Damals in der Johannstadt: Die Lilien von der Pfote

eingestellt am 05.10.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Sportplatz des SV GutsMuts, Pfotenhauerstraße . 79, Postkarte 1925. Bereitgestellt von Heinz Kulb

Sportlich geht es zu in der vierten Folge von Heinz Kulbs historischen Betrachtungen der Johannstadt: Auf den Tag genau vor 108 Jahren wurde „der neue“ Fußballplatz an der Pfotenhauerstraße eröffnet – der heutige Platz des SSV Turbine. Das Wetter war mies, die Stimmung euphorisch.

Leider spielte das Wetter nicht mit. Sich wiederholende kräftige Schauer und herbstliche 12 Grad drohten an diesem Sonntag, den 5. Oktober 1913, die lang herbeigesehnte Eröffnung des neuen Fußballplatzes1 an der Pfotenhauerstraße in der Johannstadt zu einem Wasserbad werden zu lassen. Von Altweibersommer war nichts zu spüren. Und dennoch strömten einige tausend Fußballbegeisterte in die neue Spielstätte. Darunter auch, von Mutti gut eingemummelt, Telegrafenmeister Egon Hempel aus der Pfotenhauer 37 mit seinen Söhnen Franz und August. Sie ergatterten günstige Plätze auf den Stehterrassen an der Seite zur Neubertstraße. Das imposante Bürgerhofspital rechts von ihnen wirkte in diesem diesigen Grau des Nachmittags wie ein verwunschenes Schloss aus den Märchen.

Johann Christoph Friedrich GutsMuths, Foto 1910, gemeinfrei. Bereitgestellt von Heinz Kulb

Gott bewahre!

Wer sind die Leute dort drüben?“, fragte der jüngere August seinen Vater und zeigte auf die gegenüber sich befindliche Tribüne. „Der mit der Federbuschhaube ist der Kriegsminister Generaloberst Freiherr von Hausen. Daneben der schmächtige kleine Herr ist ein Staatsminister. Den Namen weiß ich nicht. Und rechts davon, der mittelgroße Dicke ist der Oberbürgermeister von Dresden, der Geheimrat Dr. Beutler.“ August hakte nach. „Was machen die hier? Spielen die etwa Fußball?“ Egon Hempel konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Auch die Umstehenden grinsten. „Gott bewahre. Würden die spielen, wäre das für den Fußballsport eine Blamage. Und für deren Gegner ein gefundenes Fressen. Nein, nein. Die sind hier, um den Platz an unseren SV GutsMuts zu übergeben. Haben ja auch viel Geld dafür ausgegeben.“

Erste Schritte auf dem Rasen

Dann ein Fanfarenstoß und der Vorsitzende des Dresdner Sportvereins GutsMuts, Erich Knebel, begrüßte alle und dankte den Honoratioren aus Stadt und Königreich dafür, aus der alten Radrennbahn eine moderne Fußballspielstätte mit modernem Rasenplatz gemacht zu haben. Eine Spielanlage, die es mit allen Topplätzen in ganz Deutschland aufnehmen könne. Zwischenzeitlich liefen unter dem Beifall der Anwesenden die Spieler des SC GutsMuts und die Gastmannschaft des Berliner Torball- und Fußballklubs Victoria auf.

Schaut mal. Euer Onkel Max spielt auch mit.“ Dabei zeigte Egon auf den blonden Hünen in der Mitte der „Lilien“, dem Bruder seiner Frau. Lilien, so lautete der Spitzname für die Fußballer des SC. Wegen des Wappens und der Farben blau und weiß. Und der neue Sportplatz hieß ganz schnell in der verbreiteten Kürzungsmanie im Volksmund „Pfote“.

Und ich war dabei, als wir 1902 unseren Verein gründeten. Wir, das waren ein gutes Dutzend Pennäler2 vom Kreuzschulgymnasium und ich mit noch einigen Fußballern vom Turnverein GutsMuths Striesen“, erzählte er stolz seinen Söhnen. „Damit der SC nicht mit dem Turnverein verwechselt wurde, ließ man beim GutsMuts des SC einfach das ‚h‘ weg. Die Vereinsfarben blau und weiß kamen vom Mützenband der Schüler des Kreuzgymnasiums. Und das Wappen malte ein talentierter Gymnasiast.“ Anerkennende Blicke erntete er von den aufmerksam zuhörenden umstehenden Zuschauern.

Dresdner Sportverein GutsMuts, gemeinfrei. Bereitgestellt von Heinz Kulb

Einzug in die leere Radsportarena

Wer war denn dieser GutsMuts, Vater?“, fragte nun, etwas mehr interessiert, der ältere Franz. Vater Egon war in seinem Element. Nun konnte er mit seinem Geschichtshalbwissen glänzen. „Der lebte vor hundert Jahren und hieß mit vollem Namen Johann Christoph Friedrich GutsMuths oder so ähnlich. In Quedlinburg soll er geboren sein, war ein Lehrer und ging dann nach Schnepfental in Thüringen und schuf dort den ersten deutschen Turnplatz. Daher auch der Name für den Turnverein.“

