Doris Müller: „Erstbezug, ist ja klar!“

eingestellt am 25.04.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Foto: Philine Schlick

Doris Müller wohnt seit 1973 im zwölften Stock eines WGJ-Hauses am Käthe-Kollwitz-Ufer. Akribisch hat sie alle Dokumente bewahrt, die den Erstbezug in das moderne Hochhaus begleiteten. Sie erinnert sich glücklich an diese schöne, aufregende Zeit. Heute teilt sie die Wohnung mit ihrem Hund Kiro – und vielen Erinnerungen. Zum Beispiel an die Sache mit den Fliesen, die sich anhört wie eine Variation des Märchens „Hans im Glück“. 

Ich bin aus Eisenach, und habe im Rennkollektiv  gearbeitet, mein Mann auch. Er war dort Versuchsleiter. Das Automobilwerk hatte noch diese Nebenstelle in der Rennautos gebaut, gefahren und erprobt wurden. Auch auf dem Nürburg-Ring waren die Eisenacher Autos. Ich habe gezeichnet und wir haben uns kennengelernt. Er war praktisch mal mein Chef.

Blick vom Westbalkon aus in Richtung Altstadt. Foto: Philine Schlick

„Die Tierhalter haben sich Wannen voll Brot geholt“

Und dann ist mein Mann nach Pirna gegangen. Es sollten Autos mit einer Gasturbine gebaut werden, das hat sich aber zerschlagen. Später  war  die Luftfahrtindustrie dort. Eine Maschine ist bei Leipzig abgestürzt. Die Sowjetunion hat dann ihre eigenen Flugzeuge gebaut und so wurde der Betrieb aufgelöst. Es sind verschiedene andere Firmen entstanden, z.B. wurden u.a. auch Generatoren für die Feuerwehr gebaut.

Mein Mann ist zehn Tage auf einem Schiff gefahren und hatte dann vier Tage frei, sie haben Generatoren und Turbinen im Dauertest geprüft, ob sie u.a. auch für Schiffe möglich sind. Später ist er als Dienststellenleiter zum Amt für Standardisierung und Warenprüfung gegangen.

Ich habe in Pirna einen Teilkonstrukteur-Lehrgang gemacht und gezeichnet. Als Teilkonstrukteur habe ich vielleicht um 580 Mark verdient? Aber eine Straßenbahnfahrkart von Pillnitz bis Radebeul kostete 20 Pfennig, oder die Brötchen .. es war alles unter Wert. Die Tierhalter haben sich teilweise Wannen voll Brot geholt und es dann verfüttert. Das hat nicht gestimmt! Aber heute stimmt ja leider auch nicht alles.

Doris Müller in ihrer Wohnung im zwölften Stock. Foto: Philine Schlick

„Eigentlich schön, aber hundekalt“

In Dresden habe ich nach einem weiteren Lehrgang zum Plantechniker in einer Nachfolgeeinrichtung von den Verkehrsbetrieben gearbeitet, im Büro für Stadtverkehr, und hatte einen Krippenplatz von den Verkehrsbetrieben.

In Johannstadt – da war das Straßenbahn- Depot und das Büro der Verkehrsbetriebe, musste ich die Krippe Gebühr bezahlen. Dort war auch eine Wohnungsverwaltung und ich habe gefragt, ob ich mich für eine Genossenschafts-Wohnung anmelden kann.

Sie haben gesagt, ja, wenn Sie eine zum Tausch haben. Wir hatten in der Müller-Berset-Straße eine Zwei-Zimmer-Wohnung, Erdgeschoss mit Balkon. Eigentlich schön, aber hundekalt. Die Zudecken im Schlafzimmer haben wir am Kachelofen abends angewärmt und unsere Tochter haben wir nachts viele Male wieder zugedeckt.

Ich bin so gegen vier Uhr aufgestanden. Der Kachelofen war zu heizen und musste dann längere Zeit durchbrennen, ehe er geschlossen werden konnte. Auch der Badeofen wurde geheizt für das warme Badewasser unserer Tochter. Einen Warmwasser-Boiler gab es auch in der Küche nicht. Mein Mann ist auch noch mit unserem Hund „gerannt“.

Um sechs musste ich dann schon an der Krippe sein. Sie öffnete sechs Uhr. Mein Dienst begann 6.45 Uhr. Gleit-Arbeitszeit gab es damals nicht, Straßenbahnen waren 1970 mit Kinderwagen voll beladen, und so bin ich von der Borsbergstraße bis zum Schillerplatz gelaufen. Mein Mann war damals viel dienstlich unterwegs und musste sehr oft noch zeitiger losfahren und konnte mich nicht zur Krippe bringen.

„Eine Stunde wurde mit 2,20 Mark berechnet“

Diese Wohnung in der Müller-Berset-Straße hatte ich im Angebot und da haben sie mich aufgenommen. Unsere alte Wohnung kam 32 Mark Miete, die war dann auch begehrt bei der Wohnungsgenossenschaft.

Einzahlen musste man 2400 Mark, die sind in der Genossenschaft geblieben, gehören aber uns oder den Erben. Und für 2400 Mark musste man Eigenleistungsstunden erbringen. Die Stunden hätten auch bezahlt werden  können … Eine Stunde wurde mit 2,20 Mark berechnet. Heute undenkbar!

Wir haben zum Teil bezahlt und auch mit gearbeitet. Wir waren in der Stübelallee und haben Gräben geschaufelt, in die dann Rohre gelegt wurden. Es war eine harte, primitive Arbeit. Aber wir dachten, wenn wir schon die schöne Wohnung bekommen, können wir auch arbeiten.

Doris Müller hat sich für Ihre Wohngegend eine maßstabsgetreue Zeichnung besorgt. Foto: Philine Schlick

Ich war das erste Mal beim künftigen Hochhaus zum Gucken im Februar und im Dezember. Noch vor Weihnachten sind wir dann eingezogen. Ich bin mit dem Kinderwagen hergefahren und man sah damals schon die Grundrisse. Der Kindergarten in der Blumenstraße war noch nicht gebaut und ich bin mit dem Fahrrad noch zum Kindergarten in die Anton-Graff-Straße gefahren.

