Dieser Artikel ist in der Zeile 6 erschienen. Transkribiert und kommentiert von Gerd Gottwald
Frau Schneider aus der Elsasser Straße hat der ZEILE freundlicherweise die Aufzeichnungen ihres Onkels Herbert Mehner überlassen. Geboren 1912, hat er auf über 50 Seiten seine Lebenserinnerungen bis zum Ende des 2. Weltkrieges aufgeschrieben.
In dieser Ausgabe finden sich, passend zum Thema Jugend, Erinnerungen an die Kindheit des kleinen Herbert in der Johannstadt:
„Aus den ersten Jahren habe ich nur ein ganz vages Bild vom Blick aus dem Fenster in der Tittmannstraße vor Augen (Anm. d. Red.: in Striesen; jedoch nicht mehr erhalten; heute ein Nachkriegsbau): Auf der anderen Straßenseite stand ein kleines, villenartiges Gebäude, in welchem, wie mir später erzählt wurde, ein Rossschlächter sein blutiges Handwerk betrieb. Die demontierten Teile der Vierbeiner wurden vorn im Laden verkauft. Obwohl Pferdefleisch auch heute noch von vielen Leuten als Delikatesse geschätzt wird, hing den Käufern ein gewisser „Arme-Leute-Geruch“ an. Nachschubsorgen hat der Schlachter sicher nicht gehabt, denn damals beherrschten noch die umweltfreundlichen „Hafermotoren“ das Straßenbild, welche harmlose, spatzenfreundliche und von Kleingärtnern geschätzte Äpfel produzierten statt stinkende Auspuffgase.“
Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, war Herbert zwei Jahre alt
„Alle Zukunftspläne (der Eltern) gerieten in Unordnung. Aufgrund seiner soldatischen Ausbildung in der Schützenkaserne am Sachsenplatz und der ausgerufenen Generalmobilmachung eilte unser Vater zur Fahne – was blieb ihm auch anderes übrig – und ließ uns drei (Mutter, Schwester Hedi und Herbert) allein zurück. … Unsere Mutter kroch mit uns zwei Gören bei ihren Eltern unter. Sie bewohnten in der Johannstadt, Gabelsberger Str. 10 im dritten Stock eine geräumige Vierzimmerwohnung. (nicht mehr erhalten, heute Sitz einer kleinen Maschinenbaufabrik) Als wir dort eintrafen, hatten die Großeltern unserer Mutter bereits Quartier bezogen. Vier Generationen unter einem Dach – würde das gut gehen? Aus heutiger Sicht hätte man wohl ein unausweichliches Desaster vorausgesagt, aber es hat fast vier Jahre bis zum Kriegsende 1918 ohne große Nebengeräusche funktioniert.”
Der geheimnisvolle Pappkarton
…der im Balkonzimmer, wo wir drei unser Lager aufgeschlagen hatten, unter Mutters Bett stand: Darin standen, fein säuberlich in Seidenpapier eingewickelt und nebeneinander aufgereiht, kleine, schwarzglänzende Röhren. Was hatte es nun mit diesen schwarzen Dingern auf sich? Heute würde man sie als Vorläufer der Schallplatte bezeichnen. Sie waren nämlich aus Schellack und hatten gewindeartig eingeritzte Tonrillen. Man steckte sie auf die Walze des vom berühmten Edison erfundenen Phonographen, zog mit der Kurbel das Federwerk auf und schraubte, je nach gewünschter Lautstärke eine dünne oder dickere Stahlnadel in den Tonabnehmer. Sobald man diese mit Gefühl auf die sich drehende Walze aufsetzte, ertönten aus einem großen, bunten Blechtrichter plärrende und kratzende Geräusche, die man entzückt als Musik und Gesang genoß: Walzer, Märsche, Opern, Operetten, Löwe-Schmalzlieder oder die obligaten Caruso-Arien, die man unbedingt besitzen musste, wenn man etwas auf sich hielt… Der Besitz eines solchen Apparates war schon ein gewisses Statussymbol.”
Auswirkungen des Krieges
Obwohl der Krieg selbst sich fernab von Dresden abspielte und hier keine direkten Zerstörungen brachte, war er doch auch von kleinen Kindern schon spürbar. Je länger der Krieg dauerte, desto katastrophaler wurde die Versorgungslage zu Hause. Dazu schrieb Herbert:
“Die wichtigsten Dinge des täglichen Bedarfs, Nahrung, Kleidung usw., waren aufs knappste rationiert und nur auf Marken erhältlich – sie reichten weder hinten noch vorn. Ich sehe heute noch meinen Großvater vor mir, wenn er sein Taschenmesser nahm und auf dem Brot die täglichen Rationen mit Kerben markierte, damit es bis zur nächsten Zuteilung reichte. Zu Begriffen wie „Wurstbrühe“, „Kuchenränder“, oder gar „Gurkenschlamm“ fällt den Menschen heute, wenn überhaupt etwas, höchstens der Mülleimer ein.”
Für Herbert, damals fünf oder sechs Jahre alt, waren sie jedoch eng mit dieser Zeit verbunden, da sie halfen, den Hunger nicht noch größer werden zu lassen.