Und wo habt ihr Fußball gespielt?“, fragte der Große. „Hier im damaligen Radsportstadion?“ Egon schüttelte den Kopf. „Wo denkst du hin. Erst mal auf verschiedenen Wiesen. Anfangs an der Tittmannstraße, dann durften wir für ein Jahr auf den Sportplatz an der Stübelallee. Dann waren wir auf der Spielwiese drüben bei Anton´s3. Ich schied dann vom aktiven Spiel aus. Die Mannschaft nutzte noch mehrere Jahre die Wiese am Wasserwerk Tolkewitz. Und dann kam uns zugute, dass einige Pennäler von damals studiert hatten und inzwischen gute und einflussreiche Posten bekamen. Die Radsportarena stand inzwischen leer. So nahm man Einfluss auf die Stadt und die Staatsministerien. Und das Ergebnis seht ihr hier.“

SC GutsMuts, Vereinswappen. Bereitgestellt von heinz Kulb

Inzwischen wurden mehrere Hochrufe auf den König, den Kaiser und dem Verein dargebracht. Die Menschen hüpften von einem Bein auf das andere, um sich der nasskalten Witterung zu erwehren und warteten nur noch auf eins: dass endlich das Spiel beginnen möge.

Das Spiel beginnt

Victoria Berlin war nur mit einer abgespeckten Mannschaft angereist. Ihre Toppspieler weilten zum Städteturnier in Wien. Aber sie machten es den Dresdnern trotzdem nicht leicht. Torwart Damsch vom SC GutsMuts bekam reichlich Arbeit und tosenden Beifall für jeden gehaltenen Ball und tollen Abwehrparaden. Und Onkel Max in der Verteidigerposition erhielt anfeuernde Rufe von seinen Neffen für jede Abwehrhandlung. Nach einer Viertelstunde nahm Winkler den Druck von den Lilien und schoss das erste Tor. Das zweite ballerte unter großem Jubel der Star des SC auf der Position des Rechtsaußen im Mittelfeld, Rudolf Leip, ins Netz von Victoria und Büttner machte das Trio zur Pause perfekt.

In dieser besichtigten die Ehrengäste die Gesellschafts- und Unterkunftsräume. Der zweite Vorsitzende vom SC GutsMuts hob dabei hervor, dass der Fußballsport in Dresden immer mehr Anhänger gewänne. Und alles diene der Ertüchtigung der Jugend, erwiderte er unter dem wohlwollenden Nicken des Kriegsministers. Die Mitgliederzahlen im Bereich des Verbandes mitteldeutscher Ballspielvereine4 stiegen innerhalb der letzten 10 Jahre von 8.000 auf 180.000, warf dessen Vorsitzender in die Besichtigungsrunde ein. Auch er wollte der anwesenden Presse zeigen, dass er da war.

Vereinslogo SC GutsMuts. Bereitgestellt von Heinz Kulb

In der zweiten Halbzeit schoss Gäbler gleich zu Beginn Tor vier. Dann wachte Victoria endlich auf und kam zu einem Ehrentreffer. Aber GutsMuts war im Torrausch. Noch dreimal landete der Ball unhaltbar im gegnerischen Tor. Der Platz tobte vor Begeisterung. Durch einen Elfmeter kam Victoria zu einem weiteren Treffer. Am Ende stand es 7:2 für die Dresdner, wie in einem Bericht von der Sportplatzeröffnung in den Dresdner Neuesten Nachrichten am 7. Oktober 1913 zu lesen war. Aber die Berliner grämten sich nicht. Es war ja nur ein Freundschaftsspiel und man gönnte den Gastgebern ihren Sieg. Anschließend feierten beide Mannschaften einträchtig im neuen Vereinslokal bis in die Nacht hinein.

Und Egon Hempel und seine Söhne gingen leicht verfroren aber glücklich den kurzen Weg nach Hause. Das Abendbrot wartete.

Anmerkungen

1In der Literatur und auf Websites der Wikipedia werden verschiedene Eröffnungsdaten präsentiert. Es gab aber nur für den 5. Oktober 1913 belegte Daten der Eröffnung des Fußballplatzes an der Pfotenhauerstraße.

2Ein spöttischer Ausdruck aus der Studentensprache. So bezeichnete man im 18. Jahrhundert die Studenten des ersten Studienjahres, die mit Papier und Schreibzeug jede Vorlesung mitschrieben. Im 19. Jahrhundert wurde es zu einem Schimpfwort für Gymnasiasten, später ein Scherzwort für diese Schüler.

3An der Elbe, unweit des heutigen Fährgartens Johannstadt gelegen. Seit 1898 der Stadt gehörig. Beliebtes Ausflugslokal und später auch Badeanstalt. 1945 bei der Bombardierung Dresdens zerstört.

4Der Verband mitteldeutscher Ballspielvereine (VMBV) umfasste als regionaler Sportverbund etwa die Vereine aus den heutigen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, das damalige Sudentenland sowie einige kleinere Gebiete im heutigen Norden Bayerns, im Südosten Niedersachsens und im Süden Brandenburgs.

Damals in der Johannstadt – von Heinz Kulb

Damals in der Johannstadt: Die liederliche Woche

eingestellt am 23.08.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Vogelwiese, Platz vor Schießpavillon, 1899, gemeinfrei https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Vogelwiese#/media/Datei:Feria_12_bella_%C3%A9poca_Dresde.jpg

Heinz Kulb widmet sich in Folge 4 der Serie „Damals in der Johannstadt“ dem sündigen Ereignis Vogelwiese, der „liederlichen Woche“: Knallerei, Attraktionen und eine Razzia – wieder einmal hat der Autor aus Archiven eine spannende Geschichte zutage befördert.

