Damals in der Johannstadt: Der Hauptmann von Köpenick soll hier geübt haben

eingestellt am 19.11.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Collage von Heinz Kulb

In seinem sechsten historischen Streifzug durch die Johannstadt geht Heinz Kulb einer uniformierten Schelmengesichte auf den Grund: Der Hauptmann von Köpenick soll nämlich in der Johannstadt zugegen gewesen sein, erzählt ein Schlaufuchs in der Kneipe Holbeinhof …

Dort drüben am Fenster hat er immer gesessen.“ Johannes Wähner, der Wirt vom „Holbeinhof“ an der Ecke zur Fürstenstraße (heute Fetscherstraße) zeigte auf den Platz am Fenster. „Er kam fast täglich rein, trank meistens zwei, drei Bierchen und manchmal auch ein Körnchen dazu.“ Otto Fuchs nickte bedächtig, nahm am vom Wirt gezeigten Tisch Platz und bestellte ein Bier.

Und wie war er so, der Schnitzel?“, nahm er das Gespräch mit dem Wirt wieder auf, als dieser ihm den Gerstensaft hinstellte. „Ja, ja, der Hannes. Leutselig war er, immer ein Späßchen auf Lager. Und erzählen konnte der. Die Gäste hier hingen förmlich an seiner Gusche. Das brachte ihm häufig Spenden ein, ich meine solche in Form von Bier und Körnchen. Er konnte die Leute um den Finger wickeln und war für mich richtig geschäftsfördernd. Aber warum wollen Sie das denn wissen? Wir haben ihn schon ewig nicht mehr gesehen.“

Eindruck schinden in Uniform

Fuchs grinste übers ganze Gesicht, kniff die Augen verschmitzt zusammen und machte damit seinem Namen alle Ehre. „Ich komme gleich dazu. Noch habe ich eine andere Frage. Kam er auch uniformiert hier rein?“ „Oh ja, manchmal. Dann trug er die Uniform eines Kürassiers, angetan mit Helm, Reithosen und Sporen. Dabei hatte er gar kein Pferd dabei.“ Wähner lachte über seinen Witz. Auch Fuchs schmunzelte. „In der Uniform defilierte er mehrfach durchs Lokal und ließ sich bewundern. Eitel war der Hannes schon. Bei manchen schindete er mächtigen Eindruck. Auch hatte er Photographien dabei. Die zeigten ihn in verschiedenen Uniformen.“

Zur Verfügung gestellt von Heinz Kulb

In den Dresdner Nachrichten war Tage später, am 23. Oktober 1906, zu lesen, dass der Herr Soldat, mit richtigem Namen hieß er Johann Georg Wilhelm Schnitzel, geboren 1872 in Schweidnitz, angab, dass er die Reitschule in Hannover besucht habe und nun im Besitz des Zivilversorgungsscheines sei. Das ließ ihn in der Achtung und Anerkennung der Gäste steigen.

Der Wirt brachte Otto Fuchs das zweite Bier. „Nun will ich endlich wissen, warum Sie mich über den Hannes ausfragen. Sind Sie etwa von der Polizei?“ Otto nahm einen Schluck aus dem Glas, atmete genüsslich aus und lächelte den Wirt an. „Nein, bin ich nicht. Sie haben doch schon mal was vom ominösen Hauptmann von Köpenick gehört?“ „Oh ja, das ist der, der der Stadtkasse 4.000 Mark abgeluchst hat. Stand ja ausführlich in der Zeitung. Und was hat das mit unserem Hannes zu tun?“ Einige der anwesenden Gäste scharrten sich um Wirt und Fuchs.

Ein Mann, zwei Namen

Alles oder nichts“, antwortete Fuchs kryptisch. „Ich vermute, dass sich hinter dem Johannes dieser Hauptmann versteckt.“ Der Wirt war sprachlos. Dann schüttelte er den Kopf. „Nee, ne, ne, das glaub ich nicht. Nicht der Hannes.“ Fuchs nickte mit ernstem Ausdruck. „Jetzt brauche ich einen Korn“ und brachte zwei. Dann erzählte Otto Fuchs seine Geschichte.