„Ein Glas Speckfett hat sie beruhigt“

In der alten Wohnung standen viele,viele Kisten mit Büchern zum Transport für das Hochhaus. Die Kartons waren mühsam auch von Freunden gesammelt, denn man konnte ja nicht einfach zu Aldi gehen und sich Bananenkisten holen. Die Möbelpacker waren sehr empört und haben gesagt, noch niemals mussten sie für so einen Verrückten so viele Kartons schleppen. Ich habe gesagt, wir machen in der neuen Wohnung was zum Stärken, und außerdem kann das Auto bis fast zum Aufzug fahren.

Blick in Essbereich und Küche. Foto: Philine Schlick

Wir saßen dann alle auf dem Fußboden in er neuen Wohnung und u.a. ein Glas „Speckfett“ handgearbeitet hat sie wieder beruhigt. So ein Glas  haben aber auch andere Helfer immer wieder „angefordert“:  geschnittener Speck, geschnittene Zwiebeln, geschnittene Äpfel, alles einzeln im Tiegel knusprig gebraten, in den Topf mit Majoran und weißem Fett, unterrühren erstarren lassen, fertig. Und niemand hat die Kalorien gezählt!

„Es ist rundum gut“

Der Einzug hat mir viel bedeutet. Man kann sich es gar nicht vorstellen, wie das war. Man macht die Heizung an und es wird sofort warm. Oder den Hahn auf, und es kommt warmes Wasser raus.

Man konnte so viel Warmwasser nehmen, wie man wollte, da gab es keinen Zähler. Die Heizung und das warme Wasser waren im Mietpreis für gesamt 114,80 Mark enthalten. Auch die Küchenmöbel, der Herd und die Spüle waren schon dabei. Die Heizungskörper hatte einen kleinen Hebel an der Seite, mit dem konnte die Klappe im Heizkörper zum Öffnen oder Schließen gekippt werden. War es noch zu warm mußte eventuell die Balkontür geöffnet werden, denn damals liefen die warmen, unisolierten Rohre noch an der Wand entlang. Das war aber schon eine große Verschwendung.

Später  hat sich die Miete erhöht auf 143 Mark für 78 Quadratmeter. Das kann man niemandem mehr erzählen. Aber natürlich gab es auch keine „Spitzengehälter“.

Beleg zur Schlüsselübergabe. Foto: Philine Schlick

Die Sonne hängt an der Kirchturmspitze

Es war eine große Aufregung als die Karte für die Schlüsselübergabe kam. Diese fand in einem Saal der Verkehrsbetriebe statt.

Man wusste nicht, was man für eine Seite erhält. Ich hatte dem Wohnungsmann vorher gesagt, dass ich sehr gern auf die Westseite ziehen würde – aber er sagte, er hätte keinen Einfluss. Und dann – bekam ich den Schlüssel für die Westseite!

Mit der Abend-Sonne! Manchmal ist der Fluss rot und der Himmel bunt. Man sieht die Sonne wandern im Laufe des Jahres von „rechts nach links“ bis zum zum Windberg. Und dann hängt die Sonne manchmal an einer Kirchturmspitze  Es ist eine so schöne Sicht auf die Stadt, und ich schätze es auch nach so vielen Jahren noch sehr. Die Ostseite ist auch schön. Dort hat man ja auch den den Blick auf den Fluss und die Hänge. Und die andere Süd-Seite ist auch gut, mit dem Blick z. B. ins Erzgebirge, der Sächsische Schweiz und auch die Babisnauer Pappel ist zu sehen. Es ist also rundum schön, und wir lassen uns das Hoch-Haus nicht abreißen!

„Eine Fete für’s ganze Haus“

Es gab für das Haus eine Hausgemeinschaftsleitung, auf jeder Etage war ein* Vertreter*in. Also, ich auf unserer Etage, einmal im Monat haben wir uns unten im Clubraum dann getroffen, was gibt‘s zu tun, wer will was? – und dazu haben wir natürlich ein Bier getrunken.

Und einmal haben wir auch eine „Fete“ fürs ganze Haus organisiert; „drüben“ im Sportcasino (da war‘s noch nicht so vornehm) und sehr viele sind gekommen, wir haben getanzt und diskutiert bis spät. Auch im Sportcasino war es jeden Sonnabend früh möglich Skat zu spielen. Das Bier war ja sehr billig, Kaffee auch und eigentlich haben sie an uns nichts verdient.

„Man hat sich geholfen. Das war normal. Es ging nicht anders“. Foto: Philine Schlick

Jedes Mitglied musste im Jahr zehn Pflichtstunden u.a. für die Grünanlagen leisten. Auch die konnten für 2,20 Mark bezahlt werden. Aber wenn an der Haustür ein Zettel zum „Einsatz“ hing, waren viele da. Wir haben zwei Stunden Unkraut gezupft und dann zwei Stunden im oder – bei Sonne – außerhalb es Klubraumes noch gequatscht. Ein Mieter hatte den Wasserkessel zum Warmmachen für die Würste und natürlich auch „gutes“ Bier mitgebracht. Das wurde dann von allen bezahlt.

Theater für eine Mark

1973 waren im Hochhaus überwiegend jüngere Menschen eingezogen, die meisten hatten Kinder. Damals waren Anrechte für Konzert und Schauspiel spottbillig, sodass fast alle auch diese Abos hatten.

Das hat aber auch dazu geführt, dass die Karten verfallen gelassen wurden, wenn es wichtige Sportereignisse gab. Im Theater konnte man deshalb für eine Mark eine Karte kaufen und nach dem letzten Klingeln auf die freien Plätze stürmen.

Bei einem Theaterbesuch hatte ein Nachbar immer  den Wohnungsschlüssel und hat nach den Kinder geguckt. Einmal haben  Nachbarkinder sehr geweint, wir haben sie in unsere Betten getragen, einen Zettel an die Tür geklebt: Ihre Kinder sind in unseren Betten. So einfach war das.