Wachtmeister Becker blickte entspannt auf das sich beruhigende, stark abflauende Treiben der Vogelwiese an diesem noch jungen Montag des 10. August 1908. Er wartete auf den Höhepunkt der diesjährigen Saison, seinen Höhepunkt. Der war nicht die Kür des Schützenkönigs oder das große Feuerwerk oder die Volksbelustigungen. In den Dresdner Nachrichten der Morgenausgabe war dazu zu lesen: „Um ein Uhr verstummte die Musik auf dem Festplatz. Nachdem alsbald die Lichter verlöscht waren, nahm die Polizei eine Razzia vor und fegte Mann und Maus vom Platze, auf dem nach dieser tollen Woche wieder auf ein Jahr tiefer Frieden einzog.“

Vogelwiese 1909, gemeinfrei
https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Vogelwiese#/media/Datei:Dresden,_Sachsen_-_Vogelwiese_1909_(Zeno_Ansichtskarten).jpg

Becker freute sich fast orgiastisch gemeinsam mit seinen Kollegen aus zwei Hundertschaften auf nackte Hintern, die man mit ein paar Striemen mit dem Knüppel verzieren konnte, auf besoffene Penner, die man vor sich herjagte, auf keifende und giftende Damen des horizontalen Gewerbes, die man daran hinderte, zwischen den Buden noch eine schnelle Mark zu machen.

Eine gute Woche Sünde, Vergnügen und Volksablenkung

Und diese, im Volksmund liederlich genannte Woche, begleitete Karl Graupner im Auftrag seiner Redaktion der Dresdner Nachrichten von der ersten Stunde der Eröffnung. Täglich hatte er einen Artikel für die Morgenausgabe und bei besonderen Vorkommnissen auch für die Abendausgabe abzuliefern. Ein anstrengender Auftrag, aber nach seinem Geschmack, bei dem auch immer was für ihn persönlich abfiel.

Die Brauereien und Schausteller buhlten mit Rekorden, Abnormitäten und Verrücktheiten um die Gunst und die Geldbeutel der zahlreichen Besucher. Kaiser Wilhelm Zwei´s größter Soldat, der lange Joseph, gab sich im Festzelt des Augustinerbräu die Ehre. Mit 2,39 Meter übertraf er die sogenannten langen Kerls des preußischen Soldatenkönigs. „Es dürfte sich lohnen, diese lange Sehenswürdigkeit anzusehen, um so mehr, als bei der gewohnten vorzüglichen und dabei preiswerten Bewirtung des Augustinerbräus der Aufenthalt daselbst ein sehr angenehmer ist.“ Graupner stellte sich mit seinen durchschnittlichen 1,72 neben Joseph und kam sich vor wie ein Exponat aus der Gartenzwergfamilie.

Vogelwiese, Eröffnung 1899, gemeinfrei
https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Vogelwiese#/media/Datei:Feria_9_bella_%C3%A9poca_Dresde.jpg

Mit allein 43 Transportwagen suchte der Ingenieur Hugo Haase das Gelände auf und errichtete stark bestaunte Attraktionen.

Alle Tanzlokale, Kabaretts und größere Etablissements der Residenz, die was auf sich hielten, waren auf der Vogelwiese vertreten. So feierte auch das Schankzelt Zur Kanone, dessen Inhaber Oswald Remie der Besitzer des Lokals Am Tatzberg war, sein 30jähriges Jubiläum.

Zwei hohe Gerüste gestatteten den Schwindelfreien und Mutigen einen besonderen Blick über das Meer von Buden und Zelten. Graupner ließ sich hier oben den Wind um die Nase und den Alkohol aus seinem Körper wehen. Im Osten erhob sich die Schießhalle der Bogenschützen. Und dahinter ein Panorama einer Alpenlandschaft. In der anderen Richtung Karussell an Karussell, Schaubude an Schaubude, Bierzelt an Bierzelt. Und dazwischen Massen über Massen, Dresdner Familien mit Kind und Kegel, Leute aus der Umgebung und Touristen. Dechants Hypodrom, Fischers Bürgerkasino, eine Erdkugel als Fesselballon, der Albert- und der Carolasalon, in denen das Tanzbein zum Walzer geschwungen werden konnte.

Gleich daneben benebelte ein penetranter Heringsduft von Fisch-Götze die Umgebung. Und auch damals schien die Bratwurst die echte Vogelwiesenspeise zu sein, zumindest behauptete das der Redakteur der Dresdner Nachrichten. Natürlich wurde von ihm auch der Beweis erbracht, dass Sachsen ein Kuchenland sei.

Technische Neuheiten

Schichtl´s Marionettentheater begeisterte nicht nur die Kinder. „Patty´s Kinematograph mit seiner effektvollen Fassade, Reibeholzens Welt-Hypodrom mit seinem Meer von Licht, das Bilder-Lotto-Zelt, das Anatomische Museum, das humoristische Belodrom, die mechanische Schießhalle und andere Attraktionen. … Man kann gar nicht vorbei, man möchte doch so gern einen Blick hineinwerfen“, begeisterte sich Dresdens führende Tageszeitung, bzw. der Redakteur, der schon im Zelt vom Augustinerbräu mächtig zugeschlagen hatte, zumindest was das Hopfenblütengetränk betraf.

