Gespür für Schnee – Ein Winterwimmelbild in der Johannstadt

eingestellt am 19.01.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Winterlandschaft mit frohen Tupfen. Foto: Anja Hilgert

Winterweiße Weite – wie hat das gut getan: Die ganze Welt und alles darin verhüllt in Schnee soweit die Blicke reichen. Wie erfreulich, wie erlösend, als endlich mit diesem Wochenende sogar hier unten im Talkessel sich die Schneedecke über die innerstädtische Bewohnerschaft niedersenkte.

Und dann die Frage: Darf man sich freuen, an den vielen kunterbunten Tupfen und Punkten im Bild, die über die weißen Wiesen und Grünanlagen sich bewegen, kullern, drehen, springen, gleiten – darf man sich freuen, denn es sind Menschen, die sich da in der Winterlandschaft tummeln.

Menschen, die sich bewegen, zu Fuß, auf Skiern, mit Schlitten! Stadtbewohner*innen mit ihren Kindern, große und kleine, die einzeln und in kleinen Gruppen die Gelegenheit nutzen, endlich, endlich auch in den Schnee hinaus zu ziehen, den wir in solcher Ausschließlichkeit seit Langem nicht mehr hatten.

 

Bunt gepunktete Johannstädter Winterlandschaft.   Foto: Constanze Böckmann
Foto: Anja Hilgert

Gespür für Schnee

Alle diejenigen, die in den vergangenen Januarwochen artig im 15-Kilometer-Radius verblieben sind, die keine Hütte, kein zweites Häuschen, auch keine engen Verwandten haben, vielleicht nicht einmal ein Auto, um in die Zittauer oder Lausitzer Hügel oder gar ins verschneite Erzgebirge zu entfliehen, folgten ihrem Gespür für Schnee. 

Denn es war richtig, richtig Winter geworden. Winter, der schneekristallklar und eisig schneidend die ganze Umgebung in ein reines, klares Erscheinungsbild bringt, Konturen stärker zeichnet, Strukturen deutlicher malt, um alles Wesentliche in volle Sichtbarkeit zu heben.
Eine Zauberwelt aus Eisjuwelen, Klarheit und Sternchenglitzer.

 

Winterüberraschungen   Fotos: Anja Hilgert

 

Mit wippender Zipfelmütze im Winterwimmelbild

Das Sehnen wurde erhört. Petrus öffnete die Himmelspforten und Frau Holle schüttelte ihre Betten über uns aus. Die Menschen alle antworteten mit purer, kindlicher Freude. Zogen die bunten Anzüge und Jacken, Schneestiefel und Zipfelmützen an und wippten damit durchs Bild der unendlich weißen Landschaft.

Sogar an einem Montag, der doch im Normalgetriebe menschenleer in seinem Wochenanfangs-Takt verläuft, waren die Hänge bevölkert und Kinderscharen mit und ohne Eltern waren draussen, an der frischen Luft, mit hochroten Wangen. Die Ufer entlang der Elbe gaben ein Winterwimmelbild.
Ausgelassen den Hang runter rutschen, sich ganzkörperlich in die Schneemassen stürzen, mit der treibenden Flockenherde tanzen oder rücklings im Schnee liegen, mit Armen und Beinen rudernd zum Engelchen werden: So ist Winterwonne. Wirklich witzig, wie ausgerechnet der Winter, dieser harte Geselle wirkt, wenn er wie wild das Kind in dir weckt.

 

 

 

Figuren im Schnee und neue Formen der Besiedlung. Fotos: Anja Hilgert

So viele Schneemänner und überhaupt Schneekunstwerke wie in diesem Jahr hat die Stadt wohl noch nicht gesehen. Klar, jetzt war die Chance, mit Kindern oder ohne, auch allein, einfach nur ‚raus zu gehen, gemeinsamen Spaß und etwas zum Staunen zu haben.

