Palaver in der Johannstadt: Pavillon an der Sachsenallee wird repariert

eingestellt am 10.09.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Das neue Dach des Palaverhauses zeigt den Sonnenstand an und verschafft der Johannstadt einen Klangraum Foto: Anja Hilgert

 

Noch hat er ein Hinkebein, der sonderbare Pavillon im Park an der Sachsenallee. Die farbigen Stelzen, aus denen der offene Kubus besteht, werden gerade ausgetauscht. Im Zuge der Restaurierung fehlen zwei Holzbalken einer blauen Ecke, die das Ganze ausser Funktion setzen. Lange war ein Rätselraten um den rot-gelb-blauen Pavillon am Stadtviertelrand kurz vor der Albertbrücke. Und lange schon steht er hinterm Absperrzaun. 

Die Farben sehen nach Kinderspielplatz aus, doch fehlt das Spielgerät. Optisch ist die Konstruktion sogar in den Boden hinein versenkt, trotzdem wirkt die ganze Sache wie schwebend. Für einen Treffpunkt steht das Gerüst allzu offen und lose in der Landschaft, es wirkt verunsichernd, ob und was da wirklich ist. Das Kunstwerk, um das es sich bei diesem Pavillon handelt, ist ein Vermächtnis an die Stadt. Die nimmt als Fürsorgetragende gerade öffentliche Gelder in die Hand, um das sogenannte Palaverhaus in der Johannstadt in Stand zu setzen. Damit ist eine Wiederannäherung möglich, denn schließlich handelt es sich bei dem Werk um ein ausdrückliches Kommunikations-Angebot.

Geheimnisvolles Szenario “Flüsterhalle”

 

Mit meinen Kindern bin ich, als diese noch kleiner waren, häufig vom Weg ab und auf die Wiese bei der Sachsenallee gezogen, wo auf farbig bunten Stelzen ein besonderes Kuppeldach stand, unter dem man nur zu flüstern brauchte und schon wurde das Gesagte laut und deutlich in den Raum übertragen. Eine tolle Akustik war unter dem Dach und es machte uns Spaß, mit der Lautverstärkung und dem Hall zu spielen, uns zuzurufen, wenn wir wechselnd an den blauen, gelben und roten Pfeilern standen, die in rätselhafter geometrischer Ordnung die Überdachung tragen.

Im Gespräch mit Nachbarinnen wurde mir das geheimnisfrohe Szenario dann als „Flüsterhalle“ benannt. Erst jetzt, da die minimalistische kleine Halle restauriert wird, habe ich gelernt, dass es sich um ein gar nicht unbedeutendes Kunstwerk handelt. Der über Dresden und Deutschland hinaus weltweit bekannte Künstler Georg Karl Pfahler hat es unter dem Titel „Palaverhaus“ an dem speziell ausgesuchten Ort in der Johannstadt aufgestellt. Jetzt will ich wissen, warum gerade da, wo doch nichts los ist und inwiefern es ausgerechnet hierhin passt.

 

 

Inmitten von Grün ragt aus gelben, bauen, roten Balken der Pavillon. Fotos: Anja Hilgert

 

Städtisches Nirgendwo in Bewegung versetzen

Georg Karl Pfahler errichtete 1997 sein sogenanntes Palaverhaus im Zuge einer städtischen Förderung von Kunst im Stadtraum. Seine Farb-Raum-Plastik besteht aus den Grundformen Kreis, Drei- und Viereck sowie den Grundfarben Blau, Rot, Gelb im Gerüst und Schwarz beziehungsweise Weiss in der Kuppel. Das Palaverhaus ist ein Geschenk des Künstlers, das die Stadt für die Öffentlichkeit im Aussenraum verwahrt. 

Als pensionierter Direktor der Galerie Neue Meister im Dresdner Albertinum, nannte Ulrich Bischoff, der den Anschluss der Dresdner Museumslandschaft an die Gegenwartskunst maßgeblich vorangetrieben und inspiriert hat, die persönliche Begegnung mit Künstlern wie Georg Karl Pfahler als die wichtigste Bestätigung und Bestärkung seines oft angefochtenen Enthusiasmus für zeitgenössische Kunst.