Majestät gaben sich die Ehre

Auch Sachsens König Friedrich August III. ließ es sich nicht nehmen, bei der Vogelwiese persönlich vorbeizuschauen. Da ihm seine Gattin noch zu Kronprinzenzeiten abhandengekommen war, sprich mit einem Bürgerlichen durchgebrannte, passte seine älteste Schwester Mathilde auf, dass das Volkstümliche und Biergenießerische bei ihrem Bruder nicht zu sehr zum Vorschein kamen. Nachdem er dem Festschießen nach dem großen Vogel beiwohnte, gönnte sich Friedrich August dann doch noch ein paar Eintritte in Buden und Bierzelte. Übrigens beteiligte sich Mathilde auch am Schießen und schoss laut Redakteur Graupner „einen langen Span herunter, der ihr vom Winde gerade dicht vor die Füße getragen wurde.“

Majestäten anderer Art waren die Schützenkönige, die einer vielhundertjährigen Tradition folgten. Im Jahre 1908 hatte dieses Amt der Hoflieferant Hermann Förster inne. Eine Schützenkönigin gab es übrigens auch. Für ein Jahr durfte sich die Frau Hofjuwelier Jähne erfreuen. Beim Kinderschießen erzielte Hans Ziller den besten Schuss, gefolgt von …, ja von einem Mädchen, der Hilde Fischer.

Antons Luftbad neben der Vogelwiese
aus der Sammlung Treppnau, Johannstadt-Archiv (mit freundlicher Genehmigung).

Ein stundenlanges Spektakel

Das hatte am Freitagabend vor dem Ende der Vogelwiese Tradition und lockte Tausende aus der Residenz und dem umliegenden Lande auf das Festgelände. Straßenbahnen, Pferdedroschken, Autos und die Elbdampfer waren überfüllt. Organisator war der Dresdner Pyrotechniker Heller. Punkt 9 Uhr abends ging es mit drei Böllerschüssen los. Es folgte ein stundenlanges Spektakel. Um es zu beschreiben, reicht dieser Platz hier nicht aus. Die umliegenden Restaurants, wie das Lincke’sche Bad und das Waldschlösschen, machten aus ihrer exponierten Lage ein großes Geschäft.

Das Ende

Das kam dann in der Nacht vom Sonntag zum Montag. Gegen Halb Zwei Uhr erfolgte ein Pfiff und die zwei Hundertschaften mit Wachtmeister Becker begannen fröhlich erregt ihren Höhepunkt, die große Razzia vom Luftbad Antons aus in Richtung Blumen- und Fürstenstraße. Da hatte der Herr Redakteur Graupner schon längst sein Resümee in der Setzerei der Dresdner Nachrichten abgegeben und genoss nun zwei Tage wohlverdiente Ruhe.

Damals in der Johannstadt – von Heinz Kulb

Damals in der Johannstadt: Die Einweihung des Carola-Hauses

eingestellt am 31.07.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Sächsische Königin Carola von Wasa um 1874 (Holzstich), Gemeinfreies Bild

Mit Heinz Kulb hat die Stadtteilredaktion einen erfahrenen Johannstädter Autor gewonnen, der sich auf den Spuren „der ganz normalen Menschen“ durch Archive wühlt und mit spitzer Feder den Staub von vergangenen Ereignissen pustet. In Folge 3 besucht Sachsens letzte Königin Carola die Johannstadt. Vorhang auf für Ihre Majestät!

Gartenmeister Alois Singer begutachtete zum wiederholten Male den Pavillon vor dem fertig gestellten Hauptgebäude des neuen Carola-Hauses. Zum wiederholten Male richtete er die Efeuranken und Blumengestecke. Dann nickte er zufrieden. Der Blick fiel auf den Lehrjungen Wilhelm und sein Gesicht färbte sich puterrot. Seine Rechte verpasste Wilhelm eine Maulschelle. In wenigen Augenblicken könnte Ihre Majestät erscheinen und Wilhelm stand hier mit einer verdreckten Schürze. Alois Singer zeigte nur auf die Schürze und dann in Richtung Parkanlage hinter dem neuen Haus.

Carolahaus, Geländekarte, 1878. Gemeinfreies Bild, aus der Sammlung H. Kulb. Quelle: http://digital.slub-dresden.de/id406517975

Großer Bahnhof für Königin Carola

Gegen drei Uhr nachmittags des 15. April 1878 hielten mehrere Kutschen vor dem gerade fertig gestellten Gebäude des Hospitals „Carola Haus“ an der Gerokstraße. Erwartungsvoll standen Ärzte, Schwestern, Küchenpersonal, Gärtner und sonstige Bedienstete an der Eingangstreppe. Daneben postierten sich die Damen und Herren des Albertvereins. Auch Wilhelm hatte es geschafft, sich eine saubere Schürze anzulegen und die Schuhe zu putzen. Mit etwas Abstand säumten viele Bewohner der Umgebung aus der Gerok- und der Blasewitzer Straße und der Häuser am Trinitatisplatz den Ort des Ereignisses.

Ansicht des Carolahauses, ca. 1909. Der unbelaubte Baum hinter der Pyramidenpappel ist die heute noch sichtbare Eiche. Foto: A. Hartmann, aus der Sammlung S. Treppnau.

In einem sehr hübschen grünen Kleid und mit modischem Hute entstieg Ihre Majestät Königin Carola der Kutsche und lächelte den Anwesenden nickend zu. Das frühlingswarme Wetter tat ihr gut. Doch der volle Terminkalender, sie kam gerade aus Meißen, forderte seinen Tribut. Contenance, also Selbstbeherrschung, war gefragt. Dessen war sich Carola bewusst. Hochrufe erschallten. Einer anderen Kutsche entstieg Dresden Oberbürgermeister Dr. Stübel und trat zwei Schritt hinter der Königin.

