Digital ist nicht genug. Offline in der Johannstadt

eingestellt am 20.11.2025 von Nadine Kadic (Stadtteilredaktion), Headerbild: Seifenblase auf dem Bönischplatzfest 2025 | Foto: Victor Smolinski

Dieser Artikel ist als Leitartikel in der Zeile 8 erschienen.

Die Johannstadt ist vernetzt. Auf dem Smartphone, auf Social Media, im Online Magazin. Auf johannstadt.de gibt es Neuigkeiten, Veranstaltungen, Tipps, wichtige Hinweise und viele Stadtteilgeschichten zum Schmunzeln oder Nachdenken. Der neue Bildschirm im Fenster des Stadtteilladens in der Pfotenhauerstraße 66 bringt Informationen mitten in den öffentlichen Raum. Er ist ein Symbol dafür, wie sich digitale Technik und städtisches Leben verbinden lassen. Niedrigschwellig und für alle sichtbar. 

Doch bei aller Nützlichkeit: Das Digitale bleibt ein Ersatz. Kein Bildschirm, kein Klick, kein Like bei Facebook ersetzt das, was Nachbarschaft wirklich ausmacht: echtes Miteinander. Begegnung. Gespräch. Vertraute Gesichter. Ein Gruß auf dem Fetscherplatz, ein kurzer Plausch in der Schlange vor der Eis-Diele, ein Lächeln beim Warten auf den Bus. Das sind die unscheinbaren, aber entscheidenden Dinge, die unseren Stadtteil zusammenhalten. 

Digital ist nicht genug. 

Offline ist kein Rückschritt, sondern eine Einladung. Offline sein in der Johannstadt bedeutet, präsent zu sein, nicht nur virtuell, sondern körperlich. Es bedeutet, sich berühren zu lassen vom Duft einer frisch gebackenen Pizza beim Dienstagstreff oder der herzlichen Begrüßung bei Aslan. Die digitale Welt kann informieren und kann verbinden, aber sie kann keine Gemeinschaft schaffen. 

Das wird besonders deutlich bei Festen wie dem Bönischplatzfest, wo aus Nachbarschaft Nähe wird. Wo wir nicht nur im gleichen Stadtteil wohnen, sondern gemeinsam feiern, lachen und tanzen. Solche Ereignisse sind die Ausrufezeichen im städtischen Alltag, doch sie brauchen einen Alltag, der das Miteinander auch trägt. Und eben dieser Alltag spielt sich nicht auf Bildschirmen ab, sondern auf Gehwegen, in Läden, auf Märkten und in der Gastronomie. 

Bei unserer ZEILE-Umfrage auf dem Bönischplatzfest haben wir die Menschen aus dem Stadtteil nach ihren Lieblingshändlern gefragt. Gewinner war das Aslan Kebab- und Grillhaus mit 24 Stimmen. Darüber hinaus haben die meisten Stimmen erhalten: der Eisenwarenladen Johannstadt, die Pizzeria Fantina, der Fährgarten Johannstadt, das Zaza Döner Haus, das Café Kardamom, die Buchhandlung Hupbach, Johann*s Eisfenster und die Schuhmacherwerkstatt Weigel. Für uns war das der Auftrag nachzuforschen, was es ist, dass diese Geschäfte so beliebt macht.  

Der Charme der kleinen Läden  

Die Johannstadt ist ein Stadtteil, in dem es möglich ist, viele Dinge lokal einzukaufen, wenn man die Augen offen hält. Es gibt sie noch, diese besonderen Läden, in denen nicht nur gekauft, sondern auch gestöbert, gesprochen, gelauscht und beraten wird. Orte wie die Buchhandlung Hupbach in der Nicolaistraße 28 oder die Schuhmacherwerkstatt Weigel in der Fetscherstraße 39. Hier ist man nicht anonym. Hier kennt man sich, weil die Geschäfte schon lange einen festen Platz in der Johannstadt und in unserem Leben haben. 

Auf dem Weg zum Einkauf trifft man Nachbarinnen und Nachbarn. Es gibt ein „Wie geht’s?“, eine spontane Verabredung für den Nachmittag, vielleicht auf ein Baklava im Café Kardamom oder auf zwei Kugeln Eis am Eisfenster. Es sind diese kleinen Begegnungen, aus denen Gemeinschaft entsteht. Die Johannstadt hat viele dieser Orte, aber sie sind nicht selbstverständlich. 

Beim Schreiben dieser Ausgabe ist uns schmerzlich bewusst geworden, wie sehr sich die Ladenlandschaft wandelt. Die Buchhandlung Johannstadt auf der Pfotenhauerstraße 57 hat im Januar geschlossen. „Johann*s Eisfenster“ war über den Sommer verschwunden, kehrte aber zur Freude aller Anfang August zurück. Selbst traditionsreiche Orte wie die Schuhmacherwerkstatt Weigel stehen vor einem Generationenwechsel. Ob sich jemand findet, der das Geschäft weiterführen wird, ist ungewiss. Auch die Brettspielhelden, die bisher in der JohannStadthalle ansässig waren, haben ein neues Zuhause gesucht und dieses im Kultur- und Nachbarschaftszentrum Dresden-Striesen in der Schandauer Straße 64 gefunden. Zum Glück nicht weit von der Johannstadt entfernt, aber leider doch nicht mehr im Herzen unseres Viertels. 