Fuchs stellte sich als Mitinhaber der Brotfabrik Feronia auf der Gerokstraße 31 vor. Als alle Zeitungen über den Streich in Berlin berichteten veröffentlichten diese auch ein Faksimile der Quittung, die der falsche Hauptmann der Stadtkasse von Köpenick für die beschlagnahmten 4.000 Mark ausstellte. „Und da kam mir die Handschrift des Delinquenten sehr bekannt vor. Ich dachte und dachte und forschte nach und fand schließlich heraus, dass sie zu einem früheren Schreiber des Herrn Rechtsanwaltes Meisel von der Johannesstraße gehören könnte. Ich war damals nämlich Bürovorstand bei diesem Anwalt. Um sicher zu gehen, erbat ich einige Schriftstücke mit besagter Handschrift und verglich beide. Und was kam dabei heraus?“ Fuchs machte eine kleine Pause. Mittlerweise kamen noch weitere Gäste an den Tisch. Der Wirt hielt es nicht mehr aus. „Ich hole eine Runde Bier. Und dann möchte ich es wissen.“ So schnell stand das Gebräu noch nie auf dem Tisch.

Zur Verfügung gestellt von Heinz Kulb

Also … Der Schriftvergleich erbrachte eindeutig die Bestätigung, dass der Hauptmann von Köpenick und unser Hannes Schnitzel ein und dieselbe Person sind.“ In den Dresdner Nachrichten stand später, dass besagter Schnitzel 1899 als Schreiber beim Rechtsanwalt Meisel angefangen habe. „Im April 1900 erbat er sich Urlaub nach Berlin, um dort das Zahlmeisterexamen zu machen und sich im Kriegsministerium vorzustellen.“ Dann kam er nach angeblich bestandenem Examen wieder zurück und kündigte seine Stellung in der Kanzlei zum 1. Oktober, um im Preußischen Kriegsministerium seine neue Stelle anzufangen.

Ein Gauner und Hochstapler

Misstrauisch wurde man erst, als man bei einer Revision einige Unregelmäßigkeiten mit seinem Zusammenhang feststellte. So fehlten Schriftstücke, Belege und Geld. Es wurde nachgeforscht. Im Ministerium in Berlin kannte man keinen Zahlmeister Schnitzel. In einer zurückgelassenen Tasche in der Anwaltskanzlei fand man eine Vorladung vor die Strafkammer des Landgerichts wegen Betrugs und einen Ausmusterungsschein. Ein Raunen ging durch die Reihen der Gäste. Man verlangte nach Bier.

Letzterer erregte Aufsehen, weil sich der Schnitzel stets als früherer Militär ausgab, wie bei euch hier auch“, bemerkte Otto Fuchs. „Meisel erzählte mir, dass das Schnitzelchen sonntags immer als Husarenwachtmeister erschien, als solcher Offizierspferde geritten haben soll und immer zur Rennbahn nach Reick ging. Und wohnen tat er übrigens hier auf der Elisenstraße.“

Dann war der Hannes ein regelrechter Gauner und Hochstapler“, warf der Wirt ein. „Nicht nur was die Uniformen anging“, erwiderte Fuchs. „Er wurde schon mal wegen unerlaubten Tragens einer Uniform verurteilt und in selbiger prellte er sogar eine Dame um die Rückzahlung eines Kredits.“

Eine wichtige Entdeckung

Und?“, fragte der Wirt. „Was und?“ antwortete Fuchs. „Haben Sie das der Polizei gemeldet?“ „Was denken Sie denn. Wir fanden auch noch eine Ansichtskarte von der Neuen Wache in Berlin und eine Photographie von ihm in Uniform. Beides sandten wir zum Polizeipräsidium in die Reichshauptstadt, nachdem ich die hiesige Polizei von meiner wichtigen Entdeckung verständigt habe.“

Und“, fragte der Wirt. „Was und?“, antwortete Fuchs. „Hat man ihn schon gefunden?“ „Nein, noch nicht. Er wird jedenfalls steckbrieflich gesucht.“ So stand es denn auch in der Zeitung. Die Personenbeschreibung des Hauptmanns von Köpenick passe vollständig auf Schnitzel, hieß es dort. Unter zustimmendes Schulterklopfen verließ Herr Fuchs kostengünstig und ziemlich besoffen den Holbeinhof.