Der Geheime Medizinalrat Dr. Fiedler begrüßte und geleitete sie zu einem Stuhl unter den von den Gärtnern des Hauses mit prächtiger Pflanzendekoration gestalteten Pavillon.

Sachsens letzte Königin

Das wusste sie damals aber nicht. Carola oder mit vollem Namen Caroline Friederike Franziska Stephanie Amelie Cäcilie, war eine Prinzessin aus dem Hause Wasa-Holstein-Gottorp. Ihr Lebensweg mutete dem eines dramatischen Märchens an. Mehrere Handicaps hatte sie. Sie entstammte einem verarmten Adelshaus. Die Eltern waren geschieden. Carola lebte bei der Mutter in Morawietz (heute Tschechien) ein bescheidenes, eher ruhiges Landleben.

Doch eine unterbelichtete Landpomeranze wurde nicht aus ihr. Sie war gebildet und entwickelte eine Vorliebe fürs Malen, Schach und Theaterspielen. Und mit 18 erblühte sie auf zur „schönsten Prinzessin Europas“. Vor Freiern konnte sie sich kaum retten. Ein Wettlauf um ihre Hand begann. Louis Napoleon Bonaparte (der spätere Napoleon III.) sowie Friedrich Karl von Preußen waren darunter. Das Rennen machte schließlich Albert von Sachsen. Carola konvertierte zum Katholizismus und beide hatten die Unterstützung von König Johann gegen die geifernden Hofschranzen. Es soll eine Liebesheirat gewesen sein, was selten in Königshäusern gewesen wäre.

König Albert und Königin Carola, Foto von Hoffotograf Otto Meier, aus der Zeitschrift „Gartenlaube“ 1889

Fortan sah Carola ihre Passion auf sozialem Feld. 1867 gründete sie mit der sorbischen Krankenschwester Marie Simon den nach ihrem Mann benannten Albertverein, einem der Vorgänger des Roten Kreuzes, der sich um die Pflege von Kranken und Verwundeten im Kriege kümmerte.

In ihrer Ehe überließ sie ihrem Mann, dem späteren König Albert, das Feld der Politik, „wobei sie viele seiner Ungeschicklichkeiten im politischen Bereich durch ihre umgängliche Art ausglich.“* Andere beurteilten das Wirken des Herrscherpaares drastischer: „Carola war die nichtsnutzige Gattin des militaristischen Dreckskerls Albert, der als König soviel taugte, wie ein Bündel Stroh zum Feuerlöschen.“** Ein wenig zu drastisch formuliert von meinem geschätzten Schriftstellerkollegen Jens-Uwe Sommerschuh.

Auf dem Weg zur Landesmutter

Mit der Thronbesteigung 1873 widmete sie sich, da ihre Ehe kinderlos blieb, voll den sozialen Belangen. Nicht die Verhältnisse wollte sie ändern, sondern das Leid lindern. Sie war keine Revolutionärin, keine Frauenrechtlerin, keine Sozialdemokratin, sondern aufgeklärt konservativ in der Weltanschauung. So brachte sie mit dem Pestalozzi-Verein erwerbslose Frauen in Lohnarbeit, unterstütze weibliche Dienstboten jenseits der 60 durch kostenlose Unterbringung in Dienstbotenheime, gründete Kindergärten und Lungenheilanstalten, schuf Wohnraum für arme Familien. Für die Arbeiterfamilien initiierte sie Volksküchen in deren Wohn- und Arbeitsvierteln.

Logo des Albertvereins von Werbemarke, aus der Sammlung H. Kulb, Lizenz: Public Domain Mark 1.0

Durch die Ausbildung von Frauen und Mädchen zu Krankenschwestern, Wirtschafterinnen, Näherinnen wurden für die weiblichen Angehörigen der unteren Schichten neue Erwerbsmöglichkeiten eröffnet. ***

Ihr Rollenverständnis adliger Frauen entsprach der damaligen Zeit und war deren einzige Beschäftigungsmöglichkeit um selbständig und anerkannt zu arbeiten. Königin Carola und Kaiserin Auguste Viktoria (von Wilhelm I.) repräsentierten auch eine neue Generation von Frauen der Oberschicht in der damaligen Zeit.

Heilstätte für Tuberkulose-Kranke und Trümmersortieranlage

Pastor Peter hielt die Weiherede, der die Königin aufmerksam lauschte. Unter den Versammelten war auch der Stadtbaurat Theodor Friedrich, der den durch Spenden und einer Lotterie finanzierten Komplex konzipierte und errichtete. In diesen ersten Gebäuden befanden sich Krankensäle mit 30 Betten, Aufnahmezimmer, Operationssäle, Wohnungen der Schwestern und Assistenzärzte, Küche und Speisesaal. Die medizinischen und technischen Ausstattungen sollen dem damals neuesten Stand entsprochen haben. Bis zur Jahrhundertwende entstanden neben einer Kapelle noch weitere Gebäude, die dann 225 Kranke beherbergen konnten. Daneben entstand ein gepflegter Park.

Das Carolahaus. Stadtplan von 1911. Quelle: SLUB Dresden / Deutsche Fotothek.

Nach der Gründung des Krankenhauses Johannstadt**** spezialisierte sich das Carola-Haus zur Heilstätte für Tuberkulosekranke. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Haus an die Stadt verkauft. Die Nazis machten daraus eine Schule der SA, wobei die Kapelle zum Schießstand mutierte. Dann im Krieg ein Lazarett. In der Bombennacht im Februar 1945 wurde das Areal vollständig zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gelände zunächst eine Trümmersortieranlage und ab den 50er Jahren der VEB Plattenwerk. Heute harrt es seiner nicht sichtbaren Zukunft.

