Johannstädter Gemeinschaftsgärten für biologische Vielfalt ausgezeichnet

eingestellt am 21.10.2020 von Anja Hilgert (Stadtteilredaktion), Headerbild: Beete anlegen für Artenvielfalt im städtischen Lebensraum Foto: Andrea Schubert

Dieses Jahr 2020 ist das letzte Jahr des Handlungszeitrahmens, mit dem die Vereinten Nationen den Schutz der Artenvielfalt zum Programm erhoben haben: Die UN-Dekade für biologische Vielfalt läuft von 2011 bis 2020 und soll die Bedeutung der Artenvielfalt für unser Leben bewusst machen und aktiv Handeln anstoßen. Deutschland hat zusätzlich die nationale Strategie der Naturschutz-Offensive 2020 deklariert, um Maßnahmen zum Schutz und der Erhaltung der biologischen Vielfalt mehr Aufschwung zu versetzen. In Dresden sind bereits mehrere „Projekte der Artenvielfalt“ entwickelt worden,  die neueste Auszeichnung erhielten die Gemeinschaftsgärten des UFER-Projekte Dresden e. V., darunter auch der Bönischgarten, unter Liebhabern kurz Boeni genannt, in der Johannstadt.

Die Gemeinschaftsgärten des UFER-Projekte Dresden e. V. sind als Projekt der „UN-Dekade biologischen Vielfalt“ ausgezeichnet worden. Bürgermeisterin Eva Jähnigen überreichte im Rahmen des UN-Tages zur Biologischen Vielfalt die auszeichnende Urkunde stellvertretend an Mitglieder des Vereins.

Ausgezeichnet in der Johannstadt

Einer der acht Gemeinschaftsgärten der nun ausgezeichneten UFER-Projekte ist der Bönischgarten in der Nördlichen Johannstadt. Wo einst eine öde Durchgangsfläche leer und unbeachtet zwischen Wohnblocks lag, grünt jetzt aus hochgebauten Beeten von Blumen bis Gemüse, was das Herz begehrt. Kapuzinerkresse leuchtet alarmierend rotorange und Sonnenblumen wachsen meterhoch und winken, wenn der Wind durch weht. Kleine und große Hände graben hier in der Erde, säen, pflanzen, hüten und stiften einen Ort, wo Farben, Düfte und Früchte wachsen. Selbstgebaute Palettenmöbel laden ins Viertel hinein verschiedenste Personengruppen zum Verweilen ein, auch morgens früh oder nächtlich spät.

Der Bönischgarten auf der Freifläche hinter Ärztehaus und Kaufhallen in der Nördlichen Johannstadt. Foto: Andrea Schubert

Der Bönischgarten ist wie die anderen Gemeinschaftsgärten auch ein urbaner Ort für Begegnung im Grünen, Nachbarschaft und kulturellen Austausch, wo vorher eine unbelebte Fläche war. Das Grundstück umfasst rund 1300m2 und ist von der Stadt gepachtet, zunächst im Rahmen einer Zwischennutzung. Seit April 2017 geht es hier darum, gemeinsam einen Garten oder grüne Oase entstehen zu lassen, zu bauen und zu spielen, zu backen und zusammen zu entspannen. Viele haben einander über den Bönischgarten erst kennengelernt und gemeinsame Interessen entdeckt.

Neben dem Gärtnern steht das Entstehen einer offenen Nachbarschaftsgemeinschaft im Vordergrund: Alle Beete werden gemeinschaftlich in Mischkulturen angelegt und gepflegt und die Erträge gemeinsam geerntet und vernascht. Anwohner*innen, Vereinsmitglieder und Gäste können gemeinsam ausprobieren, lernen und ernten. Der Verein bietet offene Gartenzeiten, Abendbrotrunden, Workshops und Bildungsangebote zur Bewahrung und Förderung von biologischer Vielfalt.

Auf einstigen Brachflächen Rosen blühen lassen!     Foto: Andrea Schubert

Mehr Mitstreiter*innen für Artenvielfalt

Mit dem Förderprogramm der UN-Staaten UN-Dekade für biologische Vielfalt sollen international mehr Mitmenschen für die Bedeutung der Artenvielfalt unter den Lebewesen dieser Erde sensibilisiert werden. Das Bewusstsein und die Achtung zu entwicklen, als Mensch die Fülle der Angebote der Natur frei zur Verfügung zu haben und für sich nutzen zu können, ist ein Appell ans kollektive Verantwortungsbewusstsein. Ein partnerschaftliches Verhältnis mit der Natur einzugehen, ein weiterer Schritt des Umdenkens, das durch die UN Dekade befördert wird. 

