Dieser Artikel ist in der Zeile 8 erschienen. Autoren: Bertil Kalex, Gerd Gottwald, Nadine Kadic
Drucken wie zu Gutenbergs Zeiten, ganz ohne Computer
Gut sortierte Setzkästen voller Lettern in verschiedenen Schriftarten, farbige Papiere, schwere Druckpressen. Die schuleigene Druckwerkstatt der 101. Oberschule „Johannes Gutenberg“ bringt ein jahrhundertealtes Handwerk zurück ins Klassenzimmer. Hier erleben Schülerinnen und Schüler hautnah, wie Texte ganz ohne Computer entstehen. Mit Bleibuchstaben, Handarbeit und viel Geduld.



In der Werkstatt arbeiten Kinder und Jugendliche mit einer originalen Handsetzerei von Typoart. Im Zuge der Nachlassaufteilung der Offizin Haag-Drugulin, Typostudio Schumacher-Gebler Dresden konnte die Schule Teile der ehemaligen Handsetzerei und Hausdruckerei erwerben. Der Transport konnte mit Mitteln aus dem Verfügungsfonds gefördert werden und dank verschiedener weiterer Finanzierungsmöglichkeiten ist es zudem gelungen, die Setzerin und Druckerin Heike Schnotale für das Betreiben der Druckwerkstatt zu gewinnen.
Buchstaben zum Begreifen
Die Schülerinnen und Schüler setzen sogenannte Bleiletter aneinander, Buchstabe für Buchstabe, spiegelverkehrt und mit großer Sorgfalt. Dabei entwickeln sie ein feines Gespür für Sprache, Form und Struktur. Besonders für Jugendliche mit Lese-Rechtschreibschwäche ist das haptische Arbeiten ein Vorteil: Die Lettern sind nicht nur sichtbar, sondern auch greifbar. Klassische Schriftarten mit Serifen helfen, ähnlich aussehende Buchstaben wie „b“ und „d“ leicht zu unterscheiden.


Unter der fachkundigen Anleitung von Schriftsetzerin Heike Schnotale entsteht so Zeile für Zeile ein einzigartiges Druckwerk. Konzentration, Fingerspitzengefühl und Ausdauer sind gefragt. Qualitäten, die in der digitalen Welt leicht untergehen, vor allem auch mit der Zunahme von Anwendungen, die auf künstlicher Intelligenz basieren.
Ein Handwerk mit Wirkung
Wenn der Daumen die Lettern in Position schiebt, das Auge prüfend über den Setzkasten wandert und schließlich die schwere Presse das eingelegte Papier mit Farbe und Druck versieht, entstehen kleine Kunstwerke und starke Erfahrungen. Auch Bewerbungsmappen werden hier in der Werkstatt gestaltet. Von Hand gesetzt, gefalzt und gedruckt. Wer solch eine Mappe in die Hände bekommt, spürt sofort den Unterschied zu gekauften oder digitalen Mappen und vor allem die Mühe, die darin steckt. Die Druckwerkstatt ist ein Schatz!


Hintergrund
Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm der Druckereiunternehmer Eckehart Schumacher-Gebler die traditionsreiche Offizin Haag-Drugulin, gegründet 1829 in Leipzig. Zu DDR-Zeiten war der Betrieb Teil des VEB Druckerei Anderson Nexö. 1990 gründete Schumacher-Gebler gemeinsam mit 13 ehemaligen Mitarbeitern des VEB Typoart an diesem Standort auch ein Satzstudio. Nach seinem Tod im Jahr 2022 begannen die Erben mit der Auflösung von Betriebsinventar. Während historisch bedeutende Bestände an das von Schumacher-Gebler selbst 1994 gegründete Museum für Druckkunst in der Leipziger Nonnenstraße übergingen, wurde anderes ganz aussortiert, darunter auch die alte Handsetzerei von Typoart, die jetzt in der 101. Oberschule ihr Zuhause gefunden hat.
Von Bertil Kalex, Gerd Gottwald, Nadine Kadic
In eigener Sache:
Gefällt dir unsere Arbeit? Um weiterhin Wissenswertes, Hintergründe und Geschichten aus der Johannstadt berichten zu können, bitten wir dich um eine Spende. Jetzt direkt spenden: Online-Spende.
Hast du Lust Teil der Stadtteilredaktion Johannstadt zu werden und über dein Stadtviertel zu schreiben, Beiträge zu lektorieren oder uns organisatorisch zu unterstützen? Dann melde dich unter redaktion@johannstadt.de.
Immer auf dem aktuellen Stand sein. Abonniere unseren WhatsApp-Kanal! Besuche uns auf Instagram und Facebook!