„Unsere Mutter wusste genau, wann der Fleischer Schlacht- und der Bäcker Backtag hatte. Dann marschierten Hedi und ich mit Blechkannen und Tüten bewaffnet los, um für’n Groschen markenfreie Wurstbrühe oder Kuchenränder zu ergattern. Wir hatten zwar nicht immer Erfolg, denn andere waren genau so schlau, aber meist kehrten wir mit voller Kanne oder Tüte zurück. Wenn dann aus der Wurstbrühe mehr Augen heraus als hineinguckten und sogar ein paar Fleischstückchen herum schwammen, war die Freude groß. Krabbelten aber zwischen den Kuchenrändern dicke Küchenschaben oder „Schwaben“, wie die niedlichen Tierchen bei uns hießen, herum, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Gegessen wurden sie aber trotzdem – die Kuchenränder.
Die „Gurkenschlammquelle“ sprudelte an der Kreuzung Blasewitzer-Fürstenstraße (heute Fetscherstr.). Vor dem Krieg existierte dort die Gastwirtschaft Zum Lämmchen, die wegen der zunehmenden Lebensmittelknappheit aber schließen musste und in eine Gurkeneinlegerei umfunktioniert wurde. Hier konnte man sich gratis und markenfrei jede Menge „Gurkenschlamm“, d.h. das ausgeschälte Innere grüner Gurken, abholen. Ob dieses wässrige Zeug daheim in den Speisezettel eingebaut oder als Abführmittel verabreicht wurde, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls haben wir zwei „Lämmchen“ kannenweise davon angeschleppt und irgendwie wird es schon ein Loch gestopft und den Hunger vertrieben haben. Der war nämlich ständiger Gast, vor allem im sogenannten Kohlrübenwinter 1917/18, in dem sich die Heimatbevölkerung praktisch nur noch mit dieser „Oldenburger Ananas“ durchbringen konnte.“
Die Straße als Spielplatz
Trotz Kriegszeiten – Kinder spielen. Herbert dazu:
”Unser Spielplatz war die Straße, damals nach heutigen Begriffen eine total verkehrsberuhigte Zone ohne Sonderbeschilderung und eingebaute Schwellen, denn nur Fußgänger, Radfahrer und seltener ein Pferdefuhrwerk störten die Ruhe. Die wenigen Autos, die es schon gab, waren zum Militärdienst eingezogen. Gespielt wurde auf dem „Droddewar“, dem versächselten Trottoir oder Bürgersteig. Es bestand aus schweren, glatten Granitplatten. Die Fahrbahn mit ihrem Katzenkopfpflaster war viel zu holprig. So vertrieben wir uns die Zeit z.B. mit „Rädeln“ nach dem Rezept: Man nehme ein Rad vom ausgedienten Kinderwagen, stecke einen Holzpfropfen so durch die Nabe, daß er auf beiden Seiten ein Stück herausschaut und suche sich einen Stecken – basta! Mit dem Stöckchen am Holzpfropfen musste man das Rädel so führen, dass es nicht umkippte – vorwärts, rückwärts, in Bogen- und Schlangenlinien usw. Wir haben spannende Wettkämpfe ausgetragen, und ich erinnere mich, dass die Rosel, die etwas ältere Tochter vom Fleischer an der Ecke Lortzingstraße meist als Siegerin hervorging. In meinen Augen war sie ein Star mit zirkusreifen Kunststücken. Oder wir spielten mit Kreiseln, Reifen, Bällen Marke Eigenbau aus zusammengestopften Lumpen – alles ohne teuren technischen Schnickschnack und für uns trotzdem ein Riesenspaß. Und unsere Mütter brauchten sich um uns keine Sorgen zu machen – ein aufgeschlagenes Knie oder eine Beule waren das Schlimmste, was wir von der Straße mit nach Hause brachten. Unser Schuhverbrauch war dabei minimal, denn den ganzen Sommer über liefen wir barfuß. An das lästige Füßewaschen jeden Abend erinnere ich mich noch recht gut.“
Neustart in der Hertelstraße
“Noch bevor dieser Krieg im November 1918 zu Ende ging, kam unser Vater 1917 von der Westfront ins Lazarett nach Merseburg. Eine Senfgas-Granate, die neueste Errungenschaft zur Menschenvertilgung, hatte ihn zusammen mit einem Kameraden im Unterstand verschüttet und vergiftet. So blieb ihm der Rest des Krieges und vielleicht noch Schlimmeres erspart. Wir konnten noch im Herbst 1917 mit ihm Wiedersehen feiern. Das blieb nicht ohne Folgen, die im Mai 1918 ans Tageslicht kamen: unsere Schwester Irma, später nur noch unter dem Künstlernamen „Puppi“ bekannt, betrat die Bühne und hätte damit den Rahmen unseres Notquartiers in der Gabelsbergerstraße gesprengt. Also vollzog unsere Familie einen Stellungswechsel in die unmittelbare Nähe der Elbe nach der Hertelstraße 22. In der ersten Etage eines vierstöckigen Mietshauses (steht heute noch) bezogen wir eine Dreizimmerwohnung, bestehend aus „Stube, Kammer, Küche“, wie e/s landläufig hieß und einem zusätzlichen kleineren Zimmer der „Hindern Stube“, wie sie bei uns hieß. Sie stand uns beiden größeren Geschwistern zur Verfügung. Die kleine Puppi musste sich vorerst mit ihrem Platz im Stubenwagen zufrieden geben.”
Mutter von Herbert Mehner | Foto: privat
Vater von Herbert Mehner | Foto: privat
In der nächsten Folge geht es mit einer ausführlichen Beschreibung der Wohnsituation damals weiter.
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