Wir mussten ja auch noch die Hausordnung machen und alle Außentürfenster putzen. Wenn man in den Urlaub fuhr musste dann ein Tausch organisiert werden, dazu hing der Kalender an der Tür und jeder wusste, wann er dran war.

Streit hat es auf unserer Etage noch niemals gegeben, alle reden mit einander, wenn wir uns sehen, aber alle reden sich auch nach so langer Zeit noch mit „Sie“ an. Leider sind schon vier Menschen inzwischen gestorben, da gibt es von allen gemeinsam einen schönen Blumenstrauß. Meine Nachbarin hat angeboten auch mal meinen Hund zu nehmen, wenn ich ein Kurzreise machen will. Mein Nachbar bringt mir die Getränke bis an die Tür. Ich bin schon froh, in diesem Umfeld zu wohnen.

Kleine Frühlingsboten. Foto: Philine Schlick

„Er war 91 Jahre alt“

Das Hobby meines Mannes waren Burgen und Schlösser … Mein Mann hat auch selbst einige Bücher geschrieben.

Aber das war außerhalb seines Berufes. Er hat auch Vorlesungen in der Volksschule gehalten mit insgesamt 72 Exkursionen  nach z.B.  Spanien, mehrfach Portugal, Israel, Syrien. Auch China war dabei, u.a. mit der Großen Mauer, aber natürlich außerhalb der großen Touristenströme.

Er ist voriges Jahr gestorben, und war 91 Jahre alt. Wir haben am 24. Dezember 1959 geheiratet, weil mein Mann den Hochzeitstag nicht vergessen wollte, waren also 62 Jahre verheiratet. Meine Schwiegermutter hatte größte Probleme Weihnachten 1959 einen Hochzeitsstrauß zu erhalten. Schnittblumen gab es im Winter nicht für den „Normalverbraucher“. 

Als mein Mann nicht mehr da war, war es sehr einsam für mich, denn ich bin kein Fernsehgucker und sammel‘ auch keine alten Ansichtskarten oder Briefmarken mehr. Deswegen habe ich auch wieder einen kleinen Hund, da habe ich zu tun. Er wartet, dass ich mit ihm raus gehe und freut sich mit aufgeregten Sprüngen.

Die große Renovierung

Es gab im Jahr 2000 eine große Renovierung, da haben wir gedacht, das überstehen wir nicht. Wir holen uns eine andere Wohnung. Aber die waren es vom Grundriss her nicht. Hier ist die eine Wand im Arbeitszimmer über sechs Meter lang und auf der anderen Seite ist auch nur die Tür, also man kann viele Regale stellen, die uns alle ein Tischler gebaut hat.

Bei der Renovierung ist ja alles raus gekommen. Alle Rohre. Alles, alles. Mein Mann hatte im Wohnzimmer eine Art Zelt aus durchsichtigen Planen gebaut, da haben wir drin gefrühstückt und auch sonst gegessen. Es war ja überall Staub, weil der Fußboden in der Küche und im Bad raus gehackt wurde. Das ging so viele Tage lang und war ganz schön hart.

Danach haben wir uns eine neue Küche gekauft. Dann war ja auch die Wende und es gab alles. Hier unten im Nebenhaus war ein Tischler, der hat die Küchen verkauft – er hat gesagt, das war das Geschäft seines Lebens. Bei uns waren ja Pressspanmöbel drin. Und der Herd hatte noch die runden Eisenplatten. Aber das war auch früher gut!

Hund Kiro ist acht Jahre alt. Foto: Philine Schlick

Meine Tochter hat nämlich mit ihren Schul-Freunden manchmal bei uns gekocht. In riesengroßen Töpfen und Tiegeln, haben sie die auf den „Eisenplatten“ hin und her gezogen, immer wurden Nudeln aller Art gekocht.

Mit dem neuen Herd wäre das gar nicht gegangen Ich habe gesagt, ihr könnt alles machen, solange keine Ketschup-Nudeln an den Fliesen kleben und auch, dass sie die Ranzen nicht so chaotisch in den Hausflur schmeißen sollen, nehmt sie mit rein, aber so,dass ich dann auch noch reinkomme. Unsere Tochter war ja  allein, und für mich war das kein Problem, zumal die Kinder auch immer ordentlich aufgewaschen hatten.

Später hat meine Tochter in Irland studiert und in Dresden promoviert und ist Historikerin.

Die Sache mit den blau-weißen Fliesen

Und dann möchte  ich Ihnen das mit den Fliesen erzählen. Also, 1973 als wir die Wohnung bekommen haben, war ja gar nicht daran zu denken, dass die mit Fliesen waren. Und da sind zwei meiner Kollegen mit mir zur Baustoffversorgung gegangen, und da haben wir uns jeder für zwei Quadratmeter weiße Fliesen auf einer Warteliste eintragen dürfen. Die Zeit haben wir abends eingearbeitet, man musste ja tagsüber dort hin.

Die Fliesen haben ja nicht gereicht. Ich wollte im Bad auch die Wanne eingefliest haben. Da hat uns jemand gesagt, bei den Tschechen gibt es die Fliesen, ihr müsst nach Decin fahren.

Blick auf die Baustelle des neuen WiD-Hauses. Foto: Philine Schlick

Erst waren wir in Antiquariaten und haben Bücher gekauft, dann sind wir wandern gewesen und haben nach den Fliesen gefragt. Ein Mann war uns wohlgesonnen und hat uns einen Zettel geschrieben mit einer Adresse in einem kleinen Nachbarort. Das haben wir auch gefunden und haben einige Kisten von blauen Fliesen eingeladen. Das Auto stand wie eine Rakete beim Start.

