden auch noch eine Ansichtskarte von der Neuen Wache in Berlin und eine Photographie von ihm in Uniform. Beides sandten wir zum Polizeipräsidium in die Reichshauptstadt, nachdem ich die hiesige Polizei von meiner wichtigen Entdeckung verständigt habe.“

Und“, fragte der Wirt. „Was und?“, antwortete Fuchs. „Hat man ihn schon gefunden?“ „Nein, noch nicht. Er wird jedenfalls steckbrieflich gesucht.“ So stand es denn auch in der Zeitung. Die Personenbeschreibung des Hauptmanns von Köpenick passe vollständig auf Schnitzel, hieß es dort. Unter zustimmendes Schulterklopfen verließ Herr Fuchs kostengünstig und ziemlich besoffen den Holbeinhof.

Anmerkung des Autors

Über den Schnitzel wurde wirklich in der oben erwähnten Zeitung berichtet. Ob sich tatsächlich ein Zusammenhang zwischen dem Hochstapler Schnitzel (schon der Name ist Programm) und dem Hochstapler Voigt, alias Hauptmann von Köpenick, ergab, ist historisch und juristisch nicht verbürgt. Vielleicht war unser ominöser Teilhaber der Brotfabrik auf der Gerokstraße auch nur ein Hochstapler und guter Geschichtenerzähler, um günstig an ein kostenloses Gerstengebräu samt Schnäpschen zu kommen. Oder der Redakteur der Dresdner Nachrichten hatte gemeinsam mit Herrn Fuchs zu tief ins Glas im Holbeinhof geschaut. Oder die Eulenspiegelei des Autors diente vielleicht auch der Erhellung eines gar zu trüben Novembertages. Nichts Genaues weiß man nicht.

Damals in der Johannstadt – eine Serie von Heinz Kulb

Gastbeitrag: Rudolf Sendig und die Dresdner Fremdenverkehrsentwicklung

eingestellt am 24.07.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Gruß Bad Schandau - Postkarte mit Rudolf Sendig. Foto & Verlag: unbekannt, Sammlung: Manfred Wille

Manfred Wille ist Gastronomie-Historiker und wollte den Visionär Rudolf Sendig aus Bad Schandau und seinen Karrierestart vor 150 Jahren mit Gedenk-Veranstaltungen würdigen. Geplant war eine Friedhofsführung auf dem Trinitatisfriedhof, denn dort liegt der risikofreudige Unternehmer begraben. Das musste wegen Corona entfallen – eine Zusammenfassung reichte Wille deshalb zur Veröffentlichung auf johannstadt.de ein.

Eine Grabstelle auf dem Trinitatisfriedhof erinnert gerade 2021 an bedeutende Ereignisse im Dresdner Gastgewerbe. Am Neumarkt entstand um 1834/35 unter dem Hotelier Johann Heinrich Gerstkamp aus einem einfachen Hotel durch die Zusammenlegung von drei Häusern das Hotel de Saxe mit einem repräsentativen Konzert- und Ballsaal im Obergeschoss.

Prächtige Bälle, englischer Fußball

Später unter dem Hotelier Julius Karl Dorn wurde das Hotel de Saxe zu einem Hotel der Ersten Klasse. Neben prächtigen Ballveranstaltungen traten bedeutende Künstler wie Liszt und Paganini hier auf. Die Abonnementskonzerte von Robert Schumann fanden eine große Resonanz. Die englischen Fremden, die im Englischen Viertel wohnten, waren mit Veranstaltungen, wie Aufführungen eines englischen Amateurtheaters, Basaren, der Präsentation eines englischen Fußballklubs zu Gast im “de Saxe”.

