Birgit Kretzschmar: Reisevermittlung ins Reich der Fantasie

eingestellt am 15.12.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Birgit Kretzschmar mit Meister Joda und Mäxl. Foto: Philine Schlick

Von Traumreisen kann man derzeit nur träumen. Birgit Kretzschmar führt das Reisebüro „Art of Travel TMT“ am Stephanienplatz und ist trotz Lockdown täglich in ihrem Büro. Sie stellt sich dem allgemeinen Stillstand mit Gedichten, Sinnsprüchen und kecken Weisheiten des Maskottchens Theo Retisch. Ihr Geschäft wird zum Atelier und ihr Schaufenster ist jede Reise wert.

„Was die Menschen brauchen“, sagt Birgit Kretzschmar, „ist Humor.“ Sie sitzt an Ihrem Schreibtisch hinter der obligatorischen Plexiglasscheibe. Auf ihrem rechten Arm sitzt Mäxl, auf ihrer linken Schulter Meister Joda, ihre zwei Senegalpapageien, und unterhalten sich mit schief gelegtem Kopf. Um sie beim Herumturnen nicht zu stören, bewegt sich Birgit Kretzschmar in Zeitlupe, was ihren Gesten die bedächtige Würde einer Hohepriesterin verleiht.

Hintersinniges Rätsel im Schaufenster von Art of Travel TMT. Foto: Philine Schlick
Hintersinniges Rätsel im Schaufenster von Art of Travel TMT. Foto: Philine Schlick

Ein Schaufenster muntert auf

Die Reisekataloge in den Regalen ihres Büros sind seit März den Sinnsprüchen und Wortspielereien von Theo Retisch gewichen. Das ist eine vorwitzige Puppe aus geknotetem Packpapier, die mittlerweile ebenso zu „Art of Travel TMT Reisen“ gehört wie die beiden Papageien und Birgit Kretzschmar selbst.

Theo Retisch schaut verschmitzt aus Regalen, von Postkarten und Platzdeckchen. Er kneift ein Auge zu und kommentiert: „Theoretisch ist der Kunde König. Praktisch wurde die Monarchie (hierzulande) abgeschafft!“ Seit Reisevermittlung durch Corona nicht mehr möglich ist, hat sich Birgit Kretzschmar auf ihre kreative Ader verlegt.

Maskottchen Theo Retisch. Foto: Philine Schlick
Maskottchen Theo Retisch. Foto: Philine Schlick

Gedichte schrieb sie schon als Kind. „Aber die habe ich nicht aufgehoben …“ Alljährlich zu Weihnachten legte sie ihren Stammkund*innen ein Poem mit ins Weihnachtsgeschenk. „Irgendwann war es so, dass die Leute richtig drauf warteten. Die klebten sie sich in Alben oder gaben sie an Verwandte weiter.“ Aus dem Weihnachtsgedicht wurde ein Gedichtband. Es folgten bald Frühlings- und Sommereditionen.

„Dein Reisebüro lässt dich nicht im Regen stehen“, verkündet Theo Retisch im Schaufenster und es stimmt: Seine Schöpferin Birgit Kretzschmar sendet trotz geschlossenen Türen positive Signale in die Welt. Auf der Internetseite „Gedichtezauber“ veröffentlicht sie gemeinsam mit Christel Hasse und Christian Lothar-Ludwig eigene Gedichte, bietet aber auch eine Plattform für Einsendungen. Besonders ältere Menschen nehmen die Möglichkeit zum kreativen Ausdruck gerne an, sagt Birgit Kretzschmar. Die rege Beteiligung spreche für das „Land der Dichter und Denker“.

Ein Kühlschrank ist auch nur ein Mensch

Ganz aktuell ist ihr Gedichtband „Poesie eines gestohlenen Jahres“ im Selbstverlag erschienen, der entgegen ihrer Erwartungen besonders in der höherpreisigen Variante in Farbe gekauft wird. Für die Fotos aus ihrem 150-Seiten starken Bildband über eine Wanderung in der herbstlichen Sächsischen Schweiz gibt es bereits Interesse an einer gemeinsamen Ausstellung mit Aquarell-Künstler Waldemar Neubert, der derzeit im DRK-Begegnungstreff „Johann“ ausstellt.