Wir konnten kein Fernlicht anmachen und sind mit Standlicht nach Dresden gefahren. Wir hatten natürlich auch Angst an der Grenze. Beim Zoll hatte man früher immer Angst. Wir hätten auch nicht so viel Geld tauschen dürfen. Meine Schwiegermutter hatte für uns getauscht und mein Schwiegervater hatte auch für uns getauscht. Im Antiquariat hatte man uns auch noch einhundert Mark getauscht. Wir hätten das, was wir im Auto hatten, niemals mit dem erlaubten Umtauschgeld kaufen können und waren schon aufgeregt.

Blick in das Arbeitszimmer. Foto: Doris Müller

In die Zollerklärung, die musste man damals noch ausfüllen, hat mein Mann reingeschrieben: Sechs mal „Wandkeramik“. Aber die Bücher waren‘s! Damit  haben die Zölllner  sich eine halbe Stunde lang beschäftigt. Weil es alte Bücher waren haben sie gedacht, es ist Naziliteratur und haben viel durchblättert, da waren unsere Fliesen untergegangen. Wir waren ganz schön erleichtert und heilfroh!

„So ein Fell will ich haben!“

Da hatten wir die Fliesen in der Garage, aber keinen Fliesenleger! Es war undenkbar damals, wenn man kein Westgeld hatte, einen Handwerker zu finden!

Hier im Haus habe ich es klopfen gehört. Ich dachte, das kann nur ein Fliesenleger sein, habe die Wohnung gesucht, und es war ein Fliesenleger! Ich habe gesagt, wir haben die Fliesen und können Zement besorgen – können Sie nicht mal kommen und gucken? Er sagte, er schaut es sich mal an.

Im Schlafzimmer hatte ich ein riesengroßes braunes Schaffell, ungeschoren und mit langen Zotteln, liegen. Er hat gesagt, ich komme zu Ihnen, aber so ein Fell will ich haben!

Wir hatten ein Wochenendhaus hinter Pirna und da war ein Nachbar mit dem wir öfter mal Bratwürste gegessen und Bier getrunken haben am Wochenende, der hatte das Fell besorgt. Er kannte jemanden, der Schafe hatte. Da sind wir zu ihm hingefahren, haben gesagt, bitte besorge uns  noch so ein Fell.

Er hat gesagt, das geht in Ordnung. Ich habe gesagt, wir  wollen aber  nur das Fell haben. Das war aber nicht gegerbt! Ich hatte auf Arbeit einen Kollegen, der kannte wieder jemanden, der hat in Freital in der Lederfabrik gearbeitet. Er hat gefragt und gesagt, das macht er für dich und hat auch die Bottiche und die Brühe und was man alles so braucht.

Bücherliste von Heinz Müller. Foto: Philine Schlick

Auf jeden Fall hat der Bauer ein Schaf geschlachtet, das Fell mit Salz bestreut und eingerollt, (die Kosten dafür waren einvernehmlich verhandelt und o.k.)  Mein Mann hat die Rolle geholt, ich habe sie  meinem Kollegen gebracht, der hat die dem Mann aus Freital gegeben und der wollte aber kein Geld, sondern einen Kasten Radeberger.

Radeberger gab es aber auch nicht! Da durfte man im Konsum manchmal fünf Flaschen entnehmen, mehr nicht. Wirklich, das stand dran! Und da kannte ich wieder jemanden aus dem Gaststättengewerbe und der hat gesagt, ich kann und darf euch keinen Kasten Bier verkaufen, aber ich kann es von meinem Depotat nehmen. Er hat uns auf jeden Fall diesen Kasten Radeberger (zum „normalen“ Preis gegeben) und er brauchte auch absolut nichts von uns.

„Ich habe die so mühsam erkämpft!“

Dann hatte ich das große Fell. Der Fliesenleger war gekommen und hatte auch gleich noch die Küche gefliest.

Beim Wohnungsbau 2000 musste alles raus. Ich habe gesagt, das geht nicht! Ich habe die Fliesen so mühsam erkämpft! Die Genossenschaft hat gesagt, ich könnte sie dran lassen, aber ich müsste unterschreiben, dass, wenn wir ausziehen, alles neu gemacht werden muss. Da habe ich lange gegrübelt und gedacht, da müssen sie eben raus, aber das hat mir richtig weh getan. Einige haben wir dann noch mit in den Garten geschleppt und nie gebraucht.

Blick vom Hochgeschosser Pfeifferhannsstraße in Richtung Altstadt. Foto: Philine Schlick

In der DDR musste man Freunde haben. Anders ging das oft gar nicht. Wir haben dann natürlich auch geholfen. Ein Kasten Bier und paar Bockwürste, dann sind  alle da.  Die Freunde kamen aber auch so manchmal abends in unsere Hütte und brachten ihre Zelte mit. Ich hatte ein Schifferklavier. Bis morgens um vier haben wir zuweilen gefeiert und, aber nicht allzu laut, gesungen. Auf der anderen Elb-Seite waren ja Häuser und die Gesänge sicher trotzdem zu hören. Da gab es aber noch kein Telefon oder gar Handys für „normale“ Bürger, also, die Polizei konnten sie nicht anrufen.

Wir hatten nach der Wende alle noch Kontakt, sind zusammen verreist, aber leider werden es immer weniger für immer, oder sie  können wegen Krankheiten  nicht mehr aus dem Haus.

Wir alle haben damals sehr viel gelesen, Bücher getauscht und über die Bücher diskutiert, mein Mann hatte „Beziehung“ zum Antiquariat Sauermann und deshalb auch viele Lizenzausgaben kaufen können.

Manchmal denke ich mit Sorge, alles muss einmal geräumt werden, das ist eine ganz schlimme Arbeit. Aber eine Weile wäre ich schon noch gerne hier, in dieser schönen Wohnung.

Reiner P.: „Ich habe es anders gemacht“

eingestellt am 08.02.2020 von Philine Schlick, Headerbild: "Ich nehme mir jetzt Zeit für mich" - Reiner P.. Foto: Philine Schlick

Von der Wohnung Reiner P.’s, kann man zeitweise den Jahreslauf der Sonne über die Stadt verfolgen. Das Memento-Gespräch mit Reiner ist wie ein historischer Beitrag im Kulturradio: Besonnen, informativ und ausgewogen. Der Bericht eines Johannstädters, der getragen durch Familie und Kirche, durch alle Lebenswehen unerschütterlicher Humanist und Demokrat geblieben ist. 

