Horst Korbella ist Diplomingenieur, ehemaliger CDU-Politiker und glühender Verfechter der Dresdner Wohnungsgenossenschaften. Im Seniorentreff Amadeus engagiert er sich lange nach seinem Ruhestand für die Senior*innen der Johannstadt. Er blickt zurück auf eine bemerkenswerte Laufbahn.
Ich bin kein Johannstädter, aber ich bin zufällig in dieser Wirkungsstätte hier beheimatet. Ich selber wohne am Wilden Mann. Die einzige Bindung ist die zur WG Aufbau, die ja in diesem Lande die bedeutungsvollste ist. In Dresden war sie schon immer die größte, dann war sie die größte in der DDR. Genossenschaft, wohlgemerkt!
Mich haben die Amerikaner befreit
Die hat nun hier ihren Sitz auf der Henzestraße, die Verwaltung. Wenn man so will, von Anfang an, und hat hier interessante Gebiete, zusammen mit der Schwestern-AWG, der Johannstädter, die ja früher Fortschritt hieß. […]
Ich bin Jahrgang 1940. Mich haben am 17. April 1954 die Amerikaner befreit, nicht die Russen. Am 1. Juli bin ich dann geboren. Zu meinem fünften Geburtstag, da kann ich mich erinnern, zogen stundenlang amerikanische Konvois dahin zurück, von wo sie gekommen waren. Sie waren vom Brocken gekommen, vom Westharz und waren dann bis an die Elbe, bis Torgau, vorgedrungen. Die GIs schmissen dann ab und zu ein Päckchen Zigaretten runter, eine Rolle Drops oder Kekse. Und das kannte man nicht.

Groß geworden bin ich in Hasselfelde, das ist heute im Kreis Halberstadt. Das war damals Kreis Blankenburg, dann der Kreis Quedlinburg, dann der Kreis Wernigerode, heute Kreis Halberstadt.
Ich bin durchs Studium nach Dresden gekommen. Damals gab es noch die Achtklassenschule. Ich war der einzige, der auf die Oberschule delegiert wurde. Einer aus Hasselfelde kam auf die Oberschule. Im Jahr davor waren vier oder fünf. In dem Jahr war ich der einzige […]
Mit 26 der jüngste Stadtrat
Hab dann nach vier Jahren mein Abitur gemacht, in Blankenburg am Harz. Übrigens ist das die Stadt, wo ein gewisser Oswald Spengler geboren ist. […] Blankenburg war immer ein erzbürgerliches Pflaster gewesen, eine Residenzstadt. Da gab es eine bestimmte Grafenfamilie, die Welfen hatten dort zwei Schlösser. [… ] Ich hatte Glück, ich gehörte noch zu denen, die einen Teil dieser Vorkriegs-Pauker hatten. Wenn es um die alten Griechen ging, um Homer … Das waren recht prägende Jahre mit diesem Bürgerlichen, was da überlebt hatte. Was auch dann zum Abiball stattzufinden hatte mit Umzügen, Blasmusik, Blankenburg. Na ja. Also, das war nicht schlecht. […]
Ich hatte mich dann zum Studium entschieden für Eisenbahnbau, weil es in Dresden eine neue Verkehrshochschule gab. […]