 

Wer rollt die dicksten Kugeln

Pulver- oder Pappschnee, verharscht oder schon matschig, der Schnee kam in jeder Konsistenz gerade recht: Hauptsache, es war Material genug da. Die Wiesen hatten zum Glück für alle genug zu bieten. Es wurden Kugeln gerollt in sämtlichen Dicken und Größen, manche nur mit vereinter Kraft überhaupt noch zu drehen, manche liebevoll filigran wie aus Marmor so glatt. Mancher Mann war herausgefordert, die immer größer werdende Rolle zu stemmen und Kinder riefen vereint ihre Kräfte zusammen und packten mit Hau und Ruck eine auf die andere Kugel, größer als sie selbst übereinander.

Eiskugel-Rollen Fotos: Anja Hilgert

 

 

 

 

 

Ideen, wie dem ungehemmt rieselnden Weiß zu Leibe zu rücken war, gingen nicht aus. Mit Schippe, Plaste oder Tüte, mit verlorenem Handschuh und bloßen Händen oder mit Eimerchen und Schaufel – die Leute ließen sich alles mögliche einfallen, um den unbändigen Schnee zu formen.
Soviel Eifer und Kreativität, wo doch klar ist, dass es fast nur für den Moment und auf gar keinen Fall für die Ewigkeit ist, was da geschaffen wird.

Voller Eifer im Moment

Das haben Ronja und Pauline erfahren, denen ihr erstes Schneekugelhaus am Ende eingekracht wurde. Oder Luna und Auri, die den Kugelturm ihres Schneemannes eingestürzt fanden, als sie am nächsten Tag wieder gucken waren. Trotzdem fingen sie gleich wieder von vorne an. Und innerhalb einer Stunde so viele Kugeln zu rollen, um mannshoch ein Haus daraus aufzutürmen – das ruft nach Stadtmeister*innenschaft!

 

In nur einer Stunde errichtet: Johannstädter Eiskugelhaus Foto: Anja Hilgert

 

Bautechniken gibt es viele. Jede*r weiss noch einen Kniff, wie es besser hält, wie vielleicht noch ein eingefügter Stock die Ärmchen oder Bausteine verbindet und die Kugeln doch noch von aussen verschmiert und geschmirgelt besser haften, um gut und lange dazustehen.
Die städtische Landschaft jedenfalls erlebte einen Schmuck, der den diesjährigen Winter kürte. Und ja, in blanker Freude am Vergnügen lauter Schönes hervorbrachte.

 

Lauter Wasser

Wenn sie scheinen würde, die Sonne, ließe sich dieses Lied gut anstimmen und würde das Drama, das sich nun binnen eines Tages abspielt, mildern. Mit einem Mal schwindet die ganze wunderbare Welt der noch jungen Geschöpfe.

Nun scheint die Sonne so hell sie kann,
vor dem Walde, vor dem Walde.

Da fängt der Schneemann zu schwitzen an,
vor dem Walde, vor dem Walde.

Über uns, die wir nassgrau noch mitten im Januar stecken, ist weder der Himmel blau, noch strahlt die Sonne. Für Frühlingsgefühle ist es längst noch zu früh. Die Zeichen stehen eher nach Verlängerung des Einerleis.

Vor Wut wird er schon ganz gelb und grau,
und immer glänzt der Himmel klar und blau,
vor dem Walde, vor dem Walde.

Vielleicht werden nun, nach dem Getobe draußen, noch ein paar Erinnerungen zu Papier gebracht. Vielleicht wird in der Wohnung das Grinsen von manchem Schneemann noch ein bisschen in die Breite gezogen und es entsteht ein bunt gemaltes Winterwimmelbild, ein Gedicht, eine Schneegeschichte?

Ach, armer Schneemann, was wird aus Dir?
Lauter Wasser, lauter Wasser.

Von Hals und Nase schon rinnt es hier,
immer nasser, immer nasser

Die Zeit vergeht, kommt der Frühling her;
Die Lerche singt: „Hier ist kein Schneemann mehr,
lauter Wasser, lauter Wasser.“

Die Schwalbe ruft: „Er ist nicht mehr dort
Vor dem Walde, vor dem Walde!“

Der Rabe schreit: „Er ist endlich fort
Vor dem Walde, vor dem Walde!“

Wer Lust hat, malt und klebt und schreibt und dichtet und schickt seinen Beitrag an die Stadtteilredaktion, die dieses wunderbare Erleben von echtem Winter mit Euch gern in die Länge ziehen würde! 