„Es ist nicht alles ein Erfolg“

Wir haben ja damals sehr lange gearbeitet, sogar noch sonnabends, das habe ich noch erlebt. Also 48 Stunden in der Woche. Und dann in meinem späteren Berufsleben 45, 40 Stunden – und dann nachmittags mal einen Kaffee, das war wohltuend. […] In den letzten Jahren bin ich wenig zum Lesen gekommen, weil ich durch die Pflege meiner Frau sehr eingespannt war. […]

Und da ist eben auch das Lesen zu kurz gekommen und viele andere Wünsche auch. Aber ich habe gehört, dass es Aktivitäten in Johannstadt gibt und sich Menschen bemühen und sich fragen: Wie wollen wir denn diesen Stadtteil mitgestalten? Es fehlt an so vielem, um Leben lohnend zu gestalten und dass es nicht nur einfach geschieht.

Wir haben viele freie Flächen, die gerade zugebaut werden. Es ist nicht alles ein Erfolg. Häuser die Dächer wie Turnhallen haben mit Wellblech … Und am Güntzplatz, habe ich gesehen, ist ein großes Areal entstanden – das ist mir schon zu hoch, zu eng. Die Luft, das Licht gehen verloren. Die große Fläche, wo das Plattenwerk gewesen ist – ich bin gespannt, was da wird. Ich hoffe, es wird nicht zugeklotzt. […]

Ich bin zugereister Johannstädter. Ich bin geboren in Berlin 1940 und kann mich an die Bombenangriffe als Vierjähriger noch erinnern. Meine Mutter musste dann mit uns Kindern Berlin verlassen, Vater war im Krieg, und da sind wir nach Thale im Harz gekommen, wo meine Mutter Geschwister hatte. Wir wollten dann nach dem Krieg nach Berlin zurück, aber das ging nicht, es war dann alles kaputt oder mittlerweile anders genutzt und da sind wir im Harz hängen geblieben. So bin ich in Thale aufgewachsen, habe in Quedlinburg gelernt, in Leipzig und Jena studiert und bin nach dem Studium als junger Ingenieur nach Dresden gekommen, das war ein Wunsch. Und das habe ich auch geschafft.

„Gast für die Dauer des Arbeitsverhältnisses“

Habe dann hier in der Fotoindustrie angefangen, das hat mir gefallen und hier wollte ich bleiben. Ich muss zugeben, dass ich nach dem Studienabschluss gar nicht wusste, was ich wirklich damit anfangen kann. In der Fotoindustrie hatte ich die Chance, mich in dem Betrieb mal ein Vierteljahr umzusehen. Was würde man heute sagen? Volontär, Assistent, Praktikant?

Und nach diesem Vierteljahr, in dem ich von der Marktforschung angefangen, bis zu Entwicklung, Konstruktion, Musterbau,bis zum Einleiten der Produktion, bis zum Versand, Marktstrategien alles mal kennengelernt hatte, da war eine Abteilung, die hat Ausrüstungen für die eigene Industrie hergestellt. Also Maschinen, Anlagen, damit die Fotoindustrie funktioniert und rationell arbeiten kann. Das wollte ich machen!

Reiner P. erklärt die Geschichte seiner Familie. Foto: Philine Schlick

Es wurden Maschinen, Geräte und Ausrüstungen erdacht, als Bedarf empfunden und entwickelt und wir hatten die Aufgabe, das zu konstruieren, zu entwickeln, zu erfinden, wenn man so wollte. Das waren alles Unikate. Dinge, die einmal gebaut wurden und wir haben uns das ausgedacht und das hat mir großen Spaß gemacht! Das habe ich fast 30 Jahre gemacht. So bin ich in Dresden hängengeblieben und hatte eine Arbeitserlaubnis für die Dauer des Aufenthalts. Das gab es also zu DDR-Zeiten auch schon. Und das konnte ich mal umwandeln bei einer Wahlveranstaltung.

Da wurde Werbung gemacht, wie gut es uns hier geht. Damals hatte ich noch eine Berechtigungskarte, bei einem bestimmten Fleischer einzukaufen. […] Als ich gefragt wurde, wie es mir als jungem Ingenieur in Dresden gefällt, habe ich gesagt: „Ich kann hier eigentlich gar nichts dazu sagen, ich bin hier bloß Gast für die Dauer des Arbeitsverhältnisses. Ich gehöre hier gar nicht richtig dazu.“ Was? Das kann doch nicht sein! – Und genau das wollte ich eigentlich. Da wurde das dann gestrichen und dann hatte ich eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.

Ein Zimmer für mich

Ich habe erst in einem verlassenen Kinderferienlager in Graupa gewohnt ein Vierteljahr. Bin dann von Graupa nach Striesen gefahren mit Fußweg, Bus, Bahn und Fähre – eine gute Stunde ein Arbeitsweg und das Ganze abends wieder zurück. Abends mal Kino oder Theater das ging eigentlich nicht. Dann hatte ich ein Untermietzimmer bei einer liebenswerten alten Dame. Nachdem ich die ganze Wohnung vorgerichtet hatte, auch ihre Zimmer natürlich, nach einem Jahr war sie gestorben.

Nicht wegen des Vorrichtens – sie war also glücklich, dass ich gekommen bin. Man konnte abends mal ein Wort reden, zum Sonnabend hat sie mir ein Mittagessen gemacht, das war ja ganz liebenswürdig. Ja, aber aus der frisch gemachten Wohnung musste ich ausziehen und kam in eine Wohnung als dritte Partei, Hauptmieter mit drei Kindern, ein Untermieter und ich. Fünfzimmerwohnung in Striesen, Ermelstraße […].

