Beitrag von Sylvia-Manorita Wiedemann, ursprünglich veröffentlicht in der ZEILE-Ausgabe Nr. 6 “Jung in Johannstadt”, Sommer 2023
Unser Jugendgarten e.V. muss einem schon wegen der Historie ans Herz wachsen. Hatte seine Gründung vor nunmehr fast 110 Jahren, im Jahre 1913/1914, doch einen hohen sozialen Aspekt. Warum also
trägt unsere Gartenanlage nun den Namen „Jugendgarten“?
Auf der Website der Gartenanlage wird es so erklärt:
„1913/1914 hat der sehr sozial eingestellte und freidenkende Pastor Dr. Lucchesi für seine ihm damals anvertrauten Jugendlichen aus der Johannstadt und Umgebung auf einem Teil einer alten Rennbahn, eine Gartenanlage geschaffen. Hier konnten die Jugendlichen ihre Freizeit in angenehmer und gleichzeitig nutzbringender Weise verbringen. Zuvor waren viele Wochen harter Arbeit mit der Enttrümmerung des Geländes verbunden. Neues Erdreich und viele andere Dinge mussten herbeigeschafft werden. Zur Osterzeit 1914 begannen die jungen Burschen in den meist 100 m2 großen Gärten mit zaghaften, kleingärtnerischen Künsten. Zu Ehren von Pastor Dr. Lucchesi wurde nach seinem Tod 1918 in der Anlage eine Linde gepflanzt. Diese bekam den Namen >>Lucchesi-Linde<< Sie stellt noch heute einen Mittelpunkt der Anlage dar.“ 1
Leider ist über Pastor Dr. Lucchesi nicht mehr zu erfahren. Dabei hätte er verdient, dass man sich seiner erinnert. Die erwähnte „Enttrümmerung des Bodens“ ist für mich auch noch ein Rätsel. Woher stammten die Trümmer? Man findet ständig kleine Tonscherben, Ziegelreste, verkieselte Glasscherben und oh Wunder, wir fanden, wie schon einmal [in Zeile 2] beschrieben, einen kleinen, reizenden, intakten Glasflakon. Ich hätte gern gewusst, ob andere Gartenbesitzer auch schon interessante Funde machten. Noch habe ich dahingehend keine Erkenntnis.
Faszinierend sind auch die zwei alten gusseisernen Gewächshäuser in zwei Gärten des Vereins sowie „die einstige öffentliche Bedürfnisanstalt: Erwähnenswert ist dieses kleine Gebäude an der Einmündung Pfotenhauer- / Fetscherstraße, weil es um 1906 von Hans Erlwein entworfen wurde. In seiner Tätigkeit als Stadtbaurat befasste sich Erlwein nicht nur mit den Planungen für öffentliche Großprojekte wie das Klärwerk Kaditz, den Schlachthof und verschiedene Schulen, sondern schuf auch einige Kleinbauten. Als einziges dieser Gebäude überstand der kleine Pavillon die Wirren der Zeit und diente nach 1945 viele Jahre als Gartenlaube bzw. Geräteraum eines Imkers.“ Auch diese Information konnte ich dem Internet entnehmen.
Wir wohnen nun in einem Punkthochhaus, ohne die Absicht, noch einmal einen Garten zu besitzen. Wir
nahmen 2015 einen Kriegsflüchtling aus Libyen auf, den ich in einem Bürgerbühnenprojekt kennenlernte. Dieser hatte wiederum Sehnsucht nach einem Garten, da er zu Hause vor dem Krieg auf einem Grundstück mit 200 Olivenbäumen aufwuchs. Also bewarben er und ich uns in den Kleingarten-Vereinen in
unserer Nähe.
Relativ schnell und unverhofft, hatten wir 2017 Glück und erhielten die Nachricht, dass wir uns im Jugendgarten e. V. einen Garten ansehen könnten.
Gerade erfuhr ich, dass sich aktuell über 40 Menschen in unserem Gartenverein um einen Kleingarten beworben haben. In der Anlage gibt es 47 Parzellen, wir hatten also wirklich Glück. Die Vorbesitzer unseres Gartens waren überfordert, der Garten war somit völlig verwahrlost. Am Gartenhäuschen hatte man Wellplaste gegen den Wind angebracht, es sah scheußlich aus.
Langer Rede, kurzer Sinn: Unser Garten wird mit jedem Jahr interessanter, vielleicht ja auch hübscher. Die hässliche kackbraune Laube hatten wir sofort taubenblau und weiß gestrichen und einen Weinstock daneben gepflanzt, der nun unsere Terrasse und einen „Durchgang“ im Garten, aus einem alten Metallmatratzengestell, welches wir in unserem Garten fanden, zauberhaft begrünt. Die Weintrauben sind klein, aber zuckersüß. Sie werden frisch gegessen, zu Marmelade und Saft verarbeitet und die Weinblätter werden zusammen mit Reis eine köstliche Mahlzeit. Beim Griechen macht man daraus mit Reis gefüllte Weinblätterrolladen, Dolmadakia. Die Traubenernte ist geradezu überwältigend.
Im Hausinneren sind neben dem Kleiderschrank auf einem Kalender unwiederbringliche Fotos von der libyschen Familie geklebt, die einen besonderen Reiz haben. Das Foto der Großeltern, in arabischer Landestracht neben dem Grundstück daher schreitend, ist für mich von besonderem künstlerischem Wert, ebenso wie der weiß gekleidete Vater neben seinem weißen Pferd oder das Foto, auf dem die Ruinen von Leptis Magna, nahe Khoms zu sehen sind. Eine unbekannte Welt, die sich durch diese Bilder für uns auftut.
Den Anstoß zum Erwerb des Gartens gab unser Mitbewohner, der ihn auch kaufte. Ich bin nur Pächterin, gebe Anregungen und schneide an den Gehölzen und Pflanzen herum. Die Hauptarbeit leistet mein Mann, der eigentlich überhaupt kein Interesse an diesem Garten hatte, trotzdem die alten Wegeplatten neu verlegte, alle Pflanzen und die Gehölze setzte, Unkraut jätet und die Pflanzen möglichst täglich mit Wasser aus den drei Tonnen versorgt.
Uns Dreien liegt inzwischen viel an diesem Garten. Je länger man eine Arbeit leistet, zusammen mit einem Menschen lebt, seine Biografie kennenlernt und je länger man an einem Ort weilt, seine Besonderheiten schätzt, desto mehr ist man mit allem verbunden. Und ein Garten bedeutet Freud und Leid ….
Vielleicht haben Sie nun einmal Lust, einen Spaziergang für eine Runde durch diese interessante Gartenanlage zu nutzen. Im Sommer ist der Verein bis 19 Uhr auch für Sie geöffnet.
- Weitere Informationen:
www.jugendgarten-dresden.de
Kleingartenverein Jugendgarten e. V., Pfotenhauerstr. 79, neben dem Sportplatz des SSV
Turbine e. V. ↩︎