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Virenschutzprogramm zur Rettung der Soziokultur im Quartier

Die Kulturszene hat hart mit den Corona-Einschränkungen zu kämpfen. Leere Sitze, leere Bühnen, leere Kassen. Wie weit die Hoffnung auf angekündigte „Rettungsschime“ trägt und wen sie dann rettet, ist wie bei der Wettervorhersage derzeit nicht gewiss. Wem Warten und Hoffen nicht reicht,  um  lange schon geplante und angekündigte enthusiastische Programme an den Start und unters Publikum zu bringen, schafft neue Bündnisse: Um die Johannstädter Soziokultur zu retten, gibt es jetzt ein Virenschutzprogramm.

Betriebswirtschaftliches Aus für Kultur-Vereine

Wer ein Vierteljahr, also tatsächlich drei volle Monate lang als Kulturbetrieb ohne Kundschaft bleibt, steht betriebswirtschaftlich vor dem Aus. Nach einem vollen Quartal ohne Einnahmen ergibt die Rechenprobe schlicht ein Verlustgeschäft, das sich für Vereine wie den Johannstädter Kulturtreff e.V. im fünfstelligen Bereich bewegt.

Der Eintritt ist dosiert, Türen weit geöffnet: Der Johannstädter Kulturtreff e.V. Foto: Anja Hilgert
Der Eintritt ist dosiert, Türen weit geöffnet: Der Johannstädter Kulturtreff e.V. Foto: Anja Hilgert

In ihrer Pressemitteilung vom 24. Juni betont die Zweite Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Dresden und Beigeordnete für Kultur und Tourismus, Annekatrin Klepsch: „Angesichts der mehrwöchigen Betriebsuntersagungen und der fortdauernden Hygieneauflagen ist die wirtschaftliche Situation der Kultureinrichtungen existenzgefährdend.“ Es sei zu bedauern, dass die kommunalen Kultureinrichtungen bisher in keinem Hilfsprogramm von Bund und Land berücksichtigt wurden.

 

Sächsischer Landtag beschließt Millionen-Hilfspaket für Kultur (und Tourismus)

Der Haushalts- und Finanzausschuss des Sächsischen Landtages hat am 24. Juni das vom Kabinett beschlossene Hilfspaket für Kultur und Tourismus in Höhe von mehr als 60 Millionen Euro bestätigt. Mit diesen Mitteln will der Freistaat besonders die von der Corona-Pandemie betroffenen Einrichtungen und Akteure in Kultur und Tourismus unterstützen. Ob der besagte ‚Rettungsschirm’ auch bei kleineren Vereinen wie z.B. dem soziokulturellen Zentrum des Johannstädter Kulturtreff e.V. ankommt, ist ungeklärt. Ein guter Teil von deren Finanzierung hängt jedoch an der institutionellen Förderung durch die Stadt. Der andere Teil, der durch Raumvermietungen selbst erwirtschaftet wird, ist abrupt ausgefallen.

Bürgermeisterin Klepsch appellierte an die Regierung des Freistaates Sachsen, die Situation kommunaler Kultureinrichtungen für die Zukunft in den Haushaltsverhandlungen des Freistaates mit zu bedenken: „Die Einnahmeausfälle infolge der Schließung und die extrem eingeschränkte Zuschauerkapazität infolge der Hygieneauflagen führen auch in den kommunalen Kultureinrichtungen und damit den Haushalten der Rechtsträger in eine finanzielle Schieflage.“

Insbesondere Vereine und Institutionen, die den Zweck kultureller Bildung verfolgen und entsprechende vielfältige Veranstaltungen anbieten, sind von der negativen Bilanz betroffen. Wo sich niemand versammeln darf, macht keine Veranstaltung Sinn. Das Programm fällt ins Wasser.

Soziokultur auf der Rettungsinsel

Damit nicht der ganze Verein baden geht, müssen Veranstalter sich etwas einfallen lassen und im wahrsten Sinne des Wortes etwas veranstalten: Der Johannstädter Kulturtreff e.V. hat nun aus eigenen Kräften nach rettenden Ringen gegriffen und sich mit einem besonderen Einfall wieder an Land gezogen: Unter dem wunderbar bissig, spielerisch lustig formulierten Titel ‚Virenschutzprogramm‘ hat die Verantwortliche für Veranstaltungen, Vermietung, Pressearbeit im Johannstädter Kulturtreff e.V., Lisa Metziger ein Heft gezaubert, das Angebote und Mitmachaktionen vereint, „die liebgewonnene Kursangebote zu den Leuten nach Hause bringt.“

Um alternative Wege der Kulturvermittlung einschlagen zu können, begab sich die Mitarbeiterin auf die Suche nach Fördergeldern, die über die Erweiterung im digitalen Raum auf Facebook und Instagram hinaus den Verein wieder handlungsfähig und für seine Interessierten zugänglich machen könnten.