Birgit Kretzschmar im Dialog mit ihrem Papagei. Foto: Philine Schlick
Birgit Kretzschmar im Dialog mit ihrem Papagei. Foto: Philine Schlick

„Ich habe auch schon die Idee für zwei Romane“, sagt Birgit Kretzschmar. Aber nicht immer wollen Schreibfluss und Muse so, wie sie gern möchte. Fertig gedruckt im Regal dagegen steht ihre Sammlung von Kurzgeschichten „Ein Kühlschrank ist auch nur ein Mensch“.

„Ich habe mir überlegt, was wohl wäre, wenn alle unsere Haushalts-Gegenstände reden könnten.“ Die animistischen Fantasiegeschichten hat sie ebenso zu Papier gebracht wie das Märchen von der kleinen Tanne, die unbedingt Weihnachtsbaum werden will und es sich dann doch anders überlegt.

„Ich bin jetzt da!“

„Das mit Corona wird noch eine Weile gehen“, ist Birgit Kretzschmar überzeugt. „Solange mache ich mein Hobby zum Beruf.“ Und so wird aus dem Reisebüro peu á peu eine Mischung aus Schreibstube und Galerie. „Es ist mein eigener Laden. Ich genieße es, ihn zu gestalten, wie ich möchte.“ Auch die zwei großen Volieren von Meister Joda und Mäxl finden darin Platz. Ein wenig wirkt das Büro auf diese Weise selbst wie ein Urlaubsort.

In der Tourismusbranche zu arbeiten war schon immer ein Traum, dessen Auslebung Birgit Kretzschmar in der DDR nur begrenzt möglich war. Es war zu Beginn der 90er Jahre, als sie in Familie eine Busreise nach Paris unternahm und mit der Reisebegleiterin ins Gespräch kam. Die meinte: „Wir wollen bald eine Filiale in Dresden aufmachen. Kommen Sie nächste Woche zum Fresswürfel, dort steht ein Verkaufswagen.“

Reisen um den Globus und literarische Auflüge. Foto: Philine Schlick
Reisen um den Globus und literarische Auflüge. Foto: Philine Schlick

Birgit Kretzschmar packte die Gelegenheit beim Schopf. Sie fand den Wagen und stellte sich mit den Worten vor: „Sie können aufhören zu suchen. Ich bin jetzt da!“ Ihr Selbstbewusstsein zahlte sich aus. So war bald sie es, die aus dem Wagen heraus als Selbstständige Reisen vermittelte. „Da war noch nichts mit Internet und Telefon. Das ging alles über Karteikarten!“

Kreative Exkurse vom Gedicht bis zum Hörbuch

Doch als sie eines Tages aus ihrem Urlaub in Monte Carlo kam und ihren Wagen aufschließen wollte, war dieser nicht mehr da. „Jemand hatte ihn zu Himmelfahrt angezündet“, so Birgit Kretzschmar. Ihr erstes eigenes Reisebüro eröffnete sie anschließend in der Webergasse. Dort musste sie der Altmarktgalerie weichen, bezog zwischen 1997 und 2002 ein Quartier am Fetscherplatz und landete schließlich am Stephanienplatz. Sie blickt auf 30 Jahre Berufserfahrung zurück.

Die Reisekataloge 2020 werden von Meister Joda fachmännisch zerlegt. Foto: Philine Schlick
Die Reisekataloge 2020 werden von Meister Joda fachmännisch zerlegt. Foto: Philine Schlick

Inzwischen kommen die Enkel ihrer Stammkundschaft zu ihr, um Reisen zu buchen. Die Digitalisierung sei deutlich zu spüren, berichtet Birgit Kretzschmar. „Ein klassischer Laden zieht nicht mehr“. Also geht sie mit der Zeit und macht ihre Schaufenster anderweitig sehenswert. Auch in ihrem künstlerischen Schaffen probiert sie sich in neuen Techniken aus – interaktive Hörspiele zum Beispiel, auch wenn ihr die artifiziellen Stimmen nicht umfassend gefallen. Einer Einrichtung für Menschen mit Handicap vermachte sie kürzlich ihre Podcast-Sammlung zur Freizeitgestaltung in der Krise.

