Dieser Artikel ist in der Zeile 8 erschienen. Autorin: Anja Hilgert
Pumablick und Katzenohr in den Elbwiesen
An einem nicht weiter auffälligen Sonnabendnachmittag ging ich für einen Spaziergang an die Elbe. Auf erhitztem Beton an parkenden Autos entlang, tauchte ich an der dauerbefahrenen Uferstraße durch Schwaden aus Lärm, Abgas und Staub, bis endlich die Stadt von mir abfiel. Ein Dampferhorn jubelte. Die Elbe verströmte ihren Flussgeruch und lud zum Streunen in den Uferwiesen ein. Akeleien blühten zauberhaft. Von einem alten Apfelbaum stieß ein Falke in die Luft, mit spitz gellendem Ruf. Jetzt war ich Teil dieser Welt.

Himmelblau und harmlos schien der Lauf des Tages, bis auf Höhe der Waldschlösschenbrücke wie aus dem Nichts die Wiese in Wallung geriet. Eine wilde Schar brach sich die Bahn durchs hohe Gras. Hinter einander her drängten Jugendliche in Sprüngen und johlend zum Fluss. Ich war überrascht. Unbändige Energie ging von ihnen aus. Sie genossen sich selbst in der Natur, gaben sich frei und ungestüm ihrem Spiel hin. Meine Neugier war geweckt. Was trieben sie da
Erst jetzt bemerkte ich spitz aufgestellte Fellpuschel auf den Köpfen und hinten an den Hosen befestigt, die beim Laufen wippten. Alle trugen Masken mit verlängerten Schnauzen. Einige Hände steckten in plüschigen Pfoten. Unter ihrem aufstiebenden Gelächter klang Geheul auf, das nach Rudel klang. Wer waren sie? Völlig in ihrem Element, kümmerte es sie nicht, Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre mitreißende Lebendigkeit faszinierte mich. Genauso spontan, wie sie aufgetaucht waren, machten sie kehrt und liefen zurück zu ihrem Sammelplatz unter der Brücke. Da beschloss ich, eines der Wesen anzusprechen. Es war ein Katzen-Charakter zwischen Puma und Schneeleopard: Die Gesichtsränder verschwanden in hellem Fell, dazu blitzende Augen hinter gefärbter Gaze, hohe Wachheit und zielgenaue Bewegungen. Nach kurzer Verhandlung erfolgte ein Zeichen aus der Gruppe. Beim gewährten Zutritt in ihren Kreis wurde mir eine Tüte mit Keksen entgegengestreckt. Der Damm war also gebrochen.


Teddy, Plüsch und Fellbesatz
Mein Blick landete in türkisblauen, fast neongrünen und bernsteingelben Augenpaaren. 14 Jugendliche intonierten ein „Alo, Allo, Hallo“ und warten mit aufgestellten Ohren aus Teddy, Plüsch und Fellbesatz auf ein erstes Wort. Schnurrhaare schienen Witterung aufzunehmen. Die Masken waren selbstgemachte Einzelwerke: Streichelzart, zerzaust, verfranst, manche mit Fangzähnen, jede ein besonderer Charakter. Sie hießen Tess, Bemme, Elli, Navi, Tofu, Soya, Yuki, Ruvi, Luxi, Holly, Nathel, Moonlight, Vita und Mystic. Alle gehören dem Starfang Clan an, erzählten sie, der an die 80 Mitglieder zählt und sich über Chatgruppen organisiert. Wer Zeit hat, kommt zu den ausgerufenen Meet ups, ein bis dreimal die Woche, an immer wechselnden Treffpunkten. Davon, dass zwei zum ersten Mal dabei waren, war nichts zu spüren. Die Gruppendynamik entwickelt sich spielerisch, offen und integrativ, charakteristisch für Fandoms*. Viel Kreativität ist in der Runde. Inspiration fließt über online-Plattformen und natürlich im gegenseitigen Austausch. Sie reden, chillen, helfen sich gegenseitig, drehen Videos, sind einfach glücklich zusammen.
Der Ruf der Tiere

