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Damals in der Johannstadt: Die Einweihung des Carola-Hauses

Mit Heinz Kulb hat die Stadtteilredaktion einen erfahrenen Johannstädter Autor gewonnen, der sich auf den Spuren „der ganz normalen Menschen“ durch Archive wühlt und mit spitzer Feder den Staub von vergangenen Ereignissen pustet. In Folge 3 besucht Sachsens letzte Königin Carola die Johannstadt. Vorhang auf für Ihre Majestät!

Gartenmeister Alois Singer begutachtete zum wiederholten Male den Pavillon vor dem fertig gestellten Hauptgebäude des neuen Carola-Hauses. Zum wiederholten Male richtete er die Efeuranken und Blumengestecke. Dann nickte er zufrieden. Der Blick fiel auf den Lehrjungen Wilhelm und sein Gesicht färbte sich puterrot. Seine Rechte verpasste Wilhelm eine Maulschelle. In wenigen Augenblicken könnte Ihre Majestät erscheinen und Wilhelm stand hier mit einer verdreckten Schürze. Alois Singer zeigte nur auf die Schürze und dann in Richtung Parkanlage hinter dem neuen Haus.

Carolahaus, Geländekarte, 1878. Gemeinfreies Bild, aus der Sammlung H. Kulb. Quelle: http://digital.slub-dresden.de/id406517975

Großer Bahnhof für Königin Carola

Gegen drei Uhr nachmittags des 15. April 1878 hielten mehrere Kutschen vor dem gerade fertig gestellten Gebäude des Hospitals „Carola Haus“ an der Gerokstraße. Erwartungsvoll standen Ärzte, Schwestern, Küchenpersonal, Gärtner und sonstige Bedienstete an der Eingangstreppe. Daneben postierten sich die Damen und Herren des Albertvereins. Auch Wilhelm hatte es geschafft, sich eine saubere Schürze anzulegen und die Schuhe zu putzen. Mit etwas Abstand säumten viele Bewohner der Umgebung aus der Gerok- und der Blasewitzer Straße und der Häuser am Trinitatisplatz den Ort des Ereignisses.

Ansicht des Carolahauses, ca. 1909. Der unbelaubte Baum hinter der Pyramidenpappel ist die heute noch sichtbare Eiche. Foto: A. Hartmann, aus der Sammlung S. Treppnau.

In einem sehr hübschen grünen Kleid und mit modischem Hute entstieg Ihre Majestät Königin Carola der Kutsche und lächelte den Anwesenden nickend zu. Das frühlingswarme Wetter tat ihr gut. Doch der volle Terminkalender, sie kam gerade aus Meißen, forderte seinen Tribut. Contenance, also Selbstbeherrschung, war gefragt. Dessen war sich Carola bewusst. Hochrufe erschallten. Einer anderen Kutsche entstieg Dresden Oberbürgermeister Dr. Stübel und trat zwei Schritt hinter der Königin.

Der Geheime Medizinalrat Dr. Fiedler begrüßte und geleitete sie zu einem Stuhl unter den von den Gärtnern des Hauses mit prächtiger Pflanzendekoration gestalteten Pavillon.

Sachsens letzte Königin

Das wusste sie damals aber nicht. Carola oder mit vollem Namen Caroline Friederike Franziska Stephanie Amelie Cäcilie, war eine Prinzessin aus dem Hause Wasa-Holstein-Gottorp. Ihr Lebensweg mutete dem eines dramatischen Märchens an. Mehrere Handicaps hatte sie. Sie entstammte einem verarmten Adelshaus. Die Eltern waren geschieden. Carola lebte bei der Mutter in Morawietz (heute Tschechien) ein bescheidenes, eher ruhiges Landleben.

Doch eine unterbelichtete Landpomeranze wurde nicht aus ihr. Sie war gebildet und entwickelte eine Vorliebe fürs Malen, Schach und Theaterspielen. Und mit 18 erblühte sie auf zur „schönsten Prinzessin Europas“. Vor Freiern konnte sie sich kaum retten. Ein Wettlauf um ihre Hand begann. Louis Napoleon Bonaparte (der spätere Napoleon III.) sowie Friedrich Karl von Preußen waren darunter. Das Rennen machte schließlich Albert von Sachsen. Carola konvertierte zum Katholizismus und beide hatten die Unterstützung von König Johann gegen die geifernden Hofschranzen. Es soll eine Liebesheirat gewesen sein, was selten in Königshäusern gewesen wäre.

König Albert und Königin Carola, Foto von Hoffotograf Otto Meier, aus der Zeitschrift „Gartenlaube“ 1889

Fortan sah Carola ihre Passion auf sozialem Feld. 1867 gründete sie mit der sorbischen Krankenschwester Marie Simon den nach ihrem Mann benannten Albertverein, einem der Vorgänger des Roten Kreuzes, der sich um die Pflege von Kranken und Verwundeten im Kriege kümmerte.

In ihrer Ehe überließ sie ihrem Mann, dem späteren König Albert, das Feld der Politik, „wobei sie viele seiner Ungeschicklichkeiten im politischen Bereich durch ihre umgängliche Art ausglich.“* Andere beurteilten das Wirken des Herrscherpaares drastischer: „Carola war die nichtsnutzige Gattin des militaristischen Dreckskerls Albert, der als König soviel taugte, wie ein Bündel Stroh zum Feuerlöschen.“** Ein wenig zu drastisch formuliert von meinem geschätzten Schriftstellerkollegen Jens-Uwe Sommerschuh.