Neue Kunst, die direkt vor Ort interpretiert werden kann. Foto: Anja Hilgert

Anstelle des Halbdunkel ein Pavillon

Beim Johannstädter Aufstellungsort des Palaverhauses handelt es sich um einen eher unattraktiv anmutenden, von Verkehrsachsen ausgesparten Fleck einer Grünanlage mit alten Eichen. Auf den umgebenden Straßenzügen verkehren vierspurig Autos, rauschen unzählige Fahrräder entlang und die Straßenbahn rattert. Spaziergängerinnen verschlägt es selten hierher. Erst dadurch, dass das eigenwillige Häuschen dort steht, kommt dem Nirgendwo Aufmerksamkeit zu.

Häufig übernimmt Kunst diese Funktion, Stellen des öffentlichen Raums zu beleben, die ansonsten leer, trist und verlassen wären. Auf den normgerecht aufgestellten Bänken treffen sich meist nur Gruppen, die sich wohl im Halbdunkeln fühlen.

Die dreidimensionale Form der Skulptur eignet sich vorzüglich, um unbewegten Raum zu aktivieren. Skulpturen enthalten immer die Einladung, sich um sie herum zu bewegen. Eine gut gelungene Skulptur bezieht den Betrachter körperlich mit ein, versetzt ihn dazu, seinen Standpunkt zu verlassen, andere Positionen einzunehmen, um einen Gesamteindruck zu erlangen.

 

Linien, die in den Raum ausgreifen              Foto: Anja Hilgert

 

Palaver anstatt koloniales Denken

In dem kleinen Park, am heutigen Sachsenplatz, wo sich das Palaverhauses befindet, stand bis unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein großes Kolonialkriegerdenkmal – als zweites Exemplar seiner Art in ganz Deutschland: Zu Ehren der Kolonialkrieger, die für Deutschland als Kolonialmacht im sogenannten Deutsch-Südwestafrika gekämpft und ihr Leben gelassen hatten. Im Januar 1947 war dieses Denkmal als kolonialistisch und kriegsverherrlichend erkannt und restlos beseitigt worden. Überreste des rückgebauten Kolonialkriegerdenkmals waren dennoch geborgen worden und sind bis heute in der Vorhalle der Garnisonskirche angebracht.

Somit tritt das Palaverhaus als künstlerische Interaktion vor Ort eine zeitgenössische Nachfolge an und bringt sich selbstermächtigt ins zeitpolitische Geschehen ein. Allein aus diesem Gesichtspunkt wirkt es anregend für gesellschaftliche Diskurse.

 

Dem blauen Würfel fehlt eine Ecke Foto: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

 

 

 

30.000 Euro für den Erhalt

Da es sich bei dem Ausstellungsort um ein Aussengelände und bei den verwendeten Materialien um Holz und Glas handelt, ist das Kunstwerk entsprechend stark der Witterung ausgesetzt. Das Dach war zuletzt zersplittert und zerfetzt, und mit zu befürchtender Baufälligkeit war das Palaverhaus hinter absperrende Gitter gesetzt worden. Es war in den vergangenen Jahren nicht mehr zugänglich.

Wie das Dresdner Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft mitteilt, dient die derzeit laufende Instandsetzung der Wiederherstellung der Verkehrssicherheit und Nutzbarkeit und wird durch das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, gemeinsam mit dem Amt für Kultur und Denkmalschutz, durchgeführt: „Schwerpunkt der Arbeiten ist die Erneuerung des Daches und die Wiederherstellung der Tragfähigkeit der Balken und Streben. Zur Zeit sind knapp unter 30.000 Euro beauftragt,“ informiert Jörg Lange vom Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft. Das pavillonartige Objekt aus Balken und Streben mit gläsernem Dach sei „ein Angebot als Kommunikationsort“, teilt Lange weiter mit. Inzwischen hat das Häuschen ein neues prächtiges Dach erhalten, das hoffentlich lange gewertschätzt und gepflegt wird.

