Gastbeitrag: Abschied vom Burnout-Baum an der Elbe

eingestellt am 21.07.2021 von Anja Hilgert, Headerbild: Die alte Weide ist zur sichtbaren Bruchstelle des Lebens geworden und regt Menschen an, ihre Geschichte zu erzählen. Foto: Ferdinand Saalbach

In Anbetracht des vielen Wassers in der Elbe steht die Ankündigung von Seiten des städtischen Umweltamtes im Raum, dass der alte gestürzte Baum, den kraftvolle Wetter endgültig entwurzelt und zu Fall gebracht haben, von seinem Standort weg und davon geschafft wird, bevor die Fluten den Stamm womöglich zu einem gefährlichen Treibgut machen können.
Der alten Weide, die auch der Johannstädter Lieblings-Baumkalender 2020  und die Momentaufnahmen im Stadtteilmagazin ZEILE als ein besonderes Kunstwerk der Natur würdigten, kommt jetzt noch einmal vermehrte Aufmerksamkeit zu und eine Art Segen, durch den Beitrag, den der Johannstädter Autor und Musiker Ferdinand Saalbach in der Redaktion eingereicht hat.

 

Gastbeitrag von Ferdinand Saalbach

 

Ein gefallener Baum, der in den Stadtteil starke Bindungen hat           Foto: Ferdinand Saalbach

 

Abschiede tun weh. Vor allem, wenn sie für immer sind. Heute habe ich erfahren, dass der Baum, der für mich zu einem Symbol meiner eigenen Überlebenskraft und Wandlung geworden war, gestorben ist. 

Damit war die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. Abschied davon, dass ich einfach vorbeispazieren und mulmig gerührt zu ihm aufblicken konnte. Abschied davon, mich durch ihn an meine Geschichte zu erinnern. Abschied davon, ihn als Vorbild für Überlebenswillen und Stärke zu sehen. Abschied von der Gelegenheit, anderen Menschen die Geschichte von seiner Rettung zu erzählen, wenn wir mal mehr und mal weniger zufällig an ihm vorbeiliefen. 

Als ich diesmal in seiner Mitte stand, musste ich aber immer wieder darüber nachdenken, was ein Bekannter vorher in der Runde gesagt hatte, in der ich vom Schicksal des Baumes erfuhr: Er lebt doch noch, wir alle hier reden drüber. 

Und mir wurde klar, dass sich zwar die Form ändert, nicht aber der Geist. Der Baum wird über die nächsten Monate – oder vielleicht sogar Jahre – langsam zerfallen. Er wird Nährboden sein für neue Pflanzen, aus seinen Trieben und Samen wird vielleicht eines Tages ein neuer Baum entstehen. Aber was er zu Lebzeiten geschaffen hat, wird fortwirken. 

Die Geschichte, die ich mit ihm erlebt habe, wird genauso fortwirken wie die gedruckte Geschichte, die daraus entstanden ist. Die Bekanntschaften, die ich über diese Geschichte geschlossen habe und die Geschichten, die aus dieser Bekanntschaft entstanden sind, werden fortbestehen. Dass er mich in Kontakt mit dem Stadtteilmagazin gebracht hat, dadurch neue Kontakte entstanden sind und Texte wie dieser hier geschrieben werden, ist Verdienst dieses Baumes. Und das ist nur das, was er für mich getan hat. 

Er hat zu Lebzeiten so gewirkt, dass er weit über seinen Tod hinaus spürbar bleiben wird. Der hohle, der gepeinigte, der geschändete Baum, der sich allem Schlimmen, das ihm angetan wurde, widersetzt und einfach immer weiter gelebt hat. Der besonders werden konnte, eben weil er so viel Furchtbares erleben musste. Er hat seine Geschichte geschrieben, er hat inspiriert, an ihn wird man sich erinnern. An ihn werde ich mich erinnern. Weil wir so viel gemeinsam haben. 

Sein Tod aber ist auch ein Zeichen für mich. Es ist ein Zeichen, Abschied zu nehmen von der Verbindung mit der Vergangenheit. Das Aufblicken zu einem Symbol, die Erinnerung an die eigene Geschichte, all das darf nun gemeinsam mit den sterblichen Überresten des Baums langsam zerbröckeln und immer unscheinbarer und bedeutungsloser werden. Ich werde den Baum noch häufig besuchen und ihm bei seiner Auflösung zusehen. Ich werde ihn dabei ein letztes Mal als Symbol benutzen. Bis ich kein Symbol mehr brauche. 

Dann wird er nur noch eine Erinnerung sein. Eine Erinnerung, die in mir und vielen anderen weiterleben wird. 