Anmerkung des Autors

Über den Schnitzel wurde wirklich in der oben erwähnten Zeitung berichtet. Ob sich tatsächlich ein Zusammenhang zwischen dem Hochstapler Schnitzel (schon der Name ist Programm) und dem Hochstapler Voigt, alias Hauptmann von Köpenick, ergab, ist historisch und juristisch nicht verbürgt. Vielleicht war unser ominöser Teilhaber der Brotfabrik auf der Gerokstraße auch nur ein Hochstapler und guter Geschichtenerzähler, um günstig an ein kostenloses Gerstengebräu samt Schnäpschen zu kommen. Oder der Redakteur der Dresdner Nachrichten hatte gemeinsam mit Herrn Fuchs zu tief ins Glas im Holbeinhof geschaut. Oder die Eulenspiegelei des Autors diente vielleicht auch der Erhellung eines gar zu trüben Novembertages. Nichts Genaues weiß man nicht.

Damals in der Johannstadt – eine Serie von Heinz Kulb

Kaffeeklatsch im Wohnhof: Ein Anwohnerfest möchte wachsen

eingestellt am 14.07.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Es ist Platz für noch mehr Gäste .... Foto: Bertil Kalex

Das war ein buntes Feierwochenende in der Johannstadt! Neben dem Platzhirsch Bönischplatzfest fand im Wohnhof Pfotenhauer-, Hopfgarten- und Elisenstraße ein kleines Hinterhoffest statt, das sich langsam etablieren möchte. Mit-Organisator Bertil Kalex hat Stimmungen und Visionen in einem Gastbeitrag zusammengefasst.

Ein kleines Anwohnerfest fand etwas abgeschieden im Johanngarten im Schatten des Bönischplatzfestes am vergangenen Samstag statt. Der Zeitpunkt war bewusst gewählt worden, da wir uns unter anderem einen „Mitnahmeeffekt“ versprachen. Menschen aus der anliegenden Hopfgartenstraße waren explizit eingeladen auf ein Kennenlernen, Schwätzchen sowie Kaffee und Kuchen vorbeizukommen, bevor sie zur großen Sause auf dem Bönischplatzfest weiterziehen. Um die Sprache der Jüngeren zu bedienen: ein „Vorglühen“ vor dem eigentlichen Fest. Und da wollten wir ja, zumindest der größte Teil von uns, im Anschluss an unser kleines Fest auch noch hin.

Aus der Anonymität heraustreten

Wer ist eigentlich „wir“? Wir, das sind Anwohner*innen und Anlieger*innen aus der Hopfgartenstraße, die die “Projektgruppe Hoffest” repräsentieren. Diese hat sich im Rahmen der Werkstatt zum Wohnhofprojekt Pfotenhauer-, Hopfgarten- und Elisenstraße im vergangen Jahr gebildet. Der Fokus richtet sich darauf, unmittelbaren Nachbar*innen Möglichkeiten zu bieten, sich gegenseitig besser kennenzulernen und so ein Stück weit aus der Anonymität und/oder Einsamkeit herauszulocken. Der Kern der Gruppe besteht aus Vertreter*innen unterschiedlicher kultureller, ethnischer, religiöser und sozialer Herkunft – quasi ein Spiegelbild der primären Zielgruppe.

