Märchen in der Krise: Frank-Ole Haake erzählt im virtuellen Raum

eingestellt am 09.05.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Frank-Ole Haake alias Ole Bildermensch , Märchenerzähler aus der Johannstadt. Foto: Philine Schlick

„Märchen wollen erzählt werden“, sagt Frank-Ole Haake. Die Größe des Publikums oder der Stundenlohn spielen dabei für ihn eine untergeordnete Rolle. Der Märchenerzähler gehört zu den rar gewordenen Hütern eines grenzenlosen Schatzes, einem immatriellen Kulturerbe. Mit der Krise ist er dazu übergangen, Märchen online zu erzählen. Und erweitert damit das „Märchenfeld“ nicht nur für sich.

Wenn Frank-Ole Haake spricht, erzählen auch seine Hände. Sie flitzen wie Schwalben, rieseln wie Schnee, suchen und finden. Feine Linien durchziehen die weiche Haut der Handinnenflächen. Ich denke: Wenn einer so viele Schicksale weiß und erzählt wie er, hinterlassen diese neben den  eigenen Lebenslinien ihre Spuren.

Märchen als Signale an die Welt

Wir sitzen auf einer Bank mit Blick auf die Elbe. In den Sträuchern singen Vögel. „Uns kommt das vor wie Geräusche, nette Musik“, sagt Haake. „Aber die Vögel senden Signale. Sie sprechen miteinander.“ Um Signale zu senden, hat Haake zu den Märchen gefunden – oder sie zu ihm?

Er entdeckt Rat in ihrer Weisheit, Genuss in ihrer Poesie, Erkenntnis in ihrer Moral. Märchen sind Haakes Lebensphilosophie geworden. Er gibt sie an Zuhörende weiter. Mit Kappe, Glöckchen, Mantel geschmückt, begleitet von Flötenmusik.

„Der Dummling ist derjenige, der mit dem alten Weiblein am Wegesrand sein Brot teilt und dafür am Ende belohnt wird“, beschreibt Haake eine Konstante des Märchens. Es sind die Langsamen, Unterschätzten, die die Feder zum richtigen Ort führt. Die Verträumten, die nicht dem Materiellen, sondern dem Herzen folgen und dadurch ihr Glück finden.

Zeit überwindende Kulturbotschafter

Das erste Märchen, das Haake vor zehn Jahren vor Publikum vortrug, war „Der Eisenhans“. Das war auf dem Kulturfestival Magna mundi im Kloster Altzella bei Nossen. „Die Leute blieben sitzen und haben gelauscht. Das hat mich satt gemacht. Und die Leute hat das auch satt gemacht.“

Von da an ging es Schritt für Schritt weiter mit dem Erzählen: In Kinder- und Erwachsenenkreisen, in Zelten, auf Plätzen und Märkten, wie z.B. beim ersten Flohmarkt im Hof der Tenza-Schmiede.

Märchen von Menschen und Mäusen: Frank-Ole Haake. (Quelle: Philine Schlick)

Märchen sind nicht nur Zeit und Raum durchstreifende Kulturbotschafter, sondern Mittler von Gefühlen und damit Anreger für innere und zwischenmenschliche Prozesse. Frank-Ole Haake erzählt, wie er für das Indianerfest einer Kindergartengruppe ein Märchen erzählen sollte. Er wollte keine klischeehafte Wild-West-Geschichte auswählen, sondern entschied sich für das authentische indianische Märchen „Der geopferte Junge“.

Märchen machen sichtbar

Während der Darbietung kamen, erzählt Haake, die Erzieherinnen dazu. Der Inhalt irritierte sie – sie machten den Kindern ein alternatives Spielangebot. Ein Teil der Kinder verließ den Raum, ein anderer blieb sitzen. Nachdem das Märchen zu Ende war, begannen die Kinder zu erzählen. Von ihren Eltern, ihrem Zuhause, ihren Sorgen, ihren Ängsten. „Märchen berühren die Seele“, sagt Haake. „Sie machen Dinge sichtbar.“

Märchenerzählen vom Dach. Foto: Frank-Ole Haake

„Was wir im deutschsprachigen Kulturraum kennen, ist sehr von den Gebrüdern Grimm geprägt. Am meisten von ihren Kinder- und Hausmärchen“, sagt Haake. Die Grimms machten die Märchen durch Verschriftlichung ’sesshaft‘ – und leiteten damit eine gewisse Domestizierung ein. Doch in ihnen allen stecken die Urmärchen, die Schöpfungsmythen und Göttersagen, die Naturgeister und Mischwesen, die zwischen Hell und Dunkel ringen.

