Dieser Artikel ist in der Zeile 8 erschienen. Autorin: Elisabeth Koch
„Da ist übrigens ein Bücherschrank die Straße runter. Da werde ich dann ein paar Bücher loswerden“,
schrieb ich meinem besten Freund, der mir netterweise beim Kistentragen geholfen hatte, kurz nach meinem Umzug in die Johannstadt auf WhatsApp. Als ich dann wirklich zum Bönischplatz ging, staunte ich allerdings nicht schlecht, wie viele Bücher sich im mattschwarzen Büchertauschschrank Deckel an Deckel aneinanderreihten. Mit meinem Beutel Bücher zusammen war der Schrank beinahe komplett voll. Als ich jedoch ein paar Tage später noch einmal vorbeikam, war wieder viel Platz. Wie seltsam! Entsorgt da jemand Bücher oder wird der Schrank so regelmäßig genutzt? Mein Interesse war geweckt und ich nahm mir vor, mal genauer herauszufinden, was es mit diesem Bücherschrank auf sich hat.
Wie ich gehofft hatte, ergab die Recherche: Der Büchertauschschrank wird rege genutzt. Frau Schwerdtner, eine Johannstädterin, die ich am Bücherschrank getroffen habe, sagt:
„Das ist wie ein Zufallsgenerator. Es ist immer etwas dabei.“
Dieser „Zufallsgenerator“ existiert auf Wunsch der Johannstädterinnen und Johannstädter seit der Renovierung des Bönischplatzes 2020. Allerdings war es anfangs gar nicht so einfach, die Stadt Dresden davon zu überzeugen, dass der Schrank eine tolle Idee ist. Obwohl sich der Stadtteilverein intensiv für den Schrank eingesetzt und unter anderem auf dem Bönischplatzfest dafür geworben hatte, zögerte die Stadt, diesen Wunsch der Anwohnerinnen und Anwohner umzusetzen. Die Stadt schob vor, dass Suchtkranke dort ihr Drogenbesteck entsorgen könnten und so eine Gefahr für Kinder vom Schrank ausgehen könnte. Doch in Löbtau und in anderen Städten funktionierte der Büchertausch schon damals ohne Probleme und mit Daniel Becker bot ein Mitglied des Stadtteilvereins die regelmäßige Betreuung an. So lässt sich dann schließlich auch die Stadt auf den Schrank in der Johannstadt ein. Heute weiß Daniel Becker:
„Den Schrank muss eigentlich niemand betreuen.“ Trotzdem schaut er regelmäßig, dass sich kein Müll hinter der Scheibe sammelt. Aber meistens ist alles sauber.

Die Menschen in der Johannstadt nutzen den Tausch seit 2020 jedenfalls eifrig. Frau Niemann, eine weitere Bücherschranknachbarin, freut sich:
„Ich komme hier jeden Tag vorbei. So hat man schöne Literatur direkt vor Ort.“ Müll sieht sie zwar als Problem, aber eher außerhalb des Schrankes als darin.
Und nicht nur die Anwohnerinnen und Anwohner, die noch gut zu Fuß sind, haben etwas vom Bücherschrank. Daniel Becker berichtet davon, dass manchmal ein Mann mit einer großen Tüte zum Schrank kommt und auf einen Schlag viele Bücher mitnimmt. Einmal waren sie zufällig zur gleichen Zeit auf dem Bönischplatz. Auf seine Nachfrage erklärte ihm der Mann, dass er immer eine Runde durch die Altersheime im Viertel drehe und dort Bücher verteile. So freuen sich auch die Seniorinnen und Senioren über die kostenlosen Bücher.
„Manchmal gibt es da echte Schätze, die man sonst nirgends findet.“
Für mich persönlich war der Bücherschrank im letzten Jahr der erste Berührungspunkt mit dem „offline“ Leben im Stadtteil. Er zieht lesebegeisterte Menschen jeden Alters auf den Bönischplatz. Es gibt kaum eine Zeit, zu der niemand an einer der Türen steht und die Bücher durchstöbert oder mit anderen ins Gespräch kommt. Der Büchertauschschrank auf dem Bönischplatz ist zu seinem fünfjährigen Jubiläum ein fester Bestandteil des Johannstädter Informationsaustausches, was man auch an den Graffititags auf der Außenseite sieht. Er generiert nicht nur Zufallsliteratur, sondern auch Zufallsbekanntschaften.
Von Elisabeth Koch
In eigener Sache:
Gefällt dir unsere Arbeit? Um weiterhin Wissenswertes, Hintergründe und Geschichten aus der Johannstadt berichten zu können, bitten wir dich um eine Spende. Jetzt direkt spenden: Online-Spende.
Hast du Lust, Teil der Stadtteilredaktion Johannstadt zu werden und über dein Stadtviertel zu schreiben, Beiträge zu lektorieren oder uns organisatorisch zu unterstützen? Dann melde dich unter redaktion@johannstadt.de.
Immer auf dem aktuellen Stand sein. Abonniere unseren WhatsApp-Kanal! Besuche uns auf Instagram und Facebook!