Blick in Rudolf Sendigs Hotel “Europahof” in Dresden. Foto & Verlag: unbekannt, Sammlung: Manfred Wille

Die Familie Dorn entwickelte ab 1883 zusätzlich einen bedeutenden Weinhandel, wobei die Bestände sowohl in den Kellern des Hotels, aber auch im Coselpalais und weiteren Kellern bewahrt wurden. Rudolf Sendig unterhielt enge Kontakte zur Familie Dorns und heiratete 1879 in der Dresdner Hofkirche Lucile Dorn, die Tochter des Hotelbesitzers.

Vom Koch zum Manager

Das ist einer der Gründe, warum Rudolf Sendig mit seiner Lucile mit ihren Urnen in der Dornschen Grabstelle ihre letzte Ruhe fanden. Im Jahr 2021 werden es 150 Jahre, dass Rudolf Sendig als Koch in Bad Schandau startete. Sehr schnell entwickelte er sich zu einem Hotelmanager mit Phantasie, großen Visionen, unternehmerischem Elan, verbunden mit Risikobereitschaft und Durchsetzungsvermögen.

Einige Beispiele in Fakten sollen das deutlich machen:

  • Bau von mehreren anspruchsvollen Kureinrichtungen,
  • Schaffung einer Villenkolonie samt Aufzug in Ostrau
  • Er ließ den Königspark mit 45.000 Quadratmetern Gestaltung mit Porticus und Wandelhalle anlegen.

Bad Schandau findet Anerkennung als Kurstadt

Im Jahr 1884 startete er mit der Reise zur Zarin nach Petersburg einen besonderen Coup, um in Bad Schandau russische Offiziere kuren zu lassen, was in der Folge viele russische Gäste nach sich zog. Er setzte viele wirkungsvolle Marketingideen um und holte bedeutende Großveranstaltungen nach Bad Schandau.

Gedenkplatte am Sendig-Museum. Bild: Manfred Wille

Damit gelang es Sendig, Bad Schandau zu einer anerkannten Kurstadt zu entwickeln. Vieles, wie der Sendig-Brunnen, der Aufzug und seine Ehrenbürgerschaft erinnern daran. Mit der Übernahme des Hotels Europäischer Hof in Dresden auf der Prager begann eine neue Phase der „Hotelindustrie“, die durch ihn maßgeblich entwickelt wurde. Weitere Hotels unter seiner Leitung entstanden in Nürnberg, Wiesbaden und auch mit dem Neuen Sendig Hotel in Dresden.

Zäsur Erster Weltkrieg

Mit der Übernahme des Belvedere auf der Brühlschen Terrasse führte er Cabaret-Programme ein. Im Fremdenverkehrsverein Dresden setzte er kreative Marketingideen um. Seine wirkungsvollen Aktivitäten führten zu internationaler Anerkennung und Führungspositionen im nationalen und internationalen Hotelgewerbe.

Urne von Lucile Sendig. Bild: Manfred Wille

Die Vorbereitung des Ersten Weltkrieges führte zum Ausstieg seiner Investoren und damit zum Zusammenbrechen seiner Projekte. Er zog sich nach seinem „lieblichen“ Bad Schandau zurück. Der Tod seines Sohnes im Krieg und er spätere Tod seiner treuen Kameradin Lucile trafen ihn sehr. Bad Schandau blieb er jedoch, hoch geehrt, bis zu seinem Lebensende mit 80 Jahren treu.

 

 

Ein Gastbeitrag von Manfred Wille

 

Damals in der Johannstadt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben

eingestellt am 16.05.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Faksimile der Dresdner Neusten Nachrichten. Quelle: Dresdner Nachrichten, 1910/Sammlung: Heinz Kulb

Mit Heinz Kulb hat die Stadtteilredaktion einen erfahrenen Johannstädter Autor gewonnen, der sich auf den Spuren “der ganz normalen Menschen” durch Archive wühlt und mit spitzer Feder den Staub von vergangenen Ereignissen pustet. Nachweisbare Hintergründe, Namen, Ereignisse, Adressen sind unterhaltsam in Geschichten aufgearbeitet und geben so durch das eine oder andere Augenzwinkern den Blick auf einen vergangenen Alltag frei, der an Aktualität oft nichts eingebüßt zu haben scheint. Folge 1: Zusammenleben ist nicht einfach. 

