Die Junikäfer sind los! – Ein Johannstädter Gruppenszenario im Freien

eingestellt am 18.07.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Flanieren und Entspannen in den Elbwiesen ist schön - im Juni und auch Juli bloß nicht immer möglich Freie Foto: Anja Hilgert

Wenn die schwüle Sommerluft am Elbufer steht und kein Lüftchen sich regt, wird’s für Passant*innen stürmisch entlang der Wiesen.
Unvorhersehbar entstehen plötzlich Turbulenzen, die Kopf und Oberkörper befallen und spontan in Aufruhr versetzen, bevor man dazu kommt, zu verstehen, was es ist und wo es herkommt. Aufdringlichen Attacken schutzlos ausgeliefert, empfiehlt es sich in erster Linie, den Mund zu halten und am besten schnellstmöglich zuzusehen, aus dem entstandenen Wirbel wieder herauszukommen – das Weite zu suchen.

Die Junikäfer sind los!

Das klingt eigentlich nicht nach korrekter Verhaltensweise, ist in dem Fall aber doch der wohl einzige sinnige Ausweg. Es sei denn, man schafft, hoch meditativ und stoisch die Ruhe selbst zu bleiben inmitten des tierischen Gebrumms. Alle, die in diesen späten Junitagen abends noch entspannt den Tag draussen ausklingen lassen, wissen, wovon hier die Rede ist. In und entlang der Elbwiesen ist es ein spontan sofort überspringendes, unmittelbar verbindendes Gesprächsthema.
Worum es geht? Es brummt und vibriert summend durch die Luft und bevor Du begreifst, dass es sich nähert, ist es schon an Dich dran gestoßen, brummt umso mehr und kreist immer dichter im Gebrumm um Dich herum. Auch im Juli sind noch die Junikäfer los!

 

Sobald die Dämmerung kommt, legen die Junikäfer los Fotos: Anja Hilgert

Der Schwarm eines Käfers

Von Plage wird gesprochen und sich gewundert über das plötzlich gehäufte, über die Maßen vorkommende Auftreten dieser Käferart, wenn diese zuhauf, in riesigen Schwärmen Buschwerk und Bäume am Flussufer umschwirren. 

Ihre gelbbräunlichen Flügelchen, unter denen sie beharrt sind, müssen das Gewicht eines 1,5 – 2cm großen Leibes tragen. Dazu sind sie vergleichsweise klein, so dass die Käfer im Erscheinungsbild einfach nur plump und schwerfällig erscheinen.
Es wirkt, als könnten sie nicht wirklich steuern, wohin sie wollen. Wahllos, willkürlich, umkoordiniert und bedingungslos brummen sie heran, um gern auch direkt auf menschlichem Haupt und Haar zu landen. Hochgradig lästig, aufdringlich und unangenehm mündet das in wildes  menschliches Um-sich-schlagen. Aus der Fernsicht als filmreifer Slapstick witzig und amüsant anzusehen, ist das Nahempfinden wenig lustig und wirklich panisch-dynamisch. 

Was also wollen die Junikäfer von uns, noch dazu im Juli?!

In Wahrheit ist es einfach nur die beste Zeit, die Junikäfer in ihrem Leben haben: Sie befinden sich im Paarungsverhalten, im Liebestaumel sozusagen, sind auf Partnersuche und die Zeit für die Vereinigung der Geschlechter ist kurz, also wie wild zu nutzen.
Das genau tun Junikäfer.

Die Silhouette von Bäumen und Menschen als Tanzplatz

In dieser Zeit, die ihrem Überleben gilt, gibt die Wärme ihnen Auftrieb, deshalb schwärmen sie, von der Sonne erwärmt in den Sommermonaten Juni und Juli und bis in den August, bei einer jeweiligen Lebensdauer von nur 6-8 Wochen.