Gespräche und Kennenlernen bei Kuchen und Sonnenschein. Foto: Bertil Kalex

Auch für dieses kleine „Hopfgartenstraßenfest im Johanngarten“ galt: aller Anfang ist schwer. Der erste Aufschlag im September 2020 fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Immerhin, jetzt beim zweiten Anlauf waren insgesamt ca. 20 Gäste da und etwa zehn Zaungäste, die zusagten, sich beim nächsten kleinen Nachbarschaftsfest im Johanngarten mit einzubringen. Für ein selbstorganisiertes Straßenfest und ohne Budget kein schlechter Anfang. Es gab allerdings Kritik von Anwohner*innen, dass es keine Angabe in den Aushängen dazu gab, wer denn zu Kaffee, Kuchen & Klatsch einlädt – die Kritik kam an und wird in Zukunft beherzigt.

Anwohnerfest als Bereicherung zum Bönischplatzfest

Ebenso munkelte man hinsichtlich der Überschneidung mit dem Bönischplatzfest, es solle eine Konkurrenz- oder Alternativveranstaltunge etabliert werden.

Bessere Absprachen mit der Bönischplatzfest-Organisation? Unbedingt! Konkurrenz bzw. Alternative zum Bönischplatzfest? Keinesfalls! Die Organisator*innen sehen das Fest als Bereicherung sowie zusätzliches Angebot des Straßenfestes.

Das Fest möchte weitere Wohnhöfe zum Nachmachen anstiften. Foto: Bertil Kalex

Orte, wo Menschen jenseits von Bühnen-Beschallung ins Gespräch kommen können, gibt es bis jetzt noch zu wenige. Hier nimmt das Wohnhoffest eine Vorreiterrolle ein und bietet Potenzial für eine perspektivische Erweiterung des Bönischplatzfestes. Der Bönischplatz setzt durch seine Gestaltung einer Ausweitung des Festes Grenzen. Die logische Konsequenz wäre daher in umliegende Wohnhöfe „auszufransen“. Sowohl in südliche als auch in nördliche Richtung.

Die Wohnhöfe Florian-Geyer-Straße, Bundschuhstraße und Bönischplatz sowie Florian-Geyer-Straße und Elsasser Straße könnten ebenso mit einbezogen werden, wie der südliche Wohnhof Pfotenhauer-, Hopfgarten- und Elisenstraße – spätestens, wenn das neue Familienzentrum vom Dresdner Kinderschutzbund fertiggestellt und die ehemalige Stephanienstraße wieder hergestellt und zur Nutzung freigegeben wird.

Hinterhof-Feiernde strömen zum Bönischplatzfest

Ein mögliches Szenario: der Bönischplatz behält seinen „Jahrmarktcharakter“ mit Bühne – nördlich in den Altbau-Innenhöfen könnten sich Angebote von Anwohner*innen etablieren, die vielleicht etwas mehr Platz und/oder Ruhe benötigen. Südlich vom Bönischplatz, vor und hinter dem Durchgang zum Wohnhof könnten Anwohner*innen der Pfotenhauer- und Elisenstraße ihr Programm gestalten. In der „Kita-Meile“ könnten sich die Einrichtungen mit ihren Angeboten präsentieren, die Schokofabrik und das Familienzentrum ebenfalls.

Die dann wiederhergestellte ehemalige Stephanienstraße könnte für Aktionen, die viel Platz brauchen, genutzt werden und der Johanngarten wird von Anrainer*innen der südlichen Hopfgartenstraße bespielt. Nach dem offiziellen Ende strömen dann alle aus den beteiligten Höfen auf den Bönischplatz und genießen die Abschlussparty.

Verkehrsberuhigte Zone für ein Wochenende

Das geht nur, wenn die durchführenden Straßen für den Autoverkehr gesperrt sind. Der Nebeneffekt wäre nicht schlecht: Eine verkehrsberuhigte Zone zwischen Florian-Geyer-Straße und Gerokstraße, flankiert von Elisen- und Bundschuhstraße bzw. ehemalige Stephanienstraße, für ein Wochenende.