Jury des Fonds Soziokultur ist überzeugt

Ihre eingereichte Zusammenstellung der breit aufgestellten, vielfältigen Kulturangebote, die das Haus seinen Nutzer*innen von 6 bis 99 Jahren, von 9 Uhr bis 21 Uhr übers ganze Jahr in parallel laufenden Veranstaltungen bietet, von Schach, Sport, Tanz und Sprach- und Kochkursen über Keramik-, Strick-, Sing-, Malwerkstätten bis zu Skatrunden, Gartenlabor und Festeskreisen hat die Jury des Fonds Soziokultur überzeugt.

Unter 180 Bewerbungen wurden 65 ausgewählt, davon zwei in Dresden und davon eine in der Johannstadt: Mit der Höchstfördersumme von 5.000 Euro des ad hoc-Förderprogramms ist die neuinitiierte Programmheftreihe des Virenschutzprogramms fortlaufend alle zwei Monate bis zum Jahresende gesichert.

Kultur im Quartier zum Mitnehmen Foto: Anja Hilgert

Riesenerleichterung für die Verantwortlichen

Für die lokalen Verantwortlichen ist das eine Riesenerleichterung: Es sichert den Fortbestand der Bindung, die das Zentrum lebhaft und mit viel Engagement zu den umliegenden Bewohner*innen des Stadtteils unterhält. Nun erhalten die umliegenden Haushalte postalisch zugestellt das kostenlose Programm, dass mit viel Einfallsreichtum vor den Folgen des Virus schützt, indem es in Kontakt bringt: „Ein Programm, in dem für jede*n etwas dabei ist. Alles ist gerade nicht drin, aber wir haben geschafft, vieles zu ermöglichen“, sagt Lisa Metziger, der nur wenig Zeit blieb, das erste Heft zu produzieren. Nun ist es da und wird seit der Wiedereröffnung des Kulturtreffs Mitte Juni positiv aufgenommen.

Bei gutem Wetter im Garten

Schließlich wäre nach Maßgabe des Abstandgebotes für alle Räume nur eine sehr begrenzte Besucher*innenzahl erlaubt – in den großen Veranstaltungsraum dürfen 15 Personen Zugang erhalten, in der Werkstatt inklusive Kursleitung nur neun.

Allein die Skatgruppe zählt 20 Teilnehmende. Somit dürfte nur acht Spielenden erlaubt sein, mit Mundschutz die Karten zu schmettern. Das reißt bestehende Gruppengefüge auseinander und macht keinem der Beteiligten Spaß. So das Wetter mitspielt, gibt es zum Glück den Bonus des großen Gartens, in den sich die Duzendschar strickender Frauen gut sammeln kann oder die Paarpartie Senior-Junior beim Schach.

Vieles ist möglich und der Garten ist offen: Soziokulturelles Zentrum der Johannstadt Foto: Anja Hilgert

Vieles ist möglich geworden, wenn auch längst nicht das, was vom Potential her möglich wäre. Doch das täglich wechselnde Bild wieder stattfindender Aktivitäten und Begegnungen rund um den kulturellen Treffpunkt des Viertels stimmt auch unabhängig von Sonnenschein gelöst und freudig. Wer aus den verschiedenen Gründen nicht kommen kann, hat nun ein Programm für zuhause und kann so das Heft selbst in die Hand nehmen.

Hand in Hand mit den Honorarkräften, die mit ihren Kursen für vielfältiges Lernen und offene Begegnungsräume sorgen, füllt das Alternativprogramm volle zwanzig Seiten mit individuell von den Kursleiter*innen erstellten Anregungen, Anleitungen und Infos aus den angestammten Kursangeboten.

Damit ist eine Kontinuität hergestellt, Liebgewonnenes geht nicht verloren und die gewünschte persönlich menschliche Bindung wird nochmal anders neu belebt, zum Nachlesen, Austüfteln und Schmökern, mit Mitmachaktionen und inspirierenden Möglichkeiten der Teilnahme.
Damit hat der Verein in Zeiten fehlender Rückfinanzierung eine Möglichkeit geschaffen, seine Honorarkräfte zu bezahlen, die als freie Kulturschaffende finanziell im Freien stehen.

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Fußnoten:

  1. Der Stadtteilverein Johannstadt e. V. ist Träger der Webseite www.johannstadt.de und wird der Einfachheit halber nur Stadtteilverein benannt. ↩︎
  2. Zugangsberechtige sind Mitarbeiter*innen des Stadtteilvereins, Redakteur*innen der Stadtteilredaktion sowie Dritte, die in der Dresdner Johannstadt gemeinwohlorientierte Veranstaltungen durchführen und/oder andere gemeinwohlorientierte Angebote vorhalten. ↩︎
  3. Bezieht sich auch auf Angebotsdarstellungen gemeinnütziger sowie gewerblicher Akteure, die in der Johannstadt aktiv bzw. niedergelassen sind. ↩︎
  4. Entsprechend den Angaben in Formularen bzw. Mitteilungen per E-Mail. ↩︎
  5. Entsprechend den Angaben in Formularen bzw. Mitteilungen per E-Mail. ↩︎

Stand: 06/2026