Der Bach, der fließt durch das helle Land,
die Blumen blühen, wo der Schneemann stand,
vor dem Walde, vor dem Walde.

 

Fensterbrettschneemann Foto: Beate Sachsenweger

 

Vielfältige Einsendungen erbeten an: email hidden; JavaScript is required!

Zwei Frauen bewegen Menschen – Senior*innenarbeit neu angefasst

eingestellt am 20.11.2020 von Anja Hilgert, Headerbild: Dialogfähig bleiben in einer zeitgemäßen Senior*innenarbeit. Foto: Anja Hilgert

Zwei Frauen halten das tief in den Stadtteil eingetauchte Gemeinde-Netzwerk möglichst elastisch, denn die Fäden in ihren Händen werden gerade ganz schön strapaziert. Wenn der Blick erst einmal darauf gefallen ist, was die Senior*innenarbeit in der Johannstadt bewegt, so erscheint’s erstaunlich, wie stark da Verbindungen geknüpft sind voller Haltekraft.

Auf der Haydnstraße 23 spielt das lose Laub über die Treppenstufen. Das Gebäude sieht wie so viele öffentliche Häuser in der Stadt kaum Besucher*innen in diesen Tagen. Trotz ausgeklügelter Raumkonzepte und hoch diszipliniert eingehaltener Hygieneregeln können sich hier die Gemeindemitglieder nicht sammeln. Die vielen verschiedenen Kreise für Krabbelnde, Mädels, Junge Erwachsene, Aktive, Kreative, Blinde, Singende, Spielende, Männer, Frauen, Gespräch und Gebet Suchende sind derzeit ausgesetzt, vertagt, fallen aus. Menschen, die hierhin verbunden sind, vermissen ihre regelmäßigen Anbindungspunkte, missen die Gemeinschaft – doch fallen tun sie nicht. Dafür tragen zwei Frauen in der oberen Etage des Johanneshauses Sorge.

Blicköffnend war ein Besuch in der Kanzlei der Evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Johannes-Kreuz-Lukas, bei Susanne Schmitt und Anne Mechling-Stier, die hier die hauptberuflichen Senior*innen-Mitarbeiterinnen sind.

Zwei engagierte Frauen in der oberen Etage des Johanneshauses. Fotos: Anja Hilgert

Den Wert des Alters erkennen

Susanne Schmitt und Anne Mechling-Stier arbeiten schwerpunktmäßig in der Senior*innenarbeit. Was sie dort tun, ist nicht ohne Weiteres und schon gar nicht in einen fest definierten Rahmen zu setzen. Zu vielseitig, zu agil, zu reflektiert, beherzt, bedächtig, widerspenstig, zu grenzerweiternd wird hier mit Arbeitsaufgaben umgegangen.

Die alten Menschen und Alter überhaupt, das bei ihnen in der Obhut steht, hat der aktuelle öffentliche Fokus unter dem Aspekt gesundheitlicher Anfälligkeit, Gebrechlichkeit und Schutzbedürftigkeit in die Aufmerksamkeit gerückt. Wie unter Zoom tragen die Alten unserer Gesellschaft die leidvollen Erfahrungen aus von Isolation, Trennung und Vereinsamung, die im Kern phänomenologisch betrachtet gesamtgesellschaftlich alle betreffen.

Da, wo Menschen alltäglich mit Alten arbeiten, erhält die Betrachtung zusätzliche Bildpunkte und Tiefenschärfe. Hier wird unabdingbar die seelische Annäherung an den späten Abschnitt im Leben eines Menschen vorgelebt. Um den jetzt erforderlichen, erneuerten Umgang mit dem Thema Alter, Krankheit und Sterblichkeit zu ermöglichen, braucht es eine Re-sensibilisierung für das Altern und die Bedeutung des Altseins an sich.