Nach des Pastors Rede besichtigte Königin Carola die neuen Räume und verließ nach einem Dank an die hier Beschäftigten und einem kleinen Imbiss gegen halb fünf das Haus in Richtung ihrer geliebten Wohnstätte in Stehlen.

Auch Gartenmeister Alois Singer und sein Lehrling Wilhelm verließen mit vor Stolz geschwellter Brust das Anwesen, denn Majestät hatte sich bei ihnen persönlich für das Pflanzenarrangement im Pavillon bedankt.

*aus Maria Görlitz: Parlamentarismus in Sachsen. Königtum und Volksvertretung im 19. Und frühen 20. Jahrhundert. LIT Verlag Münster 2011

**Jens-Uwe Sommerschuh auf Facebook, 4. Oktober 2020, 01.08 Uhr

***Dagmar Vogel: Wahre Geschichten um Sachsens letzte Königin. Tauchaer Verlag, Taucha 2006

****heute Universitätsklinikum Carl Gustav Carus

Damals in der Johannstadt – von Heinz Kulb

 

Damals in der Johannstadt: Es stinkt am Tatzberg

eingestellt am 12.06.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Eingang der Stadtreinigung Dresden, dem Nachfolger der damaligen Städtischen Düngerhandelsaktiengesellschaft an gleicher Stelle. Foto: Heinz Kulb

Mit Heinz Kulb hat die Stadtteilredaktion einen erfahrenen Johannstädter Autor gewonnen, der sich auf den Spuren „der ganz normalen Menschen“ durch Archive wühlt und mit spitzer Feder den Staub von vergangenen Ereignissen pustet. Folge 2 bietet Delikates: Einblicke in die stinkigen Untiefen der Johannstadt – als auf dem heutigen Gelände der Stadtreinigung noch menschlicher Dünger geklaut wurde … 

Bildhauer Paul Ballack*1 gab dem Sandsteinengel, den ihm ein reicher Dresdner in Auftrag gab, den letzten Schliff. In zwei Tagen soll er die Grabstätte der Familie dieses Herrn auf dem gegenüber liegenden Trinitatisfriedhof zieren. Gerade pustete er den Staub vom leicht nach oben in Vorfreude auf die himmlischen Gefilde geneigten Kopf seiner Figur, als ein scharfer Geruch nach Kloake wie ein Rülpser der Hölle ihn husten ließ.

Sein Atelier befand sich am Tatzberg 23 auf dem Gelände der Städtischen Düngerhandelsaktiengesellschaft zu Dresden. Diese Gesellschaft breitete sich in diesen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg immer weiter aus und schluckte fast das gesamte Gelände im Geviert bis rüber zu den Häuserreihen an der Pfotenhauer-, der Arnold- und der Hertelstraße. Ihr Geschäft? Nun, ein geruchsintensives. Hinter dem irreführenden Namen verbargen sich Haushaltsmüll, Straßendreck und Scheiße aus den Latrinen. Aber im modernen Sinne schon eine Art Wirtschaftens mit Nachhaltigkeit.

Wenn Ballack das nötige Kapital hätte, wäre er schon längst auf die Trinitatisstraße*2, auf der anderen Seite des Friedhofs, gezogen. Nun, Millionär wurde er bisher nicht. Im Tode waren die Dresdner genauso knausrig, wie sie im Leben gern den Vergnügungen huldigten. Aber er wollte nicht klagen. Es blieb trotzdem ein einträgliches und vor allem konjunkturunabhängiges Geschäft. Gestorben werde immer.

Straßenschild „Tatzberg“. Foto: Heinz Kulb

Der Klau „menschlichen Düngers“

Daran konnte sich Paul Ballack noch gut erinnern. Das war nicht mal 10 Jahre her. Da wurde quasi aus Scheiße Geld gemacht. Trotz städtischer Kanalisation hatten damals noch viele Häuser ein Plumpsklo hinter dem Haus und manche auch davor. Es stank in den Straßen, besonders im Sommer. Aber der Herrgott in seiner Weisheit hatte vorausschauend vorgesorgt. Unser Riechorgan gewöhnte sich schnell an tolle und weniger tolle Düfte. Nach kurzer Weile roch man nichts mehr.

Aber wohin mit dem stinkenden Gelumpe? In die Jauchegruben gleich daneben. Dort wurden die Exkremente, auch menschlicher Dünger genannt, gesammelt. Und wer leerte diese aus?

In Dresden kamen dazu um 1900 auch noch die Landwirte aus der Umgebung. Das stank wiederum den Stadtoberen gewaltig in der Nase. Das Ärgernis las sich 1903 in der Zeitung so: „Es mehren sich in neuerer Zeit die Fälle, dass in Dresdner Grundstücken durch Landwirte Gruben, in denen menschlicher Dünger gesammelt wird, entleert werden. Entweder haben die Hauswirte die Landwirte veranlasst, die Gruben zu entleeren oder es haben sich die Letzteren an die Hausbesitzer mit dem Ersuchen gewendet, die Gruben entleeren zu dürfen.“

Die Herstellung der obrigkeitlichen Ordnung

Das war Diebstahl auf städtischem Grund. Diesem Treiben der Jaucheschöpfer hatte nun endlich der Rat der Stadt Einhalt geboten. Am 21. Juli 1905 beschlossen die Stadtväter das Ortsgesetz über die Düngerabfuhr in der Stadt Dresden.