Als wichtigstes Element gilt das lokale Engagement für Erhalt und Garantie der Artenvielfalt innerhalb eines bestimmten Lebensraums. Die gärtnernde Gemeinschaft um den Bönischgarten tut dies beispielgebend und mit Lustgewinn in der Johannstadt. Zur Erhaltung, Kultur und Pflege von Pflanzen zählt auch die Saatgutgewinnung und Saatgutsicherung sowie die Weitergabe von Wissen insbesondere an jüngere Generationen: Kinder und Jugendliche herzlich willkommen!

Kleine Hände, die nach Schätzen graben    Foto: Andrea Schubert

Der Themenschwerpunkt der letzten beiden Dekaden-Jahre 2019/2020 ist den Insekten gewidmet als artenreichster Tiergruppe. Bei aller Kleinheit und Winzigkeit die immense Bedeutung hervorzukehren, die Insekten für den intakten Kreislauf der Natur haben, ist ein dringliches Anliegen des Aktionsbündnisses. Denn immer mehr Arten, die wir als selbstverständlich vorhanden voraussetzen, leben an der Grenze zum Aussterben: Schmetterlinge, Bienen, Hummeln, um nur diese drei zu nennen, sind durch vom Menschen betriebene intensive Wirtschaftsweisen in ihren natürlichen Lebensräumen bedroht, mit Folgeschäden für das gesamte Ökosystem, Lebensgrundlagen menschlichen Lebens inclusive. 

Der Kreis schließt sich und macht deutlich, wie der Schutz der Artenvielfalt die Erhaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen bedingt.
Projekte, die im Zuge der UN Dekade ausgezeichnet werden, nehmen mit ihrem Engagement für den Erhalt der Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten eine Vorbildfunktion ein. Mit der Auszeichnung soll auf beispielgebende Initiativen aufmerksam gemacht werden, um so weiteres Interesse für die biologische Vielfalt in der Breite der Bevölkerung zu wecken und mehr Mitmenschen zu motivieren, ebenfalls aktiv zu werden.

Wer Interesse hat und mitmachen will, kann direkt Kontakt aufnehmen: Vor Ort oder unter email hidden; JavaScript is required!

Weitere Informationen

Wachsende Freude: Im neuen Gemeindegarten an der Trinitatiskirche ist Erntezeit

eingestellt am 25.09.2020 von Philine Schlick (Stadtteilredaktion), Headerbild: Sebastian Erdbeer ist Arzt am Josef-Stift. In seiner freien Zeit kümmert er sich um den Gemeindegarten. Foto: Philine Schlick

Wo vorher ein zerzauster Wäscheplatz war, gedeihen jetzt Kürbisse, Auberginen, Physalis und Sonnenblumen. Sebastian Erdbeer heißt der Mann mit dem grünen Daumen, der den Impuls gab, am Gemeindezentrum neben der Trinitatiskirche einen Garten anzulegen. In ihm treiben auch die gefällten Linden vom Spielplatz Pfeifferhanns-/Florian-Geyer-Straße wieder aus.

„Ich dachte mir, es kann nur schöner werden“, sagt Sebastian Erdbeer, der sich selbst als „passives Gemeindemitglied“ bezeichnet. Nun, nach Passivität sieht der Garten, den er gemeinsam mit Juliane Assmann vom Projekt „Anders wachsen“ und einer Handvoll Helfer*innen geschaffen hat, nicht aus.

Ein Garten zum Lernen

Auf angehäuften Beeten ranken sich Kürbispflanzen, Malven nicken im Wind und Amseln hüpfen im dichten Blattwerk. Ein halbes Jahr erst ist der Gemeindegarten alt. Er ist frei zugänglich für alle – ein Angebot, das gern genutzt wird. „Guck mal, Mama! Ein Kürbis!“, ruft ein Junge begeistert vom Gehweg aus.