Die wirklich kommunalpolitisch interessantesten Jahre,waren für mich die: Ich war mit 26 Jahren der jüngste Stadtrat, den es bis dahin in der Stadtverwaltung gegeben hatte. Mir hatte man dann in jungen Jahren – ich war gerade aus dem Studium gekommen – das Wohnungsamt angehangen. Das tat man damals gern. Die Blockparteien kriegten die unangenehmen Ressorts, wo man sich nicht beliebt machen konnte.
Mir war 18 Jahre lang das Wohnungsamt zugeordnet. Ich war in der Funktion des Abteilungsleiters Wohnungspolitik und Wohnungswirtschaft, zugleich Vorsitzender des AWG-Beirates. Also ein Beirat, der die AWG-Vorstände beraten hat. […]
Ich habe meine Kreise gezogen
Nach der Episode beim Wohnungsamt war ich dann, von 1984 bis 1988, vier Jahre Bezirksvorsitzender im damaligen Bezirk Dresden der Christlich-Demokatischen Union. Dann wurde ich „beim Mausen erwischt“ – zu gute Korrespondenz mit den Kirchen und den Bischöfen bei der Konfession. Und da ist Hans Modrow, als damaliger erster Sekretär, dazu veranlasst worden, meinen Parteivorsitzenden in Berlin, Götting, nahe zu bringen, dass ich untragbar bin. Und da wurde ich abgelöst.
Das ist mir in der Wendezeit zustatten gekommen. Da gehörte ich dann unfreiwillig zu den Märtyrern. Lothar de Maiziére wurde ja gewählt. Völlig unerwartet! Zum Ministerpräsidenten. Wir hatten alle gerechnet, die SPD würde die Wahlen gewinnen … So, und er bat mich dann, den Parteivorsitz zu übernehmen, damit er sich auf diese Ministerpräsidententätigkeit konzentrieren kann. [Anm. d. Red. : Horst Korbella wurde am 15./16. Sonderparteitag der CDU zum Stellvertreter von Lothar de Maiziére gewählt]

Er hat seine Sache nicht schlecht gemacht. Den Einigungsvertrag hat ja Krause ausgehandelt. Das ist ja ein Skandal im Grunde genommen … Politische Kardinalfehler sind dort passiert … Ja, da haben wir den Hamburger Vereinigungsparteitag gemacht, mitsamt dem Parteivermögen der Ost-CDU. Das war schon West-Geld. Das war schon umgetauscht. Fünfzehn Millionen Bares. Kohl hat sich sehr gefreut. Er konnte viele Schulden damit bezahlen.
Ja, und ich war zwei Jahre in Bonn. Und dann habe ich meine Kreise gezogen. De Maiziére auf seine Art, ich auf meine Art. Wir waren die beiden einzigen aus dem Osten. Er hatte ja ein eigenes Ministerressort: Minister für besondere Aufgaben. Aus dem Staatssekretär Günther Krause war dann Verkehrsminister Krause geworden. Und ich wusste, sobald ich da das Maul aufreiße – noch mit politischem Mandat – werden die Schubladen gezogen. Die Artikel in der SZ, die es da über mich gegeben hat über Friedenspolitik in der DDR – das überlebst du nicht.
Stallgeruch und Morgenluft
Der Kohl hat mir dann gesagt: „Wir brauchen Sie. Ihnen geht so ein Ruf voraus. Sie sind ein Vermittler. Zwischen Christen und Marxisten, zwischen Alt und Jung, zwischen Männlein und Weiblein, zwischen kommunal und genossenschaftlich. Wir brauchen so einen.“ Landesgruppen-Ost-Seelsorger. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie werden Koordinierungsbeauftragter Neue Bundesländer in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.“ Ich habe gesagt, das mache ich.
Da war meine Meinung gefragt. Ich wurde ständig eingeladen, um Vorträge zu halten. Es war gesagt: Wenn Ihre Leute aus dem Osten dann kommen, müssen Sie sich in Bonn schnell wohl fühlen. Beheimatet fühlen. Die müssen die Partei spüren. Partei ist nicht nur politische Vernunft, Partei ist auch geistige Heimat, ist psychologische Heimat. Partei strahlt Wärme aus. Und das müssen Sie. Das ist Ihre Aufgabe! Im Hintergrund: Wärme. So. Stallgeruch.

