Pionierin der Gleichstellung: Zum 90. Todestag von Lili Elbe am 12.September 

eingestellt am 13.09.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Das Grab von Lili Elbe auf dem Trinitatisfriedhof. Foto: Philine Schlick

 

Am 90.Todestag von Lili Elbe denkt die Stadt Dresden an eine mutige Künstlerin, die mit ihrem Leben und dem selbstgewählten Namen eingetreten ist, ihre nicht-normative Geschlechtlichkeit zu leben. Am 12.September 1931 ist sie an den Folgen ihrer dritten geschlechtsangleichenden Operation in der damals in der Johannstadt befindlichen Frauenklinik verstorben. Ihre Ruhestätte befindet sich auf dem Johannstädter Trinitatisfriedhof.

An der Elbe zur Frau geworden

Die Geschichte von Lili Elbe ist nach dem Vorschlag der Benennung eines Straßenzuges nach ihr, noch einmal enger verknüpft mit dem Dresdner Stadtteil der Johannstadt. 1931, als sich die Dresdner Frauenklinik auf der heutigen Pfotenhauerstraße/Ecke Fetscherstraße befand, führte der Dresdner Gynäkologe Kurt Warnekros an seiner Patientin Lili Ilse Elvenes eine der weltweit ersten geschlechtsangleichenden Operationen durch. Kennengelernt hatte er die Frau als dänischen Maler mit Namen Einar Magnus Andreas Wegener. Dieser war bereit, zusammen mit seiner Frau Gerda Wegener,  die folgenreiche Reise anzutreten, die über das Berliner Institut für Sexualforschung schließlich nach Dresden in die Frauenklinik und zur geschlechtsangleichenden Operation führte. In der internationalen Presse wurde die Operation als eine der ersten ihrer Art als „medizinisches Wunder“ bezeichnet. Lili gab sich in Dankbarkeit für ihre in Dresden wiedergewonnene Identität als Frau den Namen „Lili Elbe“. Diesen Namen verewigt auch der Stein auf ihrem Grab am Trinitatisfriedhof.

Für Diversität und Emanzipation einsetzen

Mit seinem Votum vom 14.April diesen Jahres plädiert der Stadtbezirksbeirat Altstadt in der Johannstadt für eine Erneuerung des Erinnerns an einen Transgender-Menschen, der/die der Zeit voraus lebensverändernde Schritte für die eigene nicht-normative Geschlechtlichkeit gegangen ist. „Vom Mann zur Frau“ („Fra mand til kvinde“) heisst das Vermächtnis ihres Lebensberichtes, der posthum unter ihrem Künstlernamen Lili Elbe erschienen und Jahrzehnte später als Kino-Film mit dem Titel „The Danish Girl“ realisiert worden ist.

„Ihre Geschichte ist kein Einzelfall“, betont Annekatrin Klepsch, Zweite Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur und Tourismus: „Sie erzählt von einem Menschen, der nach seinem Platz in der Welt sucht.“ Bei allen Erfolgen bei der Gleichstellung sei deutlich, dass die Akzeptanz und Gleichberechtigung unterschiedlicher Identitäten in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, betonte die Zweite Bürgermeisterin in Erinnerung an den 90. Todestag von Lili Elbe: „Wir wollen uns weiter für eine umfassende Diversität und Emanzipation einsetzen und stellen uns gegen Hass und Vorurteile, denn wir alle prägen durch unser Handeln diese Gesellschaft“, sagte Annekatrin Klepsch.

In der Johannstadt steht nun für die Benennung der neu entstehenden öffentlichen Verkehrsfläche zwischen Pfeifferhannsstraße und Gerokstraße der Vorschlag Stadtbezirksbeirats Altstadt für eine „Lili-Elbe-Straße“. Schicksal und Tod der Künstlerin und weltweit ersten Transfrau Lili Elbe haben im Stadtteil der Johannstadt und seiner Geschichte ein eigenes Kapitel aufgeschlagen, das noch mit Spannung weiterzuverfolgen ist.

Queer-Sein in der Johannstadt

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Unübersehbar: QueerePlatte feiert Vernissage im Kulturtreff

eingestellt am 02.09.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Betty D. Fort bei der Performance. Foto: Philine Schlick

Die QueerePlatte feierte am Mittwoch die Vernissage der Fotoausstellung UNSICHTBAR im Garten des Johannstädter Kulturtreffs. Das Fest mit Sekt, Paradiesvogelgesang und Gesprächen war gleichzeitig der Abschied von Initiatorin Frederike von Bothmer. 

„Hallo, ihr süßen Hasen!“, schnurrt Milla Montag ins Mikrofon. Schon beim Sektempfang läutete sie den feierlichen Abend mit schillernder Eleganz ein. Im Trio mit ihren kessen Schwestern Chamandra Schamlos und Betty D. Fort drehen die drei Drag Queens später auf der Bühne richtig auf: Gesangseinlagen folgen auf Frotzeleien. Die drei Paradiesvögel repräsentierten in Paillettenkleidern, Tüll und Federn die wohl pompöseste Spielart der queeren Szene, die in diesem Sommer in ihrer Vielfalt ein Podium in der Johannstadt erhielt.

