Menschen » Gerhard Fischel – „Ich kann mit Leuten quatschen“

eingestellt am 21.11.2019 von Philine Schlick (Stadtteilredaktion), zuletzt geändert am 09.07.2020

Porträt von Philine Schlick, 2019

Gerhard Fischel ist nicht mehr gut zu Fuß, im Kopf aber noch mehr als mobil. Er bringt sich im Stadtteilverein ein, initiiert Rosenbeete, träumt von begrünten Dächern, die über Stege miteinander verbunden sind und telefoniert mehrmals täglich mit seiner Liebsten. Belesen und zum Diskutieren aufgelegt nimmt er mit 83 Jahren Anteil am Leben im Viertel.

Herr Fischel in seiner Wohnung (Quelle: Philine Schlick)

Diese kleine Wohnung ist mein Zufluchtsort vor dem Tode. Von hier aus geht‘s noch günstig auf den Friedhof. […] Bei Wohnungen ist immer entscheidend: Die Lage. Ich habe ja vorher auf dem Lande gelebt. Ich war dreißig Jahre in der Industrie tätig. Dort auf dem Lande.

 

Das war im Land Sachsen. Ich war im Chemiewerk Nünchritz als Automatisierungsingenieur. Wir hatten sie ja noch erlebt: Fließbandarbeiter. Haben die Ingenieure abgeschafft. Und wo sind diese Menschen jetzt? Natürlich in Pflegeeinrichtungen. […]

„Was ist denn das für ein Quatsch?“

Ich bin in Leipzig in die Schule gegangen und bin nach Dresden an die damals so berühmte TH. […] Bei der ersten Klausur, da dachte ich: Was ist denn das für ein Quatsch? So etwas Ungerechtes! Die haben ja viel mehr gefragt, als sie in der Vorlesung erzählt haben!

Und mir wurde in der nächsten Vorlesung erklärt: „Meine Vorlesung ist, dass ich Ihnen Fachliteratur als Anregung sage. In dem Fachgebiet müssen Sie sich da selber auskennen.“ Deswegen haben die Vorlesungen damals auch nur wenige überstanden. Diese Lehrer damals haben immer so viele durch die Prüfung geschmissen, wie sie durften.

Meine Mutter sagte: „Wenn du lernen und arbeiten kannst, sei nicht stolz drauf. Das haben dir deine Eltern in die Wiege gelegt.“ […] Ich tu jetzt mal extrem abkürzen. Mein Vater war lange Jahre Professor für Psychologie an der Universität von Leipzig. Und meine Mutter war Hausfrau. Hat aber dann im Alter, als sie Witwe war, ein Hobby gehabt: Tränen trocknen von Studenten mit Liebeskummer. Die sind von weit her gefahren zu meiner Mutter und haben ihr das Herz ausgeschüttet. Und das habe ich ein bisschen geerbt, diese Eigenschaft. Ich kann mit den Leuten quatschen. […]

„Ich bin dazu verurteilt, noch eine Weile zu leben“

So, jetzt was ganz Frisches. Ich war vor ein paar Tagen bei meinem Hausarzt. Es ist bei uns hierzulande so: Alle Vierteljahr wird bei uns Blut gezogen. Aus dem Arm. Und das wird analysiert. Und der Hausarzt hat gesagt: „Alle Werte sind bestens!“ Ist das etwas Gutes? Ist Sterben etwas Gutes oder Schlechtes? […]

Die sieben Todsünden (Quelle: Philine Schlick)

Also, ich bin jetzt dazu verurteilt, noch eine Zeit lang zu leben. Und mir fällt es manchmal schwer, sehr schwer. Das Rumlaufen. Mit dem Kopf geht‘s, mit der Sprache geht es noch einigermaßen. Aber andere Dinge … […]

Ich habe mich unter anderem in dieses Dresden verliebt, weil: Die Umgebung ist herrlich. Ich bin früher sehr ehrgeizig Klettern gegangen. Mir gefiel das und ich war bei den vielen Bergsteigern dabei. Wir haben nicht nur von der Dresdner Umgebung, sondern von den Bergen dieser Welt geredet. Wir sind natürlich, als wir konnten, so schnell wie möglich in die Dolomiten gefahren. […]

Wir sind damals nach dem Studium vermittelt worden und ich bin in eine Kleinstadt gekommen. Erst einmal nach Wolfen, und ich bin dann nach ein paar Jahren umgezogen nach Nünchritz. Da gab es nämlich Wohnungen.

