Dieser Artikel ist in der Zeile 8 erschienen. Autorin: Julia Staiger
In einer Zeit, in der vieles nur einen schnellen Klick entfernt ist, gibt es sie noch: die Orte, an denen Handwerk, Geduld sowie Beständigkeit zählen. Einer dieser besonderen Orte in der Johannstadt ist der unscheinbare, aber unverzichtbare Schuhmacher-Betrieb von Frank Sipeki in der Fetscherstraße 39.
Schon beim Betreten des kleinen, angenehm kühlen Geschäfts an einem sehr heißen Sommertag im Juli empfängt einen ein harziger Geruch von Leder und Klebstoff – ein Duft, der von Tradition und praktischer Arbeit erzählt.
Hinter der Ladentheke stehen Regale voller Schuhe mit bunten Zetteln und Kisten mit weiteren Schuhen, Fahrradtaschen und Ranzen, die auf ihre Reparatur warten. Hier treffe ich auf Frank Sipeki. Seit 2020 führt er das Geschäft, das 1991 von Herrn Weigel gegründet wurde – seinem ehemaligen Chef, bei dem er schon viele Jahre vor der Übernahme die Fäden in der Hand hatte. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter stemmt Herr Sipeki hier täglich die Flut der Aufträge. Und das sind nicht wenige: Rund 350 bis 400 Kunden pro Woche kommen vorbei und bringen großteils ihre kaputten Lieblingsstücke vorbei, in der Hoffnung, dass die geschickten Hände hier Abhilfe schaffen.
Frank Sipeki und sein Kollege sind echte Handwerker. Sie arbeiten direkt am Schuh. An den Nähmaschinen widmen sie sich jedem Detail mit größter Sorgfalt. Es ist eine Tätigkeit, die „Arbeit für 7 Tage die Woche“ böte, so Sipeki etwas verklärt, während er auf die schier endlosen Stapel von Aufträgen deutet. Um die Masse bewältigen zu können, bleibt das Geschäft mittwochs geschlossen – Zeit, um die vielen Werkstücke abzuarbeiten, die sonst liegenbleiben würden.
Obwohl der Schlüsselservice nur ein kleines Randgeschäft ist, zeigt es die Vielseitigkeit des Betriebs. Doch das Kerngeschäft ist und bleibt der Schuh. Es sind die Wanderstiefel, die für 140 Euro einen kompletten Neuaufbau erhalten, oder der teure Business-Schuh, dessen Ledersohle mit feinen Messingnägeln akribisch neu befestigt wird – Arbeiten, die den wahren Wert des Handwerks zeigen. Aber auch „Oma Ernas“ Schuhspitze, die geklebt werden muss, findet hier ihre Rettung. Es ist diese Mischung aus komplexen und einfachen Reparaturen, die den Alltag des Schusters prägt.
In den letzten Jahren hat Frank Sipeki eine Zunahme an Kundschaft erlebt. Das liegt leider oft daran, dass umliegende Schuhmacher ihre Werkstätten schließen mussten. Das Vertrauen, das die Menschen in seine Arbeit setzen, ist groß. Sie wissen, dass ihre wertvollen Begleiter hier in den besten Händen sind.
Herausforderungen und die Zukunft des Handwerks
Das Handwerk hat es nicht leicht. Die gestiegenen Strom- und Materialpreise sind eine große Belastung. Manche Materialpreise haben sich in wenigen Jahren zwischen 20 und 300 Prozent erhöht. Auch wenn notwendige Preisanpassungen zu einem Umsatzplus führen, geht durch hohe Abgaben und die gestiegenen Kosten so viel ab, dass der Job lediglich eine solide Existenzgrundlage bietet, wie Herr Sipeki mit einer gewissen Ernüchterung einräumt. Das mag für Außenstehende überraschend klingen, aber es zeigt die oft unsichtbaren Hürden, mit denen kleine Handwerksbetriebe zu kämpfen haben.
Ein weiteres Problem ist der fehlende Nachwuchs. Das Schuhmacherhandwerk stirbt langsam aus. Lediglich 24 Menschen haben dieses Jahr in ganz Deutschland eine Ausbildung zum Orthopädie-Schuhmacher begonnen, davon acht Frauen. Frank Sipeki selbst ist ausgebildeter Schuhmacher – eine Seltenheit in der heutigen Zeit.
Ein Appell an die Gemeinschaft
Gerade weil solche Orte und das Handwerk dahinter so wertvoll für unser Stadtteilleben sind, ist es wichtig, sie zu unterstützen. Frank Sipeki hat seit 2015 hier gearbeitet und das Geschäft 2020 übernommen. Er liebt sein Handwerk, aber die anhaltenden Herausforderungen, die er beschreibt, sind spürbar.
Für alle, die ein Herz für traditionelles Handwerk haben und vielleicht sogar über handwerkliches Geschick verfügen: Das Gewerbe steht zur Abgabe und ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wird gesucht. Wer mehr darüber erfahren möchte oder jemanden kennt, der sich für die Fortführung dieses besonderen Geschäfts in der Johannstadt interessiert, ist herzlich eingeladen, sich direkt an Schuhmacher Sipeki zu wenden. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass der Geruch von Klebstoff und das Klopfen des Hammers noch lange in der Fetscherstraße zu hören sind und unsere Lieblingsschuhe weiterhin ein zweites Leben bekommen können. Wer weiß, vielleicht beginnt ja hier bald ein neues Kapitel für dieses besondere Stück Johannstädter Geschichte!
Von Julia Staiger
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