Vogelhochzeit in der Johannstadt

eingestellt am 24.01.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Futterhaus "Zur Vogelhochzeit". Foto: Philine Schlick

Die Vogelhochzeit am 25. Januar ist ein sorbischer Brauch, der auch in der Oberlausitz zelebriert wird. Der Legende nach bedanken sich die Vögel mit Süßigkeiten von ihrer Hochzeit dafür, dass sie im Winter Futter erhalten. Ein guter Tag, um sich der Bedeutung unserer gefiederten Nachbarschaft bewusst zu werden.

Vogelhochzeit, das war für uns Kinder wie eine verspätete Sternschnuppe aus der schon längst vergangenen Weihnachtszeit. Am Morgen (immer noch dunkel und kalt) stand ein Teller Süßigkeiten auf dem Fensterbrett. Darauf lagen „Schmätzchen“ – eingefärbte Baiser-Vögel -,  gezuckerte Vögel aus Teig und Vogelnester aus Keks und Nugat, gefüllt mit bunten Zucker-Eierchen. Ein Brauch irgendwo zwischen Nikolaus und Ostern, auch kalendarisch betrachtet.

Gut getarnt auf grauem Stein: Ein kleiner Schwarm Spatzen auf Futtersuche. Foto: Philine Schlick
Gut getarnt auf grauem Stein: Ein kleiner Schwarm Spatzen auf Futtersuche. Foto: Philine Schlick

Schmätzchen zum Hochzeitsfest im „grünen Walde“

Mit dem süßen Teller sollen sich die Vögel der Erzählung nach dafür bedanken, dass sie im Winter gefüttert werden. Sie teilen das Festtags-Bankett ihrer Hochzeitsfeier mit den Menschen. Den Bund der Ehe gehen alljährlich Amsel und Drossel ein und laden sämtliche Vögel zur Feier. Jeder trägt ein Geschenk bei – so berichtet es auch das beliebte Lied „Ein Vogel wollte Hochzeit machen.“

Im Kindergarten wurde diese Zeremonie mit Verkleidungen nachgestellt, wobei es selbstredend beliebte und unbeliebte Vogelrollen gab. Ich zum Beispiel war über die Rolle des Storches damals nur halbherzig erfreut, versuchte meinem Spiel aber mutig Charakter zu verleihen …

Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Matthäus 6.26

In Anbetracht des Artensterbens ist die Versorgung der Wildvögel wichtiger denn je. Früher mahnte die Großmutter, die Vögel im Sommer nicht zu füttern, „damit sie die Futtersuche nicht verlernen.“ Heute bitten Naturschutz-Initiativen inständig darum, weil es zu wenige Insekten und Pflanzensamen gibt, als dass die Vögel sich davon ausreichend ernähren könnten.

Gänse am winterlichen Fährgarten. Foto: Philine Schlick
Gänse am winterlichen Fährgarten. Foto: Philine Schlick

Wer wird Vogel des Jahres?

Besonders schwer hatte es 2020 die Blaumeise, deren Population durch das Bakterium Suttonella ornithocala um mehrere Tausend Exemplare dezimiert wurde. Das berichtet der Naturschutzbund Sachsen (NABU). Der NABU lobt regelmäßig die Wahl zum Vogel des Jahres aus: Die zehn Finalisten stehen seit einer Woche fest. Neben der Blaumeise sind weitere „alte Bekannte“ aus der Johannstadt darunter.

Alle Vögel sind schon da

Zu Wahl stehen die polarisierende Stadttaube, die Frühlingsbotin Amsel, das singfreudige Rotkehlchen, die virtuose Feldlerche, der bedrohte Goldregenpfeifer, der „fliegende Edelstein“ Eisvogel, der vorwitzige Haussperling, der auffällige Kiebitz und die flinke Rauchschwalbe. Die Porträts hat der NABU auf seiner Seite zusammengestellt.

Während auf die Stadttauben oft geschimpft wird, wird der blauschillernde Eisvogel am Elbufer bei der Fischjagd als Sensation gehandelt. Doch genau betrachtet haben die Tauben ein ebenso leuchtendes, einzigartiges Federkleid.

Tauben sitzen auf dem Schornstein der ehemaligen Schokofabrik. Foto: Philine Schlick
Tauben sitzen auf dem Schornstein der ehemaligen Schokofabrik. Foto: Philine Schlick

Die ungeliebte Taube

Stadttauben sind durch den Menschen kultiviert worden. Sie stammen von verwilderten Haus- und Brieftauben ab. Ihr „Brutzwang“ ist angezüchtet. Durch ihre Abstammung von der Felsentaube bevorzugen sie flache, steinerne Vorsprünge zum Brüten. Diese finden sie an Häuserfassaden und machen sich damit regelmäßig unbeliebt.

Um ihre Population einzudämmen und sie damit vor Hunger und Verletzungen zu schützen, kümmern sich Vereine darum, dass Tauben kontrolliert brüten. Ihnen werden Brutstätten zur Verfügung gestellt und die Eier gegen Ton-Eier ausgetauscht. So übernehmen Engagierte Verantwortung für das „menschengemachte“ Problem, unter dem die Tiere ebenso leiden.

Schwalbennester an einem Hauseingang. Foto: Philine Schlick
Schwalbennester an einem Hauseingang. Foto: Philine Schlick

Winteraktiver Spatzen-Schatz

Während die Schwalben, in diesem Fall allerdings Mehlschwalben, erst im Frühjahr in die Johannstadt in ihre Nester zurückkehren, hüpft der Sperling das ganze Jahr um die Häuser. In braun-gesprenkelten Schwärmen schwatzen und tschilpen die kleinen Vögel, sodass die Straßen auch im Lockdown nicht still schweigen. Eine Regenwolke? Ungewöhnlicher Durchgangsverkehr? Es liegt was in der Luft? Die Spatzen pfeifen es von den Dächern!

Ein Haussperling in der Fassadenbegrünung. Foto: Philine Schlick
Ein Haussperling in der Fassadenbegrünung. Foto: Philine Schlick

Unsere gefiederten Nachbarn zieren unseren Alltag nicht nur mit Farbe und Gesang. Sie picken Insekten, verbreiten Samen und leisten damit einen Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht. Wo sie flattern, zeigen sie Leben an.

Ein Vogel wollte Hochzeit machen
in dem grünen Walde.
Fidirallala, fidirallala,
fidirallalalala.

Die Sympathien von Seiten des Menschen sind in Bezug auf das Leben um ihn herum meist sehr eigennützig verteilt. Die Vogelhochzeit ist ein Tag, der daran erinnert, dass es Symbiosen und Lebensrealitäten jenseits der menschlichen gibt. Und dass zur Vogelhochzeit alle ihren Beitrag leisten – vom Fink über die Eule bis zur Taube („die bringt der Braut die Haube“). Fehlte ein Vogel, wäre die Feiergesellschaft nicht komplett.

Vogelprojekte in der Johannstadt