Damit die tumben Flieger besser vor Räubern wie Vögeln und im Gras stöbernden Säugetieren geschützt sind, haben sie ihre Aktivität in die Dämmerung verlegt. Ihr Flug dauert nur über die wenigen Stunden des Abends an. Zu den natürlichen Feinden der fliegenden Käfer zählen Fledermäuse, die dann aktiv sind, wenn auch die Junikäfer ihre höchste Aktivität haben.

In diesen Dämmerungs- und Nachtflügen orientieren sich Junikäfer an Lichtquellen, die ihnen gegen den Horizont zu Silhouetten von Bäumen und Sträuchern abbilden. Und auch von herausragenden Verkehrsschildern, die sie rätselhafter Weise umschwirren. Weil Menschen, die zur selbigen Abendstunde des Weges kommen und in der sommerlichen Weite der Elbwiesenlandschaft wandeln, genauso silhouettenhaft hervorstehen, werden auch sie angeflogen und von Scharen von Käfern belandet. Dass sie sich auf ihm lediglich paaren wollen, ist dem Menschen, der umbrummt wird, ein schwacher Trost.

Gefährlich sind sie dem Menschen gar nicht: Sie stechen und beißen nicht, saugen auch kein Blut und sind nicht giftig. Es steht also nichts im Wege, die kleinen dicken Gesellen auf die Hand nehmen.

 

Umschwirrte Silhouette eines Verkehrsschilds Foto: Anja Hilgert

Die guten Maikäfer im Schraubglas

In meiner Kindheit stand im hinteren Teil unseres Gartens eine alte Birke. Sobald das Frühjahr Fahrt aufgenommen und unser Spielen sich draußen bis in den Abend verlängerte, ging von diesem Bereich ein Bann aus.
Maikäfer haben alljährlich, immer in dieser Zeit der saftigen, jungen Birkenblätter meine Kindheit begleitet. Als eine Art Freunde waren sie für kurze Zeit das Haustier, das ich sonst nicht halten durfte. Ich mochte Maikäfer.

Wir haben sie mit spitzer Daumen-Zeigefinger-Zange von der Rinde abgelesen, in mit Blättern gefüllte Einweckgläser gesteckt, sie gefüttert, geschüttelt, betrachtet und bestaunt, mit ihrem Fellchen am Bauch, dem schwarz-weiß gezackten Musterstreifen und den kleinen Greifwerkzeugen an Händen und Füßen, die sich leicht schmerzhaft in die Haut festkrallen konnten und am besten – das war zu vermeiden, sich nicht in den Haaren verfingen. 

Zum Sommeranfang stand bei mir ein Schraubglas auf dem Nachttisch am Bett. In den Deckel hatte ich mit dem Dosenöffner Löcher hineingestoßen. Der Maikäfer sollte in seiner Gefangenschaft, die ich als Kind so damals nicht sah, ja Luft bekommen und weiterleben. Manchmal allerdings spickte der eben doch gefangene Käfer mit einem Beinchen durchs Loch und fingerte mit dem kleinen Greifhäkchen um den Rand des Metalls, was die kindliche Beobachterin bannte und gruslige Schauer auslöste, die vielleicht doch dafür sorgten, dass das Experiment im Folgesommer zwar anklang, aber dann keine Wiederholung mehr fand.

Das alte Kinderlied „Maikäfer flieg…“ ist mir immer ein Rätsel geblieben: „Dein Vater ist im Krieg…“, aber die Stimmung leichter Wehmut hat sich übertragen.
In den nachfolgenden Jahren, daheim längst ausgezogen und meiner Kindheit entwachsen, war es stets ein festes Gesprächsthema zwischen mir und meinem Vater, dass wir uns gegenseitig vergewisserten: „Hast Du dieses Jahr schon einen Maikäfer gesehen?“ Nein, über lange Jahre und bis heute sind Maikäfer rar geworden. „Das liegt wohl am Einsatz der Pestizide“, hatte mein Vater schon damals über das Verschwinden der Kindheitsfreunde gemutmaßt.

Jetzt sind es nicht Mai-, sondern Junikäfer, die dieses summende, brummende Gefühl von Sommer weiter beschwören. 