Mit raschelndem Gefieder landet Meister Joda auf einem dicken Reisekatalog in einem Ständer. Eifrig schnipselt er die Kanten mit seinem Schnabel in Fetzen. Birgit Kretzschmar sieht in liebevoll an. „Den Papierberg kann ich dann versteigern. Alles selbst geschnabelt!“, scherzt sie. Als der Briefträger klopft, eilt sie schnell zur Tür. „Vielleicht ist es die Lieferung aus der Druckerei! Meine Kunden warten schon!“

Birgit Kretzschmar – Reisevermittlung und Kleinkunst

  • Dinglingerstraße 14, 01307 Dresden, am Stephanienplatz
  • www.reisebuero-tmt.de
  • www.gedichtezauber.de
  • Erreichbar auch auf Facebook unter Kunst des Reisens, AutorinBK, Theoretischistespraktisch
  • Alle Bücher gibt es bei Epubli oder unter Angabe der ISBN-Nummer im Buchhandel, T-Shirts von Theo Retisch gibt es bei Spreadshirt

Vom Reisen und Daheimbleiben – Das TUI-Reisebüro ist umgezogen

eingestellt am 07.06.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Leiterin Cornelia Raeuber an ihrem neuen Schreibtisch im TUI-Reisebüro Gerokstraße. Foto: Philine Schlick

Cornelia Raeuber ist Leiterin der TUI-Filiale in der Johannstadt und vereint zwei offensichtliche Gegensätze in sich: Standorttreue und die Lust an der Fahrt ins Ferne. Vergangenen Montag brachten sie und ihr Team den Umzug vom Bönischplatz an den neuen Standort Güntzareal über die Bühne. Es ist nicht die einzige Neuerung für das Team.

Normalerweise ist die Überwindung von Distanzen der berufliche Alltag von Cornelia Raeuber und dem Team der nunmehr einzigen TUI-Filiale Dresdens. Nach dem Shutdown der Coronakrise war ihre Hauptaufgabe die Absage und Rückabwicklung von Reisen. Traurig erzählt Cornelia Raeuber das. Aber gerade in solchen Fällen, sagt sie, ist ein Reiseveranstalter Gold wert: Ein Anruf genügt und Stornierungen nehmen ihren Lauf. „Es macht einen großen Unterschied, ob man selbst in der Warteschleife der Hotline hängt oder das abgeben kann“, weiß Cornelia Raeuber.

25 Jahre Arbeit im Reisebüro

Sie sitzt an ihrem neuen Arbeitsplatz an der Gerokstraße. Durch die großen Glasfenster lässt sich das Treiben im Innenhof des neuen Güntzareals und auf der Straße beobachten. Seit Anfang der 90er Jahre war die TUI-Filiale am Bönischplatz ansässig. „Das war der Start der Reisebüros im vereinten Deutschland“, erinnert sich Cornelia Raeuber zurück. In diese Zeit fällt auch ihr beruflicher Start. Festgelegt hat sich ihr Berufswunsch ganz klassisch nach einem Praktikum, erzählt sie.

Blick auf die neue Filiale in der Johannstadt. Foto: Philine Schlick
Blick auf die neue Filiale in der Johannstadt. Foto: Philine Schlick

„Nach einer Woche Kita wusste ich: Das ist es auf gar keinen Fall. Und nach zwei Wochen Reisebüro wusste ich: Das will ich machen!“ Das Praktikum absolvierte sie damals auf der Schießgasse bei Euro Lloyd. Seit nunmehr 25 Jahren arbeitet Cornelia Raeuber für TUI. Ein Vierteljahrhundert. Das sei „eher ungewöhnlich in der Branche“. Die Chefin liebt ihren Beruf und ist überzeugt von der Firmenphilosophie. Das macht ihr die Treue leicht.