Milla Montag und Charmandra Schamlos bei der Moderation. Foto: Philine

Jenseits der Heteronormativität

„Queer-Sein hat so viel mehr Spektren als lesbisch, schwul und bi“, erklärt Frederike von Bothmer in ihrer Moderation. Die FSJlerin des Kulturtreffs initiierte das Projekt QueerePlatte und leistete damit Pionierarbeit im Viertel. Das Herzstück der Veranstaltungsreihe ist die Fotoausstellung, die am Mittwoch im gut gefüllten Garten hinter dem Kulturtreff enthüllt wurde. Vor Ort waren auch die jungen Künstler*innen, die sich intensiv mit dem Thema queeres Leben auseinandergesetzt hatten. Die Fotografien erzählen von Zuneigung, Einsamkeit, Schmerz, Unsichtbarkeit, der Suche nach Identität, Sexualität, Partnerschaft und Liebe.

Mari Mauermann im Gespräch über ihre Arbeiten. Foto: Philine Schlick

Frei zugängliche Kunst

Das Ergebnis sind berührende, intime Einblicke in das Leben jenseits der Heteronormativität. Sinnbilder der Verletzlichkeit, der Ohnmacht, aber auch des Aufbegehrens und der Entfaltung sind mit hohem ästhetischen und technischen Anspruch umgesetzt worden. „Bevor wir nach außen getreten sind und uns sichtbar machten, haben wir uns einen Schutzraum geschaffen“, erzählt Frederike. In einer Gesellschaft, in der die klassische Mann-Frau-Kind-Beziehung als Normalität gilt, werden abweichende Identitäten und Modelle schnell zur Zielscheibe.

Milla Montag beim Sektempfang. Foto: Philine Schlick

Deshalb sei es im Vorfeld wichtig gewesen, über die Gestaltung der Ausstellung zu diskutieren. „Wir sind eine tolle Truppe geworden“, resümiert Frederike. Es sei gelungen, eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Voller Stolz stehen die Künstler*innen an diesem Abend neben ihren Werken und erklären ihre Motivation.

Frederike van Bothmer organisierte die Veranstaltungsreihe während ihres FSJ im Kulturtreff. Foto: Philine Schlick

Besonders wertvoll sei es, sagt Frederike Bothmer, dass die Bilder frei zugänglich im Johannstädter Kulturtreff zu sehen sind. „Von hier wandern sie vielleicht an andere Orte und werden dort ausgestellt“, hofft sie. Ihr Projekt solle dazu dienen, queeres Leben sichtbar zu machen: „Queers gab es schon immer und wird es immer geben.“ Das soll insbesondere ein Stadtspaziergang „queer“ durch Dresden am 25. September zeigen, der historischen Spuren folgt. Am 14. September gibt ein Vortrag Einblicke in die Abenteuer und Herausforderungen einer queeren Reise. „Es ist wichtig zu verstehen, dass Rassismus und Postkolonialismus unweigerlich mit der Unterdrückung von Queers verknüpft sind“, betont die Organisatorin.

Blick in den Sommergarten. Foto: Philine Schlick

Mit diesen beiden Programmpunkten verabschiedet sich Frederike von Bothmer vom Kulturtreff, auch wenn sie noch bis zu ihrem Studienbeginn in Dresden verweilen wird. An diesem Abend klingen die Sektgläser und es regnet Konfetti – für das erste, unübersehbare queere Event in der Johannstadt, das hoffentlich eine bunte Regelmäßigkeit einläutet.

Das Plakat zur Ausstellung.

Fotoausstellung UNSICHTBAR

  • ab 1. September in den Räumen des Johannstädter Kulturtreffs

QueerePlatte: Ein Projekt des Kulturtreffs nimmt Vielfalt in den Fokus

eingestellt am 30.04.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Lisa Metziger und Frederike von Bothmer organisieren die Veranstaltungsreihe "QueerePlatte". Foto: Philine Schlick

„QueerePlatte“ heißt das Jahresprojekt, das Frederike von Bothmer im Rahmen ihres FSJ mit dem Johannstädter Kulturtreff plant. Es durfte dank Fördermitteln überraschend größer werden als gedacht. Ein guter Einstieg für die queere Pionierarbeit in der Johannstadt.

Frederike von Bothmer und Lisa Metziger blinzeln in die helle Frühlingssonne. Im Garten des Johannstädter Kulturtreff platzen die Knospen – ein treffendes Sinnbild, denn der Auftakt dieses Jahres ist gleichzeitig der Beginn eines Projektes, das in der Johannstadt bunte Blüten treiben und tiefe Wurzeln schlagen soll.