Ein gemeinsamer Abschluss des Nachmittagstreffs könnte der Gang auf’s Bönischplatzfest sein. Foto: Bertil Kalex

Das sind allerdings nur Empfehlungen an die Steuerungsgruppe Bönischplatzfest. Wir, die Projektgruppe Hoffest, behalten kleine Schritte bei. Das nächste Fest, welches wir gedanklich ansteuern, ist der Tag der Nachbarn (immer der 4. Freitag im Mai). Die letzten beiden Male fand er coronabedingt nur online statt. Wir hoffen auf eine Präsenzveranstaltung im nächsten Jahr. Und wir setzen auf Unterstützung der Johannstädter Akteur*innen und Rückantwort auf unsere Meldungen.

Wir haben festgestellt, dass viele den Johanngarten noch nicht kennen. Unsere unmittelbaren Nachbar*innen kennen wiederum die aktive Johannstädter Szene nicht. Mehr Kontakt wäre eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Ein kleines Anwohnerfest kann vielleicht dazu beitragen, größere Prozesse anzustoßen.

Wohnhof Elisen-, /Pfotenhauer-, /Hopfgartenstraße

Wohnhof wird Modellprojekt und bekommt dafür 27.500 Euro

eingestellt am 19.04.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Blick auf die zum teils bereits fertig sanierten Häuser des Wohnhofes. Foto: Philine Schlick

Ein Projekt so groß wie die Häuser, die es miteinander verbinden soll: Knapp 27.500 Euro sprach der Stadtbezirksbeirat am Mittwoch dem Wohnhof Hopfgarten-/Pfotenhauer/Elisenstraße und seiner Nachbarschaftlichkeit zu. Das Konzept entwickelten der Verein Willkommen in Johannstadt, die Vonovia und das Quartiersmanagement gemeinsam mit Bewohner*innen. Am Ende des Jahres steht ein Ziel, das Maßstäbe setzen könnte. 

“Wir haben es hier mit einem äußerst ambitionierten Projekt zu tun”, führte Amtsleiter André Barth das Thema am Mittwoch vor dem Stadtbezirksbeirat ein. “Es ermöglicht uns, dorthin zu gehen, wo es weh tut, und den Zusammenhalt in den teils anonymen Wohnhöfen zu stemmen.”

Die Lange Baustellengeschichte im Wohnhof Pfotenhauer-/Hopfgarten-/Elisenstraße soll 2021 endlich vorbei sein. Foto: Torsten Görg

“Ein Dorf ohne Dorfstruktur”

Edeltraud Haß von Willkommen in Johannstadt stellte das umfangreiche Konzept vor, dessen dritte Umsetzungsphase zwischen April und Dezember 2021 mit rund 27.500 Euro gefördert wird. Das entspricht 77 Prozent der Kosten. Die restlichen 23 Prozent trägt die Vonovia.

Es begann schon 2019, mit gemeinsamen Frust und Ärger. Eine Umfrage, durchgeführt vom Kernteam Anne Richter, Gabriele Feyler und Muawia Dafir, sammelte die Meinungen und Eindrücke von 56 Personen aus 15 Nationen.

Gabriele Feyler und Anne Richter stellen die Ergebnisse ihrer Umfrage im Wohnhof Pfotenhauer-/Elisen- und Hopfgartenstraße bei der Stadtteilbeiratssitzung vor. Foto: Philine Schlick

Diese erste Phase machte klar: Die rund 2200 Bewohner*innen aus 28 Hauseingängen teilten dieselben Sorgen: Lärm, Vandalismus, Müll, Vereinsamung. In einem moderierten Workshop im Juli 2020 sprach man sich aus, entdeckte gemeinsame Ambitionen und Interessen.

Arbeitsgemeinschaften wurden gegründet: ein Müttertreff, ein Seniorenkreis, ein Team zur Begrünung des Innenhofes, die Organisation des Hopfgartenfestes. Insgesamt sieben Gruppen fanden sich zusammen. Ein Hoffest wurde – wie das Bundschuhstraßenfest – im sintflutartigen Regen an diesem Wochenende weggespült. Doch das Ziel ging nicht unter: Die Lebensqualität in dem “Dorf ohne Dorfstruktur”, wie es Edeltraud Haß bezeichnete, soll besser werden.