Märchen umspannen miteinander verknüpft Zeiten und Welten – sie bilden ein Feld, zu dem Haake lesend die Verbindung hält. „Ich habe mal zwei Monate Pause gemacht. Da war der Kontakt weg. Ich lese ständig Märchen.“ Dabei fallen Unterschiede, aber auch gemeinsame Muster ins Auge. „Es gibt ein Buch“, sagt Haake „das enthält 400 Varianten des Feuervogelmotivs.“

Erzähl mir Märchen!

Märchen werden geschrieben, verlegt, vertont, verfilmt. Seinem Ursprung nach ist das Märchen aber durch Generationen hindurch weitergetragenes Wort. „Worte haben Macht“, weiß Haake. Jedem erzählten Märchen fügt er seine eigenen Worte bei, setzt Akzente, hebt Aspekte hervor. Er trägt weiter und wandelt dabei. Nur so, sagt er, bleiben die Märchen lebendig.

Im Botanischen Garten. Quelle: Frank-Ole Haake

„Die Märchen wollen erzählt werden. Es spielt keine Rolle ob da einer sitzt oder viele. Oder ob ich Geld dafür bekomme“, sagt Haake. Ein Märchen kommt zu dem, der es hören will. Es kommt immer wie gerufen.

So auch in der Krise. „Erzähl mir keine Märchen!“, sagt jemand, der nicht belogen werden will. Für Frank-Ole Haake sind Märchen keine Verschleierung der Welt, sondern ein Schlüssel zu ihrem Verständnis. „Märchen sind kein Schnickschnack“, sagt Haake. „Sie sind hilfreich und bieten Orientierung.“

Sie brauchen ein sanftes Leuchten

Bereits 2016 ist Frank-Ole Haake mit „Oles Märchenkoffer“ auf Youtube online gegangen. Durch die Abstandsgebote hat er sich wieder auf den Blick in die Kamera konzentriert und erlebt sich als Erzähler dadurch neu: „Ich muss beim Sprechen präziser und sehr fokussiert sein“, erklärt er. Eine Kamera verzeihe Fehler weniger gnädig als ein Publikum. „Dadurch erzähle ich intensiver.“

Eine besondere Herausforderung sei es, die „Märchen zur guten Nacht“ auszuwählen. Unterhaltsam, spannungsreich müssen sie sein – aber eben doch harmonisch genug, um danach friedlich wegzuschlummern. „Sie brauchen ein sanftes Leuchten“, sagt er. So erzählt Frank-Ole Haake aus der Weißighöhle in der Sächsischen Schweiz heraus von der blauen Rose, der Mondkuh oder der Mondblume.

Wanderer über dem Märchenmeer

Mit der Krise ergehe es ihm, sagt Haake, wie der Grille im Winter. Er leide wie alle Kleinkünstler unter der fehlenden Interaktion und dem Wegfall zahlreicher Veranstaltungen. „Ich lebe von der Hand in den Mund“, sagt Haake. „Wenn nichts in der Hand ist, ist nichts im Mund.“ Wem sein Märchenkoffer auf Youtube gefällt, der kann virtuell eine Münze in den Hut werfen. Die entsprechenden Daten sind im Untertext der Videos zu finden.

Frank-Ole Haake schultert seinen Rucksack und schreitet über die maigrünen Wiesen davon. Ein Wanderer über dem Märchenmeer.

Frank-Ole Haake (Ole Bildermensch)

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  • Web: www.ole-bildermensch.de
  • zum nächsten Mal live zu erleben am 23./24.5. im Volkskundemuseum Dresden