Hiernach gehört die Entleerung sämtlicher Gruben, in denen menschlicher Dünger gesammelt wird, sowie die Abfuhr und Verwertung solchen Düngers, einschließlich der Abfuhr der Latrinenfässer zu den öffentlichen Aufgaben der städtischen Verwaltung.“ Und das ist bis heute so. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal auf dem Porzellanthron sitzen, im Smartphon ihre Nachrichten lesen oder ganz gewöhnlich in der papiernen Zeitung oder in einem Buch blättern. Dafür, also für Ihren menschlichen Dünger, richtete man die Kloake in Kaditz ein. Und die musste schließlich refinanziert werden.

Mit der Umsetzung des Gesetzes wurde die „Düngerhandelsaktiengesellschaft in Dresden“ auf dem Tatzberg 25*3 beauftragt.

Wer nicht hören wollte …

und sein Geschäft mit den Bauern weitertrieb, der bekam die Gemeindemacht zu spüren. Der Rat kannte seine Pappenheimer. Im Gesetz hieß es dazu: „Zuwiderhandlungen gegen das Ortsgesetz werden mit Geldstrafe bis zu 60 Mark (entsprechen heute 384 Euro – nach dem Kaufkraftvergleich historischer Geldbeträge der Bundestagsverwaltung -) oder Haft bis zu 14 Tagen geahndet. Die Strafe trifft sowohl diejenigen, die Düngergruben unbefugt räumen und den Dünger abfahren oder andere Personen damit beauftragen, als auch die beteiligten Grundstücksbesitzer, Grundstücksverwalter, Hausmänner und überhaupt alle, denen die Befolgung des Ortsgesetzes obliegt.“

Und unser Friedhofskünstler?

Der vertraute auf das göttliche Handwerk. Bildhauer Paul Ballack roch nur noch den „menschlichen Dünger“ und andere Bio-Abfälle, wenn die Fahrzeuge am Feierabend im Hof vom Tatzberg Nummer 25 bis 27 gereinigt wurden und der Wind aus Nordwest bis Nord wehte.

*1 Laut Dresdner Adressbuch dort gemeldet.

*2Die heutige Fiedlerstraße

*3Diese Gesellschaft ist der Vorläufer der heutigen Stadtreinigung Dresden GmbH und hat den Sitz noch auf demselben Grundstück.

Damals in der Johannstadt – von Heinz Kulb

 

Damals in der Johannstadt: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben

eingestellt am 16.05.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Faksimile der Dresdner Neusten Nachrichten. Quelle: Dresdner Nachrichten, 1910/Sammlung: Heinz Kulb

Mit Heinz Kulb hat die Stadtteilredaktion einen erfahrenen Johannstädter Autor gewonnen, der sich auf den Spuren „der ganz normalen Menschen“ durch Archive wühlt und mit spitzer Feder den Staub von vergangenen Ereignissen pustet. Nachweisbare Hintergründe, Namen, Ereignisse, Adressen sind unterhaltsam in Geschichten aufgearbeitet und geben so durch das eine oder andere Augenzwinkern den Blick auf einen vergangenen Alltag frei, der an Aktualität oft nichts eingebüßt zu haben scheint. Folge 1: Zusammenleben ist nicht einfach. 

Die Kohlrouladen hatten gemundet. Satt und zufrieden im Sessel am offenen Fenster sitzend, genoss Pensionär Daniel David seinen Verdauerli, einen Kräuterlikör. Der Duft der warmen Maienluft in diesem Frühlingsmittag des Jahres 1910 vollendete sein Wohlbefinden. Sein Geist ließ die Augenlider langsam der Schwerkraft folgen, als er von einem plötzlichen Lärm auf der Straße aus den Armen von Morpheus gerissen wurde.

Mehrere Kinder aus dem Haus und aus der Nachbarschaft hatten sich Rollschuhe angeschnallt und zogen schreiend ihre Bahnen auf dem asphaltierten Stück der Johannstädter Elisenstraße*, zwischen Dürer- und Holbeinstraße gelegen. Mit einem Fluch auf den Lippen und drohender Faust forderte David seine Mittagsruhe ein. Doch die Halbwüchsigen zeigten ihm eine Nase und drehten ihre Kreise weiter. Wütend schloss er das Fenster.

Fotomontage Elisenstraße. Bild: Heinz Kulb

Die Kehrseite des Fortschritts

Erst im vergangenen Herbst erreichte der gegenüber in der Nummer 22 wohnende Asphalthändler Adolf Ebert, dass die Stadt dieses Teilstück der Elisenstraße finanzierte und mit einem Belag von Eberts Firma überzog. Dadurch wurde es ruhiger für die Anlieger. Kein Rumpeln mehr durch die Fuhrwerke auf Kopfsteinpflaster. Nur wenig Lärm durch die neuen Automobile. Die Anwohner waren begeistert. Aber nicht lange. Da entdeckten die Kinder und Jugendlichen den anderen Vorteil der Straße. Mit Rollschuhen konnte man viel Spaß haben, zum Leidwesen der älteren Bewohner. Und es kamen immer mehr Kinder.