Die Hausversammlung als Plenum

Phase drei des Projektes sieht nun die Begleitung der einzelnen Arbeitsgruppen vor. Die Initiative der Bewohner*innen zu unterstützen ist das Bestreben, stellt Edeltraud Haß klar. Was sich regt und gedeiht im Wohnhof soll in Social Media-Kanälen und auf der Webseite der Vonovia dokumentiert und präsentiert werden.

Als erster Knoten- und Sammelpunkt von Wünschen und Interessen ist in jedem Haus eine Hausversammlung mit eine*r Sprecher*in angedacht. Diese*r ist gemeinsam mit einer*m Stellvertreter*in Anlaufstelle für Anliegen und Kummer der jeweiligen Nachbar*innen und Mittler*in zwischen Bewohnerschaft und Vonovia.

Insgesamt 28 Hausversammlungen werden mit einem Konzept auf den Weg geschickt, begleitet und moderiert. Nach einer Pilotphase von drei Versammlungen soll das Konzept nach Bedarf angepasst werden.

Fokus auf der Arbeit der Kulturmittler*innen

Ein Schwerpunkt des Konzeptes zur Nachbarschaftlichkeit im Wohnhof sind die Posten der Kulturmittler*innen. Sie sollen als Schnittstelle fungieren, denn das Leben in den Häusern zeichnet sich durch eine hohe kulturelle Diversität aus.

Vier halbtägige Workshops bereiten die Interessierten vor. Sechs bis acht Menschen unterschiedlicher Muttersprache bilden so ein Team und werden bei ihren Aufgaben vom Verein begleitet.

Lidia Sieniuta ist Vertreterin der Vonovia und Unterstützerin des Wohnhofprojekts Foto: Torsten Görg

Ein Wohnhofbeirat entsteht

Am Ende des Jahres steht ein echtes Novum: Im Dezember soll aufbauend auf der vorangegangenen Vernetzungsarbeit ein Wohnhofbeirat aufgestellt werden. Er bildet sich aus den Haussprecher*innen der 28 Eingänge und steht für die Bedürfnisse und Anliegen der Bewohnerschaft ein. In kühlen Zahlen ausgedrückt: 15 Prozent, also etwa 330 Bewohner*innen des Wohnhofes, gilt es, bis zum Jahresende zu aktivieren.

Die neue Instanz setzt die Reihe über Stadtteilbeirat, Stadtbezirksbeirat bis hin zum Stadtrat fort und soll perspektivisch auch über eigene Gelder für Projekte im Wohnhof entscheiden.

Im Tandem für Eltern-Kind-Treffs Foto: Torsten Görg

Zur Koordination des gesamten Anliegens wird eine Steuergruppe mit Repräsentant*innen von Vonovia, Stadtbezirksbeirat, Sozial- und Jugendamt, Bürgermeister und Bewohnerschaft einberufen.

Das Projekt hat Modellcharakter. Es ist einzigartig in seiner Konzeption und soll als “Methodenkoffer” anderen Wohngebieten in Dresden als Erfahrungsschatz dienen.

Mitsprache und Verständigungsbedarfkommen zu Wort auf der Projektwerkstatt zum Wohnhof Foto: Torsten Görg

Zustimmung aus dem Stadtbezirksbeirat

Deutlicher Kritik zu den Dimensionen des Projektes entgegnete Matthias Kunert vom Quartiersmanagement: “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Wir haben die Chance, hier ein Konzept mit den Bewohner*innen zu entwickeln.” Er verwies darauf, dass das Projekt jetzt bewusst größer geplant worden sei, weil die Vorgängerprojekte gezeigt hätten, dass es in einem so großen Wohnhof anders nicht gelingen kann, in die Breite und Tiefe des Wohnhofs vorzudringen.

Martina Pansa von der Vonovia pflichtete bei: “Die Initiative muss aus den Menschen kommen.”