Auf dem Weg zur Landesmutter

Mit der Thronbesteigung 1873 widmete sie sich, da ihre Ehe kinderlos blieb, voll den sozialen Belangen. Nicht die Verhältnisse wollte sie ändern, sondern das Leid lindern. Sie war keine Revolutionärin, keine Frauenrechtlerin, keine Sozialdemokratin, sondern aufgeklärt konservativ in der Weltanschauung. So brachte sie mit dem Pestalozzi-Verein erwerbslose Frauen in Lohnarbeit, unterstütze weibliche Dienstboten jenseits der 60 durch kostenlose Unterbringung in Dienstbotenheime, gründete Kindergärten und Lungenheilanstalten, schuf Wohnraum für arme Familien. Für die Arbeiterfamilien initiierte sie Volksküchen in deren Wohn- und Arbeitsvierteln.

Logo des Albertvereins von Werbemarke, aus der Sammlung H. Kulb, Lizenz: Public Domain Mark 1.0

Durch die Ausbildung von Frauen und Mädchen zu Krankenschwestern, Wirtschafterinnen, Näherinnen wurden für die weiblichen Angehörigen der unteren Schichten neue Erwerbsmöglichkeiten eröffnet. ***

Ihr Rollenverständnis adliger Frauen entsprach der damaligen Zeit und war deren einzige Beschäftigungsmöglichkeit um selbständig und anerkannt zu arbeiten. Königin Carola und Kaiserin Auguste Viktoria (von Wilhelm I.) repräsentierten auch eine neue Generation von Frauen der Oberschicht in der damaligen Zeit.

Heilstätte für Tuberkulose-Kranke und Trümmersortieranlage

Pastor Peter hielt die Weiherede, der die Königin aufmerksam lauschte. Unter den Versammelten war auch der Stadtbaurat Theodor Friedrich, der den durch Spenden und einer Lotterie finanzierten Komplex konzipierte und errichtete. In diesen ersten Gebäuden befanden sich Krankensäle mit 30 Betten, Aufnahmezimmer, Operationssäle, Wohnungen der Schwestern und Assistenzärzte, Küche und Speisesaal. Die medizinischen und technischen Ausstattungen sollen dem damals neuesten Stand entsprochen haben. Bis zur Jahrhundertwende entstanden neben einer Kapelle noch weitere Gebäude, die dann 225 Kranke beherbergen konnten. Daneben entstand ein gepflegter Park.

Das Carolahaus. Stadtplan von 1911. Quelle: SLUB Dresden / Deutsche Fotothek.

Nach der Gründung des Krankenhauses Johannstadt**** spezialisierte sich das Carola-Haus zur Heilstätte für Tuberkulosekranke. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Haus an die Stadt verkauft. Die Nazis machten daraus eine Schule der SA, wobei die Kapelle zum Schießstand mutierte. Dann im Krieg ein Lazarett. In der Bombennacht im Februar 1945 wurde das Areal vollständig zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gelände zunächst eine Trümmersortieranlage und ab den 50er Jahren der VEB Plattenwerk. Heute harrt es seiner nicht sichtbaren Zukunft.

Nach des Pastors Rede besichtigte Königin Carola die neuen Räume und verließ nach einem Dank an die hier Beschäftigten und einem kleinen Imbiss gegen halb fünf das Haus in Richtung ihrer geliebten Wohnstätte in Stehlen.

Auch Gartenmeister Alois Singer und sein Lehrling Wilhelm verließen mit vor Stolz geschwellter Brust das Anwesen, denn Majestät hatte sich bei ihnen persönlich für das Pflanzenarrangement im Pavillon bedankt.

*aus Maria Görlitz: Parlamentarismus in Sachsen. Königtum und Volksvertretung im 19. Und frühen 20. Jahrhundert. LIT Verlag Münster 2011

**Jens-Uwe Sommerschuh auf Facebook, 4. Oktober 2020, 01.08 Uhr

***Dagmar Vogel: Wahre Geschichten um Sachsens letzte Königin. Tauchaer Verlag, Taucha 2006

****heute Universitätsklinikum Carl Gustav Carus

Damals in der Johannstadt – von Heinz Kulb

 

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Fußnoten:

  1. Der Stadtteilverein Johannstadt e. V. ist Träger der Webseite www.johannstadt.de und wird der Einfachheit halber nur Stadtteilverein benannt. ↩︎
  2. Zugangsberechtige sind Mitarbeiter*innen des Stadtteilvereins, Redakteur*innen der Stadtteilredaktion sowie Dritte, die in der Dresdner Johannstadt gemeinwohlorientierte Veranstaltungen durchführen und/oder andere gemeinwohlorientierte Angebote vorhalten. ↩︎
  3. Bezieht sich auch auf Angebotsdarstellungen gemeinnütziger sowie gewerblicher Akteure, die in der Johannstadt aktiv bzw. niedergelassen sind. ↩︎
  4. Entsprechend den Angaben in Formularen bzw. Mitteilungen per E-Mail. ↩︎
  5. Entsprechend den Angaben in Formularen bzw. Mitteilungen per E-Mail. ↩︎

Stand: 06/2026