Eine Herausforderung, die sich an uns alle richtet. Im Stadtteilleben vor Ort, in das auch die Kirchgemeinde eingebettet ist, haben sich bereits vor einigen Jahren die Akteure zu einem Netzwerk „Johannstadt 60+“ zusammengeschlossen, um sich verstärkt den besonderen Bedürfnissen der Älteren in unserer Gesellschaft zuzuwenden. Dieses Netzwerk engagierter Johannstädter Senior*innenarbeit stiftet einen Horizont, in dem ältere und alte Menschen ihre Lebendigkeit wertschätzend (er)leben können.
Susanne Schmitt und Anne Mechling-Stier geben von ihrer Position aus wertvolle Impulse im Stadtteil und stiften Bande, die dem Wohl derer zukommen, die aus der gesellschaftlichen Mitte hinaus an ihren Rand gedrängt sind. Die Tür öffnet sich dem Versuch reiner Humanität, die nicht nach wirtschaftlichen Interessen funktionieren muss.

Ein dynamisches Gespann

Das Große Basteln genauso wie das gemeinsame Mahl zum Jahresende, mit einziehender jahreszeitlicher Dunkelheit für den November geplant, fallen mitsamt wochenlang ausgearbeitetem Raum- und Lüftungskonzept, den Teil-Lockdown-Verordnungen zum Opfer. Tätigkeiten, die den eintrübenden Geist aus Herbsttief und Winterloch manövrieren, können an den großen, bereits auseinandergerückten Tischen derzeit nicht gemeinschaftlich stattfinden. 

Für viel Arbeit, die in Vorbereitungen und noch mehr Vorbesprechungen geflossen ist, sei das ein krasser Rückschlag – könnte man meinen, doch so wird unter den beiden zuständigen Frauen nicht interpretiert. ‚Ausfallen‘ ist ein Wort, das diese beiden im Vokabular nicht führen. Dafür hat sie das vergangene halbe Jahr nach dem ersten Lockdown zu viel Anderes, Gegenteiliges, gelehrt.

Die Reaktion auf die erneute „Verunmöglichung“ ist zuversichtlich aufs Machbare gerichtet, aufs Ermöglichen und Zusammenkommen: „Wir haben den allergrößten Teil unserer Veranstaltungen aus dem November hinaus in den Dezember hinein verschoben und hoffen nun auf eine gewisse Durchführbarkeit“, sagt Susanne Schmitt und kündigt die Angebote nun verschoben für den Advent an. Allerdings, wie aller Orten, herrscht die Unsicherheit, was die Verordnungen für den Adventmonat bringen und wie die Sächsische Landeskirche darauf reagieren wird. Viele Absprachen sind noch zu treffen, ein „Plan B“ wartet im Hintergrund, wozu Konfirmand*innen und Jugendliche aus der Jungen Gemeinde bereits ihre Bereitschaft signalisiert haben, um die adventliche Feierlichkeit für die Senior*innen zu unterstützen. 

Beide Frauen, soviel ist zu bemerken, gehören selbst einer Generation an, die das Alte zu hinterfragen und anzuzweifeln geübt hat: Als Kinder der 68er Generation, einesteils west-sozialisiert, andernteils im Umfeld der Kirche durch DDR-Zeiten manövriert, sind diese beiden Frauen zwei Pole, die sich fürs Leben einzusetzen gelernt haben. Und sie ergänzen sich – wie rot und blau – zu einem dynamischen Gespann.

Das Senior*innen-Arbeitszimmer entpuppt sich als Agentur zweier handlungsbewusster Menschen, die das Ruder gerade jetzt, in Zeiten von Gruppenverbot und Kontaktsperre, noch einmal zupackend umfassen.

Anne Mechling-Stier / Senior*innenarbeit im Johanneshaus  
Foto: Anja Hilgert

Lock down – Es geht auf andere Weise weiter

Während des ersten Lockdowns waren Susanne Schmitt und Anne Mechling-Stier bis Juni im Homeoffice und haben „dann aber den Hebel ziemlich schnell umgelegt,“ sagt Anne Mechling-Stier. Es sei um schnelles Umdenken, zügiges praktisches Handeln gegangen, ergänzt Susanne Schmitt „und gleich das Signal auszusenden: ‚Es geht auf eine andere Weise weiter.’“ 