 

 

Eine Kuppel wie schwebend unter dem Himmelszelt Foto: Anja Hilgert
Sonnenwanderung durch die zwölf Segmente des Kreises. Fotos: Anja Hilgert
Die Witterung trübt schon mal das Zeitgefühl. Foto: Anja Hilgert

 

 

 

Ein Ort, der Dynamik und Ruhe auslotet

Entgegen seiner bautechnisch stabilen Konstruktion erscheint der Pavillon beim Näherkommen dynamisch und in sich beweglich. Im Zugang auf das Kunstwerk kippen die Linien, spreizen sich die Streben vermeintlich weit in den Raum, als optischer Effekt. Die farbigen, wie Mikadostäbe tanzenden Balken verleiten dazu, um die Skulptur herum, sogar durch sie hindurch zu gehen. Ein Besuch im Palaverhaus wird von selbst spontan und spielerisch. Es bildet sich ein Bezugsfeld, das zum Experimentieren einlädt.

Auf die kreisrunde gepflasterte Standfläche auf der Erde antwortet das runde lichtdurchlässige Kuppeldach, das über gelben Pfeilern im Inneren eines blauen Kubus ruht. Ruhe und Dynamik verschränken sich ineinander. In den Boden eingesenkte rote und himmelwärts aufstrebende blaue Dreiecke kreuzen sich wie zur Form eines Yantras, einer fernöstlichen Meditationsform, die auf geometrischen Grundformen beruht.

 

 

Der Erde zugewandt                Foto: Anja Hilgert

 

Himmelwärts geöffnet Foto: Anja Hilgert

 

 

Wo einst das kolonialistische Kriegerdenkmal stand, steht heute eine Raumskulptur, die an Ort und Stelle die offene Auseinandersetzung initiiert. Für Menschen, die es besuchen, wird das Palaverhaus zum Ort, der Dynamik und Ruhe kreativ auslotet. Er lädt ein zur Wahrnehmung von Bewegung, Bezug, Positionierung, Wechselspiel, Austausch und Reibung. 

Die Kuppel als Dach verstärkt die Akustik des Standorts und schafft einen klaren Klangraum, der zur Benutzung einlädt! Johannstädter*innen sind herausgefordert, ihre vielen Stimmen im Stadtteil verlauten, klingen zu lassen! Für mehr Palaver!

 

 

Erneuert und hoffentlich bald wieder frei zugänglich: Das Johannstädter Palaverhaus Foto: Anja Hilgert

 

 

Lebensnah palavern

Mitunter trägt der Begriff Palaver, vor allem im Deutschen einen leicht negativen Beigeschmack – gemeint ist das ewige Palaver als belanglos scheinende, sich im Kreis drehende Debatte, die ausser viel Wind nichts bringt.

In meiner moselfränkischen Heimat in Trier ist es ein gängiger Spruch zu jemandem, der viel Tumult und Aufhebens um eine so wichtig nicht scheinende Sache macht: „Mach net so en Balava!“ Auch Kinder, die lauthals und tollend um eine Sache zanken, machen „Balava“. Dieses Balava wird als unnötig eingeschätzt.

Beim Palaver als Form des offenen Austauschs geht es aber gerade darum, Turbulenzen und Unstimmigkeiten nicht zu unterdrücken, sondern alles zu Gehör zu bringen, was vorliegt, um eine tatsächlich umfassende Sicht aller Beteiligten zu erhalten. So kann eine Sache ohne blinde Stellen, für alle klärend ausgehandelt werden.

In allen alten Kulturen wurden regulär Zusammenkünfte gepflegt, bei denen zum Wohl der Gemeinschaft sämtliche Betroffenen gehört wurden, um die Gruppe entscheidungsfähig zu machen.

