Kunst im Umschlag – Ein Kreativprojekt für Mädchen durchbricht das Abstandsband

eingestellt am 23.06.2020 von Anja Hilgert (Stadtteilredaktion), Headerbild: Mit kreativem Werkzeug und Farbe in Kontakt bleiben - Das Kreativprojekt für Mädchen in der Johannstadt Foto: Anja Hilgert

Seit zwei Jahren trifft sich eine Gruppe von Mädchen zum künstlerischen Experimentieren im kreativen Austausch mit zwei Künstlerinnen, die den Raum halten für freies, absichtsloses und unvorhersehbares Schaffen, das zu einmalig schönen Ergebnissen führt. Kreativwerkstatt hört sich gleich zweimal schöpferisch an: Sich von der eigenen Lust am Gestalten beflügeln lassen und eine Werkstatt vorfinden, die alles Benötigte an Materialien und Werkzeugen bietet.

Das Kursangebot von Anja Klengel, Kunstpädagogin und Kunsttherapeutin,  und Alexandra Mieth, freie Künstlerin, Kunsttherapeutin und Musikerin, gilt im Stadtteil als Geheimtipp. Seit zwei Jahren öffnen die Werkstattleiterinnen im Johannstädter Kulturtreff e.V. immer mittwochs weite Türen für zwölf unterschiedlichste Mädchen zwischen acht und 14 Jahren.

Mit einem künstlerischen Angebot, das in Qualität und Anspruch ausdrücklich auf Hochwertigkeit setzt, möchten die beiden Frauen insbesondere für Mädchen die Möglichkeit zu kultureller Teilhabe und persönlicher Entfaltung im Johannstädter Stadtteil eröffnen.

 

Alexandra Mieth (li) und Anja Klengel (re) halten die Werkstatt offen   Foto: Johannstädter Kulturtreff e.V.

Wir haben die Jungs nicht weggeschickt

Aus einer Hochdruckwerkstatt und dem Folgeprojekt einer Druckwerkstatt hat sich über zwei Jahre das Kreativangebot ‚Fingerabdruck‘ entwickelt, eine Weiterentwicklung aus einem einmaligen Sommerferienangebot hin zum wöchentlich stattfindenden Kursangebot an Mädchen der Altersgruppe 8 bis 14 Jahre.

„Wir haben die Jungs nicht weggeschickt“, beteuern die beiden Leiterinnen. Es hat sich dahin entwickelt, dass sie diesen geschützten Raum anbieten, in dem Mädchen unter sich sind. Viele Mädchen hatten nicht nur das Bedürfnis nach kreativem Tun, sondern auch nach einem Treffpunkt.

Geplant war das nicht und hat sich eher zufällig und mit der Zeit so ergeben, bestätigt sich aber für die beiden Kursleiterinnen als kraftvolle Idee: Einfach sein zu können, wie sie sind, und tun zu können, worauf sie wirklich Lust haben und was ihnen im Moment entspricht, keine Forderung oder Verpflichtung verspüren, nichts zu müssen, erweist sich für die Mädchen als kostbare Erfahrung.

Künstlerisches Ergreifen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was passt zu mir?

Die Werkstatt macht das Ergreifen der eigenen Lust am Gestalten möglich: Hier ist jede, die kommt, voll für sich selbst verantwortlich. Es gibt keinen Auslöser für den Druck gefallen zu wollen, sich abgrenzen, durchsetzen oder konkurrieren zu müssen. Das Gegenüber für unterschiedlichste mitgebrachte Emotionen und Gedanken, ist das zur freien Verfügung gestellte Material der Werkstatt.