Nicht nur Kürbisse gedeihen im Gemeindegarten. Foto: Philine Schlick
Nicht nur Kürbisse gedeihen im Gemeindegarten. Foto: Philine Schlick

Tatsächlich war es das ursprüngliche Ansinnen, den Kindern des ansässigen Johannes-Kindergartens den Ursprung ihres Essens näherzubringen. Mit Erfolg: Begeistert wurden Haferkörner untersucht und Sonnenblumen gepult, erzählt Sebastian Erdbeer, dessen Sohn die Kita besucht. Mittlerweile ist der Gemeindegarten zu einem allseits beliebten Anlaufpunkt geworden – spätestens seitdem es die Bänke gibt.

Sitzbank und Tor wurden von Jugendlichen gestaltet. Foto: Philine Schlick
Sitzbank und Tor wurden von Jugendlichen gestaltet. Foto: Philine Schlick

Aus besonderem Holz geschnitzt

Die überdachte Sitzgelegenheit aus grobem Holz wurde von Jugendlichen unter fachmännischer Anleitung Ende August gezimmert. Die Idee kam von Pfarrer Tobias Funke. Gefördert wurde das Projekt mit Geldern des Stadtteilfonds. Auch das Eingangstor zum Garten wurde so gestaltet.

Aus besonderem Holz sind die Beet-Einfassungen und der Kompost geschnitzt. Als im Innenhof Pfeifferhannsstraße-/Florian-Geyer-Straße Linden und Ahorne für breitere Feuerwehrzufahrten fielen, wandte sich Sebastian Erdbeer an die WGJ, die ihm das Holz zur Verfügung stellte. Die Linden haben an der neuen Erde Gefallen gefunden und nutzen ihre Chance auf einen zweiten Frühling.

Die Linden treiben im Gemeindegarten wieder aus. Foto: Philine Schlick
Die Linden treiben im Gemeindegarten wieder aus. Foto: Philine Schlick

„Wir fangen gerade erst an“

Sebastian Erdbeer zog mit seiner Familie vor vier Jahren nach Dresden. Erdbeer ist Arzt am Josef-Stift. Seinem Hang zum Gärtnern ging er in der Brache am Plattenwerk nach, indem er Frühblüher und Schößlinge pflanzte. Zuvor waren die „Hinterhof-Versuche“ an seinem Wohnhaus gescheitert. Es war schlicht zu dunkel für Pflanzen.

Im Wäscheplatz vor dem Gemeindezentrum schließlich erspähte er einen guten Platz für sein Garten-Faible. Der Vorstand zeigte sich offen für den Vorschlag. Bevor los gesät werden konnte, musste noch Erde herangeschafft werden. Die kam kostenfrei von der Humuswirtschaft. Über dem Schutt thronen jetzt Blüten und Früchte.

Salat schmeckt nicht nur Menschen gut. Foto: Philine Schlick
Salat schmeckt nicht nur Menschen gut. Foto: Philine Schlick

Sebastian Erdbeer zeigt auf zart sprossendes Grün: „Hier kommt schon der Spinat, Postelein und Asia-Salat.“ Die, erklärt er, sind frostunempfindlich und können jetzt gesät werden. Etwas verärgert zupft Sebastian einen welken Salat von der schwarzen Krume. Mit sicherer Bewegung fährt seine Hand in die Erde und bringt den Verursacher zutage: Ein Engerling wollte hier nach seiner Mahlzeit den Winter verschlafen. Ich lege eine gutes Wort für ihn ein – schließlich sieht der Salat wirklich sehr lecker aus.

Erfahrungen für die nächste Saison

Mit dem Herbst bricht die Erntezeit für den Garten an. Der letzte Arbeitseinsatz soll mit Kürbissuppe beschlossen werden. Doch Pläne für die kommende Saison reifen bereits: Kornelkirschen sollen die Lücken in der Hecke füllen, Tomaten sich an den Wäschestangen hochranken. Für ein halbes Jahr wurde bereits viel vollbracht. „Wir fangen gerade erst an“, sagt Sebastian Erdbeer.

Gemeindegarten an der Trinitatiskirche

  • Fiedlerstraße 2, 01307 Dresden
  • am Zaun befindet sich eine kleine Saatgut-Tauschbörse
  • Saatgut kann auch zum Bundschuhstraßenfest getauscht werden