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Vom gefeierten Fortschrittssymbol zum ungewünschten Baustil und wieder zurück zur gefragten Wohnlösung? Die Sonderausstellung „Platte OST/WEST“ im Stadtmuseum Dresden beleuchtet den ständigen Wandel des industriellen Wohnungsbaus, der auch in der Johannstadt deutlich ablesbar ist.
Nach den großflächigen Zerstörungen von 1945 erfand sich das Viertel städtebaulich völlig neu: Große Teile der Johannstadt wurden mit modernen Wohngebäuden in Großtafelbauweise errichtet. Bis 1990 wurden die Betonelemente dafür sogar direkt im Viertel, in einer eigenen Fabrik an der Gerokstraße, gegossen.

an der Gerokstraße während der Produktionsjahre.
(Foto: Archiv)
Johannstädter Geschichte im Stadtmuseum
Die Sonderausstellung zeigt die Entwicklung des Plattenbaus von den Anfängen bis zur Gegenwart. Sie vergleicht dabei erstmals die Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland miteinander. Die Schau richtet sich ausdrücklich nicht nur an Fachleute, sondern lädt alle Generationen zu einem abwechslungsreichen Besuch ein: An verschiedenen Mitmachstationen kann man selbst kreativ werden, basteln, eigene Fassaden stempeln oder beim digitalen Tetris-Plattenbau-Spiel ausprobieren, wie die Siedlungen entstanden sind.
Für Johannstädter gibt es echte Highlights zu entdecken. Ein historisches Modell aus den 1970er Jahren ist ebenso zu sehen wie Fotos des Freiluftmuseums „Micromuseum Betonzeitschiene“. Auch in einem Schwibbogen und im Memory-Spiel sind Johannstädter Baudetails zu finden. Sogar das mit 13 Metern Länge größte Objekt der gesamten Ausstellung stammt direkt aus der Johannstadt. Zudem kommt an den Hörstationen der inzwischen 91-jährige Dresdner Stadtplaner Dr. Udo Fehrmann zu Wort. Er leitete ab 1968 den planmäßigen Aufbau von Johannstadt-Süd und berichtet im Interview eindringlich über die Visionen und Herausforderungen seines Arbeitslebens.
Vom modernen Luxus zum Sanierungsfall
In den 1970er-Jahren bedeutete der Erstbezug einer neuen Wohnung auch in der Johannstadt für unzählige Familien einen enormen Wandel der Lebensqualität. Fließendes warmes Wasser, ein eigenes Badezimmer und moderne Fernheizungen waren damals der Inbegriff zeitgemäßen Wohnens. Das Neubaugebiet stand für Fortschritt, Modernität und die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum für alle Schichten.
Mit den politischen Veränderungen ab 1989 wandelte sich die Situation erneut. Es folgte eine Phase des Umbruchs, geprägt von neuen Eigentümerstrukturen und Modernisierungen. In der Johannstadt lässt sich dieser Wandel beobachten: Viele Blöcke wurden aufwendig saniert, farblich neugestaltet und durch Neubauten ergänzt.

Foto: Philipp WL Philipp, Stadtmuseum Dresden
Die Rückkehr der Module
Aktuell läuft die zweite Sanierungswelle unter anderem an der Pfotenhauerstraße und wir erleben den nächsten Wandel: Das serielle und modulare Bauen feiert bundesweit ein Comeback. Um schnell neuen, bezahlbaren Raum zu schaffen, nutzen Architekten das Prinzip der Vorfertigung neu – heute zunehmend nachhaltig mit Holz statt Beton. Ein Ausstellungsbesuch lohnt sich für alle Johannstädter, die den Wandel des eigenen Viertels besser verstehen wollen.

Gestaltung: krauslazos Design Practice
Von Dr. Claudia Quiring, Kustodin für Baugeschichte und Stadtentwicklung am Stadtmuseum Dresden und Projektleiterin der Ausstellung „Platte Ost/West“
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