Dankbar sein – Ein syrischer Journalist erzählt

eingestellt am 29.05.2020 von Philine Schlick (Stadtteilredaktion), Headerbild: Eine Zeichnung von der Tochter des Autors. Foto: Mohammed Ghith Al Haj Hossin.

Ghith Mohammad Al Haj Hossin ist Journalist aus Syrien. Er wohnt und arbeitet in der Johannstadt. Für das Stadtteilmagazin hat er sich mit dem Thema Dankbarkeit auseinandergesetzt. Wie fühlt es sich an, das Leben in einem neuen Land, nach Zerstörung, Krieg und Tod? Und wie geht das, dankbar sein?

Vor dem Jahr 2011

– Woher kommen Sie?

– Ich komme aus Syrien.

– Syrien? Wo liegt es?

– Im Nahen Osten … südlich von der Türkei

Nach dem Jahr 2011

– Woher kommen Sie?

– Ich komme aus Syrien.

– Wirklich? Aus welcher Stadt? Damaskus, Aleppo, Hama ich kenne viele Menschen aus Syrien.

Dieser Dialog ist vermutlich realistisch, weil vielen Syrer*innen diese Fragen gestellt werden. Aufgrund des Krieges ist Syrien berühmt in den Medien geworden. Viele syrische Städte sind sehr bekannt geworden, wie zum Beispiel: Idleb, Deir ez-Zor, ar-Raqqa und Dar’a.

Der Wille des Lebens

Die Frage, die sich stellt: Was ist der Preis für diese schreckliche Berühmtheit? Die Antwort auf diese Frage würde lauten: Zerstörung, Bombardierung, Massenflucht und der Tod. Aber es gibt auch die andere positive Seite, sie besteht im Willen des Lebens.

Geflüchtete Menschen haben ihre eigenen Antworten auf diese Frage in ihrem festen Glauben, dass sie ein neues Leben in ihrer neuen Heimat aufbauen müssen, um nicht vor Hoffnungslosigkeit aufzugeben. Sie wissen durch Instinkt, aus welchen Quellen sie die geforderte Kraft schöpfen können.

Eine Zeichnung von der Tochter des Autors. Foto: Mohammed Ghith Al Haj Hossin.
Eine Zeichnung von der Tochter des Autors. Foto: Mohammed Ghith Al Haj Hossin.

Kriegsgeneration

Es gibt mehr als fünf Millionen syrische Kinder, die in Syrien oder in anderen Ländern geboren wurden und aufwachsen, wie das UN-Kinderhilfswerk Unicef berichtete. Das ist die größte Herausforderung für das Land und die Gesellschaft, so wie Zerstörung, Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit. Weil Kinder das Kapital des Landes sind.

Wenn viele von ihnen Körperbehinderungen oder außerdem psychische Behinderungen haben, können wir die Größe des Verlusts nur raten. Auf diese Weise zeigt uns der Krieg sein schreckliches Gesicht. Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels, daran müssen wir immer glauben.

Und was wir für die Kriegsgeneration genannt haben, könnte auch eine Zukunftsgeneration sein, wenn wir solche Nachrichten lesen, wie zum Beispiel:

„Bei der Befragung von 365 Kindern in Syrien durch „Save the Children“ hat sich gezeigt, dass bei allen Ängsten und Nöten die Kinder die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nicht verloren hätten. Die meisten von ihnen wollten später Ärzte oder Lehrer werden, um in Zukunft helfen zu können.“

Dankbar zu sein

Man kann nicht einfach vergessen, wer in den schwierigen Zeiten geholfen hat. Deswegen sind viele syrische Menschen dankbar für das Land, und für das Volk, das sie gerne willkommen geheißen hat, trotz der späteren Proteste, die man verstehen sollte als einen Teil der demokratischen Gesellschaft.

Sie wissen auch, dass sie in Deutschland, zum Beispiel, gleich sind vor dem Gesetz, wie die anderen Deutschen.

Wir sind für die Aufnahme von Flüchtlingen dankbar. Und wir möchten Deutschland etwas zurückgeben“, wie mir eine syrische Frau erzählt hat. Aber wie kann man es zurückgeben? Es ist einfach: „Die neue Sprache beherrschen, erfolgreich an der Uni studieren, neue Arbeit finden oder ein normales Leben zu haben, so gut es möglich ist.“