„QueerePlatte“ ist eine Veranstaltungsreihe aus Workshops und Filmen, die einerseits einen Raum für geschützten Austausch, als auch ein Podium für Diskussionen bieten soll. Frederike von Bothmer gestaltet das Projekt im Rahmen ihres FSJ im Johannstädter Kulturtreff und betreibt mithilfe von Lisa Metziger damit Pionierarbeit. Dank überraschend verfügbarer Fördermittel kann das Projekt über einen Ferienworkshop hinaus breiter und vielfältiger geplant werden.

„Mache ich halt selber eins!“

Frederike wollte eigentlich mit „Weltwärts“ ein Jahr in Indien verbringen. Corona warf diese Pläne durcheinander – deshalb entdeckt sie jetzt die Johannstadt. „Ich bin in Leipzig geboren und habe hier in der Region Anknüpfungspunkte“, sagt sie. Für das FSJ kam sie im September aus Frankfurt/Main nach Dresden. Sie betreute bereits kleinere Projekte und baute gemeinsam mit Freund*innen eine queere Jugendgruppe auf.

Pionier*innen der queeren Johannstadt: Frederike von Bothmer und Lisa Metziger. Foto: Philine Schlick

„In Dresden konzentrieren sich die meisten queeren Projekte auf die Neustadt“, musste sie feststellen. In der Johannstadt war in dieser Richtung wenig zu verzeichnen. „Also mache ich halt selber eins!“

Queer ist ein Wort mit einer bewegten Geschichte. Ursprünglich in den USA als Schimpfwort für homosexuelle Menschen verwendet, wandelte es sich in den 90ern zur positiven Selbstzeichnung mit politischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung.

Vielfalt kennenlernen

Der Anglizismus „queer“ bezeichnet das breite Spektrum geschlechtlicher und sexueller Spielarten jenseits des als „normal“ empfundenen Mann-und-Frau-Schemas. Das klassische Bild ist: Ein Baby kommt auf die Welt, wird aufgrund seiner äußeren Geschlechtsmerkmale als männlich oder weiblich kategorisiert und wächst mit dieser Entsprechung auf.

Für die Vielfalt des Lebens greift dieses Konstrukt zu kurz: Es gibt Menschen, die mehr als ein Geschlechtsmerkmal aufweisen, die trotz offenbar eindeutiger biologischer Merkmale ein anderes Geschlecht fühlen, Menschen desselben Geschlechts lieben … Es gibt ein körperliches, ein soziales Geschlecht und ein empfundenes Geschlecht und viele, viele verschwimmende Grenzen.

Verwirrt? Neugierig? Einen Einstieg in das weite Feld der LSBTIAQ* bietet der kostenlose Online-Workshop „Diversity für Anfänger:innen und Fortgeschrittene*“ am 10. Mai um 18 Uhr. Anne Liebeck vom Gerede e.V. gibt Einblicke in die Thematik und hilft dabei, Fragen mit der nötigen Sensibilität anzubringen. Der Gerede e.V. mit Sitz in der Neustadt ist der wichtigste Kooperationspartner des Projekts.

Workshop: Drag-Queen Make-up

Ein Ferienworkshop im Sommer richtet sich an queere Jugendliche. In Gesprächen entwickelte Ideen und eigene Erfahrungen sollen fotografisch umgesetzt werden. Hilfestellung und Anleitung geben Foto-Profis. Die entstandenen Bilder werden in einer Vernissage präsentiert und sollen auf Wanderausstellung gehen. Zusätzlich entsteht ein Ausstellungskatalog.

Darüber hinaus winken ein Drag-Queen-Make-up-Workshop, ein queerer Stadtrundgang und ein Reisevortrag.

Die angedachte Filmreihe soll nach Möglichkeit coronakonform im Garten stattfinden. „Ich habe lange recherchiert, um neue, unbekannte Filme zum Thema zeigen zu können“, sagt Frederike. Beim Salzgeber-Verleih wurde sie fündig. Die Filme sollen zum anschließenden Austausch einladen.

„Wir möchten unser Haus für neue Zielgruppen öffnen“, sagt Lisa. „Die Angebote von QueerePlatte richten sich auch an unsere Mitarbeiter*innen und sollen in das Programm des Kulturtreffs integriert werden.“ Das Ziel ist es, regelmäßige Treffen von queeren Menschen zu etablieren und den Themenbereich auch zukünftig in die Angebote einfließen zu lassen.

QueerePlatte

  • eine Veranstaltungsreihe des Johannstädter Kulturtreffs, organisiert von Frederike von Bothmer. Weitere Infos auf der Webseite
  • Instagram: @queereplatte_dd und @jokt_e.v
  • kostenloser Online-Workshop am 10. Mai um 18 Uhr: Diversity für Anfänger*innen und Fortgeschrittene*, Anmeldung: anmeldung@johannstaedterkulturtreff.de
  • Filmtermine:
    28. Mai, 18.30 Uhr   UFERFRAUEN

    9. Juni, 19.30 Uhr   Futur Drei

    20.Juni, 17 Uhr   Viva

    24. Juli, 17 Uhr   Port Authority

    4. September, 17 Uhr Rafiki