Gespür für Schnee — Ein Winterwimmelbild in der Johannstadt

eingestellt am 19.01.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Winterlandschaft mit frohen Tupfen. Foto: Anja Hilgert

Winterweiße Weite — wie hat das gut getan: Die ganze Welt und alles darin verhüllt in Schnee soweit die Blicke reichen. Wie erfreulich, wie erlösend, als endlich mit diesem Wochenende sogar hier unten im Talkessel sich die Schneedecke über die innerstädtische Bewohnerschaft niedersenkte.

Und dann die Frage: Darf man sich freuen, an den vielen kunterbunten Tupfen und Punkten im Bild, die über die weißen Wiesen und Grünanlagen sich bewegen, kullern, drehen, springen, gleiten — darf man sich freuen, denn es sind Menschen, die sich da in der Winterlandschaft tummeln.

Menschen, die sich bewegen, zu Fuß, auf Skiern, mit Schlitten! Stadtbewohner*innen mit ihren Kindern, große und kleine, die einzeln und in kleinen Gruppen die Gelegenheit nutzen, endlich, endlich auch in den Schnee hinaus zu ziehen, den wir in solcher Ausschließlichkeit seit Langem nicht mehr hatten.

 

Bunt gepunktete Johannstädter Winterlandschaft.   Foto: Constanze Böckmann
Foto: Anja Hilgert

Gespür für Schnee

Alle diejenigen, die in den vergangenen Januarwochen artig im 15-Kilometer-Radius verblieben sind, die keine Hütte, kein zweites Häuschen, auch keine engen Verwandten haben, vielleicht nicht einmal ein Auto, um in die Zittauer oder Lausitzer Hügel oder gar ins verschneite Erzgebirge zu entfliehen, folgten ihrem Gespür für Schnee. 

Denn es war richtig, richtig Winter geworden. Winter, der schneekristallklar und eisig schneidend die ganze Umgebung in ein reines, klares Erscheinungsbild bringt, Konturen stärker zeichnet, Strukturen deutlicher malt, um alles Wesentliche in volle Sichtbarkeit zu heben.
Eine Zauberwelt aus Eisjuwelen, Klarheit und Sternchenglitzer.

 

Winterüberraschungen   Fotos: Anja Hilgert

 

Mit wippender Zipfelmütze im Winterwimmelbild

Das Sehnen wurde erhört. Petrus öffnete die Himmelspforten und Frau Holle schüttelte ihre Betten über uns aus. Die Menschen alle antworteten mit purer, kindlicher Freude. Zogen die bunten Anzüge und Jacken, Schneestiefel und Zipfelmützen an und wippten damit durchs Bild der unendlich weißen Landschaft.

Sogar an einem Montag, der doch im Normalgetriebe menschenleer in seinem Wochenanfangs-Takt verläuft, waren die Hänge bevölkert und Kinderscharen mit und ohne Eltern waren draussen, an der frischen Luft, mit hochroten Wangen. Die Ufer entlang der Elbe gaben ein Winterwimmelbild.
Ausgelassen den Hang runter rutschen, sich ganzkörperlich in die Schneemassen stürzen, mit der treibenden Flockenherde tanzen oder rücklings im Schnee liegen, mit Armen und Beinen rudernd zum Engelchen werden: So ist Winterwonne. Wirklich witzig, wie ausgerechnet der Winter, dieser harte Geselle wirkt, wenn er wie wild das Kind in dir weckt.

 

 

 

Figuren im Schnee und neue Formen der Besiedlung. Fotos: Anja Hilgert

So viele Schneemänner und überhaupt Schneekunstwerke wie in diesem Jahr hat die Stadt wohl noch nicht gesehen. Klar, jetzt war die Chance, mit Kindern oder ohne, auch allein, einfach nur ‘raus zu gehen, gemeinsamen Spaß und etwas zum Staunen zu haben.

 

Wer rollt die dicksten Kugeln

Pulver- oder Pappschnee, verharscht oder schon matschig, der Schnee kam in jeder Konsistenz gerade recht: Hauptsache, es war Material genug da. Die Wiesen hatten zum Glück für alle genug zu bieten. Es wurden Kugeln gerollt in sämtlichen Dicken und Größen, manche nur mit vereinter Kraft überhaupt noch zu drehen, manche liebevoll filigran wie aus Marmor so glatt. Mancher Mann war herausgefordert, die immer größer werdende Rolle zu stemmen und Kinder riefen vereint ihre Kräfte zusammen und packten mit Hau und Ruck eine auf die andere Kugel, größer als sie selbst übereinander.