Reiner P. nutzt nicht nur Notizzettel, sondern Smartphone, Tablet und PC. Foto: Philine Schlick

Die Untermieter hatten jeweils ein Zimmer und mit dem Hauptmieter gemeinsame Toilette und Bad. Das Bad war schon ein großer Fortschritt, denn von Thale her kannte ich nur den Dreifuß mit der Schüssel. Wie das eben so war, in den 40er und 50er Jahren. Es kam dann schon einmal vor, wenn ich den Badeofen geheizt hatte und dann rein kam, und die Wirtin hatte ihre drei Kinder gebadet, da war das Warmwasser wieder alle. So war das eben. Aber da hatte ich schonmal ein Zimmer für mich.

Dresden ist meine Wunschheimat

1965 habe ich ein zweites Studium als Weiterbildung angefangen in Jena, Fernstudium, berufsbegleitend. Ich habe eine Freundin, wir kannten uns schon eine ganze Weile, haben uns immer mal einen Brief geschrieben, uns mal durch einen Zufall in einem Urlaub getroffen … Dann traf ich sie öfter wieder. Es war eigentlich auch ein Grund, nach Jena zu kommen, um sie wieder öfter zu treffen. Ja. Wir sind enger zueinander gekommen […] und haben geheiratet.

Jetzt sind wir seit über 53 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder, eine Tochter-Familie in Dresden mit drei Kindern. Die drei Enkel sind 25, 27 und 30. Und die Sohn-Familie in Stuttgart mit zwei Kindern – ein Schulanfänger und ein Kleinkind. Wir sind in Dresden geblieben. Es ist meine Wahl- und Wunschheimat.

Rainer Pfaff besucht seine Frau täglich. Zu Weihnachten "entführte" er sie aus dem Pflegeheim in die Kreuzkirche. Das Motto: So normal weitermachen wie bisher. Foto: Philine Schlick
Sylvester verbrachte das Ehepaar in der Kreuzkirche. Das Motto: So normal weitermachen wie bisher. Foto: Philine Schlick

Nachdem wir dann zwei Kinder hatten, haben wir in Johannstadt eine Wohnung bekommen, in der Hertelstraße. Aus meinem Untermietzimmer, in das ich alleine eingezogen war, sind wir zu viert ausgezogen. Davon habe ich noch einen Film, einen Fünf-Sechs-Minuten-Film, so habe ich die damaligen Verhältnisse mal festgehalten.

In der Hertelstraße hatten wir dann eine Wohnung für uns, wo wir die Tür hinter uns zumachen konnten. Das war Weihnachten 1968. Da haben wir fast 30 Jahre drin gewohnt. Als die Kinder dann raus waren und die Platten schon zwanzig Jahre standen, da haben wir gesagt, jetzt können wir mal was für uns tun und haben uns für diese Wohnung beworben. Wir hatten damals noch Ofenheizung in der Hertelstraße. […] Jetzt wohnen wir hier 25 Jahre.

Alles war geprägt von Zwängen

Wir sind in der Johannstadt natürlich auch aktiv gewesen. Wir sind hier gut aufgenommen worden. Ich war eine Legislaturperiode mit im Kirchvorstand. Wir haben einen Kleingarten hier gefunden. Der erste an den Elbwiesen, der ist mit der Flut dann untergegangen. Dann haben wir einen neuen gefunden, 800 Meter weiter. „Birkenhain“ gegenüber der Uniklinik, […] sodass wir hier ein Stück weit verwurzelt sind. Ich denke, wir sind in der Zwischenzeit nun auch „Johannstädter“.

Geboren wurde Reiner P. 1940 in Berlin. Nun ist er seit Jahrzehnten Johannstädter. Foto: Philine Schlick

Wir haben einen Freundeskreis, einen Hauskreis, der aus der Gemeinde hervor gegangen ist, wo wir uns immer mal treffen. Zu DDR-Zeiten war das etwas ganz wichtiges nicht nur für Glaubensfragen, sondern weil man im vertrauten Kreis auch mal Klartext reden konnte und nicht den öffentlichen oder offenen Zwängen der sozialistischen Lebensweise ausgesetzt war. Im Arbeitsleben war das ja typisch, dass die Lebensweise ein Stück weit vorgegeben war. Mit Brigadeleben, Veranstaltungen … Es waren auch schöne Sachen. Natürlich haben wir auch Wanderungen gemacht oder mal eine Kaffeerunde.

Aber es war immer geprägt von Zwängen. Maidemonstration, sich vom Kollektiv zu irgendwas bereit erklären. Gut waren Patenschaften mit Schulen. Es wurde aber immer ein Druck ausgeübt. Freie Entscheidung war so gut wie nicht möglich oder es schickte sich nicht. Man musste eben immer mit Konsequenzen rechnen. Ich habe auch nicht immer alles mitgemacht. So war ich auch nicht in der Partei. Man konnte das ablehnen, aber dann war klar: Pfaff, dann bleibst du Schütze Arsch. Und so war es dann auch.

Leben konnten wir. Warm, trocken, sicher, satt – das hatten wir auch. Aber mehr ging eben nicht. Meine Zeit kam später.

Ich wurde hier gebraucht

Ich habe dann später noch ein drittes Studium gemacht in Chemnitz, als die Computertechnik einzog und mir klar wurde, Konstruktion und Steuerungstechnik ohne Computer ist künftig nicht denkbar und habe mit 40 noch einen Fachabschluss gemacht. Das ist noch eine Spezialisierung: „Einfluss der Computertechnik in Konstruktion und Steuerungstechnik“, auch berufsbegleitend als Vater von zwei Kindern. Das habe ich auch geschafft und freue mich drüber. Viele haben gesagt: „Was setzt du dich als 40-Jähriger noch hin? Geh lieber in die Kneipe und gönn‘ dir was.“ Sie hatten auf ihre Weise auch Recht. Aber Menschen dieser Meinung haben später keinen Anschluss in der sich ändernden Gesellschaft gefunden und sind nicht wieder auf die Füße gekommen.