Die Unmöglichkeit bzw. das Verbot, einander zu treffen und zu begegnen, grenzte für Manche ans Gefühl der Verzweiflung. Susanne Schmitt ist überzeugt, dass es lebens-wichtig ist für Menschen, im Sich-selbst-überlassen-Sein zu hören: „Wir haben Euch nicht vergessen.“

Die Frauen definieren sich in ihrer Rolle als Vermittelnde: „Im Kern geht es um Mitmenschlichkeit im Tun, Menschen tun etwas für Menschen.“ Die Arbeitsaufgabe war, so macht es Susanne Schmitt konkret, „die Nachbarschaften zu organisieren“ und „mikroteilig“ ein Netz aufzubauen, dass unter allen Beteiligten wie familiär funktionierte.
Und Anne Mechling-Stier setzt hinzu, „um Deprivation vorzubeugen.“ Das Ausgeschlossensein von alltäglichen Aktivitäten, abgetrennt von Familie, Bezugspersonen, Freunden, Bekannten und Kreisen, fern jeglicher Geborgenheitserfahrung  – erschwert den täglichen Lebensvollzug. Alte Menschen, die naturgemäß ohnehin mehr Zeit allein verbringen, sind durch die allgemeine Kontakt- und Ausgehverordnung allzu häufig an die Schwelle zur Vereinsamung geraten.

Im entstandenen Off richteten die Kanzlei-Mitarbeiterinnen als Erstes ein Senior*innentelefon ein. Beide waren fortan mobil erreichbar. Die Betagtesten sind nicht digital aufgestellt, also wurden alle per Brief angeschrieben und von den über 70jährigen haben die beiden Frauen zu zweit über 400 Leute angerufen, um die Lage zu ermitteln.
Susanne Schmitt: „Wir wollen fragen: ‚Wie geht es Ihnen? Was sind Ihre Bedürfnisse?‘“
Anne Mechling-Stier: „Wir gehen mit solchen Ohren um – wo ein Bedürfnis hörbar ist, wird sofort etwas unternommen.“

Im Ethos, den alten und älteren Menschen des Stadtteils Partner auf Augenhöhe zu sein, integrierten und kombinierten sie Bedarf und Ressourcen in ihrer Gemeinde und wurden damit zu Anstifterinnen völlig neuer Wege und Verbindungen.

Senior*innen-Projekte to go

Wie im Handumdrehen entstanden Angebote, die vorher nicht in Reichweite lagen: „Wir haben Dinge gemacht, die wir voriges Jahr nicht für möglich gehalten hätten,“ sagen die beiden Frauen. Über den Sommer wurde das gesamte Programm umgestellt, Kreise trafen sich abwechselnd und rotierend in den Sälen, erstmals gab es auch für Senior*innen „to go“-Angebote. Viele waren daran beteiligt, nicht nur als Teilnehmende, sondern als Aktive.

Erstmals fanden die „Senior*innen-Projekttage“ der Kirchgemeinde komplett als to-go-Angebote querverbindend durch die gesamte Gemeinde statt. Diese hatten als Thema das Paradies auf dem Programm und wurden als Stationen-Rundweg durch die beteiligten Häuser der Kreuzkirche, Lukaskirche und dem Johanneshaus angeboten. Besucher*innen konnten in bestimmten Zeitfenstern einzeln an unterschiedlichen Stationen rund um Adam und Eva in den Rundgang einsteigen und diverse kreative wie seelsorgerisch-geistige Angebote nutzen: Vom Ausstellungsbesuch übers Künstler*innengespräch hin zu kreativen Angeboten, Hoffnungssteinen, Gebeten und Einzel-Gesprächen mit Gemeindepädagog*innen, Pfarrer*innen, Senior*innenarbeiterinnen – das Angebot einer vielseitig aufgestellten Gemeinde war individuell live zu erleben. 

„Das war ein reicher zwischenmenschlicher Schatz trotz widriger Umstände,“ sagt Anne Mechling-Stier. Der ‚Paradies-Rundweg‘ fand hohen Anklang. „Es wurden immer mehr, die mit in den Garten gekommen sind,“ schwärmt Susanne Schmitt.