Die Kohlrouladen hatten gemundet. Satt und zufrieden im Sessel am offenen Fenster sitzend, genoss Pensionär Daniel David seinen Verdauerli, einen Kräuterlikör. Der Duft der warmen Maienluft in diesem Frühlingsmittag des Jahres 1910 vollendete sein Wohlbefinden. Sein Geist ließ die Augenlider langsam der Schwerkraft folgen, als er von einem plötzlichen Lärm auf der Straße aus den Armen von Morpheus gerissen wurde.

Mehrere Kinder aus dem Haus und aus der Nachbarschaft hatten sich Rollschuhe angeschnallt und zogen schreiend ihre Bahnen auf dem asphaltierten Stück der Johannstädter Elisenstraße*, zwischen Dürer- und Holbeinstraße gelegen. Mit einem Fluch auf den Lippen und drohender Faust forderte David seine Mittagsruhe ein. Doch die Halbwüchsigen zeigten ihm eine Nase und drehten ihre Kreise weiter. Wütend schloss er das Fenster.

Fotomontage Elisenstraße. Bild: Heinz Kulb

Die Kehrseite des Fortschritts

Erst im vergangenen Herbst erreichte der gegenüber in der Nummer 22 wohnende Asphalthändler Adolf Ebert, dass die Stadt dieses Teilstück der Elisenstraße finanzierte und mit einem Belag von Eberts Firma überzog. Dadurch wurde es ruhiger für die Anlieger. Kein Rumpeln mehr durch die Fuhrwerke auf Kopfsteinpflaster. Nur wenig Lärm durch die neuen Automobile. Die Anwohner waren begeistert. Aber nicht lange. Da entdeckten die Kinder und Jugendlichen den anderen Vorteil der Straße. Mit Rollschuhen konnte man viel Spaß haben, zum Leidwesen der älteren Bewohner. Und es kamen immer mehr Kinder.

Wehret den Anfängen

Und das tat Pensionär David, indem er sich an seine geliebte Zeitung, den Dresdner Nachrichten, wandte. In flinker Schrift auf gutem Papier ließ er seiner Wut freien Lauf. Zunächst beklagte er sich über „das Treppenjagen von oben nach unten, das einen leidenden Menschen zur Verzweiflung bringen kann. Die vierte Etage (im Haus Elisenstraße 23) ist reichlich bevölkert, die dritte dito mit Pensionären von besseren und höheren Schulen, die zweite desgleichen. Sämtliche größeren oder kleineren Kinder jagen täglich wie die Wilden von oben bis ins Parterre.“

Dann kam das nächste Problem, das den ordnungsliebenden ehemaligen Buchhalter eines Ziegelwerkes in Striesen sprichwörtlich auf die Eiche im Innenhof des Carrés bringen konnte. „Ebenso finden es viele Bewohner bequemer, den Aschengrubendeckel mit aller Wucht zuzuschlagen, anstatt ihn am Henkel anzufassen und ruhig zuzumachen.“

Nun kam er zum Höhepunkt seiner Klageschrift. „In der Elisenstraße, zwischen Holbein- und Dürerstraße liegt Asphalt; das ist nun der Tummel-, Spiel- und Lernplatz für Rollschuhläufer sämtlicher Kinder der Umgebung, sieben Tage lang in jeder Woche bis spät in die Nacht!“

