Dieser Artikel ist in der Zeile 8 erschienen. Autorin: Franziska Hanig.
Am Fetscherplatz gleich neben dem roten Briefkasten ist die gestreifte Markise ausgerollt. An diesem Mittwochvormittag bietet sie Passanten Schutz vor dem einsetzenden Regen. Gedrängt neben Postkartenständern und Rätselblöcken warten sie den kleinen Schauer ab. Der Schein einer Messinglampe zieht ins Ladeninnere.
Vorbei an Bücherinseln und dunklen Holzregalen betritt man die Buchhandlung Hupbach, den letzten inhabergeführten Buchladen der Dresdener Johannstadt.
Bis er diesen Laden 2009 am belebten Platz eröffnete, ist Norbert Hupbach verschlungene Pfade gegangen. Wie viele seiner Art resümiert er knapp.
Der Mittfünfziger, freundliches Gesicht, dezente Brille, Sportschuhe und T-Shirt, wählt seine Worte mit Bedacht und antwortet dann lachend. Ein paar Fächer studiert habe er, darunter auch Geschichte und Psychologie, Armeezeit, Praktika. Er erlebte Brüche, die für viele mit der politischen Wende einhergingen. Sogar eine Arbeit als Straßenbahnfahrer nahm er an, passende Stellen waren rar. Schließlich besann er sich auf gute Erfahrungen, ein paar Semester Buchhandel und versuchte sich mit einer Krimibuchhandlung in der Dresdener Neustadt. Aber eigentlich sei das bunte Viertel schon ausreichend mit Bücherquellen gesegnet gewesen.
Lob für den Fetscherplatz
So sah sich Norbert Hupbach nach einem neuen lohnenswerten Ort um und entschied sich für den Fetscherplatz. Ganz schnell hat das gehen müssen, obwohl der ehemalige Blumenladen dunkel und wenig einladend wirkte. Bald darauf begann das Abenteuer. Eine Buchhandlung unter eigenem Namen, die er heute mit einer jungen Kollegin führt.
Über den Standort findet Herr Hupbach lobende Worte: Ein funktionierender Stadtplatz, an dem Wohnen, Leben und Arbeiten zusammengehe, das sei der Fetscherplatz. Nicht zu vergessen die zentrale Umsteigehaltestelle. Seit Jahren finden viele treue Kunden den Weg zu ihm und tragen ein Konzept, welches individuelle Auswahl und persönliche Gespräche ermöglicht. Für ihn liege der Fetscherplatz nicht am südlichen Ende der Johannstadt, sondern genau in der Mitte zwischen zwei Stadtvierteln, eigentlich ideal.
Kind der Johannstadt
An seine alte Heimat auf der Pfotenhauer Straße erinnert der Büchermensch in atmosphärischen Bildern. Bei dem alten Betonwerk habe er mit seinen Freunden gespielt. Niemand schaute so genau hin, wenn sie auch am Wochenende dort herumstromerten. Und erst die alten Gründerzeit-Häuser im Viertel – das sei schon eine andere Welt gewesen. Über den Geruch der Kohlenkeller kommt er fast ein bisschen ins Schwärmen. Als Timurtrupp holten die Kinder alten Leuten die Kohlen nach oben. Mutproben haben natürlich auch dazugehört. Die Elbe aus Kindheitstagen hat schon anders gerochen als heute, gestört hat das nicht bei ihren Schwimmwettbewerben. Klar sei das gefährlich gewesen, gibt er lachend zu. Zur Schule dann ging es auf die andere Elbseite, in die Neustadt. Studienjahre in Leipzig und Dresden schlossen sich an.
Perlen herausfischen
In seinem heutigen Beruf kommt Norbert Hupbach auf etwa zwei Stunden lesen täglich. Mehr wäre schön, fügt er klaglos an. Im Büro des Hinterzimmers stapelt sich ein guter Meter von Katalogen mit Neuerscheinungen. Ein paar Perlen nennt er ohne Zögern in den beiden Sparten Kinder- und Jugendbuch und in der Belletristik – neben Sachbüchern, die tragenden Säulen seines Geschäftes.
Behutsam blättert er in den Seiten einer Neuausgabe des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Die poetischen Illustrationen von Anna Silivonchik haben es ihm angetan. Aber auch den Roman Permafrost von Viktor Remizov kann er den Lesenden ans Herz legen. Ein Epochenroman sei das, dem die Geschichte vom Bau der „Großen Stalinbahn“ in Sibirien zugrunde liege. Über den 1264-Seiten-mächtigen Buchrücken fährt er wie selbstverständlich mit dem Daumen.
Zeit ist eine knappe Ressource, aber nicht die einzige. Es sei momentan nicht einfach, bestätigt er. Die wirtschaftliche Lage sei einfach total angespannt und die Leute hielten das Geld mehr zusammen, das merke man. Aber jammern möchte er nicht.
Buchhandel als Vorreiter
Beim Sinnieren über Veränderungen, die wir heute mit dem Onlineversandhandel erleben, winkt er allerdings ab. Für den Buchhandel sei das ein alter Hut. Schon 1912 habe man in Leipzig einen Extrawaggon an den Zug gekoppelt, um Büchersendungen nach Dresden zu liefern. Das mit den großen Warenlagern komme aus jener Zeit. Heute sind es drei Lager, auf die man als Buchhändler zurückgreifen könne. Die schiere Masse an Lesbarem könne kein Händler im Laden bereithalten.
Sein Großhändler Libri lasse nachts die Bestellungen von Bad Hersfeld in Hessen losrollen. Am Morgen, wenn Norbert Hupbach seinen Laden aufschließt, stehen die grauen Transportboxen dann schon bereit. Trotzdem ist ihm eine Feststellung wichtig: Bücher könne man überall kaufen, darum sei es äußerst wichtig, wo die Kunden kaufen und bestellen. Sein Geschäft ist in der Johannstadt verankert, man kenne seine Kunden, lebe und arbeite hier, zahle Steuern in Dresden. Dazu kommt die Unterstützung der 102. Grundschule Johanna beim Aufbau Ihrer Schulbibliothek.
Norbert Hupbach ist überzeugt, das Bewusstsein für die Tragweite eigener Entscheidungen beim Bestellen und Kaufen wachse bei den Menschen. Die direkte Begegnung mit seinen Kunden liegt ihm am Herzen. Mit einem festen Händedruck verabschiedet er sich. Für die Johannstadt wünscht sich Herr Hupbach eine gute Entwicklung, dass auch Familien und junge Leute hier ein Zuhause finden. Seine eigene Arbeit schätzt er positiv ein. „Ich entdecke gerne neue Geschichten und mag es, die dann weiterzuempfehlen. Ich mache es nach wie vor gerne, natürlich!“
Empfehlungen:
- Der kleine Prinz, Text Antoine de Saint-Exupéry, Illustration Anna Silivonchik, Edition Bracklo 2025 EVOLUTION.
- Von der Entstehung des Lebens bis heute, Sarah Darwin, Eva Maria Sadowski, Arena Verlag 2025
- Permafrost, Viktor Remizov, Europaverlag 2025
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