„Die Herausforderungen des Zusammenwachsens der drei Gemeindeteile zu einer großen Innenstadtkirchgemeinde wurden durch die Einschränkungen in diesem Jahr auf eine besonders harte Probe gestellt. Dankbar schauen wir besonders auf ein gelungenes Zusammenwachsen der hauptamtlichen Mitarbeiter*innen,“ rekapituliert Susanne Schmitt. Und Anne Mechling-Stier ergänzt: „Wie schön, dass wir auch schon bei den Senioren*innen und den Ehrenamtlichen ein gegenseitiges Entdecken erleben. Wir bleiben neugierig aufeinander.“

Sitztanz im Garten Eden

Aus der Erfahrung, dass es z.B. in den 14-Geschossern der Holbeinstraße mehr Menschen gegeben hat, die Hilfe anboten als sie gebraucht wurde, wurde eine zusätzliche Idee ins Leben gerufen: Viele beteiligten sich, Briefe zu schreiben an Bewohner*innen der sechs Pflegeheime in der Johannstadt. Den Bedürftigsten wurden diese lieben Worte dann von Sozialarbeiter*innen in den Einrichtungen vorgelesen.

Im Pfarrgarten fanden von der Tanzleiterin Frau Barbara Blümel kreativ angeleitete Sitztanz-Kreise für Senioren*innen statt, die mehr und mehr Belebung durch begeisterte Teilnehmer*innen fanden. Tanzfreudige Senior*innen trafen sich kurzerhand sogar zu einem Tanz- Kreis im Großen Garten auf der Wiese vor dem Hygienemuseum.

Regelmäßig hielten die Pfarrer*innen der Gemeinde mit Lautsprecheranlage an den Pflegeheimen Andachten. Dass auch die Bläser spielten, hielt Anne Mechling-Stier für einen besonders wertvollen Beitrag. Nachweislich erreicht besonders das Musikalische die tief veranlagten Schichten menschlichen Empfindens und dringt gerade bei Demenz durch alles Vergessen hindurch zu den Menschen vor. Damit waren Signale gesetzt, die auch bei Pflegehilfskräften Alltags-auflockernd und positiv angekommen sind.

 Susanne Schmitt / Senior*innenarbeit im Johanneshaus
Foto: Anja Hilgert

Senior*innen-Fahrdienst

Für einen barrierefreien Zugang zu den Angeboten im Stadtteil entstand die bahnbrechende Idee eines Fahrdienstes. Schon zuvor war die Idee zu einer „Generationen-Rikscha“ in der Gemeinde geboren worden. Anne Mechling-Stier ist nicht ohne Grund stolz auf die Umsetzung dieses Projektes: Die Generationen-Rikscha der Kirchgemeinde ist nicht nur ein Publikumsmagnet auf allen Festen, sondern bietet alternative Mobilität und die mühelose Überwindung kürzerer Distanzen da an, wo manch eine*r nicht mehr selbst in die Pedale treten kann.

Ein regulärer Fahrdienst, das „Kirchentaxi“ schwebte einer Ehrenamtlichen vor, die ihr privates Auto anbot zur Fahrt für Senior*innen, um sie zu Veranstaltungen und Gottesdiensten in der Gemeinde zu befördern. Fix wurden die Rahmenbedingungen besprochen: „Wie können wir’s organisieren?“ und es brauchte zur Koordination der Fahrdienste lediglich die Anschaffung eines mobilen Telefons – ab da war’s „eigentlich ein Selbstläufer.“
Es gibt die hauptamtlich verantwortliche Schaltstelle in der Kanzlei und die selbstorganisierte ehrenamtliche Koordination und Begleitung: Eine eigene Rufnummer leitet Anrufe direkt an den Fahrdienst des Gemeindetaxis. Auch kurzfristig ist das Bestellen einer Fahrt zum Gottesdienst möglich.
Verständnis ist auch da, wenn eine bestellte Fahrt kurzfristig abgesagt werden muss. „Keine Hemmung“, sagt die Organisatorin und hat Verständnis, dass gerade im Alter die Dinge von Tag zu Tag anders aussehen können. Dieser Fahrdienst hält das Angebot so niedrigschwellig wie möglich: Anruf genügt und das Taxi kommt oder kommt nicht, so, wie es gebraucht wird.