Der stieg denen dann – nicht dem Helmut Kohl, auf den lasse ich nichts kommen – , aber anderen, Klugscheißern, Windmachern, recht schnell in die Nase. Zum Beispiel sollten die Bundesgenossenschaften privatisiert werden. Das war die Linie der FDP. Schwätzer war damals die zuständige Ministerin, Genscher hat sich raus gehalten, Herr Kinkel war damals Staatssekretär im Justizministerium – der ehemalige Chef des BND. Ja. Und der kam dann auf die Idee: Um mit der DDR und dem Erbe der DDR leichter umgehen zu können, müsse sie delegitimiert werden. Ihre Rolle in der Geschichte muss delegitimiert werden. Als Unrechtsstaat.
Und da sind natürlich die paar Bürgerrechtler, die wir hatten, die glaubten, eine Revolution gemacht zu haben und die in den Wahlen ja leer ausgegangen waren, den ersten freien und geheimen Wahlen, mit lächerlichen 2,9 Prozent – die witterten nun Morgenluft mit Herrn Gauck an der Spitze. Und da war dann dieser „Unrechtsstaat“ geboren. So.
Und die DDR-Bürger, diese 17 Millionen, die nun selig waren, dass sie reisen konnten und das Westgeld im Portemonnaie hatten, denen war das so was von egal! Je mehr der Kehraus durchgeführt wurde und je mehr der Abriss eine Rolle spielte, und was alles verschwinden muss …
Das wird es nie wieder geben!
In Dresden zum Beispiel! Was alles verschwinden sollte! 40.000 Wohnungen! Standen auf Abriss. Bis vor Kurzem. Gewählt von Volksvertretern, die wir in freien und geheimen Wahlen in der Wahlkabine als Dresdner gewählt hatten. Die beschlossen 1991, vierzigtausend Wohnungen abzureißen. Neubauwohnungen. Plattenwohnungen. Ausschließlich. Die Begründung: Die sind nicht mehr gesellschaftsfähig … Die werden in noch nicht einmal 100 Jahren durchgerostet sein … Die Grundrisse überzeugen nicht … […]

Ich bin Mitverfasser folgender Publikation: „Wohnungsbaugenossenschaften in Dresden. Ein fünfzigjähriges Jubiläum.“ Das ist jetzt 15 Jahre her. […] Dazu habe ich abschließend geschrieben:
„Dreizehn Jahre sind seitdem vergangen und wieder einmal haben die Wohnungsbaugenossenschaften bewiesen, dass sie zeitgemäßen Herausforderungen nicht nur angemessen, sondern fantasievoll und leistungsstark begegnen können. Die Sanierungsprogramme in den Wohnanlagen sind zur großen Zufriedenheit ihrer Bewohner weitestgehend abgeschlossen. Wiederum überzeugen die von Architekten für die Fassaden und Wohnungsgrundrisse neu gefundenen Lösungen den Betrachter bei Fahrten durch die Stadt und die Bewohner der Wohnungen. Die Restnutzungsdauer genossenschaftlicher Wohnanlagen scheint weit weniger infrage gestellt zu sein, als die mancher nach 1990 errichteten, die jetzt schon ebenfalls teilweise leer stehen. Die Zukunft wird sich an den Vermietungskonditionen erweisen und da haben die Wohnungsgenossenschaften aus ihrer Biografie jetzt schon einen erheblichen Vorsprung.“
Die haben Grund und Boden mal vom Staat geschenkt bekommen. Das wird es nie wieder geben! Deshalb nehmen sie es mit jedem auf. […] Heute haben wir einen Leerstand von 0,3 Prozent – die Leute können nur lachen, wenn von Abriss die Rede ist. Die WG Aufbau hat sich daran nicht beteiligt, an dem Abrissprogramm.