Alle teilen die Feinfühligkeit, Tiere, insbesondere die katzenartigen, in purer Lebendigkeit nachzuempfinden. „Tiere“, sagten sie, „sind sensible, unermesslich schöne, einfach nur zu bewundernde Wesen, die die Natur hervorgebracht hat“. Wer Verwandtschaft empfindet und seinem seelischen Ruf folgt, wechselt die Ebene und wird Teil der Gruppe: „Man ist einfach hingezogen zu einem Tier.“ In unserer Gesellschaft sei es komplett andersherum, ereiferten sich die Jugendlichen: Zoo, Zirkus, nicht artgerechte Haltung, Züchtung, übervolle Heime – die Tiere seien hier überall unfrei und Gefangene. „Menschen üben Missbrauch an Tieren aus“, sind sich die Mädchen einig. Kollektiv verkörpern sie das Unverständnis: „Warum macht Ihr das?“, und üben damit Gesellschaftskritik.
Tieren ihren Lebensraum zurückzugewinnen, ist ihre rebellische Motivation hinter den Masken, Mitgefühl ein Befreiungsakt. „Wer kein Teil davon ist, versteht das nicht“, sagt die Anführerin und liefert ein Plädoyer für Verbundenheit: „Wir sind alle Lebewesen. Es wird einfach nicht anerkannt. Dabei ist es ja ok, wenn die Leute nichts anfangen können mit etwas, was anders ist, aber dann sollen sie doch einfach wegbleiben und uns sein lassen wie wir sind.“
Sich selbst treu sein
Alle im Kreis verstehen, nicken. Schnell kommt das Gespräch auf Ausgrenzung, Anderssein und gewaltsame Übergriffe. Mit Therian-Hate* hat jede schon ihre Geschichte erfahren. Kumpels eines Bruders jagten, erniedrigten, beschimpften, schlugen sie. „So, wie ignorante Menschen eben Tiere behandeln“, konstatierte die Rudelführerin nüchtern. Als Gruppe sei ihnen schon aufgelauert worden, seien sie heimlich gefilmt und dann im Netz ausgesetzt, öffentlich lächerlich gemacht worden. Einmal seien sogar Steine geflogen.

Gegen dieses Diktat von Hass und Verachtung rebellieren die Sprecherinnen, reflektieren Vorurteile und Schwarz-Weiß-Denken. „Sich selbst treu sein“, lautet die Devise. Einhellige Forderungen sind Akzeptanz und Freiheit. Ihre Treffen geben Raum für eigene Erfahrungen. In der Natur ist direkte Verbindung und alles möglich, vor allem größere Sprünge, lautes Schreien, sich gegenseitig jagen, fangen, miteinander tollen, übereinander kugeln, Tanz, Musik, Choreografien. Vom Rudel ist zu lernen, in Fluss zu kommen, Emotionen freien Lauf zu lassen, Gefühle auszutragen, Chillen in Gemeinschaft und nach den Treffen gestärkt weiterzugehen. Schließlich stärkt, was verbindet. An dieser Stelle raunte es: „Emoji, miaou, cute!“
Schließlich stärkt, was verbindet
Gemeinschaft und Balance entstehen im Erleben von Herausforderungen: Üben, sich bodennah zu bewegen, schleichen, geschmeidig, fließend, lautlos, Kraft für Luftsprünge und auf weichen Tatzen landen. Sich auf allen Vieren körperlich auszuprobieren, bringt jeder Einzelnen Spaß, volle Präsenz, Spontaneität und gipfelt im Rausch, wenn die ganze Gruppe losläuft. Allein ist es ungleich schwerer, empfundenes Anderssein zu artikulieren. „Von außen kommt viel Druck, der prägen will“, sagt ein Katzenwesen. Diese Jugendlichen wollen sich aber nicht vorbestimmen lassen.

Ist das Mut zur Subkultur? Auf jeden Fall ein Plädoyer für Ausgelassenheit, Interaktion, Spiel, für viel, viel mehr davon, gerade jetzt, und Toleranz und Freiheit sowieso. Diese jungen Menschen haben eine Intuition und Ideen für das, was unter Normierung und Diktat verkommt und verloren geht. Sie wählen die eigene Kreativität und suchen Freiraum – einfühlsam, sozial, ungewöhnlich, mit eigenen Gedanken.
‘Wie wäre es, sie dabei einfach in Ruhe sein zu lassen?!‘, denke ich, und freue mich an der Begegnung, als ich bei Sonnentiefstand durch die Elbwiesen zurück nach Hause laufe.
- Fandom – interessengebundene Fan-Kultur mit Gruppenzugehörigkeit
- Therian – Menschtierwesen oder Mensch, der sich in ein nicht-menschliches Tier verwandelt
- Hatespeech – aggressiv beleidigende Sprachform, die sich v. a. im Internet verachtend gegen bestimmte Gruppen oder einzelne Andere richtet
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