Für die beiden Künstlerinnen Anja Klengel und Alexandra Mieth ist das der pädagogische und auch therapeutische Auftrag ihrer Arbeit: „Es geht um vorpubertäre Themen“, fasst Anja Klengel die Bedürfnislage zusammen: „Die vielen entscheidenden Fragen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was sind meine Stärken, meine Schwächen? Was passt zu mir? Wie bin ich in meinem Körper?“

Wunderliche Wandelwesen     Foto: Anja Hilgert

Mit allen Sinnen aktiv

Unterschiedlichste Methoden aus dem Bereich der Bildenden Kunst, die immer variieren, immer andere Impulse setzen, funktionieren als Anstiftung, mit allen Sinnen aktiv zu werden. So gibt es überraschende selbst entwickelte Antworten bei der Erforschung und Entdeckung von sich selbst und der Umwelt.

„Entscheidungen für die oder die Methode werden immer aus dem Prozess der Gruppe getroffen“, erklärt Alexandra Mieth, die Leidenschaft darin entfaltet, die Mädchen auf ihren kreativen Reisen zu begleiten und zum gegenwärtigen Entwicklungsstand passende künstlerische Methoden vorzustellen.

Die Vertrautheit beider Kursleiterinnen miteinander fördert einen leichten, spielerischen Zugang, die Disziplinen auch einmal miteinander zu verknüpfen: Ergänzend bieten sie Yoga und Bodypercussion an, um mit dem eigenen Körper in Verbindung zu kommen. Überhaupt aufzuspüren, was individuell an dem Tag ansteht.
Um Tatkraft und Begeisterung müssen sie sich nicht bemühen, die fließen reichlich. Da gilt es eher, rechtzeitig zu erkennen: „Die müssen sich auch mal groß ausbreiten dürfen,“ und an der Wand oder auf dem Fußboden entsprechende Formate bereit zu halten.

Fisch - Ein Begriff macht den Anfang. Foto: Anja Hilgert
Fisch – Ein Begriff macht den Anfang. Foto: Anja Hilgert
Was dann sichtbar wird wird "Kunst im Umschlag" Foto: Anja Hilgert
Was dann sichtbar wird wird „Kunst im Umschlag“ Foto: Anja Hilgert

Ein Schutzraum vor Leistung

Ihren Kurs bezeichnen sie als „Ausgleich zum leistungsorientierten Schulalltag“.
Gerade vor dem Hintergrund von LernSax und Homeschooling und unter unmöglichen Bedingungen weiter zu erbringenden ‚Leistungserhebungen’, sei deutlich geworden: „Es ist ein erklärter Schutzraum vor Leistung“. Häufig ginge es besonders bei Mädchen darum, „ gut zu sein, besser zu sein, hübsch zu sein, zu brillieren – Wir denken nicht ‚Jetzt müsste sie doch’, wir versuchen das nicht zu pushen“, sagt Anja Klengel.

Über die Kinder reicht das Angebot bis nach Hause zu den Eltern, die erkennen können, „wie wichtig ist Kreativität und dass die Töchter den Raum dafür haben.“

Alles anders im Shut down

Seit März diesen Jahres aber war alles anders: Infolge der Pandemie blieb der Johannstädter Kulturtreff e.V. (JoKT) geschlossen. Es war unmöglich geworden, sich überhaupt miteinander zu treffen. Pinsel, Stifte, Farben und Papier blieben unabgeholt im Regal und fanden nicht mehr zusammen. Es entstanden keine Bilder mehr. Keine Farbmischungen und auch nicht die Linie einer Zeichnung. Die blieben bei den Kindern und Jugendlichen, die regelmäßig das Angebot aufgesucht hatten, in den Köpfen und Gliedern stecken. Und keiner zuhause, der das wie sonst immer mittwochs abholte.

Griff in die Fülle: Kunst im Umschlag. Foto: Anja Hilgert
Griff in die Fülle: Kunst im Umschlag. Foto: Anja Hilgert

Schulsozialarbeiter berichten im Nachgang der coronalastigen Zeit, wie die plötzlich verordnete Isolation und die anmoderierte Spontan-Digitalisierung für Kinder und Jugendliche noch einmal anders Spuren hinterlassen hat, als es Statistiken von Wirtschaft und Finanzmarkt führen können.