Das wurde zum Beispiel gefördert: Alle, die sich nicht beteiligt haben, konnten ihre Mieten deckeln für die verbliebenen Wohnungen. Die kriegten einen Mietzuschuss, um das nicht umlegen zu müssen auf die Genossenschaftler, mussten aber 15 Prozent ihres Bestandes privatisieren. Die Stadt hat ja ihren gesamten Wohnungsbestand privatisiert. Das hat es in keiner deutschen Stadt gegeben bisher. Nur in Dresden war das möglich. Heute ist das ja entschieden, dass das ein Verbrechen war. Ein sozialpolitisches Verbrechen am eigenen Bürgervolk. […]
Der Weg in die freie Wirtschaft
Ich wurde dann sächsischer Regionalbeauftragter für ein Energieunternehmen, was sich mit alternativer Energieerzeugung beschäftigt hat [Anm. d. Red. Nach zwei Jahren Bonn 1990 bis 1992]. Mittelständisches Unternehmen, bei dem ist es mir gut gegangen bis 2000. Dann konnte ich vorzeitig in Rente gehen. Habe ich auch genutzt. Das waren eigentlich die schönsten Berufsjahre, die ergiebigsten. Ich bin viel rum gekommen, in Ost und in West. War gefragt. Und wir haben auch bisschen was zustande gebracht. […]
Ich war dann Mitglied in dem ein oder anderen Verein. […] „Akademiker und Freunde 50plus e. V.“ ist Nachfolgeverein, weil einige Leute konnten dann nicht mehr miteinander.

Ich bin vom Rat der Stadt 1984 weg. Zwei Jahre später ist der Kupke, Sekretär des damaligen AWG-Beirates weg und wurde dann, noch zu DDR-Zeiten, Vorsitzender der Groß-AWG. Das war derjenige, der im Grunde die größte Wohnungsgenossenschaft, geleitet und durch diese Wendezeit leiten müssen, indem er sich ganz schnell eingetaktet hat in den Gesamtverband der westdeutschen Wohnungsunternehmen mit seiner fachlichen Kompetenz.
Da gibt es einen Unterverband für westdeutsche Genossenschaften und da wurde er ganz schnell der Mann aus dem Osten. Da hat er aufgepasst, dass das, was im Osten passiert, sich in Grenzen hält und hat Schaden abgehalten. […] Sie ist heute liquide und potent wie keine andere Wohnungsgenossenschaft.
Ich war der, der mit der Grußadresse losgezogen ist
Wegen eines Wohnungsanliegens bin ich zu dem Kupke hin, da ging‘s um einen Mauerdurchbruch. Er hatte beobachtet, was nach dem Rat der Stadt mit mir passiert war. Auch den Rausschmiss als Bezirksvorsitzender, das Strohfeuer an der Seite von de Maiziére, die Bilder vom Vereinigungsparteitag zwei Tage vor der Einheit.

Und als das mit dem Münchner Unternehmen zu Ende ging und ich in meine erste Rente eintrat und es doch drohte, etwas langweilig zu werden, kam der Kupke zu mir und meinte: „Mensch, wir haben einen Leerstand von zehn Prozent. Die WGJ machen ihre Sache gut mit einer Kulturhalle und Marathon an der Elbe und einer Kneipe. Mir sind die Senioren wichtig. Ich will, dass die sich wohlfühlen. Ich möchte mit einer Begegnungsstätte eine Vereinigung – da kamen wir auf die Volkssolidarität zu sprechen – eingehen, um die Seniorenbetreuung zu organisieren. Die in Eigenleistung ihre WGJ-Wohnung noch mitgebaut haben, ohne Arbeitsschutzbekleidung, in der Baugrube. Da brauch brauch‘ ich jemanden.“
Dass die langjährigen Hausgemeinschaften sich erinnern können mit Wandzeitungen und Fotos, da kann man doch hier Bibliotheken aufbauen, und Tanzabende machen und Geburtstage feiern. Und diese Veranstaltungen finden hier statt – und da war ich derjenige, der mit der Grußadresse losgezogen ist, zum 90. Geburtstag. Da haben wir angefangen im Jahr 2002. Dieser Verein wurde gegründet: „Wohnen im Alter in der WG Aufbau.“ Im vergangenen Jahr waren es genau 100 mal 90. Geburtstag.