Wehret den Anfängen

Und das tat Pensionär David, indem er sich an seine geliebte Zeitung, den Dresdner Nachrichten, wandte. In flinker Schrift auf gutem Papier ließ er seiner Wut freien Lauf. Zunächst beklagte er sich über „das Treppenjagen von oben nach unten, das einen leidenden Menschen zur Verzweiflung bringen kann. Die vierte Etage (im Haus Elisenstraße 23) ist reichlich bevölkert, die dritte dito mit Pensionären von besseren und höheren Schulen, die zweite desgleichen. Sämtliche größeren oder kleineren Kinder jagen täglich wie die Wilden von oben bis ins Parterre.“

Dann kam das nächste Problem, das den ordnungsliebenden ehemaligen Buchhalter eines Ziegelwerkes in Striesen sprichwörtlich auf die Eiche im Innenhof des Carrés bringen konnte. „Ebenso finden es viele Bewohner bequemer, den Aschengrubendeckel mit aller Wucht zuzuschlagen, anstatt ihn am Henkel anzufassen und ruhig zuzumachen.“

Nun kam er zum Höhepunkt seiner Klageschrift. „In der Elisenstraße, zwischen Holbein- und Dürerstraße liegt Asphalt; das ist nun der Tummel-, Spiel- und Lernplatz für Rollschuhläufer sämtlicher Kinder der Umgebung, sieben Tage lang in jeder Woche bis spät in die Nacht!“

Zusammenleben ist nicht einfach

Darauf machte eine Leserin in den Dresdner Nachrichten ein paar Wochen früher als die Veröffentlichung des Leserbriefes unseres Herrn David aus der Elisenstraße aufmerksam. Als sie mit ihrer Familie in eine neue Mietwohnung zog, wurde sie erst einmal misstrauisch beäugt. Anfangs hatten sie viel mit dem Einrichten und weniger mit den Empfindlichkeiten der Nachbarn zu tun. Doch diese begutachteten jeden Schritt der Neuen. Wann sie kommen und gehen. Welche Gardinen an den Fenstern hängen. Mit welchen Möbeln sie einziehen. Wie sie gekleidet sind. Und wie sich die Rotzbengels von Kindern benehmen. In der neuen Wohnung wurde vorgerichtet, gehämmert und Möbel verrückt. Und abends halb Neun wollten sie das letzte Loch schlagen für ein Bild. Und mitten im Hämmern schellte es an der Wohnungstür.

Blick auf den Abschnitt der Elisenstraße heute. Foto: Heinz Kulb

Es war der Hauswirt. „Um Gottes Willen, was hämmern Sie noch so spät? Die Leute nebenan sind gewöhnt, um 8 Uhr abends Schlafen zu gehen. Der Nachbar hat sich beschwert.“ Die beiden Nachbarn „haben noch kein Wort miteinander gewechselt, haben sich noch gar nicht zu Gesicht bekommen und schon besteht eine gegenseitige Verstimmung.“

Andere Mieter klagten über die Rücksichtslosigkeiten ihrer Nachbarn. Da wurde doch schon um neun Uhr vormittags der Teppich im Hof ausgeklopft. Oder wenn die Gattin ihren Schönheitsschlaf braucht, trabten die Obermieter noch vor sieben in Schuhen und Stiefeln umher, weil es zur Arbeit und zur Schule ging. Dafür gäbe es doch Filzpariser für die Wohnung. Ja, so nannte man damals die Hausschuhe. Die Straßenschuhe könnte man ja im Treppenhaus anziehen, so die kritischen Mieter von unten. Und die dünnen Wände gaben stets hörbare Einblicke ins Familienleben. Egal, ob sich die Eltern stritten, die Kinder plärrten oder gerade Kindermachen angesagt war.

Und wie könnte man diese Probleme lösen?

Eine weitblickende, gutbetuchte Dame aus der Dürerstraße schlug den Lesern der Zeitung gleich sogenannte „10 Gebote für Mieter“ vor.

  1. Geht nicht ohne Not in der Wohnung in Stiefeln umher, nicht vor 8 Uhr morgens und nach 10 Uhr abends.
  2. Schließt Türen und Fenster möglichst geräuschlos.
  3. Hämmert nicht vor 8 Uhr morgens und nach 10 Uhr abends an den Wänden.
  4. Beschränkt das Teppichklopfen auf die Zeit zwischen 8 und 12 Uhr.
  5. Musiziert und übt ein Instrument nicht länger als 1 Stunde am Tag und schließt dabei die Fenster.
  6. Lasst bei offenem Fenster kein Grammophon spielen und keinen Papagei schreien.
  7. Rückt nicht die Stühle geräuschvoll über den Fußboden.
  8. Gewöhnt euren Hunden das häufige Bellen ab.
  9. Untersagt euren Kindern das laute Schreien beim Spielen.
  10. Lehrt euren Dienstboten überflüssigen Lärm bei der Arbeit zu machen.

Und wie reagierte das Hausblatt unseres Pensionärs Daniel David aus der Elisenstraße 23 auf seine Anfrage, ob nicht die Polizei wegen der Rollschuhläufer einschreiten könnte? Am 25. April 1910 las er verbissen die Antwort: „Sie könnte wohl, wird es aber kaum tun, da sie ja die Erlaubnis zum Rollschuhlaufen auf öffentlichen Straßen und Plätzen selbst erst erteilt hat.“

*Dieser Abschnitt der alten Elisenstraße ist heute ein Teil der Hans-Grundig-Straße. Der nördliche Abschnitt zwischen Gerokstraße und Florian-Geyer-Straße hat noch den alten Namen. Zwischen der Striesener und der Canalettostraße nennt sie sich Georg-Nerlich-Straße.