Verunsicherungen, Sorgen und Nöte verliefen oftmals im Unsichtbaren, ohne mitgeteilt bzw gehört zu sein und nicht selten griff die schleichende seelische Belastung tiefer unter die Haut, wie die Dresdner Kinder- und Jugendbeauftrage Anke Lietzmann zum Kindertag vermeldete (johannstadt.de berichtete).

Abstand einhalten, Distanz überbrücken

Um es dahin gar nicht erst kommen zu lassen, ließen sich Anja Klengel und Alexandra Mieth etwas einfallen, um ihre jungen Teilnehmerinnen trotz Kontaktverbot dennoch zuhause zu erreichen und miteinander in Verbindung und Austausch zu bringen. Natürlich auf künstlerischem Kommunikationsweg: Das Kursprojekt ‚Kunst im Umschlag‘ wurde geboren.

Ein Kreativprojekt aus der Werkstatt auf digitale Medien umzustellen, „fühlte sich sperrig an“, sagt Anja Klengel, „lieber nah dran bleiben und praktisch was machen.“ Dennoch schickte sie zuerst eine Einladung zum Zoom-Meeting in die Runde – und erhielt keine Rückmeldung.
So entstand die alternative Idee, um im Abstand die Distanz aufzubrechen.

Schaffen Perspektive: Alexandra Mieth und Anja Klengel                                     Foto: Anja Hilgert

Wenn Dir eins nicht zusagt, schick’s zurück

In einen DIN-A4-Briefumschlag steckten sie zwei beliebige Bildanfänge zum Auswählen: Wenn Dir eins nicht zusagt, schick’s zurück“, stand dabei, mit passender Gebrauchsanweisung zum weiteren Vorgehen. Gearbeitet wird mit Absender-Codes, „um nicht richtig zu wissen, wer hat das jetzt gemacht.“

So liegt von Anfang an die Betonung auf dem Ganzen als einem künstlerischen Prozess, an dem gleichwertig verschiedene Künstlerinnen miteinander wirken. Was entsteht, ist offen. Das ist als Zielsetzung wichtig: Es gibt kein Ziel zu erreichen. Alles entsteht im gemeinsamen Unterwegs-Sein.

Die jeweils weiter daran arbeitende Künstlerin wird intuitiv und spontan bestimmt: „Wer könnte sich angesprochen fühlen? Wer braucht gerade etwas?“ Insgesamt arbeiten zwei bis vier Mädchen am Bildprozess. Jede Adressatin aus dem Kreis der Mädchen arbeitet dann für sich selbst am zugesandten Bild ihrer Wahl weiter, so weit sie möchte und vermag und schickt es zurück an die Leiterinnen.

Manchmal ein Tag, manchmal zwei Wochen

Ein frankierter Rücksendeumschlag liegt dabei – „Es ist ein kostenfreies Angebot und soll auch in schwierigen Zeiten ohne Kosten für die Teilnehmenden sein.“ Unterstützung gab es für das Projekt im Programm ‚Kultur macht stark. Bündnis für Bildung‘.

Den Anfang finden: Hut, Amboss, Blumentopf oder Pullover oder ganz etwas Anderes?      Foto: Anja Hilgert

Manchmal lag zwischen Beginn und Fertigstellung ein Tag, manchmal zwei Wochen, erzählen die Kursleiterinnen. Die finale Entscheidung liegt dann bei der kunstpädagogischen Einschätzung der beiden Frauen, die auch Sammelstelle für alle fertiggestellten Bilder sind.

Auf der Internetplattform Artdoxa findet sich eine erste virtuell ausgestellte Sammlung aller in diesem Zeitraum entstandenen Bilder. Der tatsächliche Schatz an fertig gestellten Bildern wartet nun auf die, die ihn geschaffen haben in der Werkstatt des JoKT: Die Aussicht darauf klingt bei beiden Kursleiterinnen sehnsüchtig vorfreudig: „Wenn wir uns wiedersehen dürfen…“

Detailgestaltung aus dem Zufall  Foto: A. Hilgert

Einem Farbfleck vertrauen

Ideen kommen mit dem Tun. Sich aufs Papier einlassen, das mit nur einer Spur an Bemalung oder Zeichnung versehen ist oder nur ein Element von irgendetwas aufweist, von dem man auch nicht genau weiß, was es ist. Sich einfach einlassen auf das, was da ist. Das schafft eine besondere Ruhe, die immer irgendwo im Zeitrahmen des Kurses auftaucht und wie als Lotsin die Gruppe ins Tun bringt.