Eiskugel-Rollen Fotos: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

Ideen, wie dem ungehemmt rieselnden Weiß zu Leibe zu rücken war, gingen nicht aus. Mit Schippe, Plaste oder Tüte, mit verlorenem Handschuh und bloßen Händen oder mit Eimerchen und Schaufel — die Leute ließen sich alles mögliche einfallen, um den unbändigen Schnee zu formen.
Soviel Eifer und Kreativität, wo doch klar ist, dass es fast nur für den Moment und auf gar keinen Fall für die Ewigkeit ist, was da geschaffen wird.

Voller Eifer im Moment

Das haben Ronja und Pauline erfahren, denen ihr erstes Schneekugelhaus am Ende eingekracht wurde. Oder Luna und Auri, die den Kugelturm ihres Schneemannes eingestürzt fanden, als sie am nächsten Tag wieder gucken waren. Trotzdem fingen sie gleich wieder von vorne an. Und innerhalb einer Stunde so viele Kugeln zu rollen, um mannshoch ein Haus daraus aufzutürmen — das ruft nach Stadtmeister*innenschaft!

 

In nur einer Stunde errichtet: Johannstädter Eiskugelhaus Foto: Anja Hilgert

 

Bautechniken gibt es viele. Jede*r weiss noch einen Kniff, wie es besser hält, wie vielleicht noch ein eingefügter Stock die Ärmchen oder Bausteine verbindet und die Kugeln doch noch von aussen verschmiert und geschmirgelt besser haften, um gut und lange dazustehen.
Die städtische Landschaft jedenfalls erlebte einen Schmuck, der den diesjährigen Winter kürte. Und ja, in blanker Freude am Vergnügen lauter Schönes hervorbrachte.

 

Lauter Wasser

Wenn sie scheinen würde, die Sonne, ließe sich dieses Lied gut anstimmen und würde das Drama, das sich nun binnen eines Tages abspielt, mildern. Mit einem Mal schwindet die ganze wunderbare Welt der noch jungen Geschöpfe.

Nun scheint die Sonne so hell sie kann,
vor dem Walde, vor dem Walde.

Da fängt der Schneemann zu schwitzen an,
vor dem Walde, vor dem Walde.

Über uns, die wir nassgrau noch mitten im Januar stecken, ist weder der Himmel blau, noch strahlt die Sonne. Für Frühlingsgefühle ist es längst noch zu früh. Die Zeichen stehen eher nach Verlängerung des Einerleis.

Vor Wut wird er schon ganz gelb und grau,
und immer glänzt der Himmel klar und blau,
vor dem Walde, vor dem Walde.

Vielleicht werden nun, nach dem Getobe draußen, noch ein paar Erinnerungen zu Papier gebracht. Vielleicht wird in der Wohnung das Grinsen von manchem Schneemann noch ein bisschen in die Breite gezogen und es entsteht ein bunt gemaltes Winterwimmelbild, ein Gedicht, eine Schneegeschichte?

Ach, armer Schneemann, was wird aus Dir?
Lauter Wasser, lauter Wasser.

Von Hals und Nase schon rinnt es hier,
immer nasser, immer nasser

Die Zeit vergeht, kommt der Frühling her;
Die Lerche singt: „Hier ist kein Schneemann mehr,
lauter Wasser, lauter Wasser.“

Die Schwalbe ruft: „Er ist nicht mehr dort
Vor dem Walde, vor dem Walde!“

Der Rabe schreit: „Er ist endlich fort
Vor dem Walde, vor dem Walde!“

Wer Lust hat, malt und klebt und schreibt und dichtet und schickt seinen Beitrag an die Stadtteilredaktion, die dieses wunderbare Erleben von echtem Winter mit Euch gern in die Länge ziehen würde! 

Der Bach, der fließt durch das helle Land,
die Blumen blühen, wo der Schneemann stand,
vor dem Walde, vor dem Walde.

 

Fensterbrettschneemann Foto: Beate Sachsenweger

 

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