 

Der Blick nach oben, wo sich Junikäfer tummeln, wenn sie paarungsbereit sind Foto: Anja Hilgert

 

Alles fürs Überleben

Tatsächlich gilt der Junikäfer nicht als eine eigenständige Art, sondern wird als enger, wenn auch etwas kleinerer Verwandter des Maikäfers bezeichnet. Sein Auffälligwerden durch massenhaftes Schwärmen im Juni hat ihm den Spitznamen zugetragen. Genau bezeichnet, ist er unter dem Familiennamen Blatthornkäfer anzusprechen, gehört also den Scarabaeidae an, wie über 20.000 andere Käfertiere auch, darunter der Mai- und der Rosenkäfer.

Ausgewachsene Junikäfer fressen Blätter und Blüten von Laubbäumen und Obstgehölzen, für die sie bei einbrechender Dämmerung den Flug zur Nahrungssuche antreten. Gut genährt starten sie in den Hochzeitsflug, der nicht nur ein einziges Mal, sondern mehrfach, mit wechselnden Partner*innen oder auch in der Gruppe unternommen wird. Ganze Bündel der Käfer taumeln im Schwergewicht ihrer verknäulten Leiber aus den Baumkronen zu Boden.

Nach den aufregenden Flugmanövern verstecken sich Junikäfer wieder in der niedrigen Vegetation, wo sie den Tag verbringen. 

Wie das Portal mein-schoener-garten.de berichtet, legt das Weibchen des Junikäfers nach erfolgreicher Paarung Ende Juli die befruchteten Eier in den bevorzugt sandigen und leichten Boden und stirbt dann. Nachdem sie fürs Überleben der Art gesorgt haben, endet ihr Käferleben, das der Weibchen sogar recht bald nach der Eiablage, mindestens aber innerhalb des verbleibenden Resthalbjahres.

Die Käfer bauen keinen Unterschlupf. Sie legen auch ihre Eier auf den nackten Erdboden ab, der dazu sandig genug sein muss. Im Juli legt ein Weibchen bis zu 35 Eier in sandige Böden.

 

Dreimal Juni

Nach zirka drei Wochen schlüpfen die Larven des Junikäfers. Bis diese sich zu Käfern entwickelt haben, die ausschwärmen können, vergehen je nach Temperaturbedingungen allerdings drei, in nördlichen Breiten sogar vier Jahre.
Zum Winter zu häuten sich die Larven und überdauern in einem zweiten Larvenstadium, dem des Engerlings, die frostigen Temperaturen geschützt in der Tiefe des Erdreichs. Wiederum im Juni des zweiten Jahres häuten sich die Engerlinge, um im dritten Larvenstadium in die Nähe der Wurzeln von Gräsern, Wildkräutern und jungen Baumsprosse zu wandern, die sie anfressen. Hier sind Maulwürfe und Spitzmäuse ihre Feinde. (Auch Wildschweine mögen die Larven gerne – und graben den Boden um, wenn sich Engerlinge dort befinden.)

Im dritten Jahr verwandeln sich die Engerlinge in eine Puppe, aus der im Juni die ausgewachsenen Käfer schlüpfen. Damit ist der Reislauf geschlossen und kann auf ein neues beginnen.

 

Foto: Anja Hilgert

 

Ausblick in den Sommer

Das Brummen wird hier vor Ort zumindest bald ein natürliches Ende finden. Dem Sommer ist in der Hinsicht ein entspannter weiterer Verlauf gesichert. 

In naturnaher Landschaft mit unterschiedlichen Habitaten, in denen viele verschiedene Insektenarten optimale Lebensgrundlagen vorfinden, reguliert sich die Ausbreitung der Junikäfer auf natürliche Weise. Will man ihre massenhafte Ausbreitung vermeiden, sind die Maßnahmen am besten gegen die Engerlinge zu treffen, was wiederum für die Sorge um eine bestmöglich gedeihende Flora und Fauna spricht.