 

 

Das Leben hat kein Ende. Foto: Ferdinand Saalbach

 

Weitere Informationen

  • FERDINAND SAALBACH
    Autor, Speaker, Moderator und Musiker

Kontakt: +49 (0)151 / 41 44 45 23
kontakt@ferdinand-saalbach.de

www.ferdinand-saalbach.de

www.steine-im-rucksack.de

 

Ruhe in Frieden, alte Weide – ein Abgesang

eingestellt am 07.07.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Weidenbaum. Foto: Philine Schlick

Die alte Weide am Johannstädter Elbstrand ist gefallen. Noch im Sterben ist sie Lebens-Raum und Traum-Ort. Ein achtsamerer Umgang mit dem Baum hätte ihm noch einige Jahre bescheren können. Wasser, Wind, Feuer – er trotzte allen Elementen. Das letzte Unwetter war eines zu viel. Mein Herz trägt Weidentrauer. 

“Er ist tot”, schrieb mir eine Nachbarin vor zwei Tagen. Dazu ein Video, das die gestürzte Weide am Elbufer zeigt. Was hat ihr Fall für ein Geräusch gegeben? Ich starre auf das Display und versuche in dem Haufen aus Rinde und Ästen ihre Gestalt wiederzuerkennen. “Der Tod ist groß, wir sind die Seinen lachenden Munds, und wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns”, schrieb Rainer Maria Rilke.

Eine klaffende Lücke. Foto: Philine Schlick

Meine Freundin stirbt langsam

Ja, ein Baumfall ist so erschütternd wie jede andere Todesnachricht auch. Die Endlichkeit reißt eine Lücke in den Lebens-Lauf. Noch sind die Äste der Weide grün und saftig. Schon bald werden sie welken. Langsam verwandelt sie sich in Holz. Meine Freundin, der Baum, stirbt langsam, während in ihrem Körper das Leben wimmelt: Asseln und Käfer, Würmer und Falter wuseln durch die ungewohnte Horizontale.

Ein prächtiger Käfer im toten Holz. Foto: Philine Schlick

Erst im Bruch offenbart sich die Substanz der gefallenen Riesin: Mit Holzmehl ausgestäubte Gänge, faserige Splitter, krümelnde Borke. In hölzernen Scherben liegt so mancher eingeschnittene Liebes-Schwur. “Gesundes Holz ist nicht mehr zu erkennen”, stellt das Umweltamt fest.

In den Schatten gefallen

Immer noch riecht es untrüglich nach Holzkohle. Eines der Feuer, das Unbekannte im Inneren des hohlen Stammes legten, meldete Ferdinand Saalbach und rettete der Weide so das Leben. In der ersten Ausgabe der ZEILE hat er einen Text darüber veröffentlicht, welchen Stellenwert die Weide in seiner Biografie einnimmt. Nun ist sie selbst in den Schatten gefallen, den sie Verstorbenen und Ruhesuchenden spendete.

Gebettet auf Brennnesseln: Die umgestürzte Weide am Elbufer. Foto: Philine Schlick

Jahresringe gibt es nicht mehr zu zählen in dem hohlen Baum. Die Weide lebte von ihrer dicken Haut und schweigt über ihr Alter. Ich knipse einige Zweige ab und stelle sie ins Wasser. Vielleicht wurzeln sie – und die Weide lebt in meinem Garten weiter. Zumindest ein Stück weit.

Die Stadt wird die Reste der Weide verräumen, damit der Fluß sie nicht als Treibholz davonträgt. Bis dahin ist Zeit für Abschiedsgrüße.

Knorrige Senioren: Baumspaziergänge und ein Fotowettbewerb würdigen Bäume in der Johannstadt

eingestellt am 21.08.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Diese Stieleiche: mein Lieblingsbaum, ist im Herbst ein Traum. Foto: Karla Lenkeit - ausgewählt für den Wandkalender (Deckblatt)

“Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich an ihrem Umgang mit den Alten”, lautet ein Sprichwort. Die Spaziergänge von Marie Engelien und Bertil Kalex führen zu ganz besonderen, knorrigen Senioren der Johannstadt: altehrwürdigen Bäumen. Ihre Bedeutung soll in Baumspaziergängen nähergebracht werden. Zudem lockt ein Baum-Fotowettbewerb.

“Zeig mir deinen Lieblingsbaum!” – unter diesem Motto erdachten und planten Marie Engelien und Bertil Kalex Spaziergänge zu betagten Bäumen in der Dresdner Johannstadt. Ihr Anliegen? “Wir möchten ein Bewusstsein für die Bedeutung von Bäumen schaffen und Bürger*innen für ihren Schutz sensibilisieren.”