Kundenstamm im Viertel

„Diese Freude, die man anderen mit der Gestaltung eines Urlaubs macht“, schwärmt sie. Das Reiseunternehmen TUI hat in den letzten Jahren Aufwind bekommen. Das liege, räumt Raeuber ein, natürlich auch am Wegbrechen von Konkurrenten wie Thomas Cook. Ihr gefalle, dass das Unternehmen sich quantitativ eher einschränke, als Qualität einzubüßen. „Lieber nur ein Hotel und das dann gut“, sagt sie. Das Unternehmen galt viele Jahre als das preisintensivste unter den Reiseveranstaltern. Mittlerweile sei das Angebot breiter gefächert und auch erschwinglicher.

Seit Anfang der 90er war das Reisebüro am Bönischplatz ansässig. Foto: Philine Schlick
Seit Anfang der 90er war das Reisebüro am Bönischplatz ansässig. Foto: Philine Schlick

„In Dresden gibt es noch zwei weitere TUI Reisecenter. Aber die sind privat geführt. Wir gehören direkt zur TUI. Wer auf tui.com bucht, wird von uns betreut“, sagt Cornelia Raeuber nicht ohne Stolz.

Ihren Kundenstamm aufgebaut hat das Team um Raeuber mit Johannstädter Bürger*innen. Viele von ihnen sind dem Büro bis heute treu geblieben, aber der Hauptteil der Kund*innen kommt zum Arbeiten in die Johannstadt. „Das erfährt man natürlich im Gespräch“, so Raeuber. Sie sei froh, am neuen Standort präsenter und besser sichtbar zu sein. Um den Platz im Güntzareal hatte sie sich bereits vor vier Jahren bemüht und entsprechend viel Zeit, um das Ganze vorzubereiten.

Bella geht in den Hundekindergarten

Eigentlich sei eine Eröffnungsfeier geplant gewesen. „Mit Luftballons und einer Tombola. Der Hauptgewinn war eine Reise“, sagt Raeuber wehmütig. So sei der Neustart etwas gedämpfter verlaufen als erwartet. Gute Wünsche und Blumensträuße haben die Chefin trotz Krise erreicht.

Mit den Einschränkungen der Coronakrise sei vor allem eins sehr wichtig gewesen: Geduld. Lange Ketten vom Flughafenmitarbeiter bis zum Hotelpagen seien unterbrochen gewesen. Es gehört zu Cornelia Raeubers Ethos, auch in turbulenten Zeiten eine gute Betreuung zu bieten. Auch wenn das hieß, abzusagen, zu vertrösten und Rückzahlungen einzuleiten. So langsam rege sich bei den Menschen aber wieder der Reisewille.

„Wer bis zum 30. Juni bucht, kann kann bis 14 Tage vorab kostenlos umbuchen oder stornieren. Das könnte vielen die Unsicherheit nehmen“, wirbt Cornelia Raeuber.

Blick in die neuen Räume. Foto: Philine Schlick
Blick in die neuen Räume. Foto: Philine Schlick

Cornelia Raeubers persönlicher Urlaub sei erfreulicherweise für dieses Jahr nicht ins Wasser gefallen, denn die Leiterin selbst bleibt für den Jahresurlaub im Land. Der Grund dafür hat vier Beine und heißt Bella.

Im alten Büro hatte die Bürohündin einen eigenen Hinterraum und war bekannt – nun ja – wie ein bunter Hund eben. Das neue Büro ist für den versteckte tierische Mitarbeiterin nicht geeignet, weswegen sie jetzt in den „Kindergarten für Hunde“ geht.

Zuwachs bekommt das Reisebüro zum Ende des Jahres: Ein Azubi soll zum Team stoßen. In diesem Sinne geht sie also ungebrochen weiter, die Reise in Richtung Zukunft.

TUI Reisebüro

  • Gerokstraße 11, im Güntzareal gegenüber Rewe
  • derzeit aufgrund von Corona eingeschränkte Öffnungszeiten von 11 bis 17 Uhr wochentags, Samstag von 10 bis 13 Uhr. Bitte vereinbaren Sie für Ihr Anliegen einen Termin!
  • www.tui.com/reisebuero/dresden
  • dresden3@tui-reisecenter.de
  • Telefon: 448470
  • Kontakt auf Facebook