Jede für sich beginnt, an einem Punkt auf dem Papier. Hier in der Werkstatt geht es so zu, dass etwas frei entstehen darf. Es entsteht unter der Hand, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die Mädchen sind meist selbst überrascht, was sie hervorbringen und was das Bild ihnen zeigt: Das ist durch Dich entstanden. Das hast Du geschaffen. „Welten eröffnen, die möglicherweise einen bleibenden Platz haben im Leben,“ nennt Alexandra Mieth dieses Ergebnis.

Das Bild gehört allen

Wie die Mädchen aufeinander eingehen, begeistert die Künstlerin, was sie im Umgang miteinander voneinander lernen: „Achtsam sein, feinfühlig werden, Gespür entwickeln für Grenzen, was geht noch, was nicht mehr. Dass jemand gewaltig drüber malt ist nie vorgekommen. Es gibt eine große Ehrfurcht und eher die Frage, ‚Darf ich hier was dazu machen.’“

Gruppenprozesse in gemeinsamen Bildentwürfen beweisen: Das Bild gehört allen und ist nur da aus allen. Das fällt beim Betrachten der Bilder auf: Verschiedenheit des Ausdrucks auf einem Blatt, mit Überschneidungen, Berührungen, Nebeneinander, Ergänzungen, Humor und Leichtigkeit. Es ist ein Spiel miteinander, das mit vielen Künstlerinnen am Werk reiche, farbintensive und erzählfreudige Bilder schafft.

Blickwechsel aus verschiedenen Brillen                    Foto: A. Hilgert

Zu dem Projekt kommen immer wieder einmal neue Mädchen dazu, manchmal über Umwege. Eine Schulsozialarbeiterin hatte in der Schulberatung die Brücke zum Projektangebot geschlagen. So kam ein Mädchen in die Werkstatt dazu, die aus ihrem Kulturkreis heraus nicht einfach im Stadtteil für Aktivitäten außerhalb der Schule hätte unterwegs sein dürfen. Hierher brachte sie nun die Mama und holte sie nach den Kursstunden wieder ab. Nach ein paar Mal durfte das Mädchen sogar alleine vom Kurs nach Hause gehen.

Wiedereröffnung am 15. Juni 2020

Der Impuls der Kreativwerkstatt wird mittlerweile durch die Johannstadt bis in viele Kulturkreise hinein getragen. Über das Teilen von Erfahrungen spricht sich das Angebot positiv in der breiten Klientel des JoKT herum: „Aus sich heraus bringt es kaum jemand zur verbindlichen Anmeldung. Es braucht Menschen, die über die Schwelle begleiten“, sagt Anja Klengel, „Bewerbung über Flyer bringt nicht viel, es läuft über persönlichen Kontakt. Wir könnten uns auch Vorstelltage in Schulen vorstellen.“

Die Wiedereröffnung des Johannstädter Kulturtreff e.V. am 15. Juni fällt in den Zeitraum des 30-jährigenVereinsjubiläums. Die Macherinnen haben dazu unter den notwendigen Hygiene-Auflagen das „Virenschutzprogramm“ zusammengestellt, in dem kostenlose Kursangebote Brücken bauen in Freiräume freudvoller Lebensgestaltung. Ideen und Impulse der Soziokultur, um neue Anfänge zu stiften für junge bis alte Bewohner*innen des Stadtteils, sich aktiv einzubringen und untereinander kreativ Kontakt zu finden – auch die Kunst im Umschlag ruft auf, Anfänge für neue Bilder zu gestalten!

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