In vielen Kulturen Afrikas gilt das Palaver als Form von großem Gespräch, zu dem die Beteiligten in den Kreis gerufen werden. Es geht darum, vor Entscheidungen locker ins Reden miteinander zu kommen und dabei das Gegenüber, mit dem gemeinsam eine Entscheidung zu erringen ist, besser kennenzulernen. Palaver ist lebensnah, authentisch und unmittelbar.

Vom Wort her stammt Palaver vom Lateinischen Begriff parabola, der im Italienischen immer die erzählte Geschichte oder Erzählung meint, genauso wie im Portugiesischen palavra das Wörtliche oder Gesprochene der Rede meint.

Das Palaverhaus, wie es heute da steht, bietet die Möglichkeit, sich miteinander in aller Offenheit zurückziehen und ein Palaver abzuhalten, zum Begegnen, Kennenlernen und Kontakte-Knüpfen genauso wie zur Aussprache, um etwas auszuhandeln. Für die Johannstadt mit ihrer Vielfalt unterschiedlichster Menschen und kontroverser Stimmen ist das gegenwärtig tatsächlich ein Geschenk.

 

Offen für Johannstädter Palaver. Foto: Anja Hilgert

 

Über den Künstler und seine Kunst

Georg Karl Pfahler stammt aus Süddeutschland. Geboren 1926 in Bayern, gestorben 2002, studierte er an den Kunstakademien Stuttgart und Nürnberg, wo er später selbst als Professor unterrichtete. Für die Nachkriegsjahre im Europa der 1950er Jahre war künstlerisch die gegenstandslos figurative Richtung des Informel prägend. Auf ausgedehnten Studienreisen lernte Pfahler europaweit viele der berühmtesten Künstler seiner Zeit persönlich kennen.

Ab Anfang der 1960er Jahre reduzierte er seine bildnerischen Mittel immer weiter auf minimierte Farbgebung und geometrische Grundformen, um deren Beziehungen, Konstruktions- und Wirkungsweisen im Raum zu erforschen. Die innovativen Impulse des Abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei weckten sein Interesse, künstlerisch neue Dimensionen zu erforschen. In seiner Malerei folgte er den Wechselwirkungen von Form, Farbe, Raum und Oberfläche  und landete so im Stil des sogenannten Hard Edge. Als vielleicht weitverbreitetstes Werk des Hard Edge in Deutschland kann das später 1970 von Günter Fruhtrunk gestaltete Design der Aldi-Nord-Plastiktüte gelten.

Die Pioniere des Hard Edge waren amerikanische Künstler, die die internationale Kunstszene eroberten und die Pfahler z.T. persönlich kannte. In Deutschland blieb die Wahrnehmung zunächst weitgehend aus, da zahlreiche Künstler, die Juden waren, nach dem Krieg nicht darum eiferten, in Deutschland auszustellen. Pfahler dagegen vertrat mit seiner scharfkantigen, vereinfachten Malerei bereits ab Mitte der sechziger Jahre die Bewegung des Hard Edge und stellte als einziger zeitgenössischer deutscher Künstler gemeinsam mit den bekannten amerikanischen Malern dieser Richtung aus.

1970 vertrat Pfahler als einer von vier Künstlern die Bundesrepublik Deutschland auf der Biennale di Venezia und gestaltete mit großflächigen abstrakten Wandmalereien das Entrée des Deutschen Pavillons. Er erlangte mit seiner Malerei den Durchbruch auf internationalen zeitgenössischen Kunstausstellungen.

Georg Karl Pfahler blieb seiner künstlerischen Bildsprache sein Leben lang treu. Seine in der Malerei erkundeten Gesetzmäßigkeiten übertrug er in bildhauerische Objekte, z.B. in Form eines Teehauses im elterlichen Garten oder 1997 mit der Plastik des Johannstädter Palaverhauses.

Für den Ältestenrat des Deutschen Bundestags gestaltete er 1999 das Innere des Sitzungssaals im Reichstag in Berlin, sowie zahlreiche Fassaden und Wandflächen u.a. von Schulen.

Palaver in der Johannstadt

 

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