Diese Verluste sind nicht nur wirtschaftliche Einschnitte. Für uns als Menschen, die in der Johannstadt leben, sind sie vor allem auch soziale Einschnitte. Denn mit jedem Laden, der verschwindet, verschwindet auch ein Stück Alltag und ein Stück Identität der Johannstadt. 

Der Stadtteil lebt, wenn wir ihn leben. 

Die Johannstadt ist ein Stadtteil im Wandel und das war sie immer. Viele denken nostalgisch an gar nicht mal so weit zurückliegende Zeiten, als noch Doris Schuch mit ihrem Gemüseauto neben Konsum verkaufte oder als man bei Siegrid und Bernd Sauer noch Zeitschriften kaufen oder sich für ein Passbild fotografieren lassen konnte. Andere werfen den Blick noch weiter zurück auf die Blumensäle, die bis 1945 eines der elegantesten Restaurants der Johannstadt waren, bis 1945 alles in Schutt und Asche verschwand. Oder sie haben die Schokoladenfabrik im Sinn. Damals muss es einmalig gewesen sein, in der Johannstadt zu leben! Stelen im Stadtteil erinnern an diese Geschichten der Johannstadt und auch in der ZEILE finden Rückblicke in die Johannstädter Vergangenheit ihren Platz. 

Heute steht das Stadtteilleben unter neuen Vorzeichen, auch wenn es für die Inhaber nicht immer einfach ist, einen kleinen Laden zu führen. Das haben wir in den verschiedenen Gesprächen immer wieder gehört. Aber die Johannstädter sind kreativ: Im Café Kardamom zum Beispiel befindet sich auch ein Paketshop. Hier können Menschen ihre Pakete abholen und bei dieser Gelegenheit gleich noch einige „Vogelnester“ kaufen, wie ein beliebtes Gebäck heißt. Schumacher Weigel betreibt einen Schlüsselservice als kleines Randgeschäft. Der Fährgarten setzt auf liebevolle Dekorationen zu Weihnachten und Ostern, die Menschen selbst von der Ferne aus gut sehen können und die ein beliebter Fotospot sind. Die Bibliothek in der Johannstadt wiederum bietet ein sogenanntes Open Library-Modell, das heißt, dass die Bibliothek auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten besucht werden kann, dann allerdings ohne Personal. 

Eine Johannstadt zum Wohlfühlen lebt von ihren verschiedenen Orten und Geschäften, aber auch von uns allen. Wer heute in der Johannstadt lebt, ist nicht nur Konsument, sondern auch Mitgestalter. Jede Kaufentscheidung ist ein Statement, denn wer nicht bei Amazon, sondern hier im Stadtteil einkauft, stärkt das Miteinander. Wer online bestellt, spart Zeit, verliert aber die Chance auf Begegnung. Norbert Hupbach, Inhaber der Buchhandlung Hupbach, bringt es in einem Gespräch mit unserer Redakteurin auf den Punkt: Wer möchte, dass es die Geschäfte im Viertel weiterhin gibt, muss sie nutzen. Das bedeutet: Nicht nur klicken, sondern hingehen. Nicht nur scrollen, sondern vor Ort stöbern. Nicht nur posten, sondern mit echten Menschen plaudern. 

Wie können wir die Johannstadt gestalten? 

Um die Gespräche in der Johannstadt zu fördern, gibt es viele Angebote und Treffpunkte. Eins davon ist das „Palaver“ im Palaverhaus am Sachsenplatz, das viermal im Jahr stattfindet. In diesem Forum wollen wir genau darüber sprechen: Wie können wir die Johannstadt als lebendigen, menschlichen, analogen Ort erhalten? Wie können wir gestalten, was uns verbindet? Die Antwort liegt in unserem Alltag, in den Entscheidungen, die wir täglich treffen.  

Eigentlich wissen wir längst, dass uns das echte Leben besser tut als das Scrollen im Netz. Ein Spaziergang zum Bücherschrank hebt die Laune mehr als jede Kommentarspalte auf Facebook. In der Schlange vor der Bäckerei Siemank auf seine Brötchen zu warten, macht glücklicher als unendlich viele YouTube-Videos, weil auch andere Menschen in der Schlange warten und weil man sich über jedes bekannte Gesicht freut, das halb verschlafen um die Ecke kommt. Es lohnt sich, die Vereinzelungsgeräte namens Handy aus der Hand zu legen und mehr auf die Mitmenschen zu schauen. 

Erinnert ihr euch noch an den Moment, als ihr zum ersten Mal Brombeeren an der Lili-Elbe-Straße gepflückt habt und die Frau vorbeikam, die sagte: „Ganz schön mühsam, oder?“ Ihr habt geantwortet: „Ja, aber auch sehr lecker.“ Und sie hat genickt und gelächelt. Ein kleiner Moment mit einer fremden Frau, die ein paar Schritte weiter stehen blieb, um selbst Brombeeren zu naschen. Oder erinnert ihr euch an den Tag, als ihr nur kurz zur Elbe wolltet und plötzlich einem alten Bekannten begegnet seid? Aus einem flüchtigen Gruß wurden zwei Stunden voller „Weißt du noch“- und „Kennst du eigentlich“-Geschichten. 

Draußen in der Johannstadt, im echten Leben, wartet das Unerwartete und Schöne. Verpasst nicht all die kleinen Begegnungen im Stadtteil. Legt das Smartphone zur Seite. Seid wieder da. Wirklich da. 

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