Zusammenleben ist nicht einfach

Darauf machte eine Leserin in den Dresdner Nachrichten ein paar Wochen früher als die Veröffentlichung des Leserbriefes unseres Herrn David aus der Elisenstraße aufmerksam. Als sie mit ihrer Familie in eine neue Mietwohnung zog, wurde sie erst einmal misstrauisch beäugt. Anfangs hatten sie viel mit dem Einrichten und weniger mit den Empfindlichkeiten der Nachbarn zu tun. Doch diese begutachteten jeden Schritt der Neuen. Wann sie kommen und gehen. Welche Gardinen an den Fenstern hängen. Mit welchen Möbeln sie einziehen. Wie sie gekleidet sind. Und wie sich die Rotzbengels von Kindern benehmen. In der neuen Wohnung wurde vorgerichtet, gehämmert und Möbel verrückt. Und abends halb Neun wollten sie das letzte Loch schlagen für ein Bild. Und mitten im Hämmern schellte es an der Wohnungstür.

Blick auf den Abschnitt der Elisenstraße heute. Foto: Heinz Kulb

Es war der Hauswirt. „Um Gottes Willen, was hämmern Sie noch so spät? Die Leute nebenan sind gewöhnt, um 8 Uhr abends Schlafen zu gehen. Der Nachbar hat sich beschwert.“ Die beiden Nachbarn „haben noch kein Wort miteinander gewechselt, haben sich noch gar nicht zu Gesicht bekommen und schon besteht eine gegenseitige Verstimmung.“

Andere Mieter klagten über die Rücksichtslosigkeiten ihrer Nachbarn. Da wurde doch schon um neun Uhr vormittags der Teppich im Hof ausgeklopft. Oder wenn die Gattin ihren Schönheitsschlaf braucht, trabten die Obermieter noch vor sieben in Schuhen und Stiefeln umher, weil es zur Arbeit und zur Schule ging. Dafür gäbe es doch Filzpariser für die Wohnung. Ja, so nannte man damals die Hausschuhe. Die Straßenschuhe könnte man ja im Treppenhaus anziehen, so die kritischen Mieter von unten. Und die dünnen Wände gaben stets hörbare Einblicke ins Familienleben. Egal, ob sich die Eltern stritten, die Kinder plärrten oder gerade Kindermachen angesagt war.

Und wie könnte man diese Probleme lösen?

Eine weitblickende, gutbetuchte Dame aus der Dürerstraße schlug den Lesern der Zeitung gleich sogenannte „10 Gebote für Mieter“ vor.

  1. Geht nicht ohne Not in der Wohnung in Stiefeln umher, nicht vor 8 Uhr morgens und nach 10 Uhr abends.
  2. Schließt Türen und Fenster möglichst geräuschlos.
  3. Hämmert nicht vor 8 Uhr morgens und nach 10 Uhr abends an den Wänden.
  4. Beschränkt das Teppichklopfen auf die Zeit zwischen 8 und 12 Uhr.
  5. Musiziert und übt ein Instrument nicht länger als 1 Stunde am Tag und schließt dabei die Fenster.
  6. Lasst bei offenem Fenster kein Grammophon spielen und keinen Papagei schreien.
  7. Rückt nicht die Stühle geräuschvoll über den Fußboden.
  8. Gewöhnt euren Hunden das häufige Bellen ab.
  9. Untersagt euren Kindern das laute Schreien beim Spielen.
  10. Lehrt euren Dienstboten überflüssigen Lärm bei der Arbeit zu machen.

Und wie reagierte das Hausblatt unseres Pensionärs Daniel David aus der Elisenstraße 23 auf seine Anfrage, ob nicht die Polizei wegen der Rollschuhläufer einschreiten könnte? Am 25. April 1910 las er verbissen die Antwort: „Sie könnte wohl, wird es aber kaum tun, da sie ja die Erlaubnis zum Rollschuhlaufen auf öffentlichen Straßen und Plätzen selbst erst erteilt hat.“

*Dieser Abschnitt der alten Elisenstraße ist heute ein Teil der Hans-Grundig-Straße. Der nördliche Abschnitt zwischen Gerokstraße und Florian-Geyer-Straße hat noch den alten Namen. Zwischen der Striesener und der Canalettostraße nennt sie sich Georg-Nerlich-Straße.