100 Jahre alt – „Das ist wie ein Buch, das man aufschlägt“

eingestellt am 09.01.2026 von Nadine Kadic (Stadtteilredaktion), Headerbild: Auguste Dorothea Liselotte Wetzold im Garten des Johannstädter Kulturtreff | Foto: Anja Hilgert

Dieser Artikel ist in der Zeile 8 erschienen. Autorin: Anja Hilgert

Auguste Dorothea Liselotte Wetzold zum 100. Geburtstag 

Ob sie das 100. Lebensjahr erleben würde, wisse sie nicht, sagte Liselotte Wetzold, als wir uns im sonnigen Juli 2025 trafen, aber wünschen würde sie sich’s schon. „Wollen wir’s nicht beschreien“, fügte sie hinzu, denn es sei lange nicht jeder Tag gleich. 

Auguste Dorothea Liselotte Wetzold wurde am 11. August 1925 in Börnichen/Oederan bei Chemnitz geboren. Die altdeutschen Namen ihrer Großmutter und Mutter waren ihr als Erstgeborener vorbestimmt, Liselotte erhielt sie als Rufname. Ihre ersten Schritte tat sie in dörflicher Umgebung, wuchs nahe am Wald und in bäuerlicher Dorfgemeinschaft auf. Gleich an der Schule war ein Born, an dem Wasser geschöpft wurde, der dem Dorf den Namen Börnichen gab. In dieses Heimatdorf fuhr sie noch bis voriges Jahr mindestens einmal, all die Jahre lang: „Man kennt ja jedes Haus, jede Familie, die Kinder und Enkelkinder. Ein Cousin wohnt noch heute dort. Nun fahre ich besuchsweise dorthin, gucke mir’s an, und dann fallen einem Kindererlebnisse ein. Das ist wie ein Buch, das man aufschlägt.“ Gern erinnert sie sich an den Dorfladen, in den sie zum Einkaufen geschickt wurde: „Da hat man noch die Mayonnaise im Topf geholt.“  

Mit vier Jahren verstarb unter der Geburt des zweiten Kindes ihre Mutter. Kein Arzt da und die Helferin ohne Kenntnisse, so stand sie als vierjähriges Kind daneben. „Ich bin fremderzogen worden“, berichtet Liselotte Wetzold, die als Waisenkind nach Dresden gekommen und adoptiert worden ist. Zusammen mit ihrer Schwester, denn ab da waren sie zu zweit, wuchs sie am Dresdner Stadtrand in Naußlitz auf: „Da war Ruhe.“ Doch zum Einkaufen, so erinnert sie sich heute, gingen sie manchmal in die Stadt. Dort fuhren sie zur Freude der kleinen Liselotte am Altmarkt im großen Kaufhaus Renner auf der Rolltreppe: „Die großen Städte hatten das alles damals schon.“

Da man als Jugendliche zu der Zeit erst dann eine Lehrstelle bekam, wenn man ein Jahr in der Landwirtschaft gearbeitet hatte, ging sie zurück ins Dorf, in dem sie geboren war, und arbeitete auf einem Bauerngut mit, konnte auch Kühe melken. „Doch die Zeit, wieder nach Dresden zu kommen, hat man herbeigesehnt!“, entfährt es der fast Hundertjährigen. Liselotte Wetzold ging in einer Heidenauer Gummifabrik zur Lehre, lernte im Dresdner Büro „Kaufmann im Großhandelsbetrieb: Das war schön! Was man da schon alles hinter sich hatte und dann im Büro saß und eine Schreibmaschine hatte, mit den Kollegen zusammen, das war Großstadtmilieu!“ Während der Lehre brach 1939 der Krieg aus. „Eine Bombe fiel auf unser Dresdner Geschäftshaus. Wir hatten Glück, schnell herauszukommen.“ Als sie ausgelernt hatte, wechselte Liselotte Wetzold zur Bahn, „denn das hatte ganz andere Entwicklungsmöglichkeiten.“ Das Zeugnis war ausschlaggebend und es klappte. 

Nach dem Krieg, so erzählt sie schlicht, „gingen wir schaufeln“. Sie war eine der Dresdner Trümmerfrauen, die, als keine männlichen Arbeitskräfte verfügbar waren, mit der Schaufel ihren Einsatz in der Stadt leisteten: „Direkt vor dem Rathaus war eine große Grube, dort sind wir hinein und haben die Erde herausgeschaufelt“, erzählt die bald 100-Jährige und fügt hinzu: „Im Rathaus befand sich die Küche der Russen. Als wir einmal mittags an der Grube saßen und unsere Schnitten aßen, kam eine Russin mit einer großen Platte und hatte Grießbrei darauf. Sie verteilte uns Frauen zu essen.“ 

Mit der Heirat kam die erste eigene Wohnung in Löbtau. Mit den Kindern dann eine größere Wohnung in einem der neuen Punkthochhäuser, einem modernen 14-Geschosser an der Grunaerstraße. Nach der Scheidung war die Wohnung zu teuer. Da in der Johannstadt weitere Neubauten entstanden waren, zog sie alleinstehend mit den Kindern 1975 in Elbnähe: „Die Menschen hatten eine schöne Wohnung, aber drumherum ließ es lange zu wünschen übrig“, erinnert sich Liselotte Wetzold, die es als Genuss schätzte, über die Grenze nach Tschechien zum Einkaufen zu fahren. Die Johannstadt aber blieb Wohnort von Beginn ihres Wiederaufbaus vor 50 Jahren bis heute. 

Das Wichtigste in den 100 Jahren: „Dass man leben konnte, dass man ernährt wurde und gesättigt war“, sagt Liselotte Wetzold. „Denn anfangs gab es nicht alles. Die vielen Jahre, was man da erlebt hat, sind vorbei. Die, die den Krieg mitgemacht haben, sind gefallen, die wenigsten sind alt geworden.“ Auch ihre jüngere Schwester hat sie überlebt. „Das Wichtigste ist“, findet sie, „dass man gesundheitlich und geistig fit ist, dann kann man das alles bewältigen. Doch das hat man in die Wiege gekriegt, beeinflussen können Sie das nicht!“ Sie würde nichts anders wollen, als es jetzt ist: „Dasselbe, was ich bin“, ist ihr Wunsch und „… dass die Menschheit vernünftig wird.“ 

Zum Geburtstag wollen Mutter und Tochter einen Ausflug nach Karlsbad unternehmen, und, so fügt die Tochter hinzu, der Oberbürgermeister schickt einen Gutschein: „Wir sind mal gespannt!“ 

Das Gespräch führte Anja Hilgert mit Mutter und Tochter im Juli 2025 für die ZEILE, das Johannstädter Stadtteilmagazin. 

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