Bertil Kalex und Marie Engelien wollen Bürger*innen für Bäume sensibilisieren. Foto: Philine Schlick
Bertil Kalex und Marie Engelien wollen Bürger*innen für Bäume sensibilisieren. Foto: Philine Schlick

Rundgang mit Expert*innen

An altehrwürdigen Bäumen mangelt es nicht in der Johannstadt. Sie sind Zeugen historischer Ereignisse, fächeln frische Luft zu, begrünen die Umgebung. Sie stehen omnipräsent an Verkehrsadern wie der Sachsenallee, schmücken Parks mit Exotik und verstecken sich in Hinterhöfen. Die letzten trockenen Sommer haben vielen Stadtbäumen stark zugesetzt. “Im besten Fall sind Menschen so begeistert von den Bäumen, dass sie sich in Gießgemeinschaften zusammentun”, war bereits im Vorfeld der Planungen Marie Engeliens Vision.

Blick vom Thomas-Müntzer-Platz auf die Johannstädter Elbwiesen, Foto: Bertil Kalex

Insgesamt drei Baum-Spaziergänge sollen in etwa zwei Stunden der Identität von Johannstädter Bäumen auf die Spur gehen. Mit dabei ist jeweils ein*e Expert*in. Der erste am 5. September führt durch das Areal zwischen Sachsenallee, Pfeifferhannsstraße, Bönischplatz und Elisenstraße. Fachreferent Dipl.-Ing. Andreas Köhler, selbstständiger Fachagrarwirt für Baumpflege arbeitet seit fast 20 Jahren in seinem Fachgebiet und wird an diesem Tag wissenswerte Ausführungen zum Thema beitragen und für Fragen zur Verfügung stehen.

Seine Expertise wird auch den zweiten Baum-Spaziergang am 19. September begleiten. Dieser führt vom Thomas-Müntzer-Platz über die Streuobstwiesen an der Elbe und damit in den Themenkomplex „Bäume in der Kulturlandschaft, Naherholung, Gartenkultur, Obstbäume und Wildobst“ ein.

Blick in Baumkrone, Hertelstraße, Foto: Bertil Kalex
Blick in Baumkrone, Hertelstraße, Foto: Bertil Kalex

Der dritte Spaziergang am 10. Oktober führt in die Stille des Gedenkens auf den Trinitatisfriedhof. Begleitet wird er von der Fachreferentin Brigitte Heyduck von der Ortsgruppe Radebeul und Moritzburger Land des BUND sowie von der Organisation Wilderness International.

Johannstädter Baum-Kalender in Planung

Weitere Lieblingsbäume können dem Projektteam gern mitgeteilt werden. Die Reihe der Baum-Spaziergänge wird entsprechend fortgesetzt. Ebenfalls von Marie Engelien und Bertil Kalex initiiert wird ein Fotowettbewerb zum Thema Lieblingsbäume. Die schönsten Bilder werden in einem DIN-A4-Kalender versammelt. “Vielleicht ist das der Beginn eines Johannstadt-Themen-Kalenders”, hoffen die Organisator*innen.

Fotos von Lieblingsbäumen, egal ob jung oder alt, können bis zum 2. Oktober eingesendet werden. Parallel dazu werden Bürger*innen gesucht, die als Jury-Mitglieder fungieren möchten. Diese können dann allerdings keine Fotos für den Wettbewerb einreichen.

Damit die Bilder für den Druck des Kalenders ausgewählt werden können, ist eine als Druckvorlage geeignete Bildauflösung erforderlich sowie ein gängiges Bilddateiformat. Aufnahmen im Hochformat wären von Vorteil. Die Fotos sollten mit einem Titel und dem Ort der Aufnahme versehen werden.

Baum-Spaziergänge / Baum-Fotowettbewerb

  • Baum-Spaziergänge in der Johannstadt: 5. September (Treffpunkt Sachsenallee), 19. September (Treffpunkt Thomas-Müntzer-Platz), 10. Oktober (Treffpunkt Trinitatisfriedhof) jeweils um 14 Uhr
  • Es gilt der gängige Abstand von 1,50 Metern, um Anmeldung wird gebeten: baumprojekte@johannstadt.de
  • Für den Fotowettbewerb werden sowohl Foto-Einsendungen als auch Jury-Mitglieder gesucht: baumprojekte@johannstadt.de
  • Der Wettbewerb läuft während des gesamten Septembers und endet am 2. Oktober 2020