„Es gibt Dinge, die kommen irgendwann“

Und jetzt: Hier unten – es liegt ja in der Luft – was jetzt kommen muss, ist die Straßenbahn. Das hemmen nur die Leute mit der schlimmsten Krankheit. Die zweitschlimmste Krankheit ist die Geldgier, die schlimmste ist die Bürokratie. […] Es gibt Dinge, die kommen irgendwann. […]

Hier haben Sie die einmalige Möglichkeit, das Güntzareal zu fotografieren. Hier lagern viele Millionen Dollar. […] Auf dem Lande ist viel mehr Lärm. Da bellen die Hunde und quieken die Schweine und muhen die Ochsen. Hier ist es nicht so laut. Vor allem, die haben fachlich gut gearbeitet. Das seh‘ ich. Das hat mir gut gefallen. […] Diese vielen großen Dächer sind nicht begrünt! Das kann man noch machen. Morgen anfangen! In Dresden haben wir viele exotische Sträucher. Und dann von hier einen Steg dort rüber, damit wir mit unseren Rollatoren dort rüber kommen. Und dann so verschiedene Seniorentreffpunkte im Grünen dort oben! Geldlich ist das kein Problem, fachlich ist das kein Problem. Nur die Krankheit Bürokratie …. […]

Das Günzareal begrünen… (Quelle: Philine Schlick)

Entschuldigung! Vieles gab es nicht. Und da haben die Schüler gesagt: „Freitags gehen wir nicht in die Schule“, trotz der deutschen Schulpflicht. Und jetzt gibt es das! […]

„Ich habe schon ein Mahnmal“

Ich finde einfach, diese Wohnung ist mein kleines Refugium auf dem Weg zum Friedhof. Ich bin 83! Normalerweise sterben die Männer eher. Übrigens habe ich schon ein Mahnmal, was mich überlebt! Hier gibt es den internationalen Gemeinschaftsgarten. Und wenn Sie da reinkommen, kommt erst eine Grünfläche und dann ein großes Rosenbeet, quer rüber. Das ist mein Beet. Das habe ich angelegt, mit interessanten Erlebnissen beim Anlegen. Und die Rosen, die blühen schön. […]

Da habe ich interessante Geschichten geschrieben über das Zusammenwirken mit den Arabern. Wie verschieden wir sind! Wir behalten alle unsere Mentalität. […] Und jetzt habe ich natürlich viel Angst gekriegt. Ich les‘ die Kapitalistenzeitung, die Frankfurter Allgemeine. Und da sind Annoncen drin. Häuser kann man kaufen, in Österreich oder in Spanien. Jetzt fangen wir Deutschen schon wieder an, uns irgendwas im Ausland unter den Nagel zu reißen. Nicht gut, diese Eroberungen. Egal, ob man das mit Geld kauft oder wie … Das ist unsere Mentalität. Die ist ganz gefährlich. […]

Rosen gibt es auch in Bagdad, nur kein Unkraut (Quelle: Philine Schlick)

Mit den Rosen habe ich niemandem was weggenommen. Ich saß vor Jahren unter dem großen Baum. Ein Araber kam an, wie haben schön geschwatzt. Die freuen sich ja, wenn man mit denen redet. Und, er fragte: „Wie kann ich dir helfen?“ Ich sagte, hier sind Rosen, hier muss Unkraut rausgemacht werden. Und, der hatte in Bagdad Agrarwissenschaft studiert. Aber Unkraut gibt es in Bagdad nicht. Wir haben es ihm erklärt und er hat angefangen, aus meinem Rosenbeet das Unkraut rauszumachen. Und dann kamen noch zweie, dreie, die haben mit geschwatzt und die haben dann fleißig, die jungen Kerle, das Unkraut rausgemacht. […]