Etliche Beirät*innen hoben die Hand zur Wortmeldung, um ihre Bewunderung, ihren Dank oder Glückwünsche auszusprechen. Entsprechend dieser Befürwortungen gingen bei der Abstimmung 14 von 17 grünen Ja-Schilder nach oben.

Der Wohnhof Hopfgarten-/Pfotenhauer-/Elisenstraße

Neue Straßen, neue Namen: Lili Elbe und Lea Grundig setzen sich durch

eingestellt am 15.04.2021 von Philine Schlick, Headerbild: Die "ehemalige Stephanienstraße" soll einen klangvolleren Namen erhalten. Foto: Philine Schlick

In der Johannstadt entstehen zwei neue Straßen, die einen Namen brauchen. Bürger*innen beteiligten sich mit Vorschlägen an der Benennung. Am Mittwoch stimmte der Stadtbezirksbeirat darüber ab, welche Namen weiterkommen. Ein Bürgervorschlag setzte sich durch – er würdigt eine der bekanntesten Transgender-Frauen Europas. 

Am Mittwoch hat der Stadtbezirksbeirat über die Namen zweier neuer Straßen in der Johannstadt abgestimmt.

Zum einen ging es um die Verlängerung der Pfeifferhannsstraße über das Brachgelände bis zur Gerokstraße. Zum anderen um die verlängerte Elisenstraße, also die Verbindung zwischen Florian-Geyer-Straße und Käthe-Kollwitz-Ufer entlang des Geländes, an dem die WiD ein zweites Haus bauen wird.

Blick auf den Planweg verlängerte Elisenstraße in Richtung Käthe-Kollwitz-Ufer. Foto: Philine Schlick

Das Quartiersmanagement Johannstadt hatte in letzter Minute eine Bürgerbeteiligung angeregt.

Von Rolf Hoppe- bis Plattenwerkstraße

Vielfältig waren die Ideen, die beim Stadtbezirksamt eingingen. Erna Lincke, Hilde Rakebrand, Sabine Ball, König Johann, Rolf Hoppe, Ida von Lüttichau, Otto Ernst Faber, aber auch die Schokolade an sich oder das Plattenwerk wurden als Namenspatronen erwogen. Einige der Vorgeschlagenen waren noch nicht länger als fünf Jahre verstorben – das war aber als Bedingung zur Einreichung festgelegt. Andere erwiesen sich aufgrund ihres umfangreichen Namens als schwierig, weil entsprechende Straßenschilder überlang ausfallen würden. Bei wiederum anderen attestierte das Amt fehlenden Dresden-Bezug.

Die Benennung nach den vorhandenen Straßen wurde als verwirrend befürchtet, da beide nicht durchgängig sind. Das könne zu Problemen bei der modernen Navigation führen, argumentierte Amtsleiter André Barth. Besonders Zustelldienste könnten davon betroffen sein.

Bruno Clauß von Lili Elbe überstimmt

Das Stadtbezirksamt präsentierte den Beirät*innen zwei Favoriten. Für die verlängerte Elisenstraße war das Lea Grundig, für die verlängerte Pfeifferhannsstraße Bruno Clauß. Die Entscheidung lag aber letztendlich beim Beirat, der sich mit beiden nicht gleich einverstanden zeigte. Es wurden Änderungsanträge eingereicht, über die direkt abgestimmt wurde.

Während Lea Grundig sich bei der Abstimmung behaupten konnte, wurde Bruno Clauß, Erfinder der Blockschokolade und Gründer der Schoko-Fabrik, abgewählt. Auch Erna Lincke hatte das Nachsehen. Die meisten grünen Zettel gingen für Lili Elbe nach oben. Marko Beger (FDP) hatte sich mit seinem Änderungsantrag für sie stark gemacht.

Andrea Schubert (Grüne) sprach sich im Zuge der Debatte deutlich auch in Zukunft für eine Beteiligung von Bürger*innen bei der Wahl von Straßennamen aus.