Ich habe neue Arbeit gefunden. Nicht in meinem Beruf, ich musste meinen Beruf leider auch verlassen, weil keine Wirtschaft da war, die mich hätte beschäftigen können, und bin dann als Quereinsteiger in die Verwaltung gegangen, öffentlicher Dienst. Zwanzig Bewerbungen geschrieben und immer wieder Ablehnungen bekommen. Es gab eben auch keine Industrie … War ja alles weg. Ich habe die Fotoindustrie ja selbst mit abgewickelt.

Ich war eine Zeit lang Interessenvertreter, frei gewählter Betriebsrat in der Hoffnung, die Fotoindustrie retten zu können, aber das ging nicht. Es war alles wirtschaftlich am Boden. In Hamburg, Nürnberg oder München hätte ich sofort Arbeit gefunden in meinem Beruf, ich war ja qualifiziert, aber da lebte meine alte Mutter hier noch. Meine Kinder waren hier, vor kurzem noch Halbwüchsige, die flügge geworden waren. Meine Tochter hatte geheiratet, den ersten Enkel zur Welt gebracht … und da war mir klar, ich wollte das Umfeld hier nicht aufgeben – und auch, dass ich hier gebraucht wurde.

Blick in das Wohnzimmer der Pfaffs, Treffpunkt der Familie. Foto: Philine Schlick

Die Kinder sagten dann schon sorgenvoll: „Vater, denkst du denn, dass du hier vor der Haustür noch eine Arbeit findest?“ Ich sage: „Ich versuche es eben.“ […] Als die berufsbezogenen Bewerbungen keine Anhörung fanden, habe ich mich mehr aus Galgenhumor bei einer Landesbehörde beworben – und das habe ich gekriegt. […] Durch die Betriebsrattätigkeit war ich dann schon ein Stückchen bekannt geworden, hab Vorträge gehalten, in sozialethischen Kolloquien oder in Kirchen Fragen gestellt oder habe in der Treuhandanstalt mit verhandelt. Da bin ich bekannt geworden und hatte dann offenbar auch Zuspruch von Kirchen oder Parteien, obwohl ich nie einer Partei angehört habe.

Es gab dann positive Stimmen. Das habe ich alles erst hinterher erfahren. Von der Landeskirche wusste ich, dass ich von der Kirche eine Empfehlung hatte.

[…]

In der DDR war nicht alles Vernunft

Aus dem Bereich gab es vielleicht auch Fürsprecher. Ich habe drei Kirchentage zu DDR-Zeiten mit vorbereitet. Den großen 1983 in Dresden. Da ging es vor allem auch um Umweltfragen – natürlich immer alles streng biblisch orientiert. Es war erstaunlich, was es vor 2000 Jahren schon so alles gegeben hat und wie es dann hier auf die Wirklichkeit passte (lacht).

Wir wussten, dass die Stasi immer dabei ist und haben gelernt, uns so zu äußern, dass sie es eben hören sollen. Ein Beispiel: Wir hatten ein hervorragendes Landeskulturgesetz. Die DDR schon eines. Die BRD noch keins. Das stimmt tatsächlich. Da haben wir gesagt: „Wir haben ein gutes Landeskulturgesetz, da stehen lauter gute Sachen drin. Dass wir die Erde erhalten wollen – das wollen wir Christen auch. Nutzen ja, aber nicht kaputt machen. Und wir verstehen nicht, warum wir aus der Elbe keine Wasserproben nehmen dürfen. Wir wissen, das Wasser ist nicht in Ordnung. Warum ist das nun verboten? Das ist diametral entgegen gesetzt und wir wollen, dass das in Ordnung kommt. […] Warum darf man das nicht prüfen und jemandem mitteilen, der dafür zuständig ist, falls die es vielleicht noch gar nicht gemerkt haben …?“

Rainer Pfaff auf einem Foto mit seiner Frau. Foto: Philine Schlick

Solche Äußerungen waren am nächsten Tag ganz oben. Wenn Sie eine Eingabe gemacht hätten, die hätten die unteren Beamten aufgehalten oder verschwinden lassen. Und so war es ganz schnell oben und das wollten wir! Wir haben Dinge angestoßen, die notwendig waren […]

In der DDR war nicht alles Vernunft. Die DDR hatte gute Ziele, aber die haben es eben nicht gemacht. Und sie sind dann unglaubwürdig geworden. Der Eine durfte reisen, der Andere nicht. Einer kriegte einen Posten, der Andere nicht – auch wenn die Bedingungen alle erfüllt waren. Das hat dann den Volkszorn ausgemacht. […] Die Regierung hatte das alles. Alles, was „böse“ war: Reisemöglichkeiten in fremde Länder, fremde Währung, bessere Schuldbildung, bessere Krankenhäuser, Fernsehen. Staatsnahe hatten Möglichkeiten, die anderen nicht. Das stank dem Volk, bis es auf der Straße stand und sagte: „Wir sind das Volk“. Das war sicher auch ein Effekt der Kirchentage. Es hat dort keine Beschlüsse gegeben, aber die Menschen haben die aufkommenden Fragen mit ins Bett genommen. […]

So wollen wir nicht leben

Es wurde keiner ums Leben gebracht, es wurden keine Häuser angezündet, sondern es gab Blumen für die Polizisten. „Du wirst doch hier nicht auf Arbeiterkinder schießen. Wir wollen leben, wir wollen das aber demokratisch machen. Du gehörst dazu, du musst gucken, dass das alles richtig geht.“ Das haben die Jungs eingesehen. […]

Ich habe auch in Dresden mitdemonstriert. Abends waren wir demonstrieren und morgens wieder pünktlich auf dem Arbeitsplatz. Arbeit musste ja sein. […] Wir sind das Volk und es gibt Dinge, über die müssen wir reden. Dann kamen der Mauerfall und die runden Tische. Das war eine bewegte Zeit. Das hat was verändert. Es war eine Befreiung. Dass wir sagen konnten: Wir müssen miteinander reden, was verändern. Die ersten Gedanken waren ja, den Sozialismus, der ja gute Absichten und Ziele hatte, demokratischer zu machen, transparenter.