Das Kirchentaxi ist auch jetzt in dieser Zeit der Einschränkungen unterwegs – mit der Auflage einer zu tragenden Mund-Nase-Bedeckung.

Vor dem „Altenteil“ geht noch was

Für den Anderen da zu sein, sich Gedanken zu machen, sich zu sorgen um den Nächsten und tätig zu werden, benötigte in kirchlichen Kreisen keinen mühevollen Aufruf. Ehrenamtliches Tun gehört hier zum Selbstverständnis des Gemeindelebens.

Pensionär*innen, die in der nacherwerblichen Phase sich noch nicht auf dem Altenteil fühlen, sondern spüren, ‚da ist noch was‘, und in hohem Alter voll im Leben stehen, waren vom neuen Geist, der in der Gemeinde jetzt schwelte, angesteckt. Sie wurden ermuntert, sich mit Ideen und Engagement aktiv zu beteiligen.
Susanne Schmidt findet entscheidend, „dass auch Ältere merken, ich habe ein Gewicht. Ich kann was bewirken.“ In der Notsituation, die der lock down war, fand sie wichtig, zu vermitteln: „Unser Stadtteil hat so viel zu bieten, es gibt so vieles an Angeboten, aber Du kannst Dich auch noch einbringen, Du kannst mitreden.“ Das Aktivieren der Menschen liegt ihr am Herzen. Das aus Improvisation und Experiment entstandene Jahresprogramm 2020 stellt unter Beweis, worauf beide Frauen Wert legen: „Mitzuerleben, ich tue. Nicht nur mit dabei sein, sondern ich darf auch mitentscheiden!“ Dem altbacken tradierten Bild, das von aussen gern herangetragen wird ans Gebiet der Senior*innenarbeit, widerspricht das Maß an aktiver Gestaltung und Beteiligung. Damit sind Zeichen gesetzt für die neu anzuschauende Zukunft.

Bis an die Haustür – der Besuchsdienst

Andere Menschen zu besuchen, ist ein fester Bestandteil der Gemeindearbeit. Man kennt einander, weiß umeinander, weiß, wo jemand allein ist, wo Gebrechen, wo Bedürfnisse sind. Der Besuchsdienst war als nachbarschaftliche Struktur 2011 von Susanne Schmitt neu belebt worden, um einerseits mit den jüngeren Senioren*innen in Kontakt zu treten und andererseits zu den Betagtesten „die Brücke aufrecht zu erhalten.“ Jetzt war er nötiger denn je. Und die Bereitschaft von Gemeindemitgliedern, andere im Alleinsein aufzusuchen, hoch: „Wir wollen auch in diesen Zeiten vorbei gehen, und wenn wir durch die Sprechanlage sprechen können.“ 

Jede*r  75jährige Jubilar*in wird bei sich zuhause besucht: „Weil Du da bist,  das ist eigentlich der Glückwunsch, wenn jemand Geburtstag hat.“ Die Jubilar*innen der Johannstadt sind von 75 bis 101 Jahre alt.
Darüber hinaus finden persönliche Besuche nach individuellem Bedarf und jeweiliger Einschätzung statt. Der Beziehungsaufbau lebe doch von der häuslichen Nähe, betont Susanne Schmitt, und dass man „,mal eine Hand auf die Schulter legen kann.“ Durchschnittlich werden allein bei den 75Jährigen 130 Besuche im Jahr gemacht von den 10 Ehrenamtlichen, die an der Türe läuten, wo ihr Besuch und damit Gespräch und liebe Geste erwünscht ist. 

Unter den Ältesten der Senior*innen ist die hochbetagte Altersgruppe den Pfarrer*innen zum Besuch vorbehalten. Da wandeln sich die Themen:
Die Lebensendlichkeit ist im hohen Alter ein die Tage ständig begleitender Gedanke. Viele Menschen haben da den Wunsch nach einem seelsorgerischen Gespräch, auch Menschen, die der Kirche weniger nah stehen. Die Frage, was mit dem Tod kommt und wie es sein wird, wenn, was jetzt ist, einmal nicht mehr ist, ist groß. Viele stellen sie sich erst, wenn spürbar das Leben zu Ende geht. Im Gespräch lassen sich die Fragen und auch Befürchtungen bewegen: Gibt es offene Rechnungen? Ist etwas noch wieder gut zu machen? Wie lässt sich vergeben?