Zwei Frauennamen für die Johannstadt

Zwei Frauennamen gehen also für die Johannstadt ins Rennen. Die Idee, Lili Elbe als Namenspatronin zu wählen, hatten Bastian und seine Mitbewohnerin aus der Johannstadt:

“Die Johannstadt ist ein aufblühender Teil Dresdens und am Puls der Zeit, warum nicht auch an diesem Puls? In Amerika werden die ersten Transmenschen Teil des Abgeordnetenhauses und des Senats. Bis wir in Deutschland oder Sachsen soweit sind, müssen wir sicherlich noch ein paar Tage warten, aber wir können trotzdem schon einen politischen Schritt gehen und die erste Straße in Deutschland nach einer queeren Persönlichkeit benennen”, warben sie.

Das Grab von Lili Elbe auf dem Trinitatisfriedhof. Foto: Philine Schlick

Lili Elbe gilt als eine der bekanntesten Transgender-Persönlichkeiten Europas. Ihr Leben dient dem Film und dem Buch “The Danish Girl” als Vorlage. Geboren wurde sie am 28.Dezember 1889 in Dänemark als Einar Wegener. Sie starb am 12.September 1931 an den Folgen ihrer vierten und letzten geschlechtsangleichender Operation in Dresden, wo sie auf dem Trinitatisfriedhof begraben liegt.

Lea Grundig war eine jüdische Künstlerin, die sich in ihrem Schaffen für mehr Humanität einsetzte. Am 23. März 1906 in Dresden geboren, musste sie ihre Heimatstadt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlassen. Als Jüdin und Kommunistin wurde sie verfolgt und inhaftiert. Sie ging ins Exil nach Palästina und kehrte erst knapp ein Jahrzehnt später wieder nach Dresden zurück, wo sie die erste Professorin für Grafik und Malerei an der HfBK wurde. Ihr Mann war Hans Grundig. Sie starb am 10. Oktober 1977 bei einer Mittelmeerreise und liegt auf dem Heidefriedhof begraben.

Das Ergebnis der Abstimmung wird jetzt dem Geo- und Katasteramt zur Prüfung vorgelegt. Die endgültige Entscheidung über die Namen der neuen Straßen liegt beim Stadtrat.

Stadtbezirksbeirat Altstadt/Johannstadt

Noch zweimal: Sommer-Kino unter freiem Himmel im Johanngarten

eingestellt am 18.08.2020 von Philine Schlick, Headerbild: Im Johanngarten flimmern immer mittwochs Filme für Jugendliche. Foto: Plattenwechsel

Im Rahmen der jährlichen Sommerferienaktion “Johannstars” werden im Johanngarten jeden Mittwoch Filme für junge Menschen ab 16 Jahren gezeigt. Der Eintritt ist kostenfrei.

Nach der Krise locken frische Luft und Kultur ganz besonders. Im Sommerkino unter freiem Himmel im Johanngarten an der Hopfgartenstraße kann beides verbunden werden. Jeden Mittwoch ab 20 Uhr wird ein Film gezeigt, der sich besonders an Jugendliche ab 16 Jahren richtet. Noch zweimal findet das Event dieses Sommer statt.

Luisa Kolb von Streetwork City: “Das Sommerkino wurde bisher sehr gut angenommen, an jedem Mittwochabend waren ca. 30 Zuschauer*innen vor Ort.”

Der Eintritt ist frei, zudem gibt es ab ca. 19 Uhr kostenlos Popcorn. Eigene Sitzgelegenheiten können gern mitgebracht werden.

Die Veranstaltung ist ein Kooperationsprojekt von Streetwork City, Jugendhaus Eule, Jugendzentrum Trini, Wir sind Paten, DRK YoCo und Johannstädter Kulturtreff. Das Sommerkino ist Teil der jährlich stattfinden Sommerferienaktion Johannstars und wird finnanziert von Utopolis – Soziokultur im Quartier.

Sommerkino im Johanngarten

  • 19. August: “Der Junge und die Wildgänse”, FR/NOR 2019
  • 26. August: “Homevideo”, D 2011