Dann entwickelte sich das aber weiter, dass wir uns vereinigen wollten. Weil der Sozialismus, wie er hier gelebt wurde, eben doch nicht lebenstauglich war. Weil es nicht so gemacht wurde. Die Mangelwirtschaft. Dass es monatelang keinen Zement gibt, weil sie Tschernobyl zuschütten mussten. Oder kein Waschmittel, keine Autoersatzteile oder keinen Senf. Wer West-Kontakte hatte, der kriegte das – wer nicht, ging leer aus. Da haben die Leute gesagt, so wollen wir nicht leben. […]

Ich habe mich nicht aussortiert gefühlt

Ein Gespräch mit einem Dialog ist inzwischen leider immer seltener geworden. Es werden Parolen gebrüllt, es werden Häuser angezündet, Menschen umgebracht. Es ist furchtbar. Auch in den Fernsehrunden. Ich habe direkt mal hingeschrieben während einer Sendung von Frank Plasberg, dass es für ältere sehr schwierig ist zuzuhören, wenn in die Gespräche hineingeredet wird und was der Moderator für Möglichkeiten hat, die Sprecher zu bremsen … Es ist sein Job das durchzusetzen, eine Gesprächskultur. […]

Das [die Wiedervereinigung] will niemand rückgängig machen. Aber viele haben ihren Arbeitsplatz verloren und damit einen Lebenssinn, weil der Arbeitsplatz ja auch ein Stück eine soziale Klammer ist, wo man hinkommt, wo man wer ist, wo man was kann und weswegen man geachtet ist und sich auch wohlfühlt, weil man was geschafft hat und seinen Anteil zum Ganzen gibt und sich berechtigt als Mitbürger fühlt. Das ist vielen verloren gegangen, das haben viele nicht verkraftet. Sie sind verletzt, fühlen sich aussortiert und wissen nicht, was sie falsch gemacht haben und leiden da dran. Es hat dramatische Folgen für ihre Lebensplanung wenn ich z.B. an die Mütter und ihre Rente denke …

„Ich nehme mir jetzt Zeit für mich“ – Reiner Pfaff. Foto: Philine Schlick

Ich habe es nun anders gemacht. Ich habe nach der zwanzigsten Bewerbung begriffen: Pfaff, du hast hier keine Chance auf dem Weg, du musst was anderes machen. Das war sehr, sehr schwer. Ich habe auch später noch eine Anpassungsqualifizierung gemacht, habe mein Leben lang versucht, mich weiterzubilden und an die Bedürfnisse anzupassen, so weit sie mit meinen übereinstimmen.

Es reicht nicht aus, wenn ich sage, ich habe einmal Schäfer gelernt, ich kann nur das machen. Vielleicht muss ich auch lernen Gänse zu hüten. Oder Wiesenbauer werden – oder sonst was. Weil sich die Bedürfnisse ändern und ich kann nicht auf meinem verharren. Das haben viele nicht so gesehen. Die wollten nur das machen, was sie gut konnten. Hätte ich ja auch gerne gemacht. Aber es war plötzlich nichts mehr gefragt. Aber deswegen habe ich mich nicht aussortiert gefühlt.

Mir war auch klar, ich würde nie arbeitslos werden. Im Markt könnte ich vielleicht Gemüsekistenschleppen – Arbeit gibt es genug. Das sehe ich am Ehrenamt: Da können Sie am Tag 36 Stunden arbeiten. Aufgaben gibt es genug. Und mir war klar: Irgendwas musst du finden. Hauptsache ich kann überleben. Das war mir klar und das habe ich auch gelebt. Das haben viele nicht geschafft und fühlen sich unsicher, sind enttäuscht. Ihre Erwartungen sind nicht erfüllt worden und jetzt wollen sie es dem Staat zeigen.

Mir ist Ausgewogenheit wichtig

Es gibt aber aus meiner Sicht kaum eine bessere Gesellschaft als unsere, wo man solche Fehlentwicklungen korrigieren kann. Und es ist eine Fehlentwicklung, dass so viele zurückgelassen wurden, dass ein Humankapital vergeudet, verschenkt, verschlumpert wird –[…]

Wünschen würde ich mir für die Johannstadt mehr kleine Einkaufsläden. Wenn ich im Aldi einkaufen gehe, ist das wie eine große Lagerhalle. Es gibt niemanden, den ich fragen kann. Beim Konsum ist es schon etwas anderes, auch die Präsentation der Waren. Dort treffe ich Mitarbeiter und kann mich beraten lassen. Mich stört nicht, dass es hier türkische und arabische Läden gibt. Das ist eine Bereicherung, wenn es dazu auch genügend einheimische Geschäfte gibt.

Nach der Wende sind meine Frau und ich viel gereist – nach Italien, Frankreich, Tunesien, die Türkei. Mehrmals. Dort haben wir manch einen getroffen, der war europäischer als hierzulande einer. Mir ist aber Ausgewogenheit wichtig. Es muss alles geben, aber in einem ausgewogenen Verhältnis […] Und dass die letzten Freiflächen in der Johannstadt nicht zugebaut werden. Auf dem alten Plattenwerksgelände könnte vielleicht ein kleiner Park entstehen mit einem Kultur-Café. Es muss Lebensraum für viele Bedürfnisse geben – für Menschen und auch Parkplätze […]

In dieser RBB-Dokumentation kann man den Worten von Herr Pfaff lauschen: Die verschwundene Heimat.

Hinweis der Redaktion: Der im Rahmen des Projektes „Online-Stadtteilmagazin“ erschienene Beitrag wurde nicht von der Landeshauptstadt Dresden bzw. dem Quartiersmanagement erstellt und gibt auch nicht die Meinung der Landeshauptstadt Dresden oder des Quartiersmanagements wieder. Für den Inhalt des Beitrags ist der/die Autor*in verantwortlich.