Solche Fragen werden im Besuchsdienstkreis dennoch generell bewegt: Zur Stärkung dieses Ehrenamtes treffen sich die Ehrenamtlichen in einem eigenen Zirkel, der Austausch und auch Weiterbildung fördert. Alle 2 Monate findet eine „Supervision light“ statt, um Raum für gemeinsames Betrachten, Sinnen und manchmal auch Beratschlagen zu schaffen für Erlebtes. Menschen, die gerne auch Besuche bei alten Menschen machen möchten, sind im Besuchskreis jederzeit willkommen sich anzuschließen.

Du beheimatest Dich nur, wo es verbindlich ist

Rückblickend auf dieses ungewöhnliche Jahr und den aufgestellten Jahresbogen sagen Anne Mechling-Stier und Susanne Schmitt einvernehmlich: „Wir haben uns eigentlich ganz gutgemacht.“
Sie sind an den widrigen Herausforderungen gereift. Eine andere Wertigkeit sei entdeckt worden, die lebensbejahende Weltbetrachtung habe sich bewährt und den Mut gestärkt, weiter Inhalte zu schaffen, die mit der ganz konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun haben. Menschen aufeinander zu zu bewegen, könnte als Motto über der Bürotüre stehen. 

Der Entschluss steht, Veranstaltungsformate über Bord zu werfen, die sich überlebt haben. Die Chance sei jetzt da, weiter hinaus zu treten aus dem Klischee der Seniorenkaffeefahrt.

Nur ist die Frage, wie weit die Puste reicht, vor allem auf der anderen Seite, in den häuslichen Wohnungen, wo es durch den lock down wieder einsam und still wird.

Die Adressen sind gesammelt von Menschen, „wo wir erleben, dass sie alleine sind, wo der Pflegebedarf steigt.“ Traditionell werden von vielen Freiwilligen, die in der Gemeinde alle Jahre wieder backen, basteln, Besinnliches stiften, Besuchs-Tüten gepackt für die Advent-Hausbesuche im Anschluss an den Diakonischen Gottesdienst zum 3.Advent.
Jede*r kann kommen, wer mag, um sie auszuteilen, ein Tütchen mit auf den Weg zu nehmen, für einen lieben Gruß an einer Haustür. Der Gottesdienst ist extra kurz gehalten. Das Foyer ist vollgestellt mit den bepackten Weihnachtstütchen für die Ältesten im Stadtteil: 100 Stück, und bisher haben immer alle ihren Weg zu den Menschen gefunden.

Ausblick Senior*innenangebote im Dezember

  • 03.12. Das Große Basteln für Jung und Alt – Eine Alternative im „to-go Format“ wird vorbereitet
  • 05.12. Senior*innen-Advent mit Überraschungs-Format – Eine Alternative als „Bringe-Variante“ durch die Konfirmanden und die Junge Gemeinde wird vorbereitet.
  • 07.12. Senior*innenkreis – Eine Alternative als „Postwurf-Sendung“ wird vorbereitet
  • 13.12. Diakonische Advents-Besuche im Anschluss an den Gottesdienst zum 3. Advent
  • 14.12. Frauen im Gespräch – Eine Alternative als „Postwurf-Gesprächsimpuls“ wird vorbereitet 

Weitere Informationen

  • www.johanneskirchgemeinde.de
  • Mitarbeiterinnen für Seniorenarbeit:Tel. 441 72 47 (mit AB)
    Susanne Schmitt: email hidden; JavaScript is required und
    Anne Mechling-Stier: email hidden; JavaScript is required
  • Besuchsdienstkreis für Geburtstagsjubilare: Kontakt über die Mitarbeiterinnen für Seniorenarbeit
  • Generationen-Rikscha: Pfarrer Tobias Funke: email hidden; JavaScript is required, Tel. 446 796 38
  • Kirchentaxi:  0174 5305813, für die Fahrt im Kirchentaxi